WUNDT.
251
Wesenheit hingestellt ist, tritt uns dieser Fall in einerandern Gruppe religiöser Ansichten entgegen, dem Glaubenan Geister und Gespenster. Er herrscht in dem weitenGebiete zwischen dem Ural und dem japanischen Meere,zwischen dem Himalaya und dem Eismeere. Der Schama-nismus der Ostjaken, Samojeden, Jakuten u. s. w., ist nureine besondere Form von ihm, die man mit Recht dieReligion der Steppen genannt hat. Denn ziellos schweiftdas Auge über die sandigen, dürren, wasserloseu EbenenHochasiens. Mit dem Gebrüll des Sturmes mischt sichdas Geheul der Wölfe und Tiger, und der Mensch, vonHunger und Durst geplagt, vom Fiber erregt, bevölkertdiese Einöden mit phantastischen Traumbildern, welcheaus seiner krankhaften Einbildung entspringeni).
Diese schnelle Uebersicht der Thatsachen zeigt uns,dass das religiöse Gefühl, welchem notliwendig einigeErkenntniss zu Grunde liegen muss, sich bald auf diePhantasie, bald auf den Verstand stützt. Daher rührtes, dass die Vorstellung eines höchsten Gottes auch derniedrigsten Stufe des Gottesdienstes nicht zu fehlenpflegt; dass der Eingeborene Amerikas vom grossen Geisteredet, der Neger vom grossen Freunde, der Polynesiervon einem Schöpfer der Erde u. s. w. Umgekehrt hatIndien seine Dreieinigkeit, das Christenthum seine Heiligen,welche Halbgötter sind; bei den Juden ist Jeliovali dernationale Gott, der indess fremde Götter nicht ausschliesst,und dem später die Phantasie der Rabbiner noch Engelmit verschiedenen Attributen beigesellte. So verschwindetin den Religionen bald ein Gott vor den Göttern, baldverschwinden umgekehrt die Götter vor einem Gott, je
b Wir müssen den Leser bitten, alle weiteren Einzelheiten inden Vorlesungen 43 bis 48 nachzulesen.