Druckschrift 
Die Nibelungensage
Entstehung
Seite
15
Einzelbild herunterladen
 

15

sich aus dem entsetzlichen Gewühl des Todfeinds finstere Hel-dengestalt. Endlich bringt Dietrich von Bern ihn und Güntherals die letzten Lebenden gefangen vor sie. Wollt Ihr mir wie-dergeben, sagt sie zu Hagen, was Ihr mir genommen habt, sokönnt Ihr noch lebend heim zu den Burgunder: kommen. Erentgegnet, er habe geschworen, den Ort, wo der Schatz liege,Niemand zu verrathen, so lange einer seiner Herren lebe. Daläßt sie ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trägt es anden Haaren vor Hagen. Der aber spricht: Den Schatz weißnun Niemand als Gott und ich allein; er soll dir Teufelin aufimmer wohl verhohlen sein. Wüthend reißt sie SiegfriedsSchwert, das Hagen seitdem getragen, aus der Scheide undschlägt ihm das Haupt ab. Aber Dietrichs Waffenmeister, deralte Hildebrand, empört, daß der kühnste Held, der je im Sturmegestanden, wehrlos von eines Weibes Händen sterben soll, springtauf die Rasende los und haut sie nieder.

Auffallen muß, daß in Kriemhilds Seele der Grimm umden geraubten Hort dem Schmerz um den gemordeten Manndie Wage zu halten scheint. Man hat die feinsten psychologi-schen, gemüthspathologischen Beobachtungen beigezogen, um diesesden vollen tragischen Eindruck störende Motiv zu erklären. Alleinoffenbar haben wir es hier mit einem Ueberreste aus einer frü-heren Epoche der Sage zu thun, wo der Hort überhaupt einegrößere Rolle spielte.

Leider fehlen uns in Deutschland alle geschichtlichen Hilfs-mittel, um die Entwicklung der Sage zu belauschen. Was demNibelungenlied vorangieng, liegt in undurchdringlichem Dunkel.Zum Glück aber ist die deutsche Sage in einem früheren Sta-dium in den Norden eingewandert und dort vor der in Deutsch-land erfolgenden Umwandlung bewahrt geblieben. Daher sangman um dieselbe Zeit, da in Deutschland das Nibelungenlied zum

(SSS)