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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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Als Humboldt die Abhandlung Schiller's über naive und sentimentaleDichtung erhielt, rügte er in seinem Antwortschreiben (Briefwechsel S. 366),daß Schiller diese beiden Dichtformcn nur als gegebene Thatsachen ausge-nommen, nicht aber ans ihrem höheren Begriff, d. h. ans ihrem gemein-samen Urquell abgeleitet habe. Humboldt suchte das bei Schiller Vermißteselbständig zu ergänzen. Es ist durchaus im Sinne und nach dem Vor-gänge Kant's, wenn Humboldt die menschliche Einbildungskraft als diese ein-heitliche Grnndkraft aller schöpferischen Knnstthätigkcit hinstellt; aber es istHnmboldt's eigene That und sein ziclzcigcndcs Verdienst, daß er es unternahm,mit dieser Bestimmung auch in der Anwendung ans das Einzelne vollstenErnst zu machen und in dem Wesen der Einbildungskraft das Wesen allerKunst, ihrer einzelnen Formen und ihrer geschichtlichen Erscheinungen auf-znzeigen. Humboldt wußte, daß es darauf ankommc, die Kantische Kritikder Urteilskraft zu einer Kritik der Einbildungskraft nmzugestaltcn; erist der Erste gewesen, welcher, um in heutiger Sprechweise zu sprechen, dieAesthetik wesentlich als Physiologie der Phantasie faßte. Aber allerdingsreichte Hnmboldt's Kraft noch nicht anS, diese gewichtige Forderung inihrer ganzen Tragweite zu übersehen und zu erfüllen. Seine begrifflichen Ab-leitungen sind stumpf und unbeholfen, seine geschichtlichen haften einseitig undnngeschichtlich an dem von Schiller überkommenen Maßstabe des Naivenund Sentimentalen. Humboldt hat später in seinen sprachwissenschaftlichenUntersuchungen gezeigt, wie mächtig er cs verstand, die Physiologie desmenschlichen Sprachvermögens bis in ihre feinsten Folgerungen hinein zuverfolgen; die Aesthetik ist jedoch erster Versuch und unvollendetes Bruchstückgeblieben. Daher war der Einfluß Hnmboldt's auf die Fortbildung derAesthetikkein nachhaltiger und ist sogar mehr als billig verdrängt worden. Schelling,Solger und Hegel brachten die sogenannte Metaphysik des Schönen und ge-wannen die Uebermacht. Die Achillesferse dieserspcculativen" Aesthetik derSchelling-Hcgelschen Schule ist, daß sic den psychologischen Ursprung derKunst nicht erklärt. Sie setzt die Nothwendigkcit der Knnstschönheit in die Un-zulänglichkeit der Naturschönhcit und in den Drang, diese zu überwinden.Wer aber löst auf dieser Grundlage das Rüthsel, daß sich schon bei den un-