Druckschrift 
Gehör und Sprache : Vortrag, gehalten zum Besten des Privatinstituts für den Unterricht Taubstummer Kinder zu Königsberg i. Pr.
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

des Höruerven, der sich vielfach zertheilt an alle diese Bildungenanschmiegt.

Nach der Theorie, die Helmholtz ausgestellt hat, soll dieserOrganismus nun in der Art wirken, daß die Hörsteinchen vonstoßförmigen Schallwellen erschüttert werden, wie sie etwa beiKnall und Explosionen entstehen, die Härchen aber sollen für schnellvorübergehende Eindrücke bestimmt sein, weil ihre äußerst zartenFormen nicht lange in Schwingung verharren können, während jeneeigenthümlichen Cortischen Organe, deren Zahl etwa 3000 ist,nach seiner Anschauung wie die Tasten einer unendlich feinenKlaviatur ein jeder für einen besonderen Ton abgestimmt seinsollen und uns von jedwedem Vorgang in der äußeren Tonweltdirekte Kunde zuführen. Gesetzt, wir könnten diese gewiß geist-reiche Theorie, deren leise Andeutung übrigens schon in älterenSchriften von Börhave, Valsalva u. a. sich findet, gesetzt, wirkönnten sie praktisch erweisen, was bisher aber nicht der Fall ist, sowürde doch noch weiter die Frage entstehen, ob auch im Hirnnoch für jede Tonstufe eine Theilung des Nerven sich findet,oder ob nur ein einziges, ungetheiltes Nervenelemeut das letzteOrgan der Seelenthätigkeit darstellt. Der anatomischen For-schung sind da gewiß noch weitere Entdeckungen Vorbehalten,nimmermehr aber wird das Secirmesser die Grenze zwischen demGehör- und Denkorgane erweisen können. Unübersteiglich istdie Kluft, welche den Menschen auch hier von der Erkenntnißder Seelenwerkstatt trennt, und wie du Bois-Reymond in seinerberühmten Rede über die Grenzen des Naturerkenneus darthut,für alle Ewigkeit auch trennen wird.

Je schwieriger es demnach zu entscheiden ist, wo die Thätig-keit des Organes selbst ihre Grenze hat, um so mehr wird manin jedem einzelnen Falle die Hörprüfung so einzurichten haben,daß man durch die stets wirksame Seelenthätigkeit nicht getäuscht

( 640 )