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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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Künsten, steht zn seinem äußeren Anlaß, der Vergleichung der Laokoons-gruppe mit den dichterischen Darstellungen desselben Motivs, in der eng-sten und unabweislichsten Verbindung. Wer aber, um einem einzelnen,auch noch so vortrefflichen Gedicht die gebührende Stellung anzuweisen,unverdrossen die gesammte Kunstlehre vorträgt, zersplittert die Aufmerk-samkeit sowohl für das Einzelne wie für das Allgemeine. Ja, es kannnicht fehlen, daß er vor lauter Gründlichkeit zuweilen breit und lang-weilig wird. Diese Gewaltsamkeit der Komposition wird hier um so nach-theiliger, da Wilhelm von Humboldt's Stil ohnehin trocken und phantasie-los, ohne Wärme und Bildlichkeit ist. Die Wirkung war daher von An-fang an keine durchschlagende. Für die Beurtheilung von Goethc's Her-mann und Dorothea lief August Wilhelm von Schlegcl's bekannte Re-cension, für die allgemeine Kunstlchre Schelling und seine Schule demBuche Humboldt's den Rang ab.

Aber wer wird verstimmt Uber die spröde Schale rechten, wenn derGehalt so bedeutend und keimkrüftig ist?

Es ist, als könnten wir jener sokratischen Unterhaltung lauschen,welche einst in schönen Winterabenden unsere edelsten Geister vereinigthatte. Es ist wahrlich kein Vorwurf, wenn wir sagen, daß wir zunächstüberall die gebietende Jdecnmacht Schiller's heraushören. Am deutlich-sten treten diese Anklänge hervor in der scharfen und farbensattcn Aus-malung des Naiven und Sentimentalen als des Grundunterschiedes zwi-schen antiker und moderner Kunstbildung, in der Gegenüberstellung vonmusikalischer und plastischer Dichtung, in der Begriffsbestimmung desIdyllischen und Satirischen, in der Betrachtung Goethc's als desjenigenDichters, „welcher mehr an die Forderungen und das Wesen der Kunstüberhaupt, als einseitig an die eigcnthümliche Natur der Dichtkunst er-innert/' Aber wir würden sehr ungerecht sein, wollten wir Humboldt'sVerdienst nur darauf beschränken, daß er aus der reichen GedankenweltSchiller's Einzelnes näher bestimmt und ausgeführt habe. Seine Schriftsprudelt eben so reich an den tiefsinnigsten und treffendsten Beobachtungen,Erfahrungen und llrtheilcn über Künstler, Dichter und Dichtwerke, wie