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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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sie nur einem sehr vielseitigen und warm und selbständig empfindendenund denkenden Kunst- und Literaturkenner zu Gebote stehen, als an denfeinsten und seclenvollsten Einblicken in die Geheimnisse und Bedingungendes schöpferischen Künstlergcistes, wie sie niemals der abgezogene Schul-philosoph, sondern nur derjenige haben kann, der ein Stück lebendigerKünstlernatur in sich selbst trügt. Wie tief und feinsinnig sind, um nurEiniges namentlich hcrvorzuheben, die Schilderungen der dichterischen Ge-staltenmalcrei, die Betrachtungen über Homer und Ariost, wie innig undumfassend die Gesammtbeurtheilung Gocthe's in seiner reinen und schönenMenschlichkeit, in seinem Vcrhältniß znm Altcrthnm und zu anderenneueren Dichtern, in seiner Deutschheit und in jener tiefinnigcn Ver-wandtschaft mit Rafael, welche sich Jedem aufdrängt, der das Glück hat,beide Genieen in ihrer innersten Eigcnthümlichkeit zu kennen! Es giebttüchtige und mit Recht anerkannte Knnstgclchrte, wie vor Allen Gewi-nns, welche die theoretische Unterlage ihrer kunst- und literaturgcschichtlichenBetrachtungsweise einzig und ausschließlich aus Schillcr's Abhandlungüber naive und sentimentale Dichtkunst und ans dem vorliegenden BuchWilhelm von Humboldt's über Goethe's Hermann und Dorothea geschöpfthaben; und ich bin durchaus nicht gemeint, mit der Erwähnung dieserunleugbaren Thatsachc gegen jene Gelehrte einen Tadel auszusprechen,obwohl derjenige, der von der Poesie zur bildenden Kunst übergeht, odersich in Wesen, Aufbau und Gliederung des Dramas hineinleben will,allerdings auch nach anderen Führern wird ansschauen müssen. Es möchtenur sehr Weniges sein, was man jetzt veraltet zu nennen befugt wäre.Um so mehr ist eine empfindliche Lücke zu bedauern, welche die eigensteAufgabe Humboldt's beeinträchtigt. Humboldt war ein genauer FreundFriedrich August Wolfs. Er hatte dessen Untersuchungen über Homermit der lebhaftesten Theilnahme verfolgt. Wie war es möglich, daß erden tiefgreifenden Unterschied zwischen Volkscpos und Knnstepos nirgendsauch nur mit dem leisesten Fingerzeig berührte?

Und auch für die wissenschaftliche Behandlung der Aesthetik selbstliegt in diesem Buch eine sehr bedeutsame Wendung.