Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
250
Einzelbild herunterladen
 

260

DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.

bilde, auch wo ein klares Bewusstsein seiner bloss sym-bolischen Bedeutung vorhanden blieb, docli immerzugleich etwas von dem Gotte gesehen, und immer findetman ein gewisses Schwanken zwischen der Betrachtungdes Bildes als Wirklichkeit und als Symbol. Bei denGriechen knüpfte sich an jedes Ballasbild, an jede Apollo-statue ein besonderer Cultus; der Zeus von Olympia undder von Kreta waren derselbe Gott und doch wieder ver-schiedene Götter. Auch der Erlöser und die Heiligenhaben in jeder Capelle ihre eigenthiimlichen Wunder-kräfte; die Jungfrau Maria trägt von hunderten ihrerWallfahrtsorte ihren besondern Namen, ja jedes Kreuz,jedes Muttergottesbild am Wege beansprucht seinen be-sondern Cultus.

An den Fetischismus scliliesst sich der Thiercultus,wie er im alten Aegypten bestanden hat, und wie er jetztnoch bei den Negern in Blütlie steht. Die Entstehungdieser Religionsform lässt sich vielleicht daraus erklären,dass der Naturmensch stets das Wunderbare und dasGöttliche mit einander vermengt. Nicht bloss im Blitz,im Donner, in den Fluthen der Ueberschwemmung, sondernauch im Rauschen des Blattes, im Rieseln des Quellsvernimmt er die Stimmen eines übernatürlichen Wesens.Er liebt es, den Thieren eine höhere Intelligenz zuzu-schreiben als dem Menschen, wie denn der Bornunegervon der Zeit spricht, da der Mensch die Sprache derThiere verstand. Auch der für uns schon so gelieimniss-volle Instinct der Thiere ist für den Wilden noch vielwunderbarer, denn er kann in ihm nur die Offenbarungeiner im Thiere wohnenden göttlichen Natur sehen.

Während im Fetischismus die übernatürliche Macht,welche den Gegenstand des Cultus ausmacht, noch nichtvon den Erscheinungen getrennt und als besondere

«