Druckschrift 
Die Nibelungensage
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

Freund. Was braucht es da der Verstellung? Ueberdies istSiegfried auf Island kein Fremder; er weiß die Wasserstraßendahin, ist mit den dortigen Bräuchen vertraut; er kennt Brunhildund wird auch selber gleich erkannt. So wird man wohl auchwissen, daß er ein Königssohn und kein Dienstmann Günthersist. Soviel ist klar, daß die Erzählung von Siegfrieds Vorge-schichte im Nibelungenlied eine Lücke hat, da uns die Beziehun-gen des Helden zu Island und seiner streitbaren Königin dunkelbleiben.

Brunhild ließ in Eile die Kampfspiele rüsten; sie legte überdas seidene Waffenhemd den goldgeflochtenen Panzer. VierMänner trugen mühsam ihren schweren Goldschild herbei, dreischleppten sich mit ihrem ungefügen, furchtbaren Wurfsper. Ingrimmigem Staunen schauten dem die fremden Helden zu.Hätten wir nur unsere Waffen, sprach Hagen, so wollten wirungefangen dieses Land räumen. Da blickte die Jungfrau lä-chelnd über die Achsel und befahl, den Helden ihre Waffen zu-rückzugeben. Inzwischen keuchten zwölf Männer mit dem Feld-stein herbei, den Brunhild zu werfen pflegte. Weh, sprach derunmuthige Hagen, was hat der König für ein Liebchen! Siewäre eine Braut für den Teufel in der Hölle. Auch Gün-ther schaute sorgenvoll darein; da fühlte er sich bei der Handgefaßt und drehte sich um, sah aber Niemand. Es war Sieg-fried, der sich mittlerweile im Schiff seine Tarnkappe geholthatte und nun unsichtbar an seiner Seite stand. Gieb mir denSchild, raunte er dem König zu, habe du die Gebärden, dieWerke will ich thun. Da wand Brunhild an ihren weißenArmen die Ermel auf uvd schleuderte ihren Sper gegen denSchild, den Siegfried in der Hand hielt. Das Feuer stob ausden zerschmetterten Schildspangen; die starken Männer strauchel-ten alle Beide, und von dem furchtbaren Anprall brach Sieg-

( 678 )