138 DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.
Hälften der Netzhäute erhaltenen Eindrücke werdenjenseits dieser Kernfläche gesehen, die auf den innerenHälften diesseits. Da die Gesammtempfindung aus derbinocularen Verschmelzung der beiden Eindrücke her-vorgeht, so hat sie den mittleren Werth der Länge-,Breite- und Tiefegefühle.
Ilering’s Theorie hat den Vorzug, logisch zu sein.Die Wahrnehmung der dritten Dimension ist, ebenso wiedie der beiden anderen, von angeborenen Fähigkeitender Netzhaut abgeleitet; Hering lässt der Erfahrunggerade nur den Theil, den keine intuitive Hypothese ihrweigern kann; er geht selbst so weit, dass er den Ein-fluss der Muskelgefühle vollständig leugnet.
Stumpf schliesst sich in den allgemeinen Zügenseiner Auffassung dem Nativismus an. Er ist übrigensnicht Physiologe; sein Hauptzweck ist, die verschiedenenLösungen auf ihren psychologischen Werth hin zu unter-suchen und ihre starken und schwachen Seiten zu zeigen.Nach ihm beruht die Baumvorstellung in ihren Elemen-ten auf der directen Empfindung, in ihrer Entwickelungauf der Association. Er sucht nachzuweisen, dass Aus-dehnung und Quantität (d. h. Licht, Fai’be) untrennbarsind und folglich mit der ersten Empfindung von Lichtoder Farbe die erste Vorstellung vom zweidimensionalenRaume gegeben ist. Diese ist also intuitiv, wenn sieauch in den äusseren Reizen ihre Gelegenheitsursachefindet 1 ). In Bezug auf di'e dritte Dimension schliesstStumpf für das Gesicht in derselben Weise wie für denTastsinn. Der sichtbare Raum ist als Fläche unmittel-bar gegeben. Nun ist jede Fläche eben oder gekrümmt:
b Ueberhorst (Die Entstehung der Gesiclitswahrnehmung,Göttingen 1876) hat sehr treffend nachgewiesen, dass die Farbe-empfindung ursprünglich keine räumliche Bestimmung hat.