DIB ENTSTEHUNG DER RAUMANSCHAUUNG. 121
diesen Mangel keinen vollständigen Ersatz geboten. Be-lehrender ist dagegen die Untersuchung der operirtenBlindgeborenen gewesen 1 ), welche, von einigen wider-sprechenden Einzelheiten abgesehen, ergeben hat, dassdie Daten des tastbaren Baumes nicht dieselben sind,wie die des sichtbaren, da der Operirte weder die Formnoch die Entfernung der Gegenstände kennt 2 ).
Es ist also klar, dass der Tastsinn in einer ihmeigenthümlichen Weise den Raum wahrnimmt. Man kannnun noch einen Schritt weiter thun und die eigentlichenTastempfindungen von den Temperaturempfindungen undden schmerzhaften und angenehmen Empfindungen tren-nen. Es hat sich nachweisen lassen, dass Kranke, welchedie leiseste Berührung, eines Hauches, einer Feder ver-spüren, weder Stiche noch Schnitte in ihre Haut empfin-den. Andere sind zwar gegen Schmerz sehr empfindlich,können ihn aber nicht localisiren. Wenn man sie in dasBein kneipt, so verlegen sie den Schmerz in die Hüfteund selbst in das Bein der andern Seite. Ebenso kannjede Temperaturempfindung völlig fehlen, während diebeiden anderen Arten von Empfindungen erhalten sind.Wir betrachten also den Tastsinn als einen zusammen-gesetzten Sinn oder vielmehr als eine Vereinigung meh-rerer Sinne, von denen der eine, welcher hier in Betrachtkommt, die eigentlichen Tastempfindungen vermittelt,und wollen jetzt versuchen, die Bedeutung der Bewe-gungen für das Zustandekommen der Tastempfindun-gen darzulegen.
b Man kennt seit Clieselden (1728) kaum ein Dutzend Fälle,von denen etwa die Hälfte auf Erwachsene kommt.
2 ) Bekanntlich haben schon Locke, Molyneux und Jurinbehauptet, ein Blindgeborener, welcher seine Sehkraft erlangte,würde einen Würfel nicht von einer Kugel unterscheiden können.