Wilhelm von Numbolclt'n Mestheiische versuche ü b e r Goethe's Hermann und Dorothea. Dritte Auflage. M i t einem Vorwort v v „ Hermilnn Hettner. Brannschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 18 6 1. G eschichtliche Vorerinnerungen von Hermann Hettner. -^er Aufforderung des Herrn Verlegers, der Non ihm verunstalteten neuen Ausgabe von Wilhelm von Humboldt's ästhetischen Versuchen über Goethe's Hermann und Dorothea einige einleitende Worte vorauSznschickcn, entspreche ich um so lieber, da dies Buch in meinen kunstwissenschaftlichen Studien mir von jeher ein altgewohnter und anregender Begleiter war. Es ist im Jahre 1797 geschrieben; 1799 erschien es bei Friedrich Biewcg in Brannschweig. Seitdem hat sich unsere Aesthetik durch den Einfluß Schclling's, Solgcr's und Hcgel's in mannichfach andere Anschauung und AnsdrnckSweisc cingelebt. Es kann daher nicht fehlen, daß dem heutigen Leser Vieles fremdartig und unzulänglich erscheint. Und doch möchte ich wünschen, daß dieses Buch sich auch jetzt noch in immer weitere Kreise verbreite. Der Kern ist bleibend und unversehrt. Es ist ein Buch voll der tiefsten künstlerischen Einsicht und Feinfühligkeit; dnrchhaucht und getragen von jener reinen, freien, tief menschlichen Scelcn- schönheit, die das klassische Zeitalter unserer Philosophie und Dichtung so unwiederbringlich auszcichnet. Wir gewinnen den sichersten Anhalt für das Verständnis; und die Bcnrtheilung desselben, indem wir auf die Geschichte seines Ursprungs zurückgchen. Die Jugend Wilhelm von Humboldt's, dieses reichbegabten Geistes, der dereinst für Preußen und Deutschland eine so großartige und V, befreiende staatömännische Tüchtigkeit entfalten nnd zugleich der epochemachende Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft werden sollte, war vorwiegend von den Einwirkungen der Kantischen Philosophie nnd von der wärmsten Liebe znm Alterthnm, besonders zur griechischen Dichtung, bewegt nnd bedingt gewesen. Die ersten schriftstellerischen Arbeiten Hnmboldt's, die „Ideen zu einem Bersnch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" (1792), seine „Skizze über die Griechen", seine llebersetznngen von Bruchstücken ans Acschylns nnd Pindar, geben von dieser Doppelrichtnng lebendiges Zeugnis;. Humboldt war ungefähr sechsnndzwanzig Jahre alt, als ein Ereigniß cintrat, welches ans sein gcsammtcs Leben entscheidend cinwirkte. Im April 1793 machte er bei einem Besuche in Jena die nähere Bekanntschaft Schillcr's, mit welchem er bereits seit einiger Zeit, persönlich nnd brieflich, in flüchtigen Berührungen gestanden hatte. Schiller lebte gerade damals nicht minder begeistert im Studium der Kantischen Philosophie nnd war emsig beschäftigt, ans Grnnd der Kantischen Kritik der Urthcils- kraft, eine eigene nnd selbständige Knnstlchre anfznbancn, welche kurz nachher ihren tiefsten Abschluß in den Briefen „lieber die ästhetische Erziehung deS Menschen" fand. Humboldt wurde von Schiller so lebhaft angeregt, daß er sich rasch entschloß, auch seinerseits nach Jena überzusiedeln. Dies geschah im Frühjahr 1794. Bald wurden Beide, Schiller nnd Humboldt, durch die innigste Freundschaft verbunden. Die Freunde sahen sich, wie Wilhelm von Humboldt in der Einleitung seines von ihm im Jahre 1830 hcranSgegcbcnen Briefwechsels mit Schiller (S. 7) erzählt, alltäglich mit ihren Familien zweimal, vorzüglich aber des Abends allein nnd meistcnthcils bis tief in die Nacht. Es waren herrliche Stunden ergiebigster Anregung nnd Wechselwirkung. Schiller war ein Birtnos des Gesprächs; er suchte, um mit Hnmboldt's (a. a. O. S. 13) eigenen Worten zn sprechen, nie nach einem bedeutenden Stoffe der Unterredung, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand hcrbciznführen, aber von jedem ans leitete er das Gespräch zn einem allgemeinen Gesichtspunkte, nnd man sah sich nach wenigen Zwischcnreden in den Mittelpunkt einer , VII den Geist anregenden DiScnssion versetzt; er behandelte den Gegenstand immer als ein gemeinschaftlich zn gewinnendes Resultat, schien immer des Mitrcdendcn zn bedürfen, wenn dieser sich anch bewußt blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen und ließ ihn nie müßig werden. Humboldt, eine empfängliche und anempfindende Natur und, wie er selbst einmal in der Nückerinncrnng jener schönen Zeit (a. a. O. S. 210) an Schiller schreibt, in seiner geistigen Thätigkeit fremder Erweckung, Nahrung und Unterhaltung bedürftig, war ganz der Mann dazu, dieses gesellschaftliche Denken, das er als sein eigenstes Wesen bezeichnet, in den regsten Fluß zn bringen. Schiller rühmt in einem Briefe an Körner vom 18. Mai 1794, daß sich im Gespräch mit Humboldt alle seine Ideen glücklicher und schneller entwickeln; Humboldt nahm den nnversieglichen und überströmcnden Dlnell von Schillcr's großartig schöpferischem Gedankenreichthum mit um so volleren Zügen in sich ans, je mehr ihm Schiller- fertig entgcgenbrachte, was anch in ihm werdclnstig gährte, ohne daß es sich doch bisher zn klarer Gestaltung hcransgernngen hatte. Seitdem war Hnmboldt für immer in die Schillerschcn Idccnkreise gezogen. Nach einem Aufenthalt von sechszehn Monaten mußte Humboldt, gedrängt durch die Rücksicht ans seine kranke Mutter, in den ersten Tagen des Juli 1792 Jena verlassen. Aber der regelmäßigste und eingehendste Briefwechsel suchte den Bcrlust des unmittelbar persönlichen Berkchrs nach Möglichkeit zn ersetzen. Schiller war inzwischen aus den Lehrjahren seiner geschichtlichen und philosophischen Studien in die Meisterjahre seines reifsten dichterischen Schaffens getreten. Gleichsam um sich den Ucbcr- gang zn bahnen, schrieb er jene scharfsinnigen und unumstößlichen Abhandlungen über naive und sentimentale Dichtung, in welchen er sich, wie cr in einem Briefe an Humboldt vom 26. October 1795 (a. a.O. S. 258) sagt, vor Allem die Frage beantworten wollte, in wie weit er bei seiner von ihm klar erkannten Entfernung von dem Geiste der griechischen Poesie noch Dichter sein könne, und zwar besserer Dichter, als der Grad jener Entfernung zu erlauben scheine. Humboldt vertieft sich anch jetzt wieder in die bruchstückweise mitgcthcilten Erörterungen aufs lebhafteste. Der VIII Briefwechsel mit Schiller giebt darüber die regsamste Rede und Widerrede. Endlich war das Ganze erschienen. Humboldt schildert in einem Briefe vom 18. Decembcr 1795 (a. a. O. S. 365) den Eindruck dieserAbhand- lungen als so überwältigend, „daß sie ihm zn fast allen Zweifeln, in welchen er sonst manchmal im kritischen Urthcilc über Dichter schwankte, die Auflösung, und zu seinen Hauptnrthcilen selbst den bestimmten deutlich ausgesagten Grund hergegeben haben". Wir unsererseits können zu diesem Selbstbekenntnis; hinznfügen, daß diese Abhandlung der maßgebende Text wurde, in welchem sich, erläuternd und anwendend, fortan ganz ausschließlich das gesammte ästhetische Empfinden und Denken Humboldt's bewegte. Am 1. November 1796 kehrte Wilhelm von Humboldt mit seiner Familie wieder nach Jena zurück und verweilte dort den ganzen Winter. Die glücklichsten Stunden des innigsten Zusammenlebens und des regsten Gedankcnverkchrs mit Schiller erneuten sich. Wie früher verlebten auch jetzt die Freunde regelmäßig die Abende miteinander. Wilhelm von Bnrgsdorf, ein strebsamer Jüngling, welcher sich damals bei Humboldt aufhielt, hat in einem Briefe an Rahcl (mitgctheilt in Varnhagen's Galerie von Bildnissen. Leipzig 1836. Bd. 1, S. 114), ein anziehendes Bild dieser Abende gegeben; Schiller nur in seinen Ideen lebend und nur Dasjenige achtend und liebend, was sich an seine ewige Geistes- thätigkeit knüpft, und Humboldt, im vollsten Behagen langersehnter befriedigter Gegenwart und daher zwangloser und liebenswürdiger als je, in aller heiteren Sprunghaftigkeit des Gesprächs immer streng bei der Sache bleibend, ernst und streng sachlich nach der klaren Erfassung der Wahrheit strebend und nicht eher rastend und abbrcchcnd, als bis die Unterhaltung zn einem letzten Ergcbniß gelangt ist. Jedoch die Dinge, über welche verhandelt wurde, waren andere als in den früheren Jahren. Schiller saß über den Vorarbeiten znm Wallenstein und mar nicht mehr mit voller Seele bei begrifflich allgemeinen, rein philosophischen Untersuchungen. Goethe, nunmehr mit Schiller durch engste Freundschaft verbunden und dadurch auch mit Humboldt in den herzlichsten persönlichen Verkehr gekommen, hatte sich gegen das Ende des Winters ebenfalls nach Jena gewendet und IX vollendete hier das herrliche Idyllion von Hermann nnd Dorothea. Wie natürlich, daß die Gespräche oft und gern bei dem Wesen des Epos nnd der Tragödie nnd deren inneren Gegensätzen verweilten! Goethe las an jenen Abenden bei Humboldt mehrfach sein Gedicht vor, dnrchsprach cS mit den Freunden, und nahm für die Prosodie die kundige Unterstützung und Nachhilfe Humboldt's in Anspruch. Humboldt war ganz erfüllt von der Einzigkeit dieses Gedichtes, das ihm sein reines Menschheitsideal und seine liebevoll gehegte Ueberzengung von der inneren Verwandtschaft des griechischen und deutschen Volksgeistes in der herzgewinnenden Einfachheit idealster Kunst- schöpfung cntgegentrug. Humboldt fühlte sich in seinem tiefsten Wesen bereichert. Es drängte ihn, alle die mannichfachen und tiefergrcifendcn Eindrücke und Anregungen, welche er seit Jahren von Schiller nnd in den letzten Monaten von Goethe bekommen hatte, selbstgestaltcnd zu fester Einheit zusammenzuschließen. Schon früher hatte er einmal daran gedacht, seine Ideen über Kunst und Dichtung in eine Besprechung von Vossen's Luise niederznlegen. Jetzt hatte er einen glücklicheren Anhalt. Alles, was ihn bewegte und beschäftigte, hatte seine Erfüllung in der lebendigen Anschauung und Erkenntniß jenes Goethe'schen Gedichtes gefunden, das er nicht zu kritisiren, sondern nur in seinen Motiven und in seiner Gesammtstimmnng zn erklären brauchte, mn die probehaltige Nichtigkeit seiner Ansichten zu erweisen. Dies ist der geschichtliche Ursprung des hier vorliegenden Buches Uber Gocthe's Hermann und Dorothea. EndeApril 1797 warHumboldt von Jena nach Berlin gegangen. Es folgten rasch wechselnde Aufenthalte in Dresden, Wien und Paris. Im Trubel der Reise reiften die keimenden Entwürfe; in Paris wurde das Buch vollendet. Am 15. Mai 1798 war, wie aus einem an diesem Tage geschriebenen Briefe Schiller's an Goethe erhellt, die Handschrift in Schiller's Händen. Die Schnelligkeit der Abfassung inmitten der buntbewegten und zerstreuenden äußeren Umgebung bezeugt, wie unvertilgbar der Stoff sich der Seele Humboldt's bemächtigt hatte. Haym sagt in seiner vortrefflichen Biographie Wilhelm von Hnm- boldt's (Berlin 1856. S. 151) sehr bezeichnend: „Als Humboldt Jena verließ, blickte Schiller nicht ohne Wehmnth ans das Verhältnis; init ihm als onf ein beschlossenes zurück, welches nicht mehr wicderkommen könne. Als ein unvergängliches snßtc cs Humboldt. In seinem Gcmüthe bewegten sich nncmfhörlich die Bilder aus dem Kreise des Jenaer Lebens. Fort und sort, und je weiter desto vernehmlicher, klang ihm Schiller's ideenreiches Gespräch nach. Fort und sort stiegen vor ihm die Gestalten des Gocthe'schen Gedichtes ans, das er durch die eingehendste Theilnahme sich zu eigen gemacht hatte. Er hatte ans Schiller's Gesprächen die reinste und höchste Ansicht der Dichtkunst, ans Gocthe's Gedicht die unmittelbare Erscheinung einer ächten und vollendeten Natur davongetragcn. Beides fügte sich zu einem Ganzen zusammen. Endlich war der Moment gekommen, wo er über einer Ausführung die Bedenken vergessen konnte, die ihm bisher so oft alle literarischen Projccte immer wieder ans der Hand gespielt hatten. Die Macht der Einflüsse, die er noch zuletzt in Jena erfahren hatte, machte alle seine Reflexionen und alle seine Vorsätze zu Schanden. Er hatte die Idee einer Charakteristik der damaligen Zeit noch in Jena nicht anfgegcben. Er hatte daneben den Plan einer vergleichenden Anthropologie gefaßt. Er hatte weiterhin mit Körner ein gemeinschaftliches Werk verabredet, welches pshchologisch-kritische Zergliederungen und Darstellungen ans dem Gebiete der Literatur enthalten sollte. Bon alle dem steckte etwas in der Arbeit, die ihm endlich zu Stande kam; aber sic war in erster Linie eine viel natürlichere und einfachere Frucht seines Lebens in dem Denken und Dichten Schiller's und Gocthe's. Ein Jahr war vergangen, seit er diesen die Hand zum Abschiede gereicht hatte, von Jena war er nach Paris verschlagen; da auf einmal überraschte er die Freunde durch ein Mannscript, Es war ein Buch wie sonst seine Briefe gewesen waren". Ans dieser Art der Entstehung erklärt sich sowohl die Form, welche Humboldt für sein Buch wählte, wie der Standpunkt, welchen er in seinen einzelnen Ausführungen einnimmt. Die Form ist nicht glücklich. Humboldt hatte sich eine zwiefache Aufgabe gestellt. Erstens sollte sein Buch eine Würdigung von Gocthe's XI Hermann und Dorothea und dabei, so Niel als innerhalb dieser Begrenzung möglich, eine Würdigung non Gocthe's gesammter Dichtcrnatur und Eigenthümlichkeit sein; und zweitens sollte es, zur Beweisführung, daß hier ein Kunstwerk der höchsten Art vorlicge, das Einzelne aus dem Allgemeinen ableitend, sich zu einer umfassenden philosophischen Kunst- und Dichtlehre, oder, um den eigenen Ausdruck Humboldt's beizubehalten, sich zu einer Elementar-Aesthetik erweitern. Allerdings hat Humboldt die Verschlingung dieser Doppelaufgabe mit großer Geschicklichkeit angelegt. Lcssing's Laokoon, welcher in gleicher Weise von einem einzelnen Ausgangspunkte zur Darlegung allgemeiner Kunstgcsetze aufsteigt, ist das unverkennbare, oft mit großer Feinheit nachgebildcte Muster. Die strengste Folgerichtigkeit des logischen Fortschritts ist scharf und deutlich hcrvorgehoben. Der erste Theil (Abschnitt I bis ll,.) schildert Hermann und Dorothea als achtes Kunstwerk und als achtes Gedicht; daher die Erörterung des Wesens der Kunst an sich und der Dichtkunst insbesondere, die Unterscheidung des hohen und reinen Stils von der Manier oder dem Afterstil, der Be- griffsentwickclnng des Naiven und Sentimentalen oder des Antiken und Romantisch-Modernen. Die zweite Hälfte (Abschnitt U! bis OIV.) schildert Hermann und Dorothea als achtes Epos; daher der Begriff des Epos und sein Gegensatz gegen Tragödie und Lyrik, die Abgrenzung von Epos und Idylle, die Begründung und Aufsuchung der epischen Gesetze und Motive. Zuerst immer das Allgemeine, dann die Nutzanwendung ans das Einzelne. Die Betrachtung bewegt sich, um ein Bild aus dem Buche selbst zu entlehnen, in lauter kleinen, sanft gebrochenen und doch immer stetigen Welle»; sie scheint sich nach Laune und Zufall des Augenblicks frei zu ergehen und steuert doch klar und sicher nach dem fest abgesteckten Ziele. Aber ein Uebelstand bleibt es trotzalledcm, daß Humboldt alle diese weit auseinander liegenden Fragen, blos darum, weil er die Anregung und Lösung derselben gleichzeitig empfangen und erarbeitet hatte, nun auch sofort in eine gemeinsame Form goß und einem und demselben Buch anvertrante. Der Grundgedanke von Lessing's Laokoon, die Erforschung der unverbrüchlichen Stiluntcrschiede zwischen der Dichtung und den bildenden XII Künsten, steht zn seinem äußeren Anlaß, der Vergleichung der Laokoons- gruppe mit den dichterischen Darstellungen desselben Motivs, in der engsten und unabweislichsten Verbindung. Wer aber, um einem einzelnen, auch noch so vortrefflichen Gedicht die gebührende Stellung anzuweisen, unverdrossen die gesammte Kunstlehre vorträgt, zersplittert die Aufmerksamkeit sowohl für das Einzelne wie für das Allgemeine. Ja, es kann nicht fehlen, daß er vor lauter Gründlichkeit zuweilen breit und langweilig wird. Diese Gewaltsamkeit der Komposition wird hier um so nachtheiliger, da Wilhelm von Humboldt's Stil ohnehin trocken und phantasielos, ohne Wärme und Bildlichkeit ist. Die Wirkung war daher von Anfang an keine durchschlagende. Für die Beurtheilung von Goethc's Hermann und Dorothea lief August Wilhelm von Schlegcl's bekannte Re- cension, für die allgemeine Kunstlchre Schelling und seine Schule dem Buche Humboldt's den Rang ab. Aber wer wird verstimmt Uber die spröde Schale rechten, wenn der Gehalt so bedeutend und keimkrüftig ist? Es ist, als könnten wir jener sokratischen Unterhaltung lauschen, welche einst in schönen Winterabenden unsere edelsten Geister vereinigt hatte. Es ist wahrlich kein Vorwurf, wenn wir sagen, daß wir zunächst überall die gebietende Jdecnmacht Schiller's heraushören. Am deutlichsten treten diese Anklänge hervor in der scharfen und farbensattcn Ausmalung des Naiven und Sentimentalen als des Grundunterschiedes zwischen antiker und moderner Kunstbildung, in der Gegenüberstellung von musikalischer und plastischer Dichtung, in der Begriffsbestimmung des Idyllischen und Satirischen, in der Betrachtung Goethc's als desjenigen Dichters, „welcher mehr an die Forderungen und das Wesen der Kunst überhaupt, als einseitig an die eigcnthümliche Natur der Dichtkunst erinnert/' Aber wir würden sehr ungerecht sein, wollten wir Humboldt's Verdienst nur darauf beschränken, daß er aus der reichen Gedankenwelt Schiller's Einzelnes näher bestimmt und ausgeführt habe. Seine Schrift sprudelt eben so reich an den tiefsinnigsten und treffendsten Beobachtungen, Erfahrungen und llrtheilcn über Künstler, Dichter und Dichtwerke, wie XIII sie nur einem sehr vielseitigen und warm und selbständig empfindenden und denkenden Kunst- und Literaturkenner zu Gebote stehen, als an den feinsten und seclenvollsten Einblicken in die Geheimnisse und Bedingungen des schöpferischen Künstlergcistes, wie sie niemals der abgezogene Schulphilosoph, sondern nur derjenige haben kann, der ein Stück lebendiger Künstlernatur in sich selbst trügt. Wie tief und feinsinnig sind, um nur Einiges namentlich hcrvorzuheben, die Schilderungen der dichterischen Ge- staltenmalcrei, die Betrachtungen über Homer und Ariost, wie innig und umfassend die Gesammtbeurtheilung Gocthe's in seiner reinen und schönen Menschlichkeit, in seinem Vcrhältniß znm Altcrthnm und zu anderen neueren Dichtern, in seiner Deutschheit und in jener tiefinnigcn Verwandtschaft mit Rafael, welche sich Jedem aufdrängt, der das Glück hat, beide Genieen in ihrer innersten Eigcnthümlichkeit zu kennen! Es giebt tüchtige und mit Recht anerkannte Knnstgclchrte, wie vor Allen Gewinns, welche die theoretische Unterlage ihrer kunst- und literaturgcschichtlichen Betrachtungsweise einzig und ausschließlich aus Schillcr's Abhandlung über naive und sentimentale Dichtkunst und ans dem vorliegenden Buch Wilhelm von Humboldt's über Goethe's Hermann und Dorothea geschöpft haben; und ich bin durchaus nicht gemeint, mit der Erwähnung dieser unleugbaren Thatsachc gegen jene Gelehrte einen Tadel auszusprechen, obwohl derjenige, der von der Poesie zur bildenden Kunst übergeht, oder sich in Wesen, Aufbau und Gliederung des Dramas hineinleben will, allerdings auch nach anderen Führern wird ansschauen müssen. Es möchte nur sehr Weniges sein, was man jetzt veraltet zu nennen befugt wäre. Um so mehr ist eine empfindliche Lücke zu bedauern, welche die eigenste Aufgabe Humboldt's beeinträchtigt. Humboldt war ein genauer Freund Friedrich August Wolfs. Er hatte dessen Untersuchungen über Homer mit der lebhaftesten Theilnahme verfolgt. Wie war es möglich, daß er den tiefgreifenden Unterschied zwischen Volkscpos und Knnstepos nirgends auch nur mit dem leisesten Fingerzeig berührte? Und auch für die wissenschaftliche Behandlung der Aesthetik selbst liegt in diesem Buch eine sehr bedeutsame Wendung. XIV Als Humboldt die Abhandlung Schiller's über naive und sentimentale Dichtung erhielt, rügte er in seinem Antwortschreiben (Briefwechsel S. 366), daß Schiller diese beiden Dichtformcn nur als gegebene Thatsachen ausgenommen, nicht aber ans ihrem höheren Begriff, d. h. ans ihrem gemeinsamen Urquell abgeleitet habe. Humboldt suchte das bei Schiller Vermißte selbständig zu ergänzen. Es ist durchaus im Sinne und nach dem Vorgänge Kant's, wenn Humboldt die menschliche Einbildungskraft als diese einheitliche Grnndkraft aller schöpferischen Knnstthätigkcit hinstellt; aber es ist Hnmboldt's eigene That und sein ziclzcigcndcs Verdienst, daß er es unternahm, mit dieser Bestimmung auch in der Anwendung ans das Einzelne vollsten Ernst zu machen und in dem Wesen der Einbildungskraft das Wesen aller Kunst, ihrer einzelnen Formen und ihrer geschichtlichen Erscheinungen auf- znzeigen. Humboldt wußte, daß es darauf ankommc, die Kantische Kritik der Urteilskraft zu einer Kritik der Einbildungskraft nmzugestaltcn; er ist der Erste gewesen, welcher, um in heutiger Sprechweise zu sprechen, die Aesthetik wesentlich als Physiologie der Phantasie faßte. Aber allerdings reichte Hnmboldt's Kraft noch nicht anS, diese gewichtige Forderung in ihrer ganzen Tragweite zu übersehen und zu erfüllen. Seine begrifflichen Ableitungen sind stumpf und unbeholfen, seine geschichtlichen haften einseitig und nngeschichtlich an dem von Schiller überkommenen Maßstabe des Naiven und Sentimentalen. Humboldt hat später in seinen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt, wie mächtig er cs verstand, die Physiologie des menschlichen Sprachvermögens bis in ihre feinsten Folgerungen hinein zu verfolgen; die Aesthetik ist jedoch erster Versuch und unvollendetes Bruchstück geblieben. Daher war der Einfluß Hnmboldt's auf die Fortbildung derAesthetik kein nachhaltiger und ist sogar mehr als billig verdrängt worden. Schelling, Solger und Hegel brachten die sogenannte Metaphysik des Schönen und gewannen die Uebermacht. Die Achillesferse dieser „spcculativen" Aesthetik der Schelling-Hcgelschen Schule ist, daß sic den psychologischen Ursprung der Kunst nicht erklärt. Sie setzt die Nothwendigkcit der Knnstschönheit in die Unzulänglichkeit der Naturschönhcit und in den Drang, diese zu überwinden. Wer aber löst auf dieser Grundlage das Rüthsel, daß sich schon bei den un- XV entwickelten Naturvölkern, die sich nicht nur der Natur nicht überlegen fühlen, sondern von deren Gewalt übcrwättigt die nackten Naturdinge als ihre höchsten- Götter verehren, unaufhaltsam der Knnsttrieb hervorbricht und sich znm Theil sogar schon in den überraschendsten Werken bcthätigt? Die specnlativc Aesthctik, so großartig auch sonst ihre Errungenschaft ist, macht das Ideal, das sie erst aus der Thatsache und der Anschauung vollendeter Kunstwerke gewonnen hat, znm treibenden Grundgedanken; sie macht das Ende zum Anfang. Sollte cö also nicht an der Zeit sein, zu dieser Hum- boldt'schcn Physiologie der schöpferischen Einbildungskraft wieder mit voller Bewußtheit zurückzukchrcn, um sic folgerichtig fortzubilden und ausznge- stalten? Es ist merkwürdig zu sehen, wie sich die beiden Dichterheroen zu einem Buche verhielten, das zu ihnen in so nahem Bezug stand. Je neidischer und kleinlicher heute unsere Dichter, die freilich in ihrer großen Mehrzahl nur Schöngeister, nicht Dichter in Wahrheit sind, das Lob überwachen, was dem Einen oder dem Anderen gezollt wird, um so erhebender ist die lautere Seclengröße Schiller's, die sich auch hier wieder glänzend bewährte. Es ist sicher einem Jeden aus der Seele gesprochen, wenn Haym (S. 165) sagt: „Mit unbedingter und uneingeschränkter Bewunderung sprach Humboldt von Goethe. Das ganze Buch war nur eine Ausführung dieses Einen Textes. Der Name Schiller's war darin nicht zu finden. An Schiller nichtsdestoweniger sandte er das Manuscript und beauftragte ihn mit der Veröffentlichung desselben. Immer ist es uns als eines der unwidersprechlichstcn Zeugnisse für die Reinheit und Liebenswürdigkeit von Schiller's Charakter erschienen, daß dieser die Schrift des Freundes mit vollkommen unparteiischer Billigung empfing. Er hatte allerdings auch Tadel darüber auszusprechen. Aber dieser Tadel bezog sich theils auf die Form, theils gerade auf Dasjenige, worin er seinen Einfluß auf den Freund zu erkennen glaubte. Keine Spur von Empfindlichkeit war diesem Tadel beigemischt. Das, ohne Zweifel, war eine in der Literatur seltene Erscheinung; aber seltsamer war es, daß Humboldt diese Gesinnung bei Schiller voraussetzte." Die Urthcile, welche Schiller XVI an Humboldt selbst, und die Urthcile, welche Schiller an Goethe nnd Körner schrieb, sind durchaus gleichlautend. Humboldt's Buch fiel bei beiden Dichtern nicht in die günstigste Stimmung. Beiden war durch ihren hohen FreundschaftSbnnd ein neuer Dichterfrühling erblüht; Beide lebten wieder mehr als je in der frischesten Schöpferlust. Goethe hatte für philosophische Untersuchungen über Kunst in seinem thatsachlichen Sein keine Handhabe; jene Abneigung, welche er gegen Bestrebungen dieser Art einmal gegen Eckcrmanu (Bd.1,S.88) aussprach, war nicht eine Laune und Grämclei des Alters, sondern innerste Eigenthümlichkcit. Schiller hatte inzwischen die Zeit seines Philosophircns so gründlich überwunden, daß er wiederholt anssprach, wie gern er Alles, was er oder ein Anderer von der Elementar-Aesthetik wisse, für einen einzigen empirischen Vorthcil, für einen Kunstgriff des Handwerks hin- gebcn würde. Die Freunde erkannten, daß diese Arbeit nicht ganz in ihre gegenwärtigen Umstände eingreifcn könne. Goethe hat daher, obwohl er sich freute, „wenigstens auf der letzten Strecke seiner dichterischen Laufbahn mit der Kritik in Einstimmung zu gerathen", niemals ausführlich sich über dieses Buch ausgesprochen, nnd Schiller hatte für die Mängel desselben ein scharfes Auge. Er tadelt daher sowohl in seinen Briefen an Goethe (Nro. 473 ), wie an Körner (Bd. 4 , S. 77 ), die Kraftlosigkeit des Stils, dem cs an einer gewissen nothwcndigen Kühnheit des Ausdrucks und in Rücksicht ans die ganze Behandlung an der Kunst der Massen fehle; er tadelt die Komposition, welche einen nicht zu vermittelnden Sprung von dem Begriffe und dem Gesetze zn dem einzelnen Falle nnd zur Anwendung auf den Dichter Hervorrufe. Aber er vergißt nirgends hinzuzusetzen, daß das Buch in seiner Art an Gründlichkeit, Breite nnd Tiefe, an Scharfsinn der Unterscheidung und an Fülle der Verbindung Seinesgleichen suche nnd daß es Alles zur Sprache bringe, was sich durch Räsonnement über die Gattung nnd die Arten der Poesie ausmachen oder ahnen lasse. Es ist nicht schmeichelnde Höflichkeit, sondern die wohl ermessene und aufrichtige Uebcrzeugung Schillcr's, wenn er an Humboldt (S. 437 ) schreibt: „Ihre Schrift ist mir auch als ein Beweis merk- XVII würdig, was der spcculative Geist, dem Künstler und Poeten gegenüber, eigentlich leisten kann, denn was hier nicht geleistet worden, das kann auf diesem Wege überhaupt nicht geleistet noch gefordert werden. Sie haben den philosophisch-kritischen Verstand, in sofern es diesem mehr um allgemeine Gesetze als nm regulatorische Vorschriften, mehr um die Metaphysik als um die Physik der Kunst zu thun ist, auf das vollständigste, würdigste und lieberalste repräscntirt und nach meinem Gefühle das Geschäft geendigt. Es ist zum Erstaunen, wie genau, wie vielseitig, wie erschöpfend Sie Alles behandelt haben, so daß ich überzeugt bin, was auch künftighin über den Proceß des Künstlers und Poeten, über die Natur der Poesie und ihre Gattungen noch mag gesagt werden, es wird Ihren Behauptungen nicht widersprechen, sondern sie nur erläutern, und es wird sich in Ihrem Werke gewiß der Ort Nachweisen lassen, in den es gehört und der es im- plicite schon enthält." Auf jene Grundfrage, welche für den Ausbau der Aesthetik als Wissenschaft so wichtig ist, auf die Stellung, welche Humboldt der Naturgeschichte der Phantasie als Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Kunstbetrachtung gegeben hatte, ist Schiller nicht eingegangen; dazu lagen ihm philosophische Anliegen bereits zu fern. Es ist bekannt, daß Humboldt diesen Weg nicht weiter fortgesetzt hat, obgleich er ununterbrochen, nicht blos in Rom, sondern auch sein ganzes übriges Leben hindurch der Kunst und Dichtung die liebevollste Theilnahme und Empfänglichkeit zuwendete. Als er nach bedeutender öffentlicher Wirksamkeit wieder zu der gcmüthstillen Pflege der Wissenschaft zurückkehrte, hatte das Denken und Forschen über Wesen und Geschichte der Sprache in ihn: die Oberhand gewonnen. Man kann nicht sagen, daß durch diese veränderte Thätigkeit Humboldt seiner ursprünglichen Richtung untren geworden. Im Gegcntheil. Nicht blos für die Einsicht in die Geistesentwickelung Wilhelm von Hnmboldt's, sondern weit mehr noch für die unbefangene Beurtheilung der Aufgaben und Ziele der Aesthetik ist es von der folgenreichsten Bedeutung, klar zu erkennen, daß der sprachwissenschaftliche XVIII Standpunkt Humboldt's im Wesentlichen derselbe ist wie sein kunstwissenschaftlicher; nur durchgebildeter und abgeschlossener. Wie Humboldt's Aesthetik, wenn auch nicht in ihrer Durchführung, so doch in ihrer Grundanschauung durchaus auf eine Physiologie der Phantasie angelegt war, so ist ihm die Sprachwissenschaft eine Physiologie des allgemeinen menschlichen Sprachvermögens. Die vergleichende und geschichtliche Grammatik, an deren Ausbau Humboldt selbst noch seine schöpferische Hand legte, ist die großartige Frucht dieser Auffassungsweise. Liegt es nicht nahe, diesen innerlich folgerichtigen Ausbau der Sprachwissenschaft auch für den gleichen folgerichtigen Ausbau der Kunstwissenschaft nutzbar zu machen? Erscheint cs immer mehr und mehr als unabweisbar, in der wissenschaftlichen Grundlegung der Kunstwissenschaft den Boden der Schelling- Hegelschen Aesthetik zu verlassen, oder, mit anderen Worten, nicht von dem in dieser als fertig vorausgesetzten Begriff der Schönheit und des Kunstideals, sondern vielmehr von dem thatsächlich geschichtlichen Anfang und Ursprung der Kunst, von der Natur und Gesetzmäßigkeit der menschlichen Phantasiethätigkeit auszugehcn, und deren stilistische Bedingtheit durch die Natur des künstlerischen Darstellungsmittels und die Verschiedenheit der schaffenden Völker und Zeitalter darzustellen, so ist bestimmt das Ziel ausgesprochen, welches die Kunstwissenschaft, nach dem ruhmreichen Vorgang der verwandten Sprachwissenschaft, fest ins Auge zu fassen hat. Die Aesthetik, soll sie in Wahrheit Wissenschaft sein, ist wesentlich vergleichende Kunstgeschichte. Wer dieses lockende und fruchtbringende Werk unternimmt, wird die Aufgabe haben, Wilhelm von Humboldt, den Kunstforscher, durch Wilhelm von Humboldt, den Sprachforscher, zu ergänzen und fortzubilden. I n h a l t. Einleitung.,. 1 I. Wirkung des Gedichtes im Ganzen. — Es läßt einen rein dichterischen Eindruck in dem Gemüthe zurück. 9 II. Hauptbestandtheile aller dichterischen Wirkung. — Plan dieser Be- urtheiiung im Allgemeinen. 11 III. Einfachster Begriff der Kunst. 12 IV. Höhe der Wirkung, zu der die Kunst sich erhebt. — Idealität. — Erster Begriff des Identischen, als des Nicht-Wirklichen ... 14 V. Zweiter und höherer Begriff des Identischen, als eines Etwas, das alle Wirklichkeit übertriffr. 15 VI. Nothwendigkeit, in der sich jeder echte Künstler befindet, immer das Identische z» erreichen. 18 VII. Nachahmung der Natur. 18 VIII. Zweiter Vorzug der Kunst in ihrer letzten Vollendung: Totalität. — Zwiefacher Weg, dieselbe zu erhalten. 20 IX. Diese Totalität ist allemal eine nothwendige Folge der vollkommenen Herrschaft der dichterischen Einbildungskraft. 21 X. Einfluß des Jdealischen in der Darstellung auf die Totalität . . 24 XI. Uebersicht des ganzen Weges, welchen der Dichter von seinem ursprünglichen Zwecke bis zu seinem höchsten Ziele zurücklegt . . 26 XII. Unterscheidung des hohen und echten Stils in der Dichtkunst von dem Afterstil in derselben. 28 XIII. Anwendung des Vorigen auf Hermann und Dorothea. — Reine Objektivität dieses Gedichtes. — Erste Stufe derselben .... SO XIV. Zweite Stufe der Objcctivität unseres Gedichtes. — Verwandtschaft seines Stils mit dem Stil der bildenden Kunst. 32 XV. Verwandtschaft aller Künste unter einander. — Doppeltes Ver- hältniß jedes Künstlers zur Kunst überhaupt und zu seiner besonderen . 34 XVI. Mittel, wodurch unser Dichter diese, der bildenden Kunst nahe kommende, Objektivität erlangt 36 XX Seite XVII. Erläuterung des Gesagten an. der Schilderung der Gestalt Dorotheens. 39 XVIII. Zn wiefern mackt unser Dichter, bei seiner Verwandtschaft mit der bürenden Kunst, die besonderen Vorzüge der Dichtkunst geltend?. 42 XIX. Eigenthümliche Natur der Dichtkunst, als einer redenden Kunst 44 XX. Dritte und letzte Stufe der Objektivität des Gedichtes .... 46 XXI. Zwiefache Gattung beschreibender Gedichte in Rücksicht auf ihre größere oder geringere Objektivität — erläutert an Homer und Ariosi. 48 XXII. Homer verbindet die einzelnen Theile seiner Dichtungen fester zu einem Ganzen. St XXIII. Ariost rechnet mehr auf den Effect, Homer wirkt stärker durch die reine Form. 52 XXIV. Eolorit. 53 XXV. Homer ist mehr naiv, Ariost mehr sentimental. — Resultat des ganzen Unterschiedes. 55 XXVI. Einfluß dieser Verschiedenheit beschreibender Gedichte auf die Wahl der Versart. 57 XXVII. Zu welcher jener beiden Gattungen unser Dichter gehört? beweist er durch die Zeichnung seiner Figuren. 57 XXVIII. Vergleichung unseres Dichters mit Homer in diesem Stücke. — Beispiel an GlaukuS und Diomedes Waffentausch. 58 XXIX. Schilderung Hermanns und Dorotheens. 6l XXX. Erste Einführung Dorotheens durch Hermanns Erzählung von ihr 62 XXXI. Schilderung der Jungfrau in ihrer Wirkung auf Hermann . . 63 XXXII. Die Wirkung des Mädchens auf den Jüngling ist nicht in einer unbestimmten Größe, sondern in dem bestimmten Begriff der vollkommenen Angemessenheit beider Naturen gezeichnet . . 65 XXXIII. Dorotheens eigenes Erscheinen. 68 XXXIV. Erzählung des heroischen Muthes der Jungfrau. — Ob der Dichter gut that, gerade diesen Zug aus ihrem Leben herauszuheben? . 69 XXXV. Dorotheens Zusammenluust init Hermann — erst am Brunnen, dann auf dem Wege zu seinen Eltern. 72 XXXVI. Eintritt der beiden Liebenden in das Zimmer der Eltern. — Dorotheens Benehmen bis zum Schluffe des Gedichtes. — Anruf der Muse. 74 XXXVII. Kurze Vergleichung dieser Schilderung mit dem im Vorigen Gesagten. — Reine Objektivität derselben — sowie des ganzen Gedichtes. 76 XXXVIII. Schlichte Einfalt und natürliche Wahrheit unseres Gedichtes 77 XXXIX. Die Verbindung reiner Objektivität mit einfacher Wahrheit macht dies Gedicht den Werken der Alten ähnlich. 81 XXI Seite XD. Verschiedenheit unseres Gedichtes von den Werken der Alten. — Mangel an sinnlichem Reichthum. 82 XDD Dieser Mangel an sinnlichem Reichthnm zeigt sich auffallend in der Behandlung des Wunderbaren. 86 XDII. Der Unterschied dieses Gedichtes von den Werken der Alten offenbart sich aber auch in einem ihm eigcnthümlichen Vorzug. 88 XDIID Erläuterung des Vorigen durch einige Beispiele. SV XDIV. Reicher Gehalt dieses Gedichtes für den Geist und die Empstn- dung. — Eigenthümliche Behandlung desselben. S4 XDV. Eigenthümlichkcit unseres Gedichtes in der Verbindung dieses wahrhaft modernen Gehaltes mit jener echt antiken Form... SS XDVI. Vaterländischer Charakter unseres Dichters in seiner Vergleichung mit den alten und den »eueren Dichtern anderer Nationen gezeigt. 102 XDVID Einfluß der geschilderten Eigenthümlichkeit des Gedichtes auf die Totalwirkung desselben.Ivz XDVIII. Resultate. — Allgemeiner Charakter unseres Dichters ... 104 XDIX. Rechtfertigung des bei der Zeichnung dieses Charakters gewählten Ganges.106 D. Flüchtiger Blick auf das Verkältniß des Charakters unseres Dichters überhaupt zu dem besonderen dieses Gedichtes.107 Dl. Zwiefache Beurtheilung eines Kunstwerkes.I0S DID Epische Dichtung. — Unbestimmtheit des gewöhnlichen Begriffes derselben. 11 g Dill. Methode der Ablesung der verschiedenen Dichtungsartcn ... 111 DIV. Allgemeiner Charakter der Epopöe. — Aus welcher Stimmung der Seele das Bedürfniß zur epischen Dichtung herfließt. ... 112 DV. Zustand allgemeiner Beschauung entgegengesetzt dem Zustande einer bestimmten Empfindung.113 DVI. Besondere Schilderung jenes allgemein beschauenden Zustandes . 114 DVID Verbindung des Zustandes allgemeiner Beschauung mit der ^ Thätigkeit der dichterischen Einbildungskraft. — Entstehung des epischer! Gedichtes..116 DVIII. Eigenschaften des Zustandes allgemeiner Beschauung - - - 118 DIX. Eigenschaften der dichterische» Einbildungskraft in Beziehung auf jene» Zustand.i.120 DX. In der Verbindung des Zustandes allgemeiner Beschauung und der dichterischen Einbildungskraft treten der Form nach gleichartige Eigenschaften mit einander in Wechselwirkung. — Einfluß. welchen dies auf die epische Stimmung ansübt.122 DXI. Weitere Schilderung einer rein epischen Stimmung.123 DXII. Definition der Epopöe.126 DXIII. Unterschied zwischen der Epopöe und der Tragödie. 127 XXII Seite DXIV. Die Tragödie erregt eine bestimmte Empfindung, und ist daher lyrisch.130 DXV. Worin beide Dichtungsarten mit einander Übereinkommen? und worin sie von einander abweichcn?.132 DXVI. Warum die Werke der Alten vorzugsweise eine so große Ruhe hervorbringcn?.134 DXVII. Unterschied zwischen der Epopöe und der Idylle. — Charakter der letzteren in Rücksicht auf die Stimmung, aus der sie herfließt .13S DXVIII. Charakter der Idylle in Rücksicht auf den Gegenstand, den sie schildert.137 DXIX. Unterschied zwischen der Epopöe und anderen erzählenden, aber nicht epischen Gedichten..13S DXX. Diese Gattung beschreibender Gedichte hat einen beschränkteren Zweck, als die Epopöe, und steht ihr in dichterischer Vollendung nach.141 DXXI. Einwurf gegen die Anwendung des Begriffes der Epopöe auf das gegenwärtige Gedicht.143 DXXII. Beantwortung dieses Einwurfes. — Begriff des Heroischen . 145 IliXXIII. Gewöhnlicher Begriff der großen Epopöe. — Seiner Unbestimmtheit ungeachtet liegt ihm Wahrheit zum Grunde .... 146 I-XXIV. Beweis des Gesagten durch ein Beispiel aus der Jliade - - . 147 I^xxv. Jener unbestimmte Begriff der Epopöe wird bestimmt, sobald man ihn auf den des Heroischen zurückführt.148 DXXVI. Ankündigung des Gegenstandes und Anruf der Muse in der Epoöpe .149 I-XXVII. Zwiefache Gattung der Epopöe.151 DXXVIII. Eigenthümliche Größe des Gegenstandes unseres Gedichtes. 155 DXXIX. Hauptthema des Gedichtes.156 DXXX. Größe in den darin aufgeführten Charakteren und Begebenheiten .158 DXXXI. Resultat des Ganze». — Eigentlicher Stoff des Gedichtes . - 161 I-XXXII. Gesetz der Epopöe. — Gesetz der höchsten Sinnlichkeit ... 163 DXXXIII. Gesetz durchgängiger Stetigkeit.164 I,XXXIV. Gesetz der Einheit.165 DXXXV. Gesetz des Gleichgewichtes.167 I,XXXVI. Gesetz der Totalität.169 DXXXVIl. Gesetz pragmatischer Wahrheit.170 I-XXXVIII. Plan des Gedichtes. — Gang der Handlung.172 I-XXXIX. Echt dichterische Erfindung des Ganzen.176 X6. Augenblick, in welchem die Handlung anhebt.176 XXIII Seite X6I. EntscheidendeNmstände, durch welche die Handlung ihre Haupt- Wendungen erhält.178 XOII. Benutzung des Ortes und der Zeit.181 XOIII. Stetigkeit in den nacheinander erregten Empfindungen. — Ausnahme davon. — Mittel des Apothekers gegen die Ungeduld. . 183 XOIV. Charaktere des Gedichtes. — Allgemeine Gattung, zu der dieselben gehören. — Ihre Aehnlichkeit mit den Homerischen... 186 XOV. Verhältnis; der Cullur und einer cultivirten Zeit zu dem epischen Gebrauche.188 XOVI. Möglichkeit der heroischen Epopöe in unserer Zeit.190 X6VII. Darstellung einfacher Weiblichkeit in Dorotheen.192 XOVIII. Idealität in der Charakterschilderung. — Verhältniß der Charaktere zu einander.194 XOIX. Diction.195 6. Einfachheit der Dietion.197 01. Periodenbau.199 OII. Versbau und Rhythmus.199 OIII. Uebereinstimmung des besonderen Charakters des Gedichtes mit dem allgemeinen der Gattung, zu der es gehört.201 OIV. Schluß.202 Einleitung. Nichts vollendet so sehr dm absoluten Werth eines Gedichts, als wenn cs, »eben seinen übrigen cigcnthümlichcn Vorzügen, zugleich den sichtbaren Ausdruck seiner Gattung und das lebendige Gepräge seines Urhebers an sich trägt. Denn wie groß auch die einzelnen Schönheiten sein mögen, durch welche ein Kunstwerk zu glänzen im Stande ist, wie regellos die Bahnen, welche selbst das echte Genie manchmal verfolgt; so bleibt eS doch immer gewiß, daß dasselbe da, wo es in seiner vollen Kraft thätig ist, auch immer in einer reinen und entschiedenen Individualität anstritt, und sich ebenso wieder in einer reinen und bestimmten Form auSprägt. Wenn daher andere Prodncte der Kunst nur eine einseitige Bewunderung oder eine flüchtig aufbrausende Begeisterung hervorbringcn; so sind es allein die, welche jenen Grad der Vollkommenheit besitzen, in welchen der Leser seine volle und dauernde Befriedigung findet, und ans denen er wieder die Stimmung zu schöpfen vermag, die ihnen selbst das Dasein gab. Vorzüglich aber sind sie ein dankbarer Gegenstand für die ästhetische Bc- nrtheilnng. Denn sie erheben zugleich mit sich auch ihren Beurtheiler empor, und führen von selbst eine Art der Kritik herbei, die in dem einzelnen Beispiel zugleich die Gattung, in dein Werke zugleich den Künstler schildert. Eine solche Bcurthcilnng schien mir Goethe's Hermann und Dorothea vorzugsweise zu verdienen. Denn in dein eigenthümlichen Geiste, der diese Dichtung beseelt, glaubte ich in vorzüglich sichtbarer Stärke die doppelte Verwandtschaft zu erkennen, in welcher derselbe ans der einen Seite mit der allgemeinen Dichter- und Künstlernatur überhaupt, auf der anderen mit der besonder» Eigcnthnmlichkeit ihres Verfassers steht. Die poetische Gattung und die epische Art erscheint nur selten so rein und so W. v. Hum bol r t. über Goctbe's Hermann nnd Dorothea. 1 0 vollständig, als in dcr meisterhaften Composition dieses Ganzen, der dichterischen Wahrheit dieser Gestalten, dein stetigen Fortschreiten dieser Erzählung; und wenn Gocthe's Eigenthümlichkeit in einzelnen ihrer Vorzüge stärker und leuchtender aus anderen seiner Werke hervorstrahlt, so findet man in keinem, so wie in diesem, alle diese einzelnen Strahlen in Einem Brennpunkt versammelt. Die kritische Zergliederung dieses Werkes zu übernehmen, hieß in einem noch eigentlicheren Verstände, als es die ästhetische Bcurtheilung immer thun muß, in das Wesen dcr dichterischen Einbildungskraft einzn- dringen; und so trieb mich die Begierde, dieser gehcimnißvollsten unter allen menschlichen Kräften mit Begriffen näher zu kommen, nicht weniger, als die Liebe zu diesem Gedicht, den Versuch zu wagen, aus dem diese Schrift entstand. Diesen! Gesichtspunkte, von dein ich ansging, habe ich mich bemüht, in der Ausführung getreu zu bleiben. Ich habe die Betrachtung deS Gedichts so wenig als möglich von dcr Betrachtung des Dichters getrennt, und dasselbe, so viel ich immer konnte, nur als den lebendig dargestelltcn Gedanken einer individuellen dichterischen Einbildungskraft bcurthcilt. Denn die Natur eben dieser Einbildungskraft zu studieren, war mein hauptsächlichster Endzweck. , Dies bitte ich den Leser nicht ans den Augen zu verlieren, wenn er vielleicht finden sollte, daß ich mich bisweilen zu sehr von meinem Gegenstände entferne, zu hoch zu allgemeinen Grundsätzen erhebe, oder zu weit ans andere Dichtungsartcn und Dichternaturcn verbreite. Beides war auf dein Wege, den ich einmal nahm, unvermeidlich. Denn um zu zeigen, daß dies Gedicht die allgemeine Natur dcr Poesie und der Kunst reiner, als nicht leicht ein anderes, sich zum besonder!! Charakter aneignet, mußte ich nothwcndig, das Wesen dcr Kunst in ihren ersten Gründen aufsuchend, bis auf die höchsten Principien dcr Elementar - Aesthetik znrückgehcu; und um demselben, so wie dem Dichter selbst, die ihnen gebührende Stelle unter den übrigen Kunstwerken und Künstlern anzuweisen, eben so nothwcndig die verschiedenen Ncbcnarten aufführcn, welche dieselbe Gattung mit ihnen befaßt. Ich wählte aber diese Methode, immer zugleich bei meinem Gegenstände etwas Allgemeineres, die Poesie und die Dichtcrnatnr überhaupt, im Auge zu haben, nicht ohne Absicht. Jede philosophische Bcurtheilung kann auf einen zwiefachen Endzweck hinarbciteu, mehr auf die objcctive Beschaffenheit des Werkes, das sie zu würdigen versucht, oder mehr auf den Geist Rücksicht nehmen, der nothwcndig war, es hervorzudringcn. In dem crsteren Fall befördert sie die Gesetzmäßigkeit unserer Thätigkcit; in dem letzteren bildet sic die ihr günstige Stimmung unseres Gemüthes. In dem Gcmüthe des Menschen aber sind die Anlagen zu jeder Art der Kraftäußerung mit einander verwandt, und jede einzelne entwickelt sich freier und vollkommner, wenn sie durch die verhältnißmäßigc Ausbildung der übrigen unterstützt wird. Von welchen: Gegenstände man daher immer reden mag, so kann man ihn auf den Menschen, und zwar auf das Ganze seiner intellectncllcn und moralischen Organisation beziehen. Bei jeder cigcnthümlichcn Philosophie, jedem weltumfassenden System der Naturforschung, jeder großen politischen Einrichtung kann man untersuchen, was dadurch der philosophische, naturhistorischc, politische Geist allein und in ihrer Verbindung gewonnen haben. Man kann an diese Untersuchung die noch allgemeinere anknüpfcn, um wie viel dadurch der menschliche Geist überhaupt dem letzten Ziele seines Strcbens näher gerückt ist, dem Ziele nämlich: die ganze Masse des Stoffes, welchen ihm die Welt um ihn her und sein inneres Selbst darbietet, mit allen Werkzeugen seiner Empfänglichkeit in sich aufznnchmen, und mit allen Kräften seiner Sclbstthätigkeit umzugestalten und sich anzneigncn, und dadurch sein Ich mit der Natur in die allgemeinste, regste und übereinstimmendste Wechselwirkung zu bringen. Man muß sogar immer beides, sobald man einen hohen Praktischen Endzweck verfolgt, und man darf es wenigstens nie ganz vernachlässigen, wenn man von der Kunst spricht, die ans dem Innersten des menschlichen Gemüthes selbst entspringt, und von einem Kunstwerke, das mit dem Gepräge einer großen Eigcnthümlichkeit gestempelt ist. Erwählt inan nun diesen höheren Standpunkt, so bezieht man seinen einzelnen Gegenstand auf einen allgemeinen, außer demselben liegenden Mittelpunkt, und arbeitet an einem mehr oder minder beträchtlichen Thcil eines weiten und erhabenen Gebäudes. Dieser Mittelpunkt ist nämlich: die Bildung des Menschen; dies Gebäude: die Charakteristik des menschlichen Gemüthes in seinen möglichen Anlagen und in den wirklichen Verschiedenheiten, welche die Erfahrung anfzcigt. Man besitzt nunmehr in der Summe der Vorzüge des Geistes und der Gesinnung, welche die Menschheit bisher dargcthan hat, eine identische, aber bestimmbare Größe, nach welcher sich der Einzelne bcnrthcilen läßt; man I' 4 sicht ein Ziel, dem man nachstrebcn kann; man kennt einen Weg, ans dem es möglich ist, im höchsten Beistände des Wortes Entdecker zu sein, indem man durch die That als Dichter, Denker, oder Forscher, aber vor allem als handelnder Mensch, jener Summe etwas Neues hinznfügt, und damit die Grenzen der Menschheit selbst weiter rückt. Dian gewinnt eine Zdce, welche durch Begeisterung zugleich Kraft mitthcilt, da das Gesetz die Schritte nur leitet, nicht auch beflügelt, und den Muth mehr danicdcr- schlagt, als erhebt. Es gicbt keine freie und kraftvolle Äcnßerung unserer Fähigkeiten ohne eine sorgfältige Bewahrung unserer ursprünglichen Natnranlagen; keine Energie ohne Individualität. Deswegen ist es so nothwendig, daß eine Charakteristik, wie die eben geschilderte, dem menschlichen Geiste die Möglichkeit vorzeichne, mannichfaltigc Bahnen zu verfolgen, ohne sich darum von dem einfachen Ziele allgemeiner Vollkommenheit zu entfernen, sondern demselben vielmehr von verschiedenen Seiten entgegen zn eilen. Nur ans eine philosophisch empirische Menschenkenntnis; läßt sich die Hoffnung gründen, mit der Zeit auch eine philosophische Theorie der Menschcn- bildung zn erhalten, lind doch ist diese letztere nicht bloß als allgemeine Grundlage zu ihren einzelnen Anwendungen, der Erziehung und Gesetzgebung (die selbst erst von ihr durchgängigen Zusammenhang in ihren Prineipicn erwarten dürfen), sondern auch als ein sicherer Leitfaden bei der freien Sclbstbildnng jedes Einzelnen ein allgemeines und besonders in unserer Zeit dringendes Bcdürfniß. Je größer die Anzahl der Richtungen ist, welche ihm offen liegen, je reichhaltiger der Stoff, welchen unsere Cultnr ihm darbietet, desto mehr fühlt sich auch der bessere Kopf verlegen, unter dieser Mannichfaltigkeit eine verständige Wahl zu treffen, und auch nur Mchreres davon mit einander zn verbinden. Ohne diese Verbindung aber geht die Cultnr selbst verloren. Denn wenn die Cultnr des Menschen die Kunst .ist, sein Gcmüth durch Nahrung fruchtbar zu machen, so muß er dazu seine Organe so harmonisch stimmen, und eine solche äußere Lage wählen, daß er so Vieles, als möglich, sich aneigncn kann, da ohne Aneignung kein Nahrungsstoff weder in das Gcmüth, noch in den Körper übergeht. Eine solche Charakteristik des Menschen dürfte sich zwar nie zu einer eigentlichen Wissenschaft erheben, ob sie gleich mehr bestimmt wäre, philosophisch und znm Behuf höherer Ausbildung zu entwickeln, was der Mensch überhaupt zn leisten vermag, als historisch zn zeigen, was cr bisher wirklich geleistet hat; aber sie würde dennoch nicht minder verdienen, als eine eigene, philosophisch geordnete ErfahrnngStheorie von der Masse der übrigen philosophischen Kenntnisse abgesondert zu werden. In wiefern sie hierauf Ansprüche machen, und selbst eines eigenen Namens bedürfen möchte, da sic sich auch in ihren: allgemeinen Theile von der Psychologie und Anthropologie wesentlich unterscheiden würde, ist hier nicht der Ort, auseinander zu setzen. Ich glaubte ihrer nur überhaupt erwähnen zu müssen, um für die Bcurtheilnng dieser Blätter den entfernteren Zweck bestimmter anzndcutcn, den ich bei Ausarbeitung derselben nie ans den Augen verlor. Der Rückblick auf diesen entfernteren Zweck aber hat mich genöthigt, einen Gang zu wählen, der, wie ich fürchte, Vielen zu lang und zu beschwerlich scheinen wird. Mein Raisonncmcnt ist nämlich für die Individualität meines Gegenstandes vielleicht zu allgemein, für seine Anschaulichkeit zu philosophisch geworden. Wenn ich mir auch schmeicheln könnte, den Acsthctiker einigermaßen befriedigt zu haben, so darf ich nicht auch hoffen, dem Dichter unmittelbar bei seinem Geschäfte nützlich zu werden. Die philosophische Höhe, zu der ich mich von meinem Standtpnnktc ans nothwcndig erheben mußte, ist dem ausübenden Künstler weder bequem noch fruchtbar; cr braucht mehr spceicllc und empirische Regeln. Wenn diese dem Philosophen zu eng und individuell sind, so erscheint ihm dagegen dasjenige, was für den Künstler Gehalt und Tauglichkeit zum allgemeinen Gesetz hat, immer hohl und leer. So stehen Beide in einem nothwcndigen und unvermeidlichen Widerstreite mit einander. Aber die Philosophie der Kunst ist auch nicht Hauptsächlich für den Künstler, und wenigstens nie für den Augenblick der Hcrvorbringnng bestimmt. Es ist ein Vorzug und ein Unglück der Philosophie überhaupt, immer nur den Menschen, nie die Ausübung zum unmittelbaren Endzweck zu haben. Der Künstler kann ohne sic Künstler, der Staatsmann ohne sic Staatsmann, der Tugendhafte ohne sie tugendhaft sein; aber der Mensch bedarf ihrer, um, was cr von ihnen empfängt, zu genießen und zu benutzen, um sich selbst und die Natur zu kennen und diese Kcnntniß fruchtbar zu machen; und jene sogar können ihrer nicht entbehren, wenn sie sich selbst verständlich werden und mit ihrer Vernunft dem Fluge ihres Genies oder der Tiefe und Nichtigkeit ihres praktischen Sinnes glcichkommen wollen. Eben so ist auch die Acsthctik unmittelbar nur für denjenigen bestimmt, welcher durch die Werke der Kunst seinen Geschmack, und durch «> einen freien nnd geläuterten Geschmack seinen Charakter zn bilden wünscht; der Künstler selbst kann sic mir gebrauchen, sich überhaupt zu stimmen, sich, wenn er sich eine Zeit hindurch seinem Genie überlassen hat, wieder zu orientiren, den Punkt zn bestimmen, auf dein er steht, und wohin er gelangen sollte. Neber den Weg aber, der ihn zu diesem Ziele führt, kann ihm nicht mehr sie, sondern allein seine eigene und fremde Erfahrung Rath ertheilen. Zwar wird ihm auch diese immer nur einzelne Bruchstücke zu liefern im Staude sein, abgerissene Regeln, denen cs nicht bloß an Vollständigkeit, sondern auch an Allgemcingültigkcit fehlt. Dessenungeachtet wäre cs nicht minder wichtig, dieselben zu sammeln nnd zu ordnen, und jeder, welchem sein Talent die Bahn der Kunst mit entschiedenem Erfolge zu wandeln erlaubt, sollte sorgfältig anfzcichnen, was er auf derselben an sich selbst bewährt gefunden hat. Es würde dadurch nicht bloß der Kunst, sondern auch der Philosophie ein wesentlicher Dienst geleistet. Denn der Aesthctikcr benutzt diese poetischen Geständnisse eben so, als der Psycholog die moralischen, und freut sich, die Künstlernatur, die er sonst nur mit Brühe aus ihren Werken ahnet, nun durch unmittelbare Anschauung zn erkennen. Dies ist cs, was Didcrots ästhetischen Aufsätzen einen so großen Werth giebt, der Rcichthnm von Bemerkungen und Erfahrungen, der z. B. seine Versuche über die Malerei nnd seine Abhandlung über die dramatische Poesie so fruchtbar für den Künstler und Theoretiker macht. Ter Abstand, welcher sich zwischen dem allgemeinen Gesetze nnd dem individuellen Kunstwerke befindet, hindert oft, daß das letztere sogleich vollkommen als der einzelne Fall erscheine, in welchem das crstere dargc- stcllt ist. Sehr leicht könnte sich daher der Leser in der Folge dieser Versuche zu der Beschuldigung veranlaßt finden, daß ich den Charakter des bcnrthciltcn Gedichtes nicht treu genug vor Augen gehabt, und meine Behauptungen nicht durch vollkommen passende Beispiele gerechtfertigt Hütte. Ehe er indes; ein solches Bcrdammungsurtheil ausspricht, muß ich ihn bitten, sich mit dem Geiste des Ganzen recht vertraut zu machen, und diesen auch bei einzelnen Stellen nie aus dem Gesichte zu verlieren. Denn auch mir hat immer der Totalcindruck vorgcschwebt, und ich kenne in ästhetischen Bcurtheilungen keine andere Absondcrnngsmcthodc, als diejenige, welche die einzelne Eigenschaft, auch zu einem augenblicklichen Gebrauche 7 getrennt, noch immer dnrch das Ganze, mit dein sic verbunden ist, modi- ficirt betrachtet. Bei der Bestimmung der DichtungSart, zu welcher Hermann und Dorothea gehört, habe ich nöthig gefunden, eine eigene, von dem gewöhnlichen Begriff der Epopce abweichende Gattung derselben fcstzn- setzen. Ich furchte hierbei nicht den Vorwurf, zum Behuf eines einzelnen Gedichtes ohne Noth eine neue Gattung geschaffen zu haben. Wer die Theorie der Kunst bearbeitet, befindet sich in dem gleichen Fall mit dem Naturforscher. Was diesem die Natur ist, das ist jenem das Knnstgcnie. Wofern er nur gewiß ist, daß dieses und zwar in seiner vollen und reinen Kraft gewirkt hat (denn hierüber muß er einen freien und eigenmächtigen Richterspruch fällen), so bleibt ihm nichts übrig, als die.Geburten desselben gerade für das zu nehmen, wofür sic sich ankündigen, sie einfach zu beschreiben, und sein System, wenn sie sich seiner Classification widcrsctzen, nach ihrem Bedürfniß zu erweitern. Die Entwicklung philosophischer Thcorieen an einzelnen znm Grunde gelegten Beispielen führt gewöhnlich mehr als Einen Nachthcil mit sich. Entweder leidet dadurch die Allgemeinheit der Theorie, oder cS wird auch in dem einzelnen Fall, von dem inan ansgeht, mehr hineingelcgt, als sich sonst natürlich darin gefunden hätte. So wie ich in dieser Einleitung den Zweck auscinandcrgcsctzt habe, auf den ich hinarbeitcte, glaube ich keinen dieser beiden Vorwürfe mehr befürchten zu dürfen. Bei der Methode, die ich wählte, mußte sich zwar das gesamnite Feld der Kunstphilo- sophic meinem Blicke zeigen, aber ich durfte mich nie von dem Standpunkte entfernen, auf den ich mich gestellt hatte. Wenn die erstere Betrachtung mir die Bahn, die ich zu durchlaufen hatte, cröffnete, so mußte die letztere sie zu begränzen dienen. Dies bitte ich den Leser besonders da nicht zu vergessen, wo ich Uber andere Dichtnngsarten und Dichtcrnatnrcn, wie z. B. über die Tragödie und über Ariost rede. Denn da ich ihrer immer nur in Beziehung auf meinen eigentlichen Gegenstand erwähne, so könnte mein Raisonncmcnt in diesen Stellen, ohne diese Erinnerung leicht schief und einseitig erscheinen. Freilich aber gestehe ich gern, daß ein tieferes Eindringen in die Grnndprineipicn einer allgenreingültigen Philosophie der Kunst überhaupt mir bald zu reizend schien, um dasselbe als einen bloß untergeordneten Zweck meiner Arbeit zu betrachten, und daß meine Bemühung vielmehr wesentlich darauf hinging, den gesammtcn Vorrath meiner Ideen über diesen Gegenstand zu einem, auch von jeder 8 fremden Beziehung unabhängigen und so viel möglich in sich selbst vollendeten Ganzen systematisch zu ordnen. Sollte übrigens der geschmackvolle Knnstrichtcr die Resultate dieser Untersuchungen mit minderer Ausführlichkeit und mit einer gedrängteren Kürze dargcstellt wünschen; so fühle ich vielleicht lebhafter, als irgend einer meiner Leser, die Billigkeit dieser Forderung, in so fern sic den Stil und den Vortrag ansschlicßend betrifft. Für einen großen Theil des Publienms hingegen glaube ich meinen philosophischen Raisonncmcnts sowohl mehr Klarheit, als mehr überzeugende Kraft dadurch ertheilt zu haben, daß ich sie unmittelbar an die Zergliederung eines vollendeten Kunstwerkes angeschlossen; und ich habe der Versuchung nicht widerstehen können, manche sonst nicht unwichtige Rücksichten dem höhere:: Interesse aufznopsern, welches ein so allgemein beliebtes Meisterstück jeden: nicht ganz mißlungenen Versuch seine Schönheiten zu entwickeln, unstreitig zu erthcilcn vermag. I. Wirkung des Gedicktes im Ganzen. — Es läßt einen rein dichterischen Eindruck in dem Gemüthe zurück. Dic schlichte Einfachheit dcö geschilderten Gegenstandes nnd die Größe nnd Tiefe der dadurch hcrvorgcbrachtcn Wirkung, diese beiden Stücke sind cS, welche in Gocthc's Hermann und Dorothea dic Bewunderung des Lesers am stärksten nnd unwillkürlichsten an sich reißen. Was sich am meisten entgcgensteht, was nur dem Genie des Künstlers, und auch diesem allein in seinen glücklichsten Stimmungen zu verknüpfen gelingt, finden wir ans einmal vor unserer Seele gegenwärtig — Gestalten, so wahr und individuell, als nur dic Natur nnd dic lebendige Gegenwart sie zu geben, und zugleich so rein und idcalisch, als die Wirklichkeit sic niemals darzustcllen vermag. In der bloßen Schilderung einer einfachen Handlung erkennen wir das treue und vollständige Bild der Welt und der Menschheit. Der Dichter erzählt die Verbindung eines Sohnes aus einer wohlhabenden Bürgcrfamilie mit einer Ausgewanderten; er thut nichts, als die einzelnen Momente dieser Handlung, die einzelnen Theile dieses Stoffes ans einander legen, die Reihe der Umstände entwickeln, wie sic natürlich nnd nothwendig ans einander entspringen; er ist nie mit etwas anderem, als mit seinem Gegenstände beschäftigt; alle Hindernisse, durch die er den Knoten der Handlung schürzt, alle Mittel, durch die er ihn wieder löst, sind allein aus diesem nnd ans den Charakteren der handelnden Personen genommen; alles, wodurch er die Thcilnahme des Lesers gewinnt, ist allein in diesem Kreise enthalten, nnd nie tritt er in seiner eigenen Individualität hervor, nie schweift er in eine eigene Betrachtung, oder eine eigene Empfindung aus. Und ans welchen Standpunkt sicht sich dadurch der Leser 10 versetzt! Das Leben in scincn größesten und wichtigsten Verhältnissen und der Mensch in allen bedeutenden Momenten seines Daseins stehen ans einmal vor ihm da, und er durchschaut sie mit lebendiger Klarheit. Was seinem Herzen das Wichtigste ist, sein Nachdenken und seine Beobachtung am anhaltendsten beschäftigt, sicht er mit wenigen, aber meisterhaften Zügen in überraschender Wahrheit geschildert — den Wechsel der Alter und Zeiten, die fortschreitende Umänderung in Sitten und Denkungsart, die Hanptstufen menschlicher Cnltnr, und vor allem das Verhältnis; häuslicher Bürgcrtngcnd und stillen Familicnglücks zu dem Schicksal von Nationen und dem Strome außerordentlicher Ereignisse. Indem er nur den Begebenheiten einer einzelnen Familie znzuhören glaubt, fühlt er seinen Geist in ernste und allgemeine Betrachtungen versenkt, sein Herz zu wchnmthsvoller Rührung hingerissen, sein ganzes Gcmüth hingegen zuletzt wieder durch einfache, aber gediegene Weisheit beruhigt. Denn die wichtige Frage, die sich in unserer Zeit überall jedem aufdrän- gcn muß: wie soll bei dem allgemeinen Wechsel, in welchem Meinungen, Sitten, Verfassungen und Nationen fortgcrissen werden, der Einzelne sich verhalten? findet er nicht allein in den mannichfaltigstcn Gestalten aufgeworfen, sondern auch so beantwortet, daß die Antwort ihm mit der Belehrung zugleich Kraft znm Handeln und Muth zum Ausharrcn in die Seele haucht. Ans der Mitte aller Verhältnisse seiner Zeit und seines Vaterlandes, sicht er sich in eine Welt versetzt, in die er sonst nur, von der Erinnerung an die einfachsten und frühesten Menschcnalter erfüllt, an der Hand der Alten einzugehen pflegt. Denn indem ihn der Dichter bei der ganzen Individualität seines Wesens ergreift, führt er ihn zu den reinen und ursprünglichen Naturformcn zurück; und indem er in der Wirklichkeit alles vertilgt, was sie zur bloßen Wirklichkeit und untauglich znm Gebrauch für die Phantasie macht, benutzt er noch bis auf den kleinsten Zug ihre Individualität. So rein dichterisch hat er seinen Stoff erfunden und ausgcführt. 11 II. Hauptbcstandtheilc aller dichtcrischcn Wirkung. — Plan dieser Benrthcilnng im Allgemeinen. Nichts ist ein so zuverlässiger Beweis des echt dichterischen Charakters, als die Verbindung des Einfachsten und des Höchsten, des durchaus Individuellen und vollkommen Identischen (dieser beiden Hauptbestand- theile aller künstlerischen Wirkling) in derselben Schilderung und derselben Gestalt. Denn durch einzelne Bilder der Phantasie den Geist auf einen hohen und weitnmschancndcn Standpunkt zu führen, ist die schöne Bestimmung des Dichters; vermittelst durchgängiger Begrenzung seines Stoffes eine unbegrenzte und unendliche Wirkling hcrvorzubringcn, durch ein Individuum einer Idee Genüge zu leisten, und von Einem Punkte ans eine ganze Welt von Erscheinungen zu eröffnen. Zwar kann es leicht scheinen, als sei das Geschäft, das ihm dadurch aufgelegt wird, nur die übertriebene Forderung eines nudichtcrischcn Zeitalters, das, indem cs überall nach philosophischen Begriffen hascht, auch überall nur Ideen sucht, und das bloße und leichte Spiel der Sinne und der Einbildungskraft verschmäht. Man darf aber nur seine nächste und eigentlichste Bestimmung genau untersuchen, und man wird unleugbar finden, daß, indem er dieser vollkommen zu genügen strebt, er sich zugleich auf dem Wege befindet, jenes zu erreichen, sich zu Idealen zu erheben lind eine gewisse Totalität zu erlangen. Dies liegt uns jetzt zu zeigen ob. Denn wenn das Gedicht, das wir zu bcurthcilcn im Begriff sind, wirklich einen so rein dichterischen Eindruck zurückläßt, als wir so eben beschrieben haben, so wird uns nichts so sicher, als die Erörterung des Wesens der Dichtkunst selbst, bei der Schilderung seines allgemeinen Charakters leiten; und diese Schilderung macht den ersten und hauptsächlichsten Theil unseres Geschäftes aus. Haben wir diesen vollendet, so bleibt uns dann nur noch übrig, die Arbeit des Dichters mit den besonderen Regeln der Gattung zu vergleichen, zu der sie gehört. 12 Dcnn nur, indem wir diese doppelte Benrthcilnng mit einander verbinden, können wir gewiß sein, weder der Originalität des Dichters, noch den gerechten Ansprüchen der Theorie der Kunst zu nahe zu treten. III. Einfachster Begriff der Kunst. Das Feld, das der Dichter als sein Eigcnthum bearbeitet, ist das Gebiet der Einbildungskraft; nur dadurch, daß er diese beschäftigt, und nur in so scrn, als er dies stark und ausschließend thnt, verdient er Dichter zu heißen. Die Natur, die sonst nur einen Gegenstand für die sinnliche Anschauung abgicbt, muß er in einen Stoff für die Phantasie nm- schafsen. Das Wirkliche in ein Bild zu verwandeln, ist die allgemeinste Aufgabe aller Kunst, auf die sich jede andere, mehr oder weniger unmittelbar, znrückbringm laßt. Um hierin glücklich znsein, hat der Künstler nur Einen Weg cinznschlagcn. Er muß in unserer Seele jede Erinnerung an die Wirklichkeit vertilgen, und nur die Phantasie allein rege und lebendig erhalten. An seinem Objecte darf er dem Gehalte und selbst der Form nach nur wenig ändern; wenn man die Natur in seinem Bilde wicdcrcrkcuncn soll, so muß er sic streng und treu nachahmen; es bleibt ihm also nichts übrig, als sich an das Snbject zu wenden, auf das er wirken will. Ließe er auch den Gegenstand selbst, bis auf seine kleinsten Flecken, gerade so wie er in der Natur ist, so hätte er denselben nichts desto weniger zu etwas durchaus Verschiedenem gemacht; dcnn er hätte ihn in eine andere Sphäre versetzt. In der Wirklichkeit schließt immer eine Bestimmung jede andere ans; was sie also dem Gegenstände durch ihre Beschaffenheit giebt, das nimmt sic ihm wieder durch ihr ansschließendcs Dasein; vor der Phantasie hingegen fällt diese Beschränkung, die nur aus der Natur der Wirklichkeit herflicßt, von selbst hinweg, da die Seele, von der Phantasie begeistert, sich über die Wirklichkeit erhebt. Diese allgemeinste und einfachste Wirkung aller Kunst beweisen am besten diejenigen Gemälde, die sich begnügen, leblose Naturgegcnstände darznstcllen. Eine Pflanze, eine Frucht ist gerade so gemalt, wie sie in 13 der Natur vor uns dalicgt, cs ist nichts ausgelassen, nichts hinzngesctzt; wnrni» »nicht sic dennoch einen anderen Eindruck, als der wirkliche Gegenstand? warum ist ein solches Stück in Rücksicht auf den allgemeinen Begriff der Kunst durchaus von demselben Wertste in seiner Gattung wie jede andere Vorstellung in der ihrigen? Bloß darum, weil es gerade und rein zur Phantasie des Zuschauers geht, und eben so rein aus der Phantasie des Künstlers entsprungen ist. Bis so weit ist die Kunst mehr beschrieben, als definirt; ihr Wesen mehr empirisch erläutert, als philosophisch entwickelt »vordem Eine wahre Definition muß sich, wenn sic nicht willkürlich scheinen soll, ans eine Ableitung ans Begriffen gründen. Eine solche kann für die Kunst nur ans der allgemeinen Natur des Gemüthcs stattfinden. Wir unterscheiden drei allgemeine Zustände unserer Seele, in denen allen ihre sämmtlichen Kräfte gleich thätig, aber in jedem Einer besonderen, als der herrschenden, untergeordnet sind. Wir sind entweder mit dein Sammeln, Ordnen und Anwcnden bloßer Erfahrnngskenntnisse, oder mit der Aufsuchung von Begriffen, die von aller Erfahrung unabhängig sind, beschäftigt; oder wir leben mitten in der beschränkten und endlichen Wirklichkeit, aber so als wäre sie für uns unbeschränkt und unendlich. Der letztere Zustand kann, das begreift man leicht, nur der Einbildungskraft angchören, der einzigen unter unseren Fähigkeiten, welche widersprechende Eigenschaften zu verbinden im Stande ist. Was in demselben vorgeht, muß eine zwiefache Eigenschaft in sich vereinigen. Es muß 1. ein reines Erzcngniß der Einbildungskraft sein; und 2. immer eine gewisse, äußere oder innere, Realität besitzen. Ohne das erstere wäre die Einbildungskraft nicht herrschend; ohne das andere wären die übrigen Kräfte unserer Seele nicht zugleich thätig. Da aber die Realität, von der hier die Rede ist, sich nicht auf ein Dasein in der Wirklichkeit beziehen darf, so kann dieselbe nur auf Gesetzmäßigkeit beruhen. Ans diesem Zustande nun entspringt das Bedürfniß der Kunst. Daher ist die Kunst die Fertigkeit, die Einbildungskraft nach Gesetzen productiv zu machen; und dieser ihr einfachster Begriff ist zugleich auch ihr höchster. 14 IV. Höhe dcr Wirkung, zu dcr die Kunst sich erhebt. — Idealität. — Erster Begriff des Jdcalischen, als des Nicht-Wirklichen. Dic Einbildungskraft durch die Einbildungskraft zu entzünden, ist das Geheimniß des Künstlers. Denn um die unserige zn nöthigcn, den Gegenstand, den er ihr schildert, rein aus sich selbst zn erzeugen, muß derselbe frei ans dcr scinigen hcrvorgehen. Dadurch aber, daß jedes Kunstwerk, wie treu es auch seinem Urbilde sei, doch als eine vollkommen neue Schöpfung dem Künstler eigen ist, erleidet auch der Gegenstand eine Umänderung seines Wesens, und wird zn einer anderen Höhe erhoben. Das Reich dcr Phantasie ist dem Reiche der Wirklichkeit durchaus entgegengesetzt; und eben so entgegengesetzt ist daher auch dcr Charakter dessen, was dem einen oder dem anderen dieser beiden Gebiete angchört. Mit dem Begriffe des Wirklichen unzertrennbar verbunden ist cs, daß jede Erscheinung einzeln und für sich dasteht, daß keine als Grund oder Folge von dcr andern abhängt. Denn nicht allein, daß eine solche Abhängigkeit niemals wirklich ungeschaut, immer nur durch Schlüsse cingeschcn werden kann, macht auch der Begriff des Wirklichen selbst das Anfsuchcn derselben überflüssig. Die Erscheinung ist da, dies ist genug, jeden Zweifel zurückzuweisen; wozu braucht sie sich noch durch ihre Ursache, oder ihre Wirkung zn rechtfertigen? Sobald man hingegen in das Gebiet des Möglichen übergeht, so besteht nichts mehr, als durch seine Abhängigkeit von etwas anderem; und alles, was nicht anders, als unter der Bedingung eines durchgängigen inneren Zusammenhanges gedacht werden kann, ist daher im strengsten und einfachsten Sinne des Wortes idcalisch. Denn cs ist in sofern der Wirklichkeit, der Realität, geradezu entgegengesetzt. Auf diese Weise idcalisirt muß daher alles werden, was dic Hand dcr Kunst in das reine Gebiet der Einbildungskraft hinüberführt. Wohin der Mensch nur immer seine Blicke richten mag, da sucht er den Begriff eines gegenseitigen Zusammenhanges, einer inneren Organisation geltend zn machen. Ueberall den Zufall zn verbannen, zn verhindern , daß in dem Gebiete des Beobachtend und Denkens er nicht zn herrschen scheine, im Gebiete des Handelns nicht herrsche, ist daS Streben 15 der Vernunft. Dadurch allein schon bewährt er, daß er sich mit Recht einer höheren Abkunft rühmt, als die übrigen Geschöpfe, daß er in ein besseres Land, als das der Wirklichkeit, daß er in das Land der Ideen gehört. Dahin auch die ganze Natur, treu und vollständig beobachtet, mit sich hinüber zu tragen, d. h. den Stoff seiner Erfahrungen dem Umfange der Welt gleich zu machen; diese ungeheure Masse einzelner und abgerissener Erscheinungen in eine nngetrenntc Einheit und ein organisirtes Ganzes zu verwandeln; und dies durch alle die Organe zu thnn, die ihm hierzu verliehen sind, — ist das letzte Ziel seines intcllcctnellcn Bemühens. Da jedoch diese Betrachtung in ihrer Allgemeinheit unserem Gegenstände fremd ist, so bleiben wir hier nur bei dem Anthcilc stehen, den an dieser großen Arbeit die Einbildungskraft und der Künstler insbesondere nimmt. Wir erinnern überhaupt nur daran, um zu zeigen, daß die Kunst nicht zu den mechanischen und untergeordneten Geschäften gehört, durch die wir uns zu unserer eigentlichen Bestimmung bloß vorbcrcitcn, sondern zu den höchsten und erhabensten, durch die wir sic selbst unmittelbar erfüllen. V. Zweiter und höherer Begriff des Jdcalischcn, als eines Etwas, das alle Wirklichkeit übcrtrifft. Dadurch, daß der Dichter seinen Gegenstand, selbst wenn er ihn unmittelbar aus der Natur entlehnt, doch immer von neuen: durch seine Einbildungskraft erzeugt, wird die Gestalt bestimmt, die er demselben über seine wirkliche Beschaffenheit, oder auch außer derselben, giebt. Denn er tilgt nun jeden Zug in ihm ans, der nur in Zufälligkeiten seinen Grund hat, macht jeden von dem anderen, und das Ganze nur von sich selbst abhängig; und die Einheit, die dadurch in ihm herrschend wird, ist dennoch keine Einheit des Begriffes, sondern durchaus nur eine Einheit der Form. Denn nur unter der doppelten Bedingung völliger Selbstbestimmung und völliger Formalität, ist die Einbildungskraft im Stande, ihn sich selbst zu 16 bilden. Gelingt ihm diese Arbeit, so stellt er zuletzt lnntcr reine Charakter- formen ans, bloße Gestalten, welche die lautere, nicht durch einzelne wechselnde Umstände entstellte Natur an sich tragen; so ist jede mit dem Gepräge ihrer Eigenthümlichkcit gestempelt, und diese Eigcnthümlichkeit liegt bloß in der Form, kann nie anders, als durch Anschancn gefaßt, nie aber in einem Begriffe ansgedrückt werden. Nun erst wird die Natur durch die Kunst verschönt und veredelt, nun erst erhält der Begriff des Identischen seine höhere Bedeutung dessen, was keine Wirklichkeit erreichen und kein Ausdruck erschöpfen kann. Auch hier muß man sich indes; sorgfältig in Acht nehmen, weder die Art, wie der Künstler hierbei verfährt, zu verkennen, noch etwa gar in den Zrrthmu zu verfallen, als dürfe er nur große, mir fehlerfreie Eharakterc schildern. Welches auch die Eigcnthümlichkeit sei, die sie an sich tragen, wenn sic nur ganz und allein in ihnen erscheint, wenn sic nur als ein reines Object der Einbildungskraft behandelt ist — dies ist die einzige Forderung, der ihm Genüge zu leisten obliegt. Um aber diese zu erfüllen, hat er nicht eben Züge wegznlassen oder hinznzusügcn; wenigstens wird nur selten gerade darauf das Wesentliche seiner Wirkung beruhen. Selbst bei der sklavischsten Anhänglichkeit an die Natur kann er diese noch in ihrem ganzen Umfange erreichen. Denn sie hängt nicht von einzelnen Zügen, einzelnen Umänderungen, nur von der Farbe, von dem Glanze ab, den er seinem Werke überhaupt leiht, nur davon, daß er ihm eine Einheit und eine Formalität giebt, die unmittelbar zu unserer Phantasie spricht, ihn uns unmittelbar als ein reines Werk der Einbildungskraft, und als vollkommen real, durchaus übereinstimmend mit den Gesetzen der Natur und unseres Gcmüthes, also idcalisch zeigt. Wodurch er indcß eigentlich diese Uebereinstimmung der Form unserer Einbildungskraft mit der Form der Natur bewirkt, vermöchte er selbst nicht zu sagen; und so wie man es zu beschreiben versucht, geräth man immer in die Gefahr, es in eine bloß mechanische Arbeit zu verwandeln. Der Ausdruck, daß der Dichter die Natur erhöht, muß daher immer mit Behutsamkeit gebraucht werden. Denn genau genommen ist er schlechterdings »»eigentlich. Das Werk des Künstlers und das Werk der Natur stehen nicht mehr in demselben Gebiete, und erlauben daher auch nicht mehr denselben Maßstab. Der Gebrauch, den man vom Identischen im Jntellectuellen und Moralischen macht, verleitet sehr leicht, sich darunter immer etwas durch 17 den Verstund Gedachtes, oder durch das Herz Empfundenes vorznstellen. Ader dieser Begriff ist ebensowohl nnf bloß sinnliche Gegenstände anwcnd- bor, und man darf sich nur an das vorhin gegebene Beispiel, den einfachsten Fall der Kunst, die bloße Nachahmung der Natur erinnern, um sich hiervon zu überzeugen. An einer schön gemalten Frucht bemerkt man ein Schwellen des Eontnrs, eine Zartheit des Fleisches, eine flanmartige Weichheit der Haut, ein Glühen der Farben, das — so sehr ist cs bloß idealisch — die Natur nie zu erreichen vermag. Man kann darum nicht sagen, das; die gemalte Frucht schöner sei, als die natürliche; die Natur ist überhaupt nie schön, als in sofern die Phantasie sie sich vorstellt. Man kann nicht sagen, daß die Umrisse in der Natur weniger vollendet, die Farben minder lebhaft wären; der Unterschied ist allein der, daß die Wirklichkeit zu den Sinnen, die Kunst zu der Phantasie spricht, daß jene harte und schneidende Umrisse, diese zwar immer bestimmte, aber immer auch unendliche gicbt. Selbst der unleugbare Widerspruch, der in diesen beiden Eigenschaften enthalten ist, beweist, daß alle Wirkung der Kunst nur durch die Stimmung des Empfindenden hcrvorgcbracht wird. Denn sonst ist cs offenbar klar, daß der Umriß, der bestimmt, zugleich begrenzt, daß, indem er an- giebt, wie weit eine Nnie, eine Fläche gehen soll, er zugleich alles Fernere ausschlicßt; aber die Phantasie begrenzt nie, sic geht immer ins Unendliche fort, und sobald also das Genie des Künstlers sic begeistert, verbindet sie ihre Unendlichkeit mit den Formen, die er ihr vorlegt, ohne sich um einen Widerspruch zu bekümmern, der zwar den Verstand und die bloße sinnliche Anschauung, nicht aber sie angeht. Eben daher kommt cs auch, daß die Knust uns immer in nnS zurück versenkt, da die Wirklichkeit uns ans uns hcrausführt, unsere Begierde znm Genuß, unsere Thätigkcit znm Handeln weckt. Das Werk der Kunst ist zu edel für den Genuß, und erregt zu sehr die innersten Kräfte des Menschen, um sic plötzlich in Bewegung zu setzen; eS flößt die höchste und schönste Begeisterung zu großen Thaten ein, aber erst indem cS den Menschen sich selbst giebt, schenkt es ihn der Welt. Es spricht gar nicht zn demjenigen Thcilc seines Wesens, mit dem er der Wirklichkeit angehört. W. v. HninbDlkl, über «Huelhe's Hermann li'.ld Dorutüea. 18 VI. Nvthwendigkcit, in der sich jcdcr echte Künstler bcsindct, immer das Jdcalischc zu erreichen. Sobald man das Wesen der Knnst in den Gesetzen der Phantasie, durch die sic allein wirksam ist, anfsucht, gelangt man nothwendig auf den Begriff des Identischen. Tenn so unbegreiflich auch das Verfahren des Künstlers ist, so gewiß darin immer Etwas — und gerade das Wesentliche — übrigbleibt, das der Dichter selbst nicht zu verstehen, und der Kritiker nie auszusprcchen vermag; so ist indeß doch immer so viel gewiß, daß der Künstler zuerst von nichts anderem ansgcht, als nur etwas Wirkliches in ein Bild zu verwandeln; daß er aber bald erfahrt, daß dies nicht anders, als durch eine Art lebendiger Mittheilnng, nur dadurch möglich ist, daß er gleichsam einen elektrischen Funken ans seiner Phantasie in die Phantasie Anderer überströmen läßt, und dies zwar nicht unmittelbar, sondern so, daß er ihn einem Objcet außer sich cinhancht. Dies ist der einzige Weg, der ihm offen liegt, und ohne es irgend zu wollen, bloß indem er seinen Dichterbernf erfüllt, und die Ausführung seines Geschäftes der Phantasie überläßt, hebt er die Natur ans den Schranken der Wirklichkeit empor, und führt sie in das k'and der Ideen hinüber, schafft er seine Individuen in Ideale um. VII. Nachahmung der Natur. Der Begriff des Identischen, als etwas über die Wirklichkeit Erhabenen, erinnert an das Gesetz der Nachahmung der Natur, das man bisher gewöhnlich dein Künstler zu befolgen geboten, ja sogar als eine Definition der Knnst selbst angesehen hat. In der That faßt es auch die beiden Hauptbegriffc derselben in sich: den der Realität in dem Ausdruck der Natur, und den, daß dieselbe doch anders, als sie wirklich ist, dargesteNt werden soll, in dem der 'Nachahmung, die nie eine völ- I» ligc Ucbereinknnft mit ihrem Borbilde erlaubt. Aber es enthält eine Unbestimmtheit, die mir dadurch vermieden werden kann, daß man das Wesen der Knust nicht (wie man bisher mir zu oft gethan hat) in der Beschaffenheit ihres Gegenstandes, sondern in der Stimmung der Phantasie nnfsncht. Zwar hat man sich bemüht, dieser Unbestimmtheit auf eine doppelte Weise abzuhclsen. Man hat dem Künstler empfohlen, nur die schöne Natur, und diese nur schön nachzuahmen. Allein der Begriff des Schönen veranlaßt vielerlei Mißverständnisse, ist von durchaus unbestimmter Ausdehnung, und läßt immer neue und höhere Grade zu. Der des Identischen hingegen ist vollkommen bestimmt. Denn alles ist identisch, was die Phantasie in ihrer reinen Sclbstthätigkcit erzeugt, was daher vollkommene Phantasieeinhcit besitzt. Diese nun ist immer eine geschlossene Größe, obgleich, da kein Künstler hoffen darf, sie ganz zu erreichen, die Stärke der Phantasie in den einzelnen Individuen auch hier unzählige Grade — jedoch nur in der Ausführung, nicht in der Forderung — zuläßt. Die andere Zweideutigkeit, welche der Ausdruck der Nachahmung veranlaßt, hat man dadurch vermeiden wollen, daß es keine leidende Nachahmung, sondern eine selbstthätigc Umwandlung der Natur sein müsse. Aber auch die Gränzen und die Art dieser Umwandlung verlangten neue und, genau zu reden, unmögliche Bestimmungen. Die einzige Art diesen Streit zu schlichten, bleibt daher der snbjec- tivc Weg, den wir gewählt haben, und der dennoch nicht weniger zu einer vollkommen objectiven Definition der Kunst führt. Denn da der Künstler die Natur (unter der wir den Inbegriff alles dessen, was für uns Realität haben kann, verstehen) zu einem Gegenstände der Phantasie macht: so ist die Kunst die Darstellung der Natur durch die Einbildungskraft; und diese Definition unterscheidet sich so wenig von der oben (III.) gegebenen, daß sic vielmehr nur ein objectivcr Ausdruck derselben ist. Diese Darstellung kann nun nicht anders, als schön sein; denn sie ist ein Werk der Einbildungskraft. Sic muß eine Umwandlung der "Natur enthalten; denn sie versetzt dieselbe in eine andere Sphäre. Die Definition selbst aber faßt die Bestimmung in sich, welche Schönheit ihr an- gchörcn, welche Umwandlung die Natur erfahren soll; keine andere nämlich, als welche jene Versetzung in ein fremdartiges Medium von selbst mit sich bringt. Zweiter Vorzug der Kunst in ihrer letzten Vollendung: Totalität. — Zwiefacher Weg, dieselbe zu erhalten. Wir haben nunmehr gezeigt, wie der Dichter zur Idealität gelangt; aber unsere Behauptung im Porigen erstreckte sich noch weiter: wir sagten, daß er allemal auch Totalität erreiche; wir bedienten uns des Ausdrucks einer Welt, und dieser Ausdruck sollte keine Metapher sein. Die Welt, als der geschlossene Kreis alles Wirklichen, läßt sich ans eine zwiefache Weise betrachten: einmal von den Gegenständen aus, die sie umfaßt; dann von den Organen ans, womit der Mensch dieselben in sich anfnimmt. Denn nur in sofern er entsprechende Organe besitzt, kann eitle Außenwelt für ihn vorhanden sein. Der Dichter kann daher die Totalität, nach der er strebt, auch ans diese doppelte Weise erreichen, indem er entweder den Kreis der Objeetc, oder den Kreis der Empfindungen durchläuft, die sic hervorbringcn. Das erstcrc ist gewöhnlich der Weg des beschreibenden, das letztere der des lyrischen Dichters, obgleich beide auch diese Methode Umtauschen können, da cs nicht auf die unmittelbare, sondern nur ans die letzte Wirkung ankommt, die sie znrücklasscn. Ans keinem von beiden Wegen ist es ihm schwer, zu diesem Ziele zu gelangen. Alle verschiedenen Zustände des menschlichen Wesens (und schon darum, weil dies der Standpunkt ist, ans dem wir die Natur betrachten), auch alle Kräfte der Natur sind so nahe mit einander verwandt, halten und tragen sich so gegenseitig unter einander, daß es kaum möglich ist, eine derselben lebendig darznstcllcn, ohne auch zugleich den ganzen Kreis mit in seinen Plan anfznnchmcn. Für den beschreibenden Dichter insbesondere ist das Leben so reich an Verhältnissen, und cs wird ihm so leicht, dieselben wiederum ans eine für den Menschen bedeutende Weise darznstcllcn, daß er nur einen selbst zufällig anfgcnommcncn Stoff näher zu entwickeln, nur die angelegten Figuren inehr zu individnalisircn braucht, um immerfort ans Lagen zu stoßen, die er dem Gcmüth wichtig machen kann, und um bald nach und nach die ganze Masse von Gegenständen zu erschöpfen, welche sich seinem Blicke von seinem Standpunkte ans dar- bictcn. 21 In dieser Kunst, das ganze Leben der Phantasie vorzuführen, oder den ganzen Menschen in seinem Innersten zn erschüttern, und also immer ans einmal alles zn umfassen, was ihn zu rühren vermag, hat niemand die Alten übcrtroffcn. Jede Hymne des Pindar, jeder größere Chor der Tragiker, jede Ode des Horaz durchlauft, nur in unendlich abwechselnder Mannichfaltigkcit, denselben Kreis. Immer ist es die Erhabenheit der Götter, die Macht des Schicksals, die Abhängigkeit dcS Menschen, aber auch die Größe der Gesinnung und die Höhe des Mnthes, durch welche er sich gegen da§ Schicksal zn behaupten, oder gar über dasselbe zn erheben vermag, welche der Dichter schildert. Und wie anders, wie lebendiger, reicher, sinnlich-klarer noch ist eben dies im Homer gezeichnet! Nicht bloß in seinem ganzen Gedichte, in jedem einzelnen Gesänge, fast in jeder einzelnen Stelle liegt das ganze Leben offen und klar vor uns da, daß die Seele auf einmal leicht und sicher, was wir sind und vermögen, was wir leiden und genießen, wo wir recht thnn und wo wir fehlen, entscheidet. Daher die beruhigende Wirkung, die jedes rein gestimmte Gcmüth bei der Lesung der Alten erfährt; daher, daß sie auch den leidenschaftlichsten Zustand heftiger Aufwallung oder erliegender Verzweiflung allemal zur Ruhe herab- und zum Mnthe hinausstimmen. Denn diese Kraft cinhauchcnde Ruhe fehlt niemals, sobald nur der Mensch sein Verhältnis; zu der Welt und dem Schicksale ganz übersieht. Bloß wenn er gerade da stehen bleibt, wo die äußere Macht seine innere Kraft, oder seine innere Heftigkeit das äußere Gleichgewicht zn überwältigen droht, entsteht verzweifelnder Mißmnth, und so günstig ist die ihm in der Reihe der Dinge angewiesene Stelle, daß Harmonie und Ruhe immer sogleich znrückkehren, als er nur den Kreis der Erscheinungen vollendet, welche ihm die Phantasie in diesen Augenblicken einer ernsten Rührung, in welcher er mit dem Geschicke Rechnung hält, vorführt. IX. Diese Totalität ist allemal eine nothwcndigc Folge der vollkommenen Herrschaft der dichterischen Einbildungskraft. Aber cs hängt nicht .bloß von der oft zufälligen Wahl des Gegenstandes, nicht von der Individualität des Dichters ab, sich dieser Totalität zu versichern, und ans einmal aller Empfindungen seines Zuhörers Meister zu werden. Er muß eS immer und durchaus, sobald er nur im absoluten verstände Dichter zu heißen verdient, d. i. sobald er cs versteht, die Einbildungskraft herrschend und selbstthätig zu machen. Denn weder die Zahl der Objecte, die er in seinen Plan anfuimmt, ist hierbei vorzüglich wichtig, noch auch die Mhc, in welcher dieselben zu dem höchsten Interesse der Menschheit liegen; beides, wie sehr es auch die Wirkung seiner Arbeit verstärken kann, ist für ihren künstlerischen Werth gleichgültig; alles, was er hierbei zu thnn hat, ist nur, seinen Leser in einen Mittelpunkt zu stellen, von welchem nach allen Seiten hin Strahlen ins Unendliche ansgchen, und von dem er daher alle die großen und einfachen Natnrformen überschauen kann, die sogleich dastehen, als man die wirklichen Gegenstände ihrer zufälligen Eigcuthümlichkeiten entkleidet. Es kommt daher gar nicht darauf an, alles, was an sich unmöglich wäre, oder auch nur vieles, was manche Gattungen der Kunst ausschließen würde, wirklich zu zeigen, sondern nur darauf, uns in die Stimmung zu versetzen, alles zu sehen. Er sammle nur unser eigenes Wesen in Einen Punkt, und bestimme cs, wie er als Künstler immer thun muß, sich in einem Gegenstände außer sich selbst hinznstcllen (objectiv zu sein), und cs steht unmittelbar (welches dieser Gegenstand auch sein möchte) eine Welt vor uns da. Denn unser ganzes Wesen ist dann in uns zugleich und in allen seinen Punkten rege, und ist schöpferisch; was es in dieser Stimmung hcrvorbringt, muß ihn: selbst entsprechen, und wieder Einheit und Totalität besitzen; mm aber sind es diese beiden Begriffe, die nur in dein Ausdrucke einer Welt mit einander vereinigen. Es ist nämlich hier wieder derselbe Fall, den wir vorhin bei der Erreichung des Jdcalischen fanden. Der Dichter versetze uns, wie er seinem ersten und einfachsten Berufe nach zu thun verbunden ist, außerhalb den Schranken der Wirklichkeit, und wir befinden uns unmittelbar von selbst in der Region, in welcher jeder Punkt das Centrnm des Ganzen, und mithin dieses schrankenlos und unendlich ist. Absolute Totalität muß eben so sehr der unterscheidende Charakter alles Jdcalischen sein, als das gerade Gegenthcil davon der unterscheidende Charakter der Wirklichkeit ist. Sobald also der Dichter nur dahin gelangt, in uns jede auf die Kcnnt- niß der Wirklichkeit gerichtete Stimmung zu unterdrücken, und alle sonst damit beschäftigten Kräfte unseres Geistes allein der Einbildungskraft unterznordncn, so hat er seinen Zweck erreicht. Denn nun ist diese letz- 23 tere allein herrschend; nnn knüpft sie ans einmal alles zusammen, worin sie eine für sich bestehende Kraft, ein eigenes Lcbensprincip entdeckt; und da alles Positive mit einander verwandt und eigentlich Eins ist, alle Absonderung von Individuen aber nur durch Beschränkung entsteht, so erfolgt hieraus nothwendig von selbst ein Streben nach einer in sich selbst geschlossenen Vollständigkeit. DaS Gcmüth also, auf das der Künstler so eingewirkt hat, ist immer geneigt, von welchem Objecte es auch ans- gehcn möchte, doch den ganzen damit verwandten Kreis zu vollenden, und immer im eigentlichsten Verstände eine Welt von Erscheinungen auf einmal znsammenzufassen. Mehr aber als das Gcmüth zu stimmen ist nicht die Absicht des Dichters, die sich überhaupt nie über das Snbjcct hinaus erstreckt, und die Gegenstände nie anders schildert, als um in ihnen den Menschen darznstellen; und so viel muß er jedesmal leisten, er mag den einfachsten Stoff, einen Sonnenaufgang, einen schönen Sommerabcnd, oder jede andere einzelne Natnrsccne besingen, oder eine Ilias, eine Messiadc dichten. So unzertrennlich ist diese Forderung mit seinem Dichter- und überhaupt mit seinem Künstlerbcrufe verbunden. Auch ist die Erfüllung derselben im genauesten Verstände nur das Werk der echten Künstlernatur. Denn statt daß, wie man vielleicht zu gtanbcn geneigt ist, nur der ernste, große, gehaltreiche Dichter am besten diese Totalität erreicht, führt uns gerade der ihr am nächsten, welchem der Genius der Kunst seine größestc Leichtigkeit verliehen hat, der die Einbildungskraft am zartesten und leisesten zu bewegen versteht, dessen Tönen sic am üppigsten entgcgcnschwillt, der sic mit einer unendlichen Sehnsucht nach immer neuen Verbindungen, immer neuen Flügen erfüllt. Denn darin eben besteht dies Allumfassende, das er ihr mitthcilt, daß sic nirgends so schwer auftritt, um sich an Einer Stelle fcstznwnrzeln, daß sie immer weiter und weiter schweift, und doch immer den ganzen Kreis zugleich beherrscht, den chic dnrchstrichcn hat; daß ihre Wonne an Wchmnth, ihre Wchmnth an Wonne gränzt; daß sie nichts mehr in der Farbe der Wirklichkeit, alles nur in dem Glanze erblickt, mit dem sic es, wie durch einen geheinmißvollcn Zauber, überkleidet. Es ist nicht mehr schwer, eine Welt zu bewegen, wenn man einen Punkt außerhalb derselben gefunden hat, auf den man mit Sicherheit fußen kann. 24 X. Einfluß dcs Identische» in der Darstellung auf die Totalität. Ist dic Seclc einmal künstlerisch gestimmt, hat ihr der Dichter einmal jene zarte Empfänglichkeit, jene leise Erregbarkeit mitgetheitt, so hängt eS allein von seiner Willkür ab, wie viele einzelne Objecte er ihr wirklich vorführcn, wie viele einzelne Empfindungen er in ihr rege machen will. Dies bestimmt die Natur seiner Gattung, dic Wahl seines Stoffes, endlich seine Individualität. Daß cs ihm nicht schwer werden kann, ans jeglichem Stoff eine große Mannichsaltigkeit von Figuren zu entwickeln, ist schon im Porigen gezeigt worden; aber es ist auch noch mehr. Dic Art, wie er auch nur eine einzige dichterisch aufstellcn muß, bereitet dic Phantasie von selbst zu, nicht bloß mehrere, sondern gerade so viele andere an dieselbe anznknüpfen, als mit dieser einen geschlossenen Kreis bilden. Dadurch, daß die Einbildungskraft dasAchnliche mit dcm Achulichcn verknüpft, und selbst zwischen das Unähnliche noch verbindende Mittelglieder einschicbt, bringt sie nur Mannichsaltigkeit, nicht Totalität, hervor. Zn dieser letzteren muß sie und ihr Object dichterisch gestimmt und zube- reitct sein, und dies ist der Fall, wenn der Dichter identische Figuren anfstellt. Zu beiden;, zu dem Identischen und zur Totalität, erhebt er sich nur in dem Gebiete der Einbildungskraft; nur nachdem er das beschränkte und getrennte Dasein der Wirklichkeit, wie durch einen Machtsprnch, aufgehoben hat. Beides muß daher in genauer Verbindung mit einander stehen. Auch beruht das Identische offenbar ans der Möglichkeit der To- tatität; denn das Unterscheidende dcs Ideals besteht gerade darin, daß cs sich alles, aber alles nur ans seine Weise, ancignet. Und wiederum bcgränzt das Identische die Totalität, da es dic Menge der einzelnen Bc- standtheilc immer in Blassen znsammcnschlicßt, die, ans Einem Punkte betrachtet, ein Ganzes für den Verstand oder dic Anschauung bilden. Wir nennen ein Ideal die Darstellung einer Idee in einem Individuum. Wir fordern daher von demselben eine Eigcnthümlichkeit ohne Einseitigkeit. Eine solche aber erhalten wir nicht anders, als indem wir alles, was einem gewissen Charakter (der jeder idealischcn Figur immer zum Grunde liegen muß) wesentlich ist, znsammcnnehmcn; alles hingegen, 26 was er nur zufällig an sich trägt, davon absondern. Alle Ideale erscheinen daher vollkommen als das, und nur als das, was sie wirklich sind. Dadurch fällt bei mehreren umnittelbar der Punkt ihrer gemeinsamen Berührung und der Punkt ihres individuellen Contrastes ins Auge. Aber es kann auch nicht leicht eine Lücke unausgcfüllt bleiben. Wo zwischen zweien ein Mittelglied fehlt, da muß man es unmittelbar auch gewahr werden. Durch diese Aehnlichkeit, die nie zur Eincrlcihcit, und diese Verschiedenheit, die nie zur Unverträglichkeit ansartct, sondert sich nun die ganze Welt vor dem idealisirenden Blicke in eine unendliche Zahl einzelner Blassen ab. Die Individuen treten in Gruppen, kleinere unter diesen in größere, alle in ein Ganzes zusammen. Nicht anders ergeht cs dem Dichter. Auch er zeigt nichts als Blassen. Sein ganzer Stoff verbindet eine solche Beweglichkeit mit solchem Streben nach Form, daß er, wo man nur ein- schncidct, überall in organische Blassen aus einander flieht; wo man verbindet, sich wieder zu solchen zusammcnrollt. An demselben Faden nun, an dem das Genie des Dichters diese maunichfaltigen Gruppen aus einander entwickelt, an demselben geht die Phantasie seines LcscrS von der einen zur anderen über; und sobald einmal eine einzige idcalisch gezeichnete Figur dasteht, nöthigt sie von selbst, andere, und wieder andere, und so viele hcrvorznrufen, bis sie einen Kreis vollendet hat, der für den jedesmaligen Grad der künstlerischen Stimmung hinlänglich groß und umfassend ist. Alle Gestalten nun, die der Dichter anfführcn kann, haben einen gemeinsamen Bcrbindungspnnkt, ihre Beziehung auf die menschliche Natur. Bon diesem Mittelpunkte ans kann er schlechterdings alle bewegen und.beherrschen. Viele aber sind noch bei weitem näher mit einander verwandt, und bilden eine noch viel enger geschlossene Sphäre. Wenn nun beides, die Einbildungskraft so gestimmt und der Gegenstand so bearbeitet ist, daß die crstcrc bei keinem einzelnen Punkte stehen bleiben, und der letztere sie ans keinen einzelnen heften will, so kann nicht anders, als erst mit der Vollendung des ganzen Kreises, mit vollkommener Totalität, Stillstand und Ruhe eintretcn. Wie ist es z. B. möglich, daS Alter des Jünglings lebendig zu schildern, ohne daß der Phantasie zugleich das Kind, ans dem er hervorgeht, der Mann, dem seine Kraft entgegenrcift, und der Greis, in dem die letzten Funken seines auflodcrnden Feuers verglimmen, gegenwärtig 2 « wären? Wie den Helden zu malen, der ans dein Schlachtfcldc, mitten nnter Leichnamen, den Tod gebeut, und das Verderben planmäßig anordnet, ohne den ruhigen Denker, der zwischen seinen einsamen Wänden, fern von aller ausübenden Thütigkeit und den Ereignissen des Tages fremd, nur Wahrheiten nachspäht, die vielleicht erst kommenden Jahrhunderten segenvollc Früchte versprechen, oder den ruhigen Pflüger, der, nur für das Bedürfnis; des Tages besorgt, nur ans den Wechsel der sich immer von neuem abrollenden Jahreszeiten beschränkt, bloß der künftigen Ernte gedenkt, zugleich vor die Seele zu rufen? Ein Zustand führt immer von selbst die übrigen herbei, durch welche nur gemeinschaftlich der einzelne Mensch oder die ganze Menschheit bestehen kann; und dies ist eben der große Gewinnst, den die künstlerisch gestimmte Einbildungskraft auch dem moralischen Menschen gewährt, daß sie ihn gewissermaßen alle Epochen des Lebens zu vereinigen, die verflossene noch fortzusetzen und die nächstfolgende schon anznfangen lehrt, ohne daß er darum doch der gegenwärtigen weniger eigenthümlich angchört. XI. Nebcrslcht des ganzen Weges, welchen der Dichter von seinem ursprünglichen Zwecke bis z» seinem höchsten Ziele znrücklcgt. In keiner Art menschlicher Tüchtigkeit ist es möglich das Höchste zu erreichen, als nur innerhalb der Schranken ihrer Gattung. Nur dadurch, daß er dasjenige vollkommen geltend macht, was er ist, erreicht der Mensch überhaupt, und der Einzelne insbesondere, seine letzte allgemeine und individuelle Bestimmung. Nicht anders der Dichter. Sein Geschäft ist es, die Einbildungskraft herrschend und productiv zu machen, und indem er dies Geschäft vollendet, gelangt er zu Idealen und erreicht er Totalität. Dies glanben wir im Borigcn bewiesen zu haben; und wenn der Weg, den wir gingen, lang und unserem nächsten Geschäfte fremd schien, so wühlten wir ihn dennoch nicht ohne Ursache. Nichts ist bei Benrthci- lnngen jeder Art von Arbeiten so wichtig, als, die Forderungen streng vor Augen zu haben, deren genaue Erfüllung man mit Recht von ihnen erwarten kann. Zwar ist cs nicht ungewöhnlich, vorzüglich ästhetische Werke mit unbestimmten Lobsprüchen zu erheben, sie mit anderen ihrer 27 Gattung zu vergleichen, und ihnen gleichsam übcrverdienstliche Tugenden beiznlcgem Nichts desto weniger bleibt die einzig richtige Art der Be- nrtheitnng immer die, dieselben allein mit dem, was sie sein sollen, mit den Grundsätzen der Acsthetik und dem Ideal der Kunst zu vergleichen, zu entscheiden, ob sie ihre Pflicht erfüllen, den gerechten und nothwendigen Ansprüchen der Kritik ein Genüge leisten. Ihr absoluter, nicht ihr relativer Werth soll bestimmt werden. Bliebe man diesem Wege unverbrüchlich getreu, so würden die Beiwörter des Schönen, des Erhabenen, des Bortrefflichen sich von selbst in die des verständig Gedachten, planmäßig Angeordneten, wahr Geschilderten, richtig Empfundenen, Poetisch Dar- gestellten verwandeln; man würde sich begnügen, einfach zu entscheiden, mit welchem Rechte das Werk den Namen eines Gedichtes überhaupt und den der besonderen Gattung führt, der es bcigczählt wird. Freilich verträgt nicht jedes Gedicht eine solche Beurtheilnng; aber unverzeihlich würde cs sein, eine andere bei demjenigen anzuwcnden, welches so große nothwendigc und wesentliche Tugenden besitzt, und so sehr alles fremden und erborgten Schmuckes entbehrt. Wir sind bei der Entwickelung des Wesens der Kunst bisher mehr einem raisonnircnden Gange gefolgt, und haben uns nur selten ans die Erfahrung berufen. Um uns indes; von den ausgestellten Behauptungen auch noch auf eine sinnliche Weise zu überzeugen, dürfen wir nur die Wirkung in uns zurückrnfen, welche jedes vollendete Kunstwerk immer in uns hcrvorbringt: die Stimmung, in die uns der Bclvedcrischc Apoll oder eine Stelle des Homer versetzt. Alle Fäden menschlicher Gefühle sind alsdann in uns aufgezogen; wir empfinden die menschliche Natur zugleich in allen ihren Berührungspunkten; nie gehen wir leiser von einer Empfindung zu einer anderen über; nie ist jede, auch sonst heftige Regung so milde und so gehalten; zugleich aber spiegelt sich alsdann in uns die Welt, die uns umgiebt, und setzt dieselbe Stimmung in uns fort. Denn die Botlendnug und Harmonie, die wir vor uns erblicken, gehen in nnS selbst über, und offenbaren sich durch Ruhe und Rührung — welche beide man vielleicht als die allgemeinste Wirkung jedes großen Kunstwerkes ansehcn darf: durch Ruhe, weil in diesem Zustande nichts Störendes, nichts Misslingendes stntt- finden kann; durch Rührung, weil cs immer das Herz mit Wchmnth ergreift, so oft wir in eine gewisse Tiefe der "Natur oder der Menschheit blicken. Beide zusammen beweisen, daß wir die Menschheit und das 28 Schicksal, diese beiden ungeheuren Gegenstände, die ans einmal alles umfassen, was ein menschliches Herz zu rühren vermag, nie lebendiger durchschauen und energischer verknüpfen, als in diesen Momenten. In eine solche wunderbare und unbegreifliche Stimmung aber kann der Geist nicht anders versetzt, in eine solche Tiefe nicht anders Versenkt werden, als wenn man ihn, von aller Wirklichkeit hinweg, in eine Welt von Idealen hin- übcrzanbcrt, in der er die Natur nur an ihren Elementen und ihren Kräften wicdererkennt, sonst aber überall bloß eine ihr fremde Vollendung und Schrankenlosigkeit antrifst. Wenn man nunmehr den Weg übersieht, welchen der Dichter (»nd mit ihm jeder Künstler) durchläuft, so erstaunt man bei der Betrachtung, von welchem einfachen Ziele aus er sich zu solcher unbegreiflichen Höhe schwingt. Den wirklichen Gegenstand nur gleichsam zmn Spiel in ein Object der Phantasie zu verwandeln, fängt er an, und hört damit ans, das größestc und schwerste Geschäft, was dem Menschen als seine letzte Bestimmung anfgcgcbcn ist, sich und die Außenwelt um ihn her auf das innigste mit einander zu verknüpfen, diese erst als einen fremden Gegenstand in sich nufznnchmen, dann aber als einen frei und selbst organisir- tcn wieder znrückzngcbcn, auf seine Weise und mit den ihm angewiesenen Organen auszuführcn. Denn den ganzen Stoff, den ihm die Beobachtung darrcicht, orga- nisirt er zu einer idcalischcn Form für die Einbildungskraft, und die Welt um ihn her erscheint ihm nicht anders, als wie ein durchgängig individuelles, lebendiges, harmonisches, nirgends beschränktes noch abhängiges, nur sich selbst genügendes Ganzes mauuichfaltigcr Formen. So hat er seine eigene innerste und beste Natur in sic übergetragen, und sie zu einem Wesen gemacht, mit dem er nun vollkommen zu sympathisircn vermag. XII. Unterscheidung des hohen und echten Stils in der Dichtkunst von dem Aftcrstil in derselben. Ob der Dichter bis zu diesem Gipfel der Kunst gelangt, ob er seine Leser mit sich bis zu dieser Höhe erhebt? dies ist also der einzige echte 29 Prüfstein seines wahren ästhetischen Wcrthes. Denn an diesen: Ziele müssen sich alle mit einander vereinigen, welche den Namen eines Künstlers mit Recht tragen wollen, wie verschieden auch der Weg sei, den sie, gezwungen durch die Gattung, die sic gewählt haben, oder cingeladen durch die Verschiedenheit ihrer Individualität, dahin cinschlagen. Eine Nation, ^die noch nicht lebendig empfindet, daß dort allein die künstlerische Vollendung gesucht werden darf, eine Sprache, die es ihren Dichtern nicht leicht macht, diese Bahn mit Glück zu verfolgen, sind von dem großen Stile in der Poesie noch entfernt, und entbehren noch aller der wohlthätigen Folgen, die damit für die Bildung überhaupt und den Charakter verbunden sind. Denn allerdings giebt cs außer jenen: großen und hohen Stile in der Kunst noch einen anderen, der den: von Natur minder reinen, oder durch Verwöhnung verdorbenen Geschmack sogar noch gefälliger schmeichelt, und daher sehr oft mit jenen: allein echten verwechselt wird. Ja, da beide gewissermaßen in zwei verschiedenen Regionen liegen, so kann selbst die Kritik zwischen zwei Kunstwerken zweifelhaft sein, von denen das eine in jenen: minder hohen Stil mehr leistet, als das andere ans seinen: besseren, aber auch steileren und gefahrvolleren Pfade. Unter allen Künsten aber ist keine der Versuchung, ihre cigenthüni- lichc Schönheit durch erborgten Schmuck zu entstellen, so nahe, als die Dichtkunst. Denn außerdem daß sie, wie jede andere Kunst, statt die Einbildungskraft völlig frei und selbstthätig zu erhalten, statt sic entschieden zu nöthigen, ein bestimmtes Object hcrvorznbringen, sic bloß mit angenehmen und gefälligen Bildern erfüllen, sic mit einen: bunten, aber unbedeutenden Farbcnspicl umgeben kann; so hat sie auch noch einen anderen Abweg zu fürchten, der nur ihr allein angehört. Da sie durch die Sprache, also durch ein Mittel wirkt, daS, ursprünglich nur für den Verstand gebildet, erst einer Umarbeitung bedarf, um auch bei der Phantasie Eingang zu finden; so schweift sie leicht in daS Gebiet der Philosophie hinüber, und intcrcssirt unmittelbar den Geist und das Herz, statt bloß ans die Einbildungskraft cinznwirkcn. Mehr, als irgend eine ihrer Schwestern, im Stande, auch noch durch etwas, das gar nicht mehr Kunst ist, zu gelten, findet sic überall die mchrstcn Anhänger, da hingegen die Musik, die Malerei und vor allen die Plastik, in denen sich, vielleicht gerade in der hier angegebenen Stufenfolge, der Begriff der Kunst immer reiner und 80 enger znsammcndrängt, nur den iinnier seltneren echt ästhetischen Sinn zn fesseln vermögen. Ans diesen Abwegen nnn artet die Dichtkunst von ihrer eigentlichen nnd höheren Natur ans, sucht abwechselnd durch malerische Bilder zu gefallen, und durch glänzende nnd rührende Sentenzen zu erstaunen und zu erschüttern; nnd sinkt von der Geburt des Genies zu einem bloßen Werke des Talentes herab. Zwar ist sic auch so noch immer einiger, nnd unter den Händen großer Meister (die man auch hier nicht verkennen darf) noch sogar einer großen Wirkung fähig; sic kann zugleich die Einbildungskraft in Bewegung setzen, nnd sich des Geistes nnd des Herzens bemächtigen; sic kann durch Blitze des Genies Bewunderung und Rührung erregen: aber immer wird man seine erleuchtende nnd erwärmende Flamme entbehren, immer in den: Mangel jener innigen Begeisterung, jener hohen und harmonischen Ruhe die Gegenwart der echten Kunst vermissen. Denn die Einbildungskraft, die hier nie frei und allein wirkt, vermag uns nicht ans dem Kreise aller Wirklichkeit hinaus in das Land der Ideale zu versetzen, und ohne das ist, welche Mittel man auch sonst an- mendcn möchte, niemals eine echt künstlerische Wirkung denkbar. XIII. Anwendung des Vorigen ans Hermann und Dorothea. — Reine Obicctivität dieses Gedichtes. — Erste Stufe derselben. Wenn wir uns bisher bemühten, den großen, oder vielmehr den reinen und echt dichterischen Stil demjenigen cntgcgenznsctzen, der nur mit Unrecht diesen Namen führt: so war cs in der That nicht, bloß zu beweisen, daß das vorliegende Gedicht nngezweifclt dem crsteren angehört; diesen Beweis hätte uns die Empfindung des Lesers von selbst erlassen. Wir verweilten nur darum so lange bei der Entwickelung des Begriffs der Kunst, bei der Zergliederung ihrer Bestimmung und der Schilderung ihrer Wirkung, um desto voller zn empfinden, was es heißt, daß der allgemeine Charakter aller Knust so unverkennbar in demselben ausgeprägt ist, daß er dadurch zn seinem eigenthümlichcn und unterscheidenden wird. 31 Was das letzte Ziel jedes künstlerischen Bemühens ist, dahin hat dies Gedicht in der That ein auffallendes und entschiedenes Streben, dahin gelangt es mit dem glücklichsten Erfolge. Der echte Dichter, haben wir gesehen, wirkt allein ans die Einbildungskraft; er bestimmt sie, frei und gesetzmäßig einen Gegenstand aus sich selbst zu erzeugen; er stellt einzelne Gestalten vor ihr auf, und zeigt ihr in ihnen die Welt und die Menschheit in ihren letzten und größestcn Verbindungen. Gerade dasselbe erfährt auch der Leser Hermanns und Dorotheens. Von dem ersten Gesänge an fühlt er seine Phantasie mächtig ungezogen; die einzelnen Theile der Handlung, die sich vor ihm bewegt, gehen wie von selbst ans ihr und aus einander hervor; er glaubt sich Thcilnchmer des Familienkreises weniger Menschen, und wird zu einer Höhe der Ansicht erhoben, über die er selbst bewundernd erstaunt. Nicht Worte sind cs, die seinem Ohre nachhallen, nicht einzelne Gedanken und Anssprüche, die sich, ans dem Ganzen hcransgerisscn, seiner Seele cingcprägt haben; so vieles ihm auch davon noch gegenwärtig geblieben ist, das die Erinnerung bei ähnlichen Vorfällen des Lebens zu- rnckfnhrcn wird, so sind in dem Momente, wo er dem Dichter bis ans Ende gefolgt ist, es doch nur die Sache, die Handlung, die Personen, die lebendig vor ihm dastehcn. Er sicht den Jüngling, dessen Gefühle bis dahin imentfaltet, ihm selbst unbewußt, gebunden schlummerten, durch eine plötzlich anflodcrnde Leidenschaft von den Banden befreit, die sein Inneres hemmten, sieht, da dieser Zauber in ihm gelost ist, die edelsten und höchsten Entschlüsse in ihm aufkeimen, sicht ihn beim ersten Blicke das Mädchen erkennen, das die Natur für ihn bestimmt hat, und sich mit reinem Vertrauen dieser Empfindung überlassen; sicht das Mädchen, das, mnthig und thätig, in eigener Bedrängniß noch hülfreich ist, eitlen Hoffnungen nicht träge vertraut, in wahrer Noth nicht feige verzweifelt, edler Liebe nicht unempfänglich stille Wünsche im bescheidenen Busen birgt, aber, wenn ihr Ehrgefühl aufgeregt wird, mit weiblichem Mnth die verborgensten Falten ihres Herzens anfdeckt; sieht die Menschheit, wie.sie in allen ihren Formen reine und große Charaktere bewahrt, wie sie einzeln verthcilt, was verbunden in geschlossenem Kreise innere Vollendung mit äußerer Zufriedenheit paart; sieht endlich das Schicksal, wie cs Individuen und Nationen aus einander schlendert, aber nichts gegen die unermüdliche Kraft des Brenschen vermag, der, wo cs ihn hinwirft, immer wieder von neuem Fuß Z2 faßt, sich von neuem eine Hütte baut, neue Bonde knüpft, sich ein neues Glück und neue Freuden schafft. So vollkommen objcctiv hat der Dichter seinen Stoff behandelt. So ist es immer Ein Gegenstand, der ihn beschäftigt, und dieser Eine rein erzeugt durch die Einbildungskraft. XIV. Zweite Stufe der Objektivität unseres Gedichtes. — Verwandtschaft seines Stils mit dem Stil der bildenden Kunst. Kein Begriff ist in der Theorie der Kunst so wichtig, als der der Dbjectivität; keiner erfordert zugleich eine so genaue und ausführliche Erörterung. Denn eines Theils ist das Sbject der Kunst nie ein wirkliches Ob- jcet, und trägt daher immer nur gewissermaßen uncigcntlich diesen Namen. Die Kunst bleibt allein innerhalb des Kreises der Einbildungskraft, also innerhalb unseres Gemüthes; es ist daher immer nur ein ideales Beziehen derselben Kraft ans die Natur und die Sache, oder auf den Menschen und die Person. Bon dieser Seite muß man sich zuerst vor Bcrwechscluug und Jrrthmn hüten. Dann aber ist dieser Begriff auch anderen Theils von sehr verschiedenem Umfange. Denn obgleich jeder Künstler ohne Ausnahme objeetiv sein muß, so ist doch dem einen dies Gesetz noch strenger vorgeschrieben, als dem anderen; es giebt einige, denen man in Vergleichung mit anderen, sogar die entgegengesetzte Benennung geben könnte; und man muß daher immer genau unterscheiden, in welchem Umfange der Begriff der Objeetivitüt genommen, welchem anderen er gerade an der Stelle, wo er vorkommt, entgegengesetzt ist. Diese Borsicht ist um so nothwendiger, als jene Vieldeutigkeit des Begriffes nicht von einem irrigen Gebrauche desselben hcrrührt, sondern in der That in der Sache selbst wesentlich gegründet ist. Der Künstler soll den Menschen mit der Natur in die engste und mannichfaltigstc Verbindung bringen. Um dies Geschäft ganz zn vollenden, muß er bald den äußeren Gegenstand, bald die innere Stimmung stärker geltend machen. Ja selbst ohne dies zu wollen, kann er cs kaum vermeiden. Da er, um einen Gegenstand durch die Einbildungskraft zu erzeugen, zugleich bildend und stimmcnd Verfahren, das Object darstcllcn und das Subject zubcrcitcn muß, so kann er in dem Verhältnis;, in dem er sich zwischen dieser doppelten Arbeit verthcilt, unmöglich immer dieselbe Gleichheit beobachten. Schwerlich findet man daher nur zwei Dichtcrnaturcn, die hierin vollkommen mit einander übcrcinstimmten. Dennoch müssen sic alle eine gewisse Gränze bewahren. Schon im Allgemeinen dürfen sie weder den wirklichen Gegenstand selbst zeigen, noch die Empfindung unmittelbar (und anders als durch die Einbildungskraft) berühren; und noch engere Schranken bestimmen ihnen einzelne Gattungen der Kunst. Diese allgemeine Aehnlichkcit macht jenen besonderen Unterschied fein und schwer zu entdecken. Diese Betrachtungen war cs nothwcndig voranszuschickcn, um im Folgenden Mißdeutungen vorznbengcn. Denn die Entwickelung der reinen Objectivität unseres Gedichtes ist cs, die uns jetzt zunächst beschäftigen muß. Schon die Totalwirkung desselben beweist, wie emsig unser Dichter bemüht ist, bloß und allein die Form Eines Gegenstandes zu zeichnen. Im Einzelnen läßt sich dies nicht vollständiger zeigen, als dadurch, daß man diese Objectivitüt von Stufe zu Stufe beschreibt und genauer beschränkt. Bisher haben wir nur der ersten erwähnt, nur derjenigen, auf welcher sich dies Gedicht als ein großes und echtes Kunstwerk bewährt, der Bestimmtheit, mit der cs einen rein durch die Einbildungskraft erzeugten Gegenstand hinstcllt. Aber wie viel mehr ist das, was wir bei genauerer Betrachtung gewahr werden! Wenn wir länger bei demselben verweilen, wenn wir ihm in allen seinen einzelnen Theilcn folgen, wenn wir dann sehen, wie vollendet alle Umrisse sind, wie fest sich jede Gestalt unserer Phantasie cinprägt, wie klar jede sich an die andere stellt, um zusammen eine schön geschlossene und leicht übersehbare Gruppe zu bilden: dann können wir uns nicht verleugnen, daß die Stimmung, mit der wir es verlassen, der Stimmung ähnlich ist, mit welcher sonst ihrer Gattung nach ganz verschiedene Künste, mit welcher die Werke der Malerei und der Plastik ans uns cinwirken. Denselben Charakter trägt auch die Bewegung an sich, die es uns darstellt. Nirgends reißt und dieselbe gleichsam in lyrischem Taumel mit sich fort; doch überall ist sic so lebendig und mannichfaltig, daß wir einer bewegten W. v. Humt'otdt, iioer (iioclhes Hermann und Dorothea- 34 Welt znzusehcn meinen. Ucbcrall ist Handlung und Gestalt; wir fühlen so wenig, daß wir bloß Zuhörer des Dichters sind, daß wir unmittelbar vor dem Gemälde seines Pinsels zu stehen glauben. Wir sehen daher hier eine höhere Stufe der Objectivität; wir erblicken die reinen Formen sinnlicher Gegenstände; wir können es als ein charakteristisches Merkmal dieses Gedichtes anfstellcn, daß es mehr an die Forderungen und das Wesen der Kunst überhaupt und der bildenden insbesondere, als einseitig an die eigenthümliche Natur der Dichtkunst erinnert. XV. Verwandtschaft aller Künste nntcr einander. — Doppeltes Verhältnis, jedes Künstlers zur Kunst überhaupt »nd zu seiner besonderen. Alle Künste umschlingt ein gemeinschaftliches Band; alle haben sic dasselbe Ziel, die Phantasie ans den Gipfel ihrer Kraft und ihrer Eigen- thümlichkcit zu erheben. Sic haben sich nur getrennt, weil jede für sich etwas besitzt, wodurch sic diese allgemeine Wirkung auf eine eigene Art zn erreichen vermag, und was den anderen, in Vergleichung mit ihr, mangelt. So fehlt der Malerei die Vollendung der Form, der Bildhauerkunst die Wirkung der Farben, beiden die lebendige Bewegung, der Musik die Schilderung der Gestalten, der Dichtkunst die Anschaulichkeit und die Stärke, mit welcher die mannichfaltigcn Bestandthcilc, die sic in sich vereinigt, jeder einzeln für sich, erscheinen. Der Mensch, dem cs daran liegt, die Kunst mit allen Sinnen in sich anfznnehmen, muß eS verstehen, sich in eine Mitte von allen zu stellen, mit dichterischem Sinn das Werk des Malers, mit malerischem Auge das Werk des Dichters zn betrachten. Der Künstler, der nicht anders als von einem einzelnen Punkte ans wirken darf, muß dennoch so das Ganze ins Auge fassen, daß er immer eigentlich dem allgemeinen Ideal der Kunst nachstrcbt, nur so, wie seine besondere Gattung es bestimmt. Durch diese Bearbeitung seiner Kunst nach den Forderungen aller Kunst überhaupt erhält er sich alle Verbindungen mit ihren Schwestern — denen er sich nie unmittelbar, sondern immer nur in jenem allgemeinen Vcrbindnngspnnkte nähern darf — leise und locker. Und diese Verbindungen sind cs, welche die Phantasie wirklich einzngehcn versuchen soll; keine Kunst soll den Menschen ausschließlich für sich, jede ihn zugleich 35 für alle anderen, für die Kunst überhaupt stimmen; und in jedem großen Kunstwerk ist immer eine doppelte Eigcnthümlichkeit auffallend: eine, durch die cs der besonderen Kunst angehört, die es schuf, und eine, durch die cs einen Stil an sich trägt, der durch alle übrigen Künste hindurch eine gleiche Anwendung erlaubt, und so sichtbar mit dem Gepräge dieser seiner Allgemeinheit gestempelt ist, daß er sogar einladet, diese Anwendung selbst in Gedanken zu versuchen. Wem z. B. führt nicht der Bclvederischc Apoll das Wandeln des zürnenden Gottes in der Ilias, wem diese Stelle des Dichters nicht das göttliche Bild in die Seele zurück? Der Künstler hat also zweierlei Ansprüche zu befriedigen, die Ansprüche der Kunst überhaupt, und die der besonderen, die er gewählt hat. Die erstcre verlangt, daß er, ihre allgemeinen Forderungen streng im Auge, alle Mittel, die seine Kunst ihm in die Hände giebt, mir dazu an- wcnde, diese zu befriedigen, nicht aber sie selbst einseitig glänzen zu lassen; die letztere fordert dagegen mit gleichem Recht, daß er alle Vorzüge, die sic ihm darbictet, auch in ihrem ganzen Umfange und in ihrer vollen Stärke geltend mache. Gegen die crsterc Regel verstößt der Maler, welcher dem Colorit ein vcrhältnißwidrigcs Uebcrgcwicht über die Schönheit der Formen und die Anordnung des Ganzen erlaubt; gegen die zweite der, welcher dagegen, das Eolorit vernachlässigend, die Lebhaftigkeit und Stärke verkennt, welche Farbe, Licht und Schatten seinem Werke zu geben im Stande sind. Endlich kann der Künstler, um die Aufzählung der Abwege, welche er, von diesem Standpunkt aus betrachtet, zu vermeiden hat, vollständig zu machen, auch drittens weder die Kunst überhaupt, noch seine eigene besondere, sondern eine dritte, ihm fremde, einseitig begünstigen und nachahmcn. So giebt es Dichter, die fast durchaus bloß musikalisch wirken, und so kennen wir Maler, deren Figuren mehr den Bildsäulen als der Natur gleichen. So wie der Künstler objectiv irren kann, indem er das wahre Verhältnis; zwischen der Kunst überhaupt, seiner eigenen insbesondere und ihren Schwestern verfehlt, so kann er cs auch snbjcctiv in Rücksicht ans das Verhältnis; seiner Individualität, der Natur des Künstlers überhaupt und der Eigenthümlichkcit anderer Künstler. Er kann der erstercn zu viel oder zu wenig cinräumen, oder sie endlich ganz anfgcbcn und gegen eine fremde vertauschen. Ueberall, wo er sich zu einseitig blos auf seinen einzelnen Standpunkt beschränkt, da verfällt er ins Manierirte, sei es nun ins Ma- 3 * 36 nierirtc dcr Kunst, ivcnn cr seiner Kunst, oder ins Manicrirte des Stils, >venn cr seiner Individualität zu viel einränmt. Dies sind alle möglichen Abwege, auf welche dcr Künstler in Rücksicht ans den allgemeinen Charakter seiner Werke gcrathcn kann, und cs war nothwcndig, dieselben vorher vollständig anfznzählcn, um über das Folgende ein helleres Licht zu verbreiten. Wir kehren jetzt zu unserem Gedichte zurück. XVI. Mittel, wodurch unser Dichter diese, dcr bildenden Kunst nahe kommende Objektivität erlangt. Wir haben schon oben bemerkt, daß dcr Dichter, gerade weil er auch unmittelbar auf den Verstand und das Herz einzuwirkcn vermag, mehr als ein anderer Künstler Gefahr läuft, weniger ausschließcnd die Einbildungskraft zu beschäftigen. Wein: cr aber auch diesen Fehler vermeidet, und sich streng in dem Gebiete der Kunst erhält, so hat er es doch immer in seiner Gewalt, mehr den Geist und die Empfindung in Bewegung zu setzen, und die leichte und reine Wirkung ans die Sinne zu verschmähen. Von beiden Seiten betrachtet, kann cr sich daher gegen den Künstler überhaupt uud gegen den bildenden insbesondere in einer Art von Gegensatz befinden. Wir erwähnen hier der Kunst überhaupt und dcr bildenden insbesondere als beinahe gleichbedeutend; wir scheuten uns schon im Vorigen nicht, den Stil unseres Dichters dem Stil dcr bildenden Kunst verwandt zn nennen, ohne darum den Vorwurf zu fürchten, daß er, was allemal fehlerhaft ist, eine ihm fremde Gattung nachahmc. In dcr That aber ist auch die bildende Knust mit der Kunst überhaupt äußerst nahe, und naher, als die Dichtkunst verwandt. Denn sie ist rein darstellend und sinnlich; und diese beiden Eigenschaften sind auch im allgemeinen Begriffe der Kunst die herrschenden. Wenn man daher von einem Gegensätze der Poesie mit dcr Kunst spricht, so kann man an keine anderen Merkmale derselben, als an diese beiden, also an die Seite denken, von welcher die Kunst überhaupt dcr bildenden insbesondere am nächsten kommt. Hermann und Dorothea nun ist nicht bloß von einem solchen Gegensätze frei; der reine, echte und allgemeine Kunstsinn, welcher dies Ge- dicht beseelt, zeigt auch vielmehr, daß das Genie des Dichters, der es schuf, auf das Innigste mit dem Genius aller Knust verwandt und mit dem Gepräge gestempelt ist, welches die Kunst überhaupt, nicht diese oder jene einzelne ansschließend, bezeichnet — ein Vorzug, welcher ihm künftig (wir dürfen dies mit Sicherheit von der Gerechtigkeit der Nachwelt hoffen) unter allen neueren Dichtern eine vorzügliche Stelle anweiscn wird. Denn in der That hat bis jetzt keine Nation einen anderen anfzuweisen, der ihm hierin auch nur überh'anpt nahe käme. Unstreitig liegt der Grund hiervon darin, daß er mehr, als ein anderer, die bildende Kraft der Phantasie in Bewegung zu setzen, mehr bloß den Gegenstand hinznstctlcn, und damit seine ganze Wirkung hcrvorzubrin- gcn versteht. Indes; ist dies immer noch nicht bestimmt und klar genug; auch andere Dichter sind gleich treue Maler der Natur, ohne daß man ihnen doch darum diesen Vorzug in gleichem Grade cinräumen darf. Man muß auch hier auf die Stimmung des Gemüthes, in dem Dichter und in seinem Leser, znrückgehcn; in ihr, in der Empfindung, mit der wir diesen Dichter und einen anderen verlassen, liegt der feine, aber wichtige Unterschied. Auch hier zeigt cS sich wieder, daß man cs als den Grnnd- irrthum aller bisherigen falschen ästhetischen Naisonnements ansehen kann, daß man im Objecte ausgesucht hat, was allein im Snbjcctc verborgen ist, wenigstens nur an diesem eigentlich beschrieben, in jenem bloß empfunden werden kann. Da, wo ein solcher allgemeiner Kunstsinn vorwaltet, ist es durchaus klar, heiter, ruhig und leicht in der Seele; die Phantasie allein ist thätig, und hier auf den äußeren Sinn bezogen, wie er, was er vor sich sieht, treu und still in sich anfnimmt. In diesem Zustande ist sie nie verwirrt, weil sic jeden Umriß deutlich von dem anderen absondcrt, nie unruhig oder trübe bewegt, weil sic bloß beschaut, bloß Gestalten, Leben und Bewegung vor sich erblickt, nie schwer oder drückend, weil sie in dieser Verbindung am leichtesten ihre bloß identische Natur beibehält. Wo hingegen die besondere Natur der Dichtkunst (insofern dieselbe nämlich, wie mm nach dem Vorigen klar sein muß, der Kunst überhaupt entgegengesetzt werden kann) das Ucbergcwicht hat, da ist die Einbildungskraft entweder wirklich nicht rein oder allein thätig, oder sic verliert doch durch die enge Verbindung, die sie nun mit dem Geist oder dem Herzen cingcht, von ihrer leichten und bloß objectivcn Natur. Das Gemllth ist nun nicht mehr bloß mit dem Gegenstände beschäftigt, in jedem Augenblicke wird zugleich die eigene Be- 38 trachtnng oder die Empfindung rege, cs ist ein unaufhörliches Uebcrgehcn zu dem Subjcct, cs ist mehr die Wirkung des Gegenstandes als der Gegenstand selbst, dessen wir uns bewußt sind. Das Eigentümliche der Behandlung in dem einen und dem anderen Falle zu zeigen, ist, wie wir schon im Vorigen bemerkten, schwer; indes; gicbt cs doch Einen hierbei äußerst wichtigen Punkt, der schon bei einiger Aufmerksamkeit leicht ins Auge fallt. Wenn man die Poesie mit der Sculptnr vergleicht, als welche am meisten dem reinen Begriffe der Kunst entspricht, so ist Ein Unterschied in beiden sogleich ans den ersten Anblick sichtbar. Die Sculptnr (vorzüglich in dem einfachsten Fälle, bei dem wir hier stehen bleiben, wo sie bloß eine einzelne Figur anfstcllt) kann allein durch die Form, und da die Form immer nur ans der ganzen Gestalt ruht, allein durch das Ganze wirken; und wenn bei einer Statue wirklich nur ein einzelner Theil, ein Arm oder ein Fuß, gut gearbeitet, daS klebrige aber vernachlässigt ist, so gilt sic nur als ein schöner Arm, ein schöner Fuß, und der Begriff des Schönen wird nicht von diesem einzelnen Theilc auf das Ganze übcrgetragen. Der Dichter hingegen braucht nicht die ganze Figur hinznstctlen; er kann nur den Theil zeichnen, und indem er die Schilderung desselben der Empfindung seines Lesers wichtig macht, diesen nöthigen, das Fehlende selbst ausznmalen. Sobald cs ihm nun gelingt, z. B. in der Schilderung einer weiblichen Gestalt durch einen einzelnen Zug das Herz desselben zu gewinnen, so vollendet alsdann seine Phantasie von selbst nach demselben Maßstabe und in demselben Charakter auch die ganze übrige Figur, und kommt also dem Dichter dadurch auf halbem Wege entgegen. Freilich ist aber auch die Schilderung dann minder objectiv; die Gestalt zeichnet sich dem Blicke weniger bestimmt, die Empfindung ahnt mehr ihren Charakter, als daß ihre Umrisse dem Auge sichtbar würden. WaS wird daher der Dichter thnn müssen, wenn er dem allgemeinsten und reinsten Begriffe der Kunst treu bleiben will? Er wird das Ganze und nicht bloß einzelne Theilc schildern, den Gegenstand zeichnen, nicht die Empfindung erregen müssen. Zwar thnt er dies letztere doch, und will es auch thnn, allein nur durch den Eindruck des Ganzen, nicht durch den Effect einzelner Theilc, nur durch den Gegenstand selbst, nicht unmittelbar durch einzelne ihm abgcwonncne Züge; und gerade dadurch geschieht cs reiner und besser. 3 » XVIl. Erläuterung des Gesagte» an der Schilderung der Gestalt Dorotheens. Um zu scheu-, wie unser Dichter die Aufgabe einer wahrhaft künsll lcrischen Schilderung gelöst hat, walten wir einmal das Gemälde vergleichen, das er uns von Dorotheens Gestalt gicbt. Nachdem Hermann sic nur mit wenigen Zügen so gezeichnet hat, wie er sie zuerst antraf, wie sie ihre schwangere Verwandte rettet und die Ochsen lenkt, die den Wagen führen, beschreibt er sie den Freunden, die nntcr dcn übrigen Ausgewanderten Nachricht von ihr cinznziehcn abgeschickt sind. Und ihr werdet sic bald, sagt er, vor allen andern erkennen; Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar, Aber ich gcb' Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. Also nur nach den Kleidern wird die Gestalt geschildert. Dadurch gewinnt der Dichter einen doppelten Vortheil. Er ist gewiß, bloß dem Auge zu malen, durch keine Nebcnvorstellnng die Aufmerksamkeit von der Gcstalt abzuzichen, ans welche sic geheftet sein soll; und zugleich kann er ans diese Weise die ganze Figur in allen ihren Umrissen zeichnen. Wählte er dagegen die Bildung selbst, so konnte er immer nur einzelne Thcile schildern, die Gestalt nur beschreiben, nicht unmittelbar vor die Augen stellen. Auch zeigt er sie uns in der That vom Haupte bis zu den Füßen, und wählt lauter solche einzelne Züge aus, welche die äußeren Umrisse bezeichnen, die Wölbung des Busens, die Schlankheit des Wuchses, die Form des Kopfes. Vorzüglich sorgt er dafür, daß der Phantasie in dem ganzen Contnr schlechterdings keine Lücke bleibe. Er zeichnet genau, wie Uber der Brust um den Hals sich das Hemde zur Krause faltet, wie das Kinn daran anstößt, und sich der Kopf darüber erhebt, und auch abwärts vollendet er die Figur bis zum Knöchel herunter. Allein dies ist ihm noch nicht genug; er will sie der Einbildungskraft nicht bloß zeigen, er will sic ihr unauslöschlich fest einprägen. Er verändert also die Stellung. Jetzt haben wir sic im Gehen gesehen; eine Strecke weiter zeichnet er sie unS sitzend. Dieselbe Beschreibung 40 kehrt mit denselben Worten zurück, mir mit den Veränderungen, welche diese Loge erfordert. Jetzt ist cs, als Hütten wir sie im Leben wirklich vor nns gesehen, wo mich dieselben Gestalten in nmnnichfnltigen Bewegungen erscheinen; jetzt hat sich nns dies Bild für die ganze Folge dcS Gedichtes fest cingeprügt; wo sic nnn anftritt, steht cs vor nns da, begleitet alle ihre Worte, Geberden und Handlungen. Die Wirkung, welche nnn der Dichter durch diese einfache Schilderung hcrvorbringt, ist unendlich größer, als wenn er unmittelbar in dieselbe mehr Gehalt gelegt, mehr das Herz seines Lesers dafür intercssirt, mehr, wie sonst der Dichter so oft thnt, bei der Gestalt zugleich auch den inneren Charakter beschrieben hatte. Man kann cS nicht genug wiederholen: die Hoheit, die Größe, der innere Gehalt, das, was man in einem Gedichte eigentlich Seele nennt, muß in dem Ganzen der Erfindung, der Handlung, der Personen, der Darstellung und des Tones liegen; es muß das Resultat der lebendigen Schilderung auf das gehörig gestimmte Ge- müth sein. Der Dichter hat cs daher immer nur mit diesen beiden Dingen zu thnn: mit der anschaulichsten Darlegung seines Stoffes, und mit der lebendigsten Stimmung des Lesers; diese beiden aber erreicht er, sobald er den Leser durchaus in die Mitte seiner Handlung versetzt; um alles klebrige kann er schlechterdings unbekümmert bleiben. Er ist ja nur dadurch wahrer Künstler, daß er gerade das Höchste und Beste seines Geschäftes seinem Genie überlassen, und sich für dass was er eigentlich, sich selbst bewußt, dabei thnt, nur mit der verständigen Anordnung und der knnstmäßigen Ausführung, also nur mit dem technischen Theile desselben zu beschäftigen braucht. Bor allen anderen aber gilt dies von dem epischen Dichter, und es muß dem aufmerksamen Leser schon bei dem, was wir vorhin sagten, von selbst ausgefallen sein, wie passend eine Schilderung, die nur Couture, aber diese in der größcsten Vollständigkeit zeichnet, für eine Gattung der Dichtkunst ist, deren ganze Wirkung nur ans nie stillstehender Bewegung und ununterbrochener Stetigkeit beruht. Ehe wir aber diese Stelle verlassen, müssen Ivir noch einen Augenblick bei den einzelnen Beiwörtern verweilen, mit welchen die einzelnen Theile der Gestalt bezeichnet sind. Kein einziges derselben hat für sich ein großes und nnverhältnißmäßigcs Gewicht; alle sind von der Art, wie sic sich für das bloße ruhige und unciugcnommcnc Beschauen des bloßen Sinnes schicken; alle zeigen die Bildung des Mädchens nur in reinlicher 41 Zierlichkeit, in freier und heiterer Amnnth. Selbst die Stärke, die, mit der Leichtigkeit verbunden, den Hauptcharaktcr desselben ausmacht, ist gerade dahin verlegt, wo sie nur auf die Rüstigkeit des physischen Baues, und ganz und gar ans keine Ncbenvorstcllung, führen kann: in die Wölbung der Brust, die treffliche Größe, die Länge und Schönheit des Haares. Dadurch ist die Stimmung, welche diese, so wie überhaupt der Ton in allen Schilderungen dieses Gedichtes hcrvorbringt, derjenigen ähnlich, in der wir gleichsam mit natnrhistorischcm, physiologischem Blick die Natur betrachten; und diese Stimmung ist ungleich poetischer, als die ihr entgegengesetzte sentimentale, bei der wir in der Natur eigentlich nur uns selbst sehen. Denn sie führt eine zwar langsamer, aber inniger eindrin- gcnde Wärme, und eine minder feurige, aber höhere und dauerndere Begeisterung mit sich. Fragen wir aber weiter nach: wie kam der Dichter dazu, daß er gerade diese Art der Schilderung wählte? so ist die einfache Antwort die: weil es ihm nicht möglich war, eine andere auzuwcndcn. Hermann ist cs, der seine Geliebte beschreibt, und er ist der Mensch nicht, dessen Herz mit dem Ausdruck seiner Empfindung die einfache Darstellung dessen, was er gesehen oder vernommen hat, unterbricht; er beschreibt sie seinen Freunden, um sic sicher und schnell ans dem Hansen heransznfinden, und muß daher die Merkmale answühleu, an denen sic dieselbe ohne Fehl wiedcrznerken- nen im Stande sind. An welchen anderen nun ist dies leichter, als an den Ilmrissen der Gestalt, dem Schnitt und der Farbe der Kleidung? Daß dies aber so ist, daß Hermann diesen Charakter hat, ist wieder in anderen Umständen, in anderen Charakteren gegründet, und diese wieder in anderen und in dem Ganzen, so daß diese einzelne Schilderung mit allem znsammcnhängt und durch alles bestimmt wird. Derselbe Geist also, den sie athmet, beseelt auch das Ganze, und was wir von ihr bewiesen haben, gilt zugleich von allen übrigen und von dem ganzen Gedichte selbst. 42 XVIII. In wicfcrn »nicht unsci Dichter, bci ftincr Verwandtschaft nut der bildenden Kunst, die besonderen Vorzüge der Dichtkunst geltend? Daß dcr Dichter, welcher den wesentlichen Forderungen der Kunst ein Genüge thut, zugleich das Wesen dcr Poesie in ihrem vollen Gehalte benutzt, versteht sich von selbst. Denn er hat geleistet, was die Kunst überhaupt verlangt, und keine anderen Mittel gehabt, als welche seine besondere ihm darbot. In sofern bedürfte daher die aufgeworfene Frage keiner weiteren Erörterung. Allein das Wesen der Dichtkunst bietet demjenigen, dcr cs ganz zu benutzen versteht, mach so reiche und eigcnthümlichc Hülfsgnellcn dar, daß, um das Verdienst des Dichters vollkommen zu schätzen, cs nicht möglich ist, dieselben mit Stillschweigen zu übergehen. Wir reden jetzt nicht von dein Gehalte, welchen er den Gestalten unterlegen kann, die er gleichsam von dcr bildenden Kunst entlehnt; wir bleiben noch für jetzt allein bei dem Vorzug dcr Objcctivität stehen, welchen er sich in einem bei weitem votlkommncrcn Grade, als jeder andere Künstler, zu verschaffen im Stande ist. Die Bildhauerkunst besitzt bloß Formen, die Malerei nur diese und Colorit; beiden fehlt unmittelbare Bewegung, die sic nie anders, als durch eine Art der Täuschung hervorbringen können. Beide stellen also nur im Raum einen Gegenstand dar; haben nur Objcctivität für die Sinne, die im Raume wirken. Durch die Macht, mit der die bloße Form hcrvor- tritt, erhält die Scnlptnr eine Einfachheit, die an Armuth zu gränzcn scheint, und selbst der Maler ist nur ans die Vorstellung gewisser Gegenstände, und selbst noch in dcr Darstellung dieser beschränkt. Der Dichtkunst ist die Bewegung so eigenthümlich, daß sic eigentlich keinen Ausdruck für das Stillstchcndc hat. Nur dadurch, daß sic das Auge die Umrisse dcr Figur durchlaufen läßt, kann sic eine Gestalt zeichnen. Dies aber prägt dieselben dcr Einbildungskraft nur um so festerem, da dcr Dichter sie nun vor ihr selbst erzeugt, sie im eigentlichsten Verstände nöthigt, sic selbst zu beschreiben. Sic wirkt ganz in dcr Zeit, greift dadurch tiefer, als die immer kältere bildende Kunst, in unsere Empfindung ein, und beseelt ihre Schilderungen mit einein volleren Leben. 43 Ihre Gemälde sind nicht bloß Gruppen, in dcncn sich Gestalt an Gestalt anschlicßt; sic gleichen auch vollkommen gegliederten Ketten, in welchen Bewegung ans Bewegung, Figur aus Figur entspringt. Der Dichter vermag die Gestalt nur eben so uncigentlich, als der bildende Künstler die Bewegung, zu schildern. Aber der wichtige Unterschied zwischen beiden ist der, daß die Bewegung eine größere Lebhaftigkeit mit sich führt, daß sie daher die Einbildungskraft besser stimmt, jenem Mangel ans eigenem Vermögen abznhelscn. Benutzt also der Dichter seinen ganzen Bortheil, so erlangt er eine größere Objcctivität, als dem bildenden Künstler möglich ist. .Denn er bcmeistert sich mehr aller Organe, durch die wir einen Gegenstand erfassen, derer, die im Raum, und derer, die in der Zeit wirken. Es ist nicht bloß, daß er Gestalten schildert und Handlungen beschreibt. Sein Schildern der Gestalt ist selbst eine Handlung, und seine Handlung wird zur Gestalt. Denn jeder vorige Zug, den ein nachfolgender verdrängt, bleibt doch in der ganzen Gruppe stehen. Wir sehen mm wirklich vor uns, was wir bei dem Gemälde immer nur unvollkommen hinzu denken, wie nämlich der vorgcstelltc Moment entstanden ist und wohin er übergeht. Selbst die große sinnliche Realität, welche die bildende Kunst durch das wirkliche Anfstcllcn deS Objectes besitzt, schadet ihr in Absicht ans diese Totalität. Denn diese lebendige Sinnlichkeit schlägt nun alles nieder, was die Einbildungskraft ihr noch hinzusctzcn möchte. Wie in jedem Verstände dichterisch nun die Objcctivität ist, welche in Hermann und Dorothea herrscht, bedarf nicht erst eines eigenen Beweises. Nirgends ist bloße Beschreibung des Ruhenden, überall Schilderung des Fortschreitenden; nirgends ein abgetrenntcs, einzeln dastehendes Bild, überall eine Reihe von Veränderungen, in welcher jede einzelne immer klar und geschieden nmgränzt ist; und das Ganze selbst gleicht so wenig dem Gemälde eines bloß leidenden Zustandes, daß cs vielmehr überall als das Zusammenwirken einer Menge von Entschlüssen, Gesinnungen und Ereignissen erscheint. 44 XIX. Eigcnlhümliche Natur dcr Dichtkunst, als einer redenden Kunst. Wir haben die Dichtkunst im vorigen Abschnitt mehr, in sofern sic von der bitdcndcn verschieden, als in sofern sie ihr entgegengesetzt ist, betrachtet. Aon dieser letzteren Seite könnten wir auch dieselbe füglich ganz mit Stillschweigen übergehen, da sic von dieser das gegenwärtige Gedicht nicht berühren kann. Um indeß die ganze Materie vollständiger zu erschöpfen, sei »ns noch diese Abschweifung erlaubt. Je mehr man die Natur der Dichtkunst, als einer bloß redenden Kunst, erörtert, desto klarer wird man begreifen, wie es möglich ist, sie als bildende zu behandeln. Die Poesie ist die Kunst durch Sprache. In dieser kurzen Beschreibung liegt für denjenigen, welcher den vollen Sinn dieser beiden Wörter faßt, ihre ganze hohe und unbegreifliche Natur. Sie soll den Widerspruch, worin die Kunst, welche nur in dcr Einbildungskraft lebt und nichts als Individuen will, mit der Sprache steht, die bloß für den Verstand da ist, und alles in allgemeine Begriffe verwandelt, — diesen Widerspruch soll sic, nicht etwa lösen, so daß nichts an die Stelle trete, sondern vereinigen, daß ans bcidem ein Etwas werde, was mehr sei, als jedes einzeln für sich war. Ueberall aber, wo im Menschen widersprechende Eigenschaften zu etwas Neuem verknüpft werden, da ist er gewiß, in seiner höchsten Natur zu erscheinen. Denn diese Eigenschaften widersprechen sich schlechterdings so lange, als seine innere Geistcsstim- mnng dcr wirklichen Welt um ihn her gleicht, und cs giebt kein anderes Mittel, sie zu vereinigen, als wenn man ihn aus dieser Beschränktheit hinweg in ein unendliches Feld versetzt, ihn an dcr Hand dcr Philosophie in die Region der Ideen hinübcrführt, oder auf den Flügeln dcr Poesie zu Idealen erhebt. Die Sprache ist das Organ dcS Menschen, die Kunst ist am natürlichsten ein Spiegel dcr Welt um ihn her, weil die Einbildungskraft im Gefolge der Sinne am leichtesten äußere Gestalten zurückführt. Dadurch ist die Dichtkunst unmittelbar, und in einem weit höheren Sinne, als jede andere Kunst, für zwei ganz verschiedene Gegenstände gemacht: für die äußeren und die inneren Formen, für die Welt und den Menschen; und dadurch kann sie in einer zwiefachen, sehr verschiedenen Gestalt er- scheinen, je nachdem sic sich mehr auf die eine oder die andere Seite ; hinncigt. i In beiden Fällen hat sic die Schwierigkeiten der Sprache zu übcr- ; winden, und sich der Vorzüge zu erfreuen, die sic gerade dadurch genießt, ^ daß diese, und daher der Gedanke, das Organ ist, durch das sie wirkt; allein wenn cs die inneren Formen sind, die sic zu ihrem Objecte wählt, dann findet sie in der Sprache einen ganz eigenen Schatz neuer und vorher unbekannter Mittel. Denn nunmehr ist diese der einzige Schlüssel zu dem Gegenstände selbst; die Phantasie, die sonst gewöhnlich den Sinnen folgt, muß sich nun an die Vernunft anschließcn; und wenn schon ans der einen Seite der Geist durch die Größe und den Gehalt des Gegenstandes hingerissen wird, so muß noch außerdem auch die Kunst einen noch höheren und rascheren Aufflug nehmen, um auch noch in diesem Gebiete die Einbildungskraft allein herrschend zu erhalten, zumal wenn sic nicht Empfindungen, sondern Ideen behandelt, und also mehr intcllcctncll als sentimental ist. Diese Gattung, in der uns das Beispiel der Alten fast gänzlich verläßt, ist, sie mag nun rein oder vermischt mit anderen erscheinen, der eigentliche Gipfel der neueren Poesie, und kann ihr eigenthümlich genannt werden. Je entschiedener sich dieselbe jedoch von der anderen trennt, desto weiter entfernt sic sich auch von dein leichtesten und einfachsten Begriffe der Kunst. Jeder echte Dichter nun wird dem einen der beiden hier geschilderten Charaktere eigcnthümlichcr angehören, mehr geneigt sein, entweder die individuelle Natur der Sprache für die Kunst, oder die der Kunst durch die Sprache geltend zu machen, dem gestaltlosen, todtcn Gedanken Form und Leben mitzntheilen, oder die lebendige Wirklichkeit bildlich und anschaulich vor die Einbildungskraft hinznstcllcn. In beiden Fällen ist er gleich großer Dichter; aber in dem crstercn leistet er mehr etwas, das nur die ! Dichtkunst und keine ihrer Schwestern vermag, zeigt er mehr ihr innerstes ! cigcnthümlichstes Wesen, wandelt er mehr einen einsamen, von keinen: an- ^ deren betretenen Weg, da er in dein letztere:: mehr einen gemeinschaftlichen Pfad mit allen übrigen Künsten, nur auf seine Weise, verfolgt. In jenen: kann er daher in einen: noch engeren Sinne des Wortes Dichter heißen, als in diesen:. i In dieser letzteren engeren Bedeutung nun Dichter zu sein, ist der Gattung, zu welcher Hermann und Dorothea gehört, geradezu entgegen- 46 gesetzt. Dies können mir der lyrische, didaktische nnd tragische Dichter, die, nahe mit einander verwandt, Eine Classc zusammen ansmachcn, nicht der epische. Dieser fordert Gestalten, Leben nnd Bewegung, führt den Menschen in die Welt hinaus, nnd fängt, um zuletzt so gut als jene sein Gcmüth in seinen innersten Tiefen zu erschüttern, bei seinen Sinnen nnd den Gegenständen, die ihn umgeben, an. XX. Dritte und letzte Stufe der Objektivität des Gedichtes. Wenn man dasjenige, was wir bisher über das Gocthe'schc Gedicht gesagt haben, mit dem Eindruck vergleicht, welchen cs selbst hcrvor- bringt; so muß man nothwcndig fühlen, wie weit noch unser Begriff hinter dem letzteren zurückgeblieben ist, wie viel noch daran fehlt, daß die Zeichnung seines Charakters die wirkliche Empfindung auch nur einigermaßen erreiche. Gerade aber weil seine hohe Schönheit darin besteht, daß eS seine große nnd allgemeine Wirkung in der strengsten Individualität hervorbringt, ist die Bcnrtheilnng desselben so schwierig. Wie bei der Schilderung eines lebendigen und organischen WesenS, wird man bei jedem Charaktcrzng, den man ihm beilegt, immer lebhaft daran erinnert, daß. man cs nie vollständig und richtig zeichnet, sobald man nicht das Ganze in der nothwcndigcn nnd unzertrennlichen Verbindung aller seiner Thcile hinzustcllcn vermag. Wir haben im Vorigen seine hohe Objcctivität zu schildern ange- fangcn; wir haben gezeigt, wie cs bloß sinnliche Gegenstände, und diese in ihren vollständigen Umrissen, in den reinen Formen der Einbildungskraft zeichnet. Allein wenn cs uns auch vollkommen gelungen wäre, dadurch zu beweisen, daß es von einem reineren nnd allgemeineren Kunstsinn, als andere, beseelt, sich näher, als sic, an die Werke der bildenden Knust anschlicßt i so sind dadurch noch kaum die äußersten Linien des Charakters desselben gezeichnet; so ist cs noch immer zu wenig auS der Masse beschreibender Gedichte hcrausgchobcn, nnd so reicht dies noch bei weitem nicht hin, seine cigenthümlichc Wirkung, die lichtvolle Klarheit, zu der cs die Phantasie, die energische Ruhe, zu der es das Gemüth erhebt, auch nur im Ganzen und der Gattung nach zu erklären. Die Objectivität der bildenden Künste überhaupt ist noch selbst von zu verschiedener Natur; es herrscht z. B. offenbar eine so ganz andere in den einfachen Werken der Bildhauerkunst und vorzüglich in einigen der Malerei, daß die allgemeine Verwandtschaft des Stils eines Gedichtes mit dem Stil der bildenden Kunst diese feinen Unterschiede noch bei weitem nicht bestimmt genug angiebt. Wo der höchste Grad der Objcctivität erreicht ist, da steht schlechterdings nur Ein Gegenstand vor der Einbildungskraft da; wie viele sie auch derselben unterscheiden möchte, so vereinigt sic sic doch immer nur in Ein Bild; da ist der Stoff bis ans seine kleinsten Thcile besiegt; da ist alles Form, und durch das Ganze hin nur Eine und eben dieselbe. Gleich deutlich kündigt sich diese hohe Trefflichkeit durch den Eindruck an, den sic zurückläßt. Wir fühlen uns von einer Klarheit umgeben, von der wir sonst keinen Begriff haben; wir empfinden eine Ruhe, die nichts zu stören vermag, weil wir alles, wofür wir nur irgend Sinn haben, in diesem Einen Gegenstände und dort in vollkommener Harmonie antrcffen; alle Kräfte unseres Gcmüthcs gehören der Phantasie, und diese ansschlic- ßcnd der Einen reinen, hohen und identischen Form an, die aus einem solchen Kunstwerke uns cntgegenstrahlt. Am deutlichsten sehen wir dies bei den Werken dcrSculptur. Wenn die Hand des Bildners den Marmor bearbeitet, so verschlingt der kleine Fleck, auf welchem sein Meißel geschäftig ist, zugleich seine ganze Aufmerksamkeit. Wochen, Monate und Jahre halten ihn diese engen Grenzen gefangen; immer das Bild, daS er darstelten will, vor Angen, findet er in ihnen eine Welt, welcher seine Kräfte nur mit Mühe Genüge leisten, und ruhet nicht eher, als bis er ganz und vollkommen den Gedanken seiner Einbildungskraft dem rohen Steine abgewonnen hat. Der reicheren Mannichfaltigkcit, des weiteren Umfanges der lebendigen Bewegung endlich, die seine Kunst ihm darbietct, ungeachtet, ist der Dichter eines gleich bildenden Sinnes, sein Werk einer gleich hohen Objcctivität fähig. Wo er nun einen solchen Sinn besitzt, da ist cS ihm nicht genug, bloß sinnliche Gegenstände, bloß reine Formen überhaupt aufznstcllen, da strebt er immer, die Einbildungskraft auf ein einziges Object zu heften, nur für dieses zu intcrcssiren, ans dies allein alles andere znrückznführcn. Sein Charakter besteht dann ganz eigentlich darin, mir 48 in der vollendeten Darstellung dieses Einen Gegenstandes seine volle Befriedigung zu finden. Die Einbildungskraft entschieden zu nöthigcn, auf eine bestimmte Weise thätig und productiv zu sein, ist zugleich seine einfachste Aufgabe und sein höchstes Ziel. Um dieser Forderung Genüge zu leisten, muß er derselben drei mit einander verwandte Eigenschaften zugleich mitthcilcn: lebendige Starke, vollkommene Freiheit und durchgängige Gesetzmäßigkeit. Zn den beiden Stufen der Objcctivität, die wir bis jetzt geschildert haben, sind mehr die beiden ersten Stücke erforderlich; zu der dritten aber, die wir jetzt näher betrachten, erhebt man sich nur durch das letztere, durch vollkommene und strenge Gesetzmäßigkeit. Um nun zu zeigen, daß unser Gedicht auch diese letzte und höchste Stufe der Objcctivität erreicht, wollen wir cs mit einer zwiefachen Gattung beschreibender Gedichte vergleichen. Wir werden dadurch noch außerdem den Borthcil gewinnen, daß, wenn wir cs bis jetzt nur als ein echtes Kunstwerk, und als ein beschreibendes Gedicht überhaupt charakterisirten, wir nun auf den bestimmten Platz kommen werden, den es unter diesen letzteren sich ausschließlich zneignet. XXI. Zwiefache Gattung beschreibender Gedichte in Rücksicht ans ihre größere oder geringere Objektivität — erläutert an Homer und Ariosi. Alte beschreibenden Gedichte stellen eine Reihe von Bildern, ein verbundenes Ganzes von Gestalten ans. Der Unterschied, den wir, geleitet durch die bisherigen Betrachtungen, hier unter ihnen fcstznsetzcn im Begriff sind, besteht darin, ob sie mehr durch die Mannichfaltigkeit und Berschic- dcnhcit der Figuren, oder durch die Gestalt der einzelnen und die Berbin- dnng aller zu einer Einheit zu wirken bestimmt sind, ob der Dichter seine Gruppen mehr als Massen, oder mehr als Ganzes behandelt hat, mehr durch Farbe und Colorit oder durch Form zu gewinnen strebt? Ans diese Weise läßt sich dieser Unterschied objcctiv angcben; snbjcc- tiv bestimmt, läuft er daraus hinaus, ob cs dem Dichter mehr ans eine gewisse bestimmte Thätigkcit der Einbildungskraft, oder nur ans Thätig- 49 keit überhaupt, ankam? ob ihm mehr daran lag, daß sic gerade nur dieses oder jenes Bild, oder bloß überhaupt in einem gewissen Tone und Rhythmus Bilder erzeugte? Man sieht leicht, daß hier bloß die Frage ist: ob er mehr bildend, oder mehr stimmend (musikalisch) wirkt? und daß dieser Unterschied sich bloß daraus ergicbt, daß man die allgemeine Eintheilungsformel, nach welcher sich alles entweder auf das Erzeugte, das Object, oder auf das Erzeugende, das Snbjcct, bezieht, auf diesen einzelnen Fall, die verschiedene Möglichkeit der dichterischen Darstellung einer Handlung, anwendct. Um diese zwiefache Gattung unmittelbar in einem Beispiele wicdcr- zncrkenncn, vergleiche man den Ariost und den Homer. Dies Beispiel wird gerade darum vorzüglich beweisend sein, weil es kann: möglich sein dürfte, bei gleich großer Verschiedenheit, eine größere Achnlichkeit zwischen zwei durch so viele Jahrhunderte getrennten Dichtern anzutresfcn. Wo lebt, seit Horner, in einem anderen Dichter eine solche Fülle und ein solcher Neichthum von Gestalten, wo eine solche nie stillstehendc, sich immer wieder aus sich selbst erzeugende Bewegung, wo strömt ein so unversicglicher Quell ewig neuer und überraschender Erfindungen, als in den Gesängen Ariosts? Welcher andere neuere Dichter erscheint nicht, von diesen Seiten mit ihm verglichen, arm und dürftig, ernst und feierlich, trocken und schwer? Wenn die höchste Bewegung und die lebendigste Sinnlichkeit das Wesen der Dichtkunst ansmachen, und niemand anstehcn wird, dein Homer hierin den Rang einznränmen; so gebührt dem Italienischen Sänger unstreitig gleich die erste Stelle nach ihm. Und doch welche ungeheure Verschiedenheit; wie stark gezeichnet vorzüglich der eben geschilderte Unterschied! Im Homer tritt immer der Gegenstand ans, und der Sänger verschwindet. Achill und Agamemnon, Patroklus und Hektar stehen vor uns da; wir sehen sie handeln und wirken, und vergessen, welche Macht sic aus dem Reiche der Schatten in diese lebendige Wirklichkeit heranfgerufen hat. Im Ariost sind die handelnden Personen uns nicht weniger gegenwärtig; aber wir verlieren auch den Dichter nicht ans dem Auge, er bleibt immer zugleich mit auf der Bühne, er ist es, der sie uns zeigt, ihre Reden erzählt, ihre Handlungen beschreibt. Im Homer entsteht Begebenheit ans Begebenheit, alles hängt fest mit einander zusammen, und erzeugt sich selbst eins ans dem anderen. Ariost knüpft seine Fäden nicht nur lockerer zusammen, sondern wenn sie auch noch so fest verbunden wären, so zerreißt er sie selbst wie in mnthwilligem W. v. H u m boldt, über Goethes Hermann nnd Dorothea. 4 50 Spiel, und läßt immer mehr die Herrschaft seiner Willkür, als die Festigkeit seines Gewebes, blicken; er unterbricht sich mit Fleiß, springt von Geschichte zu Geschichte über, scheint (und darin liegt zum Theil seine größcstc Kunst versteckt) nur nach Laune an einander zu reihen, ordnet aber im Grunde nach den inneren Gesetzen der Sympathie und des Contrastes der Empfindungen, die er in seinem Zuhörer weckt. Aber dieser Unterschied liegt bei weiten; nicht bloß in der Composition des Ganzen; wir finden ihn eben so gut in jeder einzelnen Schilderung, in jeder einzelnen Stanze wieder. Homer beschreibt eigentlich nie; die Phantasie seines Lesers befindet sich nie in dem Zustande, wo sie, wie sonst der Verstand, bloß die einzelnen Züge, die ihr gezeigt werden, anf- ninnnt, an einander reiht und so ein Ganzes znsammcnsetzt; wie sie dem Sänger folgt, stehen die Gestalten vor ihr da, sie hat sie nicht von ihm empfangen und doch auch nicht allein erzeugt; ans eine nncrklttrbare Weise ist beides zugleich und ans einmal vor sich gegangen. Ariost beschreibt immer, zeigt uns immer absichtlich Zug für Zug; und obgleich die Einbildungskraft durch ihn gleichfalls frei und lebendig beschäftigt und echt dichterisch gestimmt wird: so hat sic doch nie gleich rein bloß den Gegenstand, und noch bei weitem weniger immer nur das Ganze vor sich; auch den Theil, auch die einzelnen Züge des Gemäldes hat der Dichter so behandelt, daß sic für sich die Phantasie gewinnen, und sic von dein Ganzen abzichen. Im Homer ist durchaus bloß die Natur und die Sache, in: Ariost immer zugleich auch die 'Kunst und die Person, sowohl die des Dichters, als die des Lesers. Denn wenn der Leser sich selbst vergessen soll, darf er nicht an den Dichter erinnert werden. Beide besitzen einen hohen Grad der Objcctivität, beide zeichnen sinnliche und lebendige Gestalten; aber nur in: Homer leuchtet das Streben nach der vollendeten Darstellung Eines Gegenstandes hervor. Beide sind treue Maler der Welt und der Natur, aber Ariost gefällt mehr durch den Glanz und den Rcichthnm seiner Farben, Homer zeichnet sich mehr durch die Reinheit der Formen, durch die Schönheit der Composition ans. 51 XXII. Homer verbindet die einzelnen Theile seiner Dichtungen fester zn einem Ganzen. Der so eben geschilderte Contrast muß jedem Leser Homers und AriostS auffallend sein, welcher die Totalwirkung, die beide Dichter ans ihn machten, in sein Gedächtniß znrückruft. Entwickelt man nun denselben genauer, so findet man den zwiefachen Charakter, den wir oben angegeben haben. Homer verbindet eine ungeheure Menge von Gestalten in eine einzige Gruppe; Ariost faßt eine vielleicht noch größere Anzahl, in vielfache Gruppen verthcilt, nur gleichsam in denselben Rahmen ein. Im Homer strebt alles durchaus zum Ganzen; cs ist überall Einheit: Einheit der Handlung, der Charaktere, der Gesinnungen, der Empfindungen; die Verschiedenheit, die bis in ihre feinsten Züge nüancirt ist, wird immer nur als eine Stufenfolge von Bestimmungen gezeigt, die sich in sich zn einein Ganzen znsammcnschließt. Ariost kann eben so wenig der Einheit, als Homer des Reichthnms und der Mannichfaltigkeit, entbehren; es ist einmal ohne beides keine dichterische Wirkung möglich. Aber nicht diese Einheit, sondern nur die Mannichfaltigkeit wirken zu lassen, ist ihm wichtig. DaS Auge soll von Gestalten zn Gestalten nmhcrschweifcn, und ihre Zahl nie übersehen; die Fläche, auf der sic anstretcn, soll sich immerfort, aber nur da, wo es ihm jedesmal einen Augenblick zn verweilen gefällt, nicht gerade vom Mittelpunkte ans und nach allen Seiten hin ins Unendliche erweitern; die Verschiedenheit soll, selbst da, wo wirklich alle einzelnen Glieder zusammen verbunden ein Ganzes ausmachen würden, doch nur als Contrast erscheinen. Denn wenn auch, wie vielleicht nicht schwer zn erweisen wäre, die Helden Ariosts eben so als die Helden Homers alle Hauptseitcn des menschlichen Charakters vollständig darstcllten, so würde man dennoch immer nur in diesen den Reichthum der Menschheit, in jenen bloß die Verschiedenheit der Menschen zu sehen glauben. Gerade aber dann ist ein Charaktcrnnterschicd unter zwei Künstlern derselben Gattung echt und fehlerfrei, wenn beide, wie hier, denselben Rcichthum besitzen, und ihn nur auf verschiedene Weise geltend machen, ihn zn verschiedenem Gebrauch und unter verschiedenem Stempel ausprägen. 1 52 XXIII. Ariost rechnet mehr auf den Effect; Homer wirkt stärker durch die reine Form. Wenn Homer sich strenger an das Ganze hält, Ariosi mehr den einzelnen Theil hcranshebt, so mnß der crstcre mehr ans die Form, der letztere mehr ans den Effect rechnen, den in der Verbindung eine Figur mit der anderen macht. Das aber ist cs, was man in der Dichtkunst Licht und Schatten nennen kann, der Grad, um den eine Gestalt dadurch hervor- oder znrücktritt, daß eine andere neben ihr sicht. Dies, verbunden mit dem Tone, welchen der Dichter seiner Sprache gicbt, mit der eigcn- thiimlichcn Wichtigkeit, die er demselben für sich cinräumt, macht sein Colorit aus. Homer min arbeitet überall auf die Form; erst in den einzelnen Figuren, in ihrer Ruhe und ihrer Bewegung, dann in der Verbindung derselben, wo er eine an die andere, oder mehrere zusammen, oder endlich alle in Ein Ganzes verknüpft. Darum läßt sich die ganze Ilias oder die ganze Odyssee am Ende wie eine einzige Statue, oder, wenn diese Vergleichung zn kühn ist, wenigstens wie eine einzige Gruppe betrachten. Bei diesem Verfahren ist das Colorit natürlich untergeordnet; cs richtet sich gleichfalls nach der Form, und dient nur, diese mehr hcrausznheben. Ganz anders hingegen wirken Farbe, Licht und Schatten da, wo die einzelnen Figuren mehr allein und getrennt erscheinen. Denn da gehören sic wesentlich zn den Vcrbindnngsmittcln des Ganzen; und überhaupt braucht jedes Gemälde immer um so viel mehr Colorit, als cs an Einheit und Harmonie der Formen verliert. So wie die Einbildungskraft nicht ganz in ihren Gegenstand versenkt ist, so erhält ihre eigene Energie das Uebcrgewicht; und so wie der Dichter nicht so durch denselben beschäftigt ist, daß er jede Kraft anfbieten mnß, um ihn nur einfach hinznstellen, so erhöht sich unvermerkt und an sich selbst sein Ton, und wird reicher und Prächtiger, als sein Stoff. 53 XXIV. Cvlorit. Denn was wir Colorit*) nennen (und cs giebt in jeder Kunst etwas diesem Begriffe Entsprechendes), ist, wenn wir es allgemein und philosophisch in seinen Gründen und seiner Wirkung untersuchen, nichts an- Der Begriff des Kolorits ist hier in einem eingeschränkten Sinne gebraucht. tim dem Mißverständnis vorzubeugcn, das unfehlbar entstehen müßte, wenn man ihm einen allgemeineren unterlegte, sei cs erlaubt, noch folgende Erläuterung hinzuzufügcn. Die Malerei (von der man natürlich, so oft von Kolorit die Rede ist, immer ausgchen muß) hat ein zwiefaches Mittel, ihren Gegenstand darzustellen: den Umriß und die Farbe. Die letztere dient unmittelbar, die Achnlichkeit des Bildes auch von dieser Seite zu vermehren; aber insofern wirkt sie nur auf eine untergeordnete Weise. Ihre hauptsächlichste Wirkung bringt sie durch die Stimmung hervor, in welche sie unsere Phantasie bloß für sich, und unabhängig von aller Natnrnachahmung versetzt. Denn geht man (wie bei ästhetischen Untersuchungen häufiger geschehen sollte) auf die Natur derjenigen Sinne zurück, welche die Kunst zunächst beschäftigt, so findet man, daß das Auge sich in einer doppelten Beziehung auf der einen Seite auf unsere höheren intellektuellen, auf der anderen auf die niedrigeren sinnlichen Kräfte befindet, und daß seine Verwandtschaft mit den elfteren durch den Eindruck der Gestalt, die mit den letzteren durch den Eindruck der Farbe entsteht. Daher ist die bloße Gestalt (wenn sic ohne alle Farbe, also auch ohne Licht und Schatten, möglich wäre) kalt und trocken, die bloße Farbe hingegen (auch durchaus formlos) so frisch, lebendig und sinnlich, daß sic allein Empfindungen zu wecken im Stande ist. In sofern nun der Maler sich dieser beiden Mittel zugleich bedient, schlägt er zugleich einen objekiven und subjcctivcn Weg ein, sich unserer Einbildungskraft zu bcmeistcrn; und diese beiden Wege sind es, die in der That immer zugleich betreten werden müssen, wenn man zu einer wahrhaft künstlerischen Wirkung gelangen will. Denn obgleich beide, der Umriß sowohl als die Farbe, die Natur des Gegenstandes (der beide mit einander verbindet) nachzuahmcn dienen, so arbeitet der erstcre dennoch mehr darauf hin, uns denselben zu zeigen, die letztere mehr uns selbst lebendig genug zu stimmen, ihn vollkommen zu sehen. Jndeß kommen immer beide darin überein, nur ihn allein darzustellen. Wird aber das Gleichgewicht zwischen beiden gestört und dem Cvlorit ein Vorzug eingcräumt, so tritt alsdann der Fall ein, von dem oben die Rede ist. In diesem nun bleiben dem Künstler nur noch zwei Wege cinzuschlagcn übrig, entweder bloß die Sinne zu ergötzen, oder die Phantasie auf eine gleichsam rhythmische Weise zu stimmen. Die Möglichkeit, auf diese letzte Art zu wirken, wird aber immer nur äußerst beschränkt sein, da die Natur des Gegenstandes hier keine fortschreitende Reihe (keinen steigenden oder fallenden Rhythmus), sondern nur eine in sich selbst zurückkchrcnde erlaubt, und diese noch dazu auf Einmal gegeben ist. 54 dcrcs als das, was die Thätigkcit der Einbildungskraft ohne einen bestimmten, geformten Gegenstand beschäftigt, und was sie selbst wiederum fordert, so oft sic sich in einein solchen Zustande befindet. Wenn ihre Thätigkcit einmal rege ist, und sie doch nicht, bildend, ein bestimmtes Obstet erzeugt, so kann sie nichts, als gleichsam ihre eigene Kraft immer wieder von neuem Hervorbringen; und ob sie gleich auch so immer ein Etwas haben muß, woran sic dieselbe übt, so wird dicS, als unbedeutend und immer wechselnd, verschwinden, und nur der Grad und der Rhythmus ihrer eigenen Thätigkcit sichtbar bleiben. Daß dieser Begriff des Colorits in der That der richtige ist, sehen wir, wenn wir ihn da anfsnchcn, wo er ursprünglich hingehört, in der Malerei. Die Farbe, wenn sie nicht bloß die Form besser heranShcbt (und wir reden hier vom Colorit nur in sofern, als dasselbe sich allein und Ohne also auf die Erregung lebhafter oder gar heftiger Empfindungen rechnen zu dürfen, muß man sich hier allein an Harmonie und Lieblichkeit begnügen. Wenn die Phantasie bei der Einwirkung der Kunst auf dieselbe ganz in Thä- tiglcit gesetzt werden soll, so muß immer zugleich objectiv und snbjeetiv auf sic cingcwirkt werde». Man muß einen Gegenstand vor ihr bilden und ihre Kraft stimmen. Darum sagten wir, daß jede Kunst ihr Colorit habe, weil wir das Mittel, wodurch jede dies letztere auSrichtct, mit keinem schicklicheren Namen zu benennen wußten, da in der That die Farbe cs am vollkommensten und am reinsten zu bewirken vermag. In der Musik ist dies Eolorit eine gewisse schwer zu bestimmende Behandlung der Töne; in der Bildhauerkunst, in welcher die Form sonst so ausschließlich herrscht, scheint cs diejenige Bearbeitung des Materials, durch welche der harte und todtc Stein für das Auge Weichheit und Leben erhält. Denn obgleich dies nur durch Form hcrvorgcbracht werden kann, so wirkt cs doch nicht als Form, da auch das Gefühl (auf das wir jedes Wert der Scnlptur selbst dann, wenn wir cs bloß ansehcn, doch immer beziehen) in einer doppelten Verwandtschaft mit den intcllcctuellcn und sinnlichen Kräften steht. Wie mächtig der Unterschied zwischen der Musik und der Bildhauerkunst in Absicht auf die Objektivität beider ist, sicht man daran, daß, da in der letzteren das, was in ihr das Colorit ausmacht, nur allein durch Form bewirkt wird, dagegen in der elfteren sich dasjenige, was eigentlich einen Gegenstand schildert, oder eine bestimmte Empfindung ausdrückt (und also dem entspricht, was in der darstellenden Kunst die Form ist) kaum noch nur überhaupt von demjenigen unterscheiden läßt, was, ohne dies zu thnn, bloß die Phantasie beschäftigt oder das Ohr ergötzt. Die Malerei steht in diesem Punkte zwischen beiden in der Mitte; denn in ihr ist Form und Colorit am meisten und beinahe vollkommen von einander geschieden. Doch muß man bei dieser ganzen Materie nie vergessen, daß hier nur zum Bchnfc der Untersuchung getrennt wird, was in der Wirklichkeit schlechterdings unzertrennlich verbunden ist. 55 für sich hcrvordrängt) kann der Phantasie keinen bestimmten Gegenstand geben; sic kann nnr einzeln ihre Stimmung determiniren, und mit mehreren in harmonischer oder disharmonischer Folge, dieselbe verändern, und durch einen gewissen Rhythmus hindnrchführcn. Sic gleicht hierin dem Ton, nnr daß dieser durch seine innige Verbindung mit unserem Gcmüthc, ohne gerade bildend zu wirken, doch einen wirklichen Gegenstand, die Empfindung, hervorbringt, was die bloße Farbe wenigstens immer nnr sehr unvollkommen zu thnn im Stande ist. In den Arbeiten mittelmäßiger Maler drängt sich das Colorit bloß hervor, um die Sinne zu ergötzen und das Auge zu blenden; aber es gäbe auch einen höheren Stil für die bloß ans das Eolorit berechnete Malerei, die alsdann nach rhythmischen Gesetzen behandelt werden müßte, und noch weit mehr ist dies bei der Dichtkunst der Fall. XXV. Homer ist mehr naiv, Ariost mehr sentimental. — Resultat des ganzen Unterschiedes. Daß Ariost auch einzelnen Zügen seiner Schilderungen eine vom Ganzen unabhängige Wichtigkeit einränmt, und daß er den Ton seines Gesanges vor der Form seines Stoffes vorwalten läßt, dies beides kommt darin zusammen, daß er, weniger ausschlicßcnd mit seinem Gegenstände beschäftigt, öfter in sich selbst zurückblickt. Statt die Wirkling auf das Herz und das Gemüth seiner Zuhörer allein am Ende dem Ganzen seines Gemäldes zu überlassen, wendet er sich selbst, noch während seines Laufes, immerfort zu ihnen hin, und hat mehr den Effect, den er ans sic macht, als seinen Stoff vor Augen. Daher ist es auch seinem Leser in den meisten Fällen beinahe gleichgültig, welche Gestalt, welche Reihe von Begebenheiten er ihm vorführt, sobald nur überhaupt dasselbe Leben und dieselbe Bewegung bleibt, und im Einzelnen die Nüancc des Tones folgt, welche sich au die vorige am leichtesten und natürlichsten anschließt. Wir finden daher hier den allgemeinen Unterschied alter und neuer Dichtkunst wieder; aus Homer blickt eine naivere, aus Ariost eine mehr sentimentale Natur hervor. Dennoch wird die Verschiedenheit beider Dich- 56 ter durch dies Merkmal allein nicht erschöpft. Auch in der völlig objcc- tivcn Gattung beschreibender Gedichte ist noch die unmittelbare Beziehung des Stoffes ans das Gcmüth möglich, die sehr gut mit dem Namen der Sentimentalität bezeichnet wird. Was also diese Verschiedenheit begründet, ist allein die höhere Objcctivität. Der Dichter faßt einen Gegenstand ans; von ihm geht seine Begeisterung ans; er ist allein mit demselben beschäftigt, er strebt nach nichts anderem, als ihn so zu zeichnen, wie er in der Natur wirklich ist, oder wie er sein müßte, wenn er zu ihr gehörte; er kann nicht anfhören, bis derselbe vollendet ist, und ist fertig, sobald er den letzten Pinsclstrich daran gethan hat. Sein Zuhörer hat, wie er, seine Blicke nur fest ans denselben geheftet; er interessirt sich nur langsam und nach und nach für ihn; aber mit jedem Augenblicke steigt die Wärme, mit der er ihn umfaßt, bis sic zuletzt zu der höchsten Innigkeit anwächst; er glaubt bloß außer sich und in ihm zu leben, und bemerkt erst zuletzt mit frohem Erstaunen, daß indeß und durch ihn in ihm selbst eine mächtige Veränderung vorgcgan- gcn, sein Gcmüth bis in sein Innerstes erschüttert, erhöht und identisch umgestimmt ist. Oder der Dichter fühlt seine Phantasie in unruhiger Bewegung; seine Begeisterung geht von dieser Regung ans; er sucht und schafft sich einen Gegenstand; indem er ihn ausbildct, folgt er dem Gange dieser inneren Stimmung; er kann nicht aufhören, er muß Stoff aus Stoff erzeugen, so lange diese fortdauert, und er kann nicht fortfahren, sobald sic ihn verlassen hat. Sein Zuhörer ist von derselben Begeisterung mit fortgcrissen; er ist überhaupt von einem rascheren und gleich anfangs lebendigeren Feuer beseelt; diese Regung aber kann nicht durch die Folge hindurch immer steigend wachsen, sic muß sich in einem mannichfal- tig wechselnden Tanze fortbewcgen, und endlich nach und nach anfhören; das Ende dieser Laufbahn kann nicht mit einer so tiefen und überraschenden Rührung bezeichnet sein, da das Gemuth nicht so plötzlich in sich zu- rückkchrt, vielmehr immer von innen heraus auf die Welt nbcrgcgan- gcn ist. Mit der höheren Objcctivität ist eine strengere Gesetzmäßigkeit verbunden. Der Dichter, welcher sich bloß an den Gegenstand hält, hat ein Geschäft zu vollenden; der, welcher nur seiner inneren Stimmung folgt, bloß ein Spiel zu durchlaufen. Dieser wird durch eine innere, gleichsam unwillkürliche Nothwendigkeit bestimmt; jener muß seinen Stoff so anordnen und behandeln, als hätte ihn der bloße Verstand und die kalte 57 lleberlegnng geformt. Dies aber kann nicht anders als durch dasselbe Genie geschehen, das ihn erzeugt, und so muß seiner Einbildungskraft diese Gesetzmäßigkeit, durch welche sic ihren Idealen die vollkommenste Naturähnlichkeit gicbt, so ursprünglich cinvcrlcibt sein, daß alle ihre Geburten sic von selbst und unmittelbar an sich tragen. Durch diese strenge Gesetzmäßigkeit nun wird der letztere endlich tiefer und wohlthätiger ans das Gcmnth und die Gesinnungen, sowie der ersterc durch seine heitere und anmuthigc Leichtigkeit ans die Stimmung und das Temperament cin- wirken. XXVI. Einfluß dieser Verschiedenheit beschreibender Gedichte auf die Wahl der VerSart. Diese beiden Gattungen von Gedichten sind so sehr von einander geschieden, daß jede ihren eigenen Bersban erfordert, und dies die eigentliche Gränzlinic ist, wo in beschreibenden Gedichten der Reim und der griechische VerS gebraucht werden muß. Denn der Reim giebt immer ein Colorit, das sich für sich allein dem Auge vorwaltend anfdrängt, da hingegen der Hexameter, so wie jedes alte Silbcnmaß, seinen noch reicheren und glänzenderen Farbcnschleier immer nur als ein bescheidenes Gewand um die Schönheit der Formen gießt. XXVII. Z» welcher jener beiden Gattungen unser Dichter gehört? beweist er durch die Zeichnung seiner Figuren. Es bedarf nicht erst eines Beweises, welchen von diesen beiden Charakteren Hermann und Dorothea an sich trägt. Der Dichter hat es nie mit etwas anderem, als mit seinem Gegenstände zu thun; sein Gang ist lebendig und kräftig, aber ruhig, gleichförmig und von immer schnellerer steigender Bewegung gegen das Ende des Gedichtes; der Leser lebt allein in der Begebenheit, die er vor sich sieht, er ist, wie der Dichter, klar und gleichförmig gestimmt, aber zuletzt tief gerührt und von den höchsten Gefühlen durchdrungen. Nicht seine Sinne, 58 nicht seine Leidenschaften sind rege; aber sein Sinn ist beschäftigt, seinGe- inüth still bewegt; er fühlt nicht sowohl das rasche Feuer, welches sonst die Phantasie anfacht, als er sich vielmehr der lebendigen Klarheit bewußt ist, womit ein reiner und tiefer Blick in das Leben und die Menschheit die Seele erhellt. Seine Einbildungskraft hat durchaus frei und allein, mit aller ihrer schöpferischen Kraft, und an einem Gegenstände, also bildend, gewirkt. Davon überzeugt man sich vorzüglich dann, wenn man die Mittel genauer untersucht, durch welche der Dichter seine Gestalten dem Leser in die Seele prägt. Wir haben schon im Vorigen an einem Beispiele gesehen, daß er sic nicht ängstlich beschreibt, sondern nur ihre Umrisse zeichnet; aber selbst das thnt er nur selten, nur da, wo die Veranlassung ihn schlechterdings dazu nöthigt. Er kennt ein anderes, tiefer eingreifendes Mittel sie aufznführcn und wichtig zu machen; die Kunst nämlich, sic durch den Grund hcranszuheben, ans dem sie auftretcn, die Einbildungskraft durch die gehörige Stimmung zu nöthigcn, sie von selbst und in der Größe zu erzeugen, die er ihnen mittheilen will. Dadurch erhält er ihre Umrisse, ohne ihrer Bestimmtheit zu schaden, dennoch immer gränzenlos und unendlich: sic wachsen in der That immerfort vor der Phantasie, so wie allmälig die eigene Stimmung derselben fortschreitend erhöht wird; das Ganze knüpft sich fester zusammen, wenn immer ein Thcil den anderen, und nicht jedesmal der Dichter jeden besonders zu bilden scheint; und die ganze Wirkung wird um so viel dichterischer und künstlerischer, als sic reiner und selbstthätiger bloß durch die Einbildungskraft vollendet wird. XXVIII. Vergleichung unseres Diebtcrs mit Hemer in diesem Stücke. — Beispiel an Glaukus und Diomcdcs Waffentausch. Dieselbe Eigcnthümlichkeit epischer Schilderung finden wir auch im Homer und überhaupt in den Alten wieder. Wenn die neueren Dichter alles einzeln ausmalcn, wenn sie oft kleine und einzeln intcressirende Züge answählcn, wenn man bei ihnen überall Beschreibungen männlicher und weiblicher Schönheit findet; so sind diese jenen durchaus fremd. Aber da- gegen verstehen sic ihren Figuren eine andere Größe, eine andere Würde, nnd wahrhaft kolossalische Umrisse durch die Art zu geben, wie sic dieselben erscheinen lassen, und wie sie durch dies Erscheinen auf die Einbildungskraft einwirkcn. Welche einzelne Scene man etwa ans der Jliade nnd Odyssee hcr- aushcben mag, so findet man diese Bemerkung bestätigt. Man nehme z. B. Glankus und Diomedes Waffentansch. Auf welchem Boden treten schon diese beiden Figuren auf, von welchen Gegenständen sind sie umgeben! Ein mit Kämpfern ungefülltes Schlachtfeld, das wechselnde Glück beider Rationen, der zwiefache Anthcil der Götter an dem Ausgange des Kampfes, das Schicksal Trojas, dessen künftiger Untergang durch die ganze Anlage des Gedichtes vorherverkündigt, und auch in diesem einzelnen Stücke, in dem Eontrast der Eharakterc des edleren, sanfteren, beinahe schwcrmüthigen lchciers und des wilderen und rauheren Argivcrs, nnd in dein Tone ihrer Reden unverkennbar gezeichnet ist. Dann diese Charaktere selbst, echte und reine Hcldcnnatnrcn, stolz und tapfer, sogar wild und grausam, aber einfach, fest in einmal geschlossenen Verbindungen, voll Ehrfurcht für ihre Väter, für die Gastfreundschaft und die Götter, welche dieselbe beschützen. Wie sic die Verbindungen ihrer Väter erzählen, ist man plötzlich in alle ihre Empfindungen versetzt, weil diese Empfindungen insgesammt nur rein menschliche sind; inan fühlt den muthigcu Stolz des Jünglings, den sein Vater ermahnt hat, feines Heldengcschlechtcs nicht unwürdig zu sein; man thcilt gern Diomedes Ehrfurcht für die Gastgeschenke, die seine Ahnherren ihm hinterlasscn haben, nnd für das Andenken eines Vaters, den sein Heldenruf ihm, noch ehe er ihn kannte, schon entriß. Bei der Geschichte der beiden Stämme thut man einen tiefen Blick in das LooS der Sterblichen und die Macht des Schicksals; Prötus leichtgläubiger Argwohn, Bellerophons menschenscheue Schwermnth, Tydcns und der Sieben Untergang vor Theben! Von allen diesen Bildern auf einmal gerührt, wer begleitet sic nicht da, wenn sie nun, nach Handschlag nnd Waffentausch, sich wieder in das Getümmel der Schlacht versenken, mit wchmüthiger Rührung? wer ist nicht von dem tiefen Gefühle für die Größe und den Edelmnth, aber zugleich für die Ohnmacht mkd Verblendung des Menschen durchdrungen, durch die er nur als ein leichtes Spiclwcrk in der Hand des übermächtigen Schicksals erscheint! — Welche Farben aber leiht diese Stimmung, in 60 welches ehrwürdige Halbdunkel hüllt sic die beiden Figuren, die der Dichter bloß dadurch zu zeichnen verstand, daß er sie ans das Gcmüth cinwir- kcn ließ, noch che er sic eigentlich hingestellt hatte! Unser Dichter hat keinen so großen und glänzenden Schauplatz, keine so reiche Anzahl von Nebenfiguren, durch welche die Hauptfiguren von selbst hervortrcten, keine Helden und Heldengeschlcchtcr, welche die Phantasie von selbst, und ohne daß es dazu nur eines Winkes bedarf, in die Vergangenheit znrückführen; unbekannt, und von Unbekannten abstam- nicnd, müssen die Personen, die er uns zeigt, allein durch sich selbst gelten. Wie hat er cs mm angcfangen, um ihnen den Adel und die Größe zu geben, ohne welche keine tiefe dichterische Wirkung möglich ist? Der glückliche Sänger der Vorzeit konnte vor den Sinnen und der Einbildungskraft einen rcichgesticktcn, farbigen Teppich voll der mannich- faltigstcn Gestalten in üppigem Rcichthnmc abrollcn; er, welcher durch seine Zeit, seine Sprache und seinen Stoff dieses Vorzuges entbehrte, mußte seine Mittel mehr in dem Inneren des Gcmttthes und der Stimmung desselben aufsnchc»: was jener in der Natur und der Welt fand, mußte dieser unmittelbar in den Menschen legen. Wo also die Figur anftritt, sie mit dem hohen Stil zu zeichnen, der die Seele zugleich erstaunt und fesselt; sie mit entschiedenen und kräftigen Zügen, ohne daß eine Absicht errathcn werden kann, auf den Vordergrund des Ganzen hinzustellen; den Leser durch auffallende Wirkungen, die sic hcrvorgcbracht hat, wie durch ein Licht, das, von ihr ansstrahlend, ihr Dasein, noch ehe sie selbst erscheint, schon verkündigt, auf sie vorzubcrcitcn; sie selbst selten zu zeigen, und doch sogar abwesend ihre Gegenwart immer und ununterbrochen wirksam zu erhalten; ihr Bild dadurch immer wachsen zu lassen, daß die Höhe des Tones und der Stimmung im Ganzen znnimmt; und sie überhaupt immer mehr in dem Widerschein ihres Wesens, als unmittelbar in diesem selbst, zu zeigen — war alles, was ihm unter diesen Umständen übrig blieb, und dies hat er so trefflich zu benutzen verstanden, daß sich der Leser nun dennoch der ganzen und vollen Wirkung erfreut. 61 XXIX. Schilderung Hermanns und Dorotheens. Hermann und Dorothea sind beide durchaus so gehalten, daß keine dieser beiden Gestalten Nor der anderen hcrvortritt. Wie sic in der Handlung, in der sic der Dichter zeigt, Eins sind; wie ihre ganze Seele nur gegenwärtig mit einander beschäftigt ist: so sind sie auch nur gleichsam als ein einziges Individuum geschildert. Uebcrall erscheinen sie nur immer in Beziehung auf den anderen, überall sicht man in dein einen auch den anderen zugleich mit, und ihre beiderseitige Natur schmilzt eben so fest und vollkommen zusammen, als ihre Herzen unzertrennlich verbunden sind. Aber (denn auch darin ist die Ordnung der Natur so schön beobachtet) Hermann tritt überhaupt mehr, und von Anfang allein auf; wir lernen Dorotheen nur durch ihn kennen, durch das ganze Gedicht erscheint sie immer nur als ihm bestimmt oder angehörcnd, und wenn sic am Ende einen Augenblick eine eigene Selbstständigkeit gewinnt, so geschieht es nur, uni durch diesen Mnth und diese Kraft der weiblichen Anhänglichkeit noch mehr Adel und Würde zu geben. Darum bleiben wir hier nur bei Dorotheens Schilderung stehen. Hermann, als die Hauptfigur des Gedichtes, zeichnet sich von selbst; indeß werden wir doch bald sehen, daß auch er seine eigentliche Größe von der Einbildungskraft des Lesers nur dadurch gewinnt, daß wir seine Gestalt in Dorotheens Wesen, wie in einem reineren Medium, wieder erblicken. So tragen und heben beide Figuren sich immer nur gegenseitig; und indem die Phantasie, den fixen Punkt anfsuchcnd, an dem das Ganze befestigt ist, immer von der einen zur anderen hinüberschwanken muß, indem das Bild beider, wie ein Licht zwischen zwei Spiegeln, immerfort von der einen in die andere zurückgeworfen wird, erhalten sie immer schwellende und unendliche Umrisse. «>2 XXX. Erste Einführung Dorotheens durch Hermanns Erzählung von ihr. Was diesem ganzen Goetheschen Gedichte eine so große Objcc- tivität giebt, nnd es so sehr der Gattung von Gedichten aneignet, von der wir hier reden, ist der feste nnd sichere Grnnd, welcher dem ganzen, so wie jedem einzelnen Theilc, jeder Handlang nnd jeder Schilderung, wenn die Metapher erlaubt scheint, gleichsam nntergcbant ist. Wie der Werkmeister der Natur den feinsten und sprechendsten Zügen der menschlichen Gestalt einen festen und bestimmten Glicdcrban unterlegt, nnd die Festigkeit nnd Stärke, die daraus hcrvorgeht, zu einem Hanptelementc der Schönheit macht; so bereitet sein Schüler, der Dichter, der Einbildungskraft einen sichern nnd unerschütterlichen Boden, von welchem ans sie, zuversichtlich auftrctend, einen kühnen Aufflug nehmen kann. 'Nicht also bloß in der Anlage des Ganzen sind alle Theilc fest zusammengcfügt, sondern auch bei einzelnen Schilderungen, vorzüglich bei der Zeichnung der Charaktere, sind gerade solche Elemente ansgcwählt, welche dem Ganzen Haltung, Kraft nnd Sicherheit geben. Fast nirgends fällt dies so lebhaft ins Auge, als bei dem ersten Erscheinen Dorotheens. Ihr Bild ist da mit so sicherer Meisterhand hingestellt, daß cs in dem Gemüthe, wie festgewurzelt, haftet. Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfnhr, Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gcfügct, Bon zwei Ochsen gezogen, den größten nnd stärksten des Auslands; Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen, Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Thicre, Trieb sie an, und hielt sie zurück, sic leitete klüglich. Man glaubt eine der hohen Gestalten zu sehen, die man bisweilen auf den Werken der Alten, ans geschnittenen Steinen, erblickt. Alan fühlt sich betroffen, nnd hält innc; man begreift nicht, wodurch nnd womit dies gemacht ist. Der Dichter hat bloß die einfache Handlung erzählt; aber man kann sich nicht enthalten, dieser Erscheinung noch einen Augenblick znznschcn. Sie steht zu auffallend da. Bon der Erzählung im vorigen Gesänge her, ist der Leser noch von dein Zuge der Ausgewanderten erfüllt; er sieht noch das vcr- 6Z wirrte Durchcinandertrciben, die unbesonnene Eile, die gegen fremdes Unglück gleichgültige Selbstsucht vor Angern Aus dieser nngcschicdenen Menge sondert sich mm eine einzelne Gruppe ab: ein Wagen ist zurückgeblieben, indeß die übrigen schon in der Entfernung vorauseilen; eine Wöchnerin, von Ochsen gezogen, die ein Mädchen lenkt. Dies Mädchen tritt allein einzeln ans, sie allein ruhig, besonnen, hülfreich; mm muß alles, die Stärke des festgefügten Wagens, die gewaltige Größe der Thiere, selbst das verwirrte Gedränge des Zuges ihr Bild zu vergrößern beitragen. Es ist schon so identisch geworden, die Phantasie ist schon so willig, es in ganz fremde Regionen zn versetzen, daß wir vergessen, daß der lange lenkende Stab nicht mehr Sitte unserer Zeit ist. XXXI. Schilderung der Jungfrau in ihrer Wirkung aus Hermann. Nach dieser ersten Einführung ist der zweite Moment des Erscheinens der Jungfrau erst in der Stelle, die wir im Vorigen genauer geprüft haben. Aber auch indes; verläßt sie den Schauplatz nicht; von diesem ersten Augenblicke an bleibt sie dem Leser gegenwärtig, und wirkt von ihm in Hermanns Seele, in seinen Reden und Entschlüssen fort. Ja, noch che sic der Dichter wirklich anftrctcn läßt, erschien sie schon in der Umwandlung seiner Gestalt und seines Wesens, welche die bei seinen Eltern versammelten Freunde gleich beim Hcreintrctcn an ihm bemerken. Die Schönheit des Momentes, wo in der beginnenden Reife des Jünglingsalters ein Gegenstand sich Plötzlich der Seele bcmcistcrt, weil in Einem Augenblicke eine Leidenschaft angefacht wird, die für das ganze übrige Leben fortdaucrn soll, wird durch diese Stelle und die ganze Schilderung der nun erst erwachenden Gefühle Hermanns in allem ihren: Reize vor das Geinüth des Lesers gebracht. Die Veränderung, die er in seinem Wesen erfährt, erinnert an die wohlthätigc Kraft, mit der Homers Götter und Göttinnen ihren Licblingsheldcn höhere Schönheit und übermenschliche Größe verliehen, und vertritt die Stelle deS Wunderbaren, das in seiner wahren und antiken Gestalt in einer Eomposition, wie das gegenwärtige Gedicht ist, keinen Platz finden konnte. Aber wenn es mm 64 hier jenen überirdisch strahlenden Glanz entbehren mnß, so führt es uns desto tiefer in uns selbst zurück. Wie viel wir auch, sagt es uns, an uns bessern und modeln, so erzeugt sich die eigentliche Gestalt, die wir annehmen, doch allein und uns unbewußt, aus uns selbst; gerade die Gefühle, die uns am mächtigsten beherrschen, schießen wie Blitze aus unbekannten Tiefen unseres Jchs hervor, durchstrahlen unser ganzes Wesen so lebendig, und heben es so ganz aus den gewohnten Kreisen unseres Daseins heraus, daß wir durchaus als veränderte Menschen erscheinen. Durch eine so wundervolle Umwandlung Hermanns ans ihre nur erst dunkel geahnte Ursache, durch die kraftvollen Worte, durch die sein Vater das Schicksal seines Vaterlandes und das Glück seiner Familie in einen herzlichen Wunsch vereinigt, auf ihn selbst vorbereitet, wie tritt da Dorotheens Gestalt doppelt bedeutend hervor! Nachdem Hermann seine Erzählung geendigt hat, cntspinnt sich ein Gespräch zwischen ihm, seinen Eltern und seinen Freunden. Die Handlung geht fort: sein Vater macht ihm Vorwürfe über sein zu blödes und stilles Betragen; der bescheidene Sohn weicht den Vorwürfen aus und verläßt das Zimmer. Der Leser ist nun in das Interesse gezogen; er sicht eine Begebenheit anfangcn, die ihm durch die darin verwebten Charaktere wichtig wird. Mit inniger Thcilnahmc folgt er der Mutter, wie sie dem Sohne nachgeht. Sie findet ihn auf dem Hügel, der Grünze ihrer Besitzungen, unter einem Baume sitzend. Dies ist wieder eine der Stellen, in welchen der Dichter seine Kunst offenbart, durch die Stimmung der Einbildungskraft des Lesers seinen Figuren Größe und Charakter zu geben. Mit dem Rücken gegen die Mutter gekehrt, sitzt Hermann, auf den Arm gestützt, und scheint in die Gegend zu schauen, jenseits nach dem Gebirge. Wie er sich zur Mutter nmwendet, sieht sie ihm Thräncn im Auge. So überraschen wir ihn mitten in seinen einsamen Selbstbetrachtungcn, und schon der Ort, ans dem wir ihn antrcffen, macht uns diesen Moment bedeutender. Am Ende des langen Weges, den wir, unruhig suchend, mit der Mutter zurückgelegt haben, auf einer Höhe, von der wir auf das Städtchen und die Wohnung hinabschauen, die wir eben verließen, mitten in einem kräftig fluchenden Kornfelde, steht ein Baum, dessen Alter sich schon so weit in die vorigen Zeiten zurückcrstrcckt, daß die Hand unbekannt ist, die ihn gepflanzt hat. Unter ihm sitzt Hermann. Welchem Leser werden hier nicht Augenblicke seines Lebens Unfällen, 66 wo cr sich in ähnlichen Stimmungen, in ähnlichen Lagen befand; wer wird sich nicht erinnern, wie alsdann ein Gebirge, das sich am äußersten Horizont Hinsicht, den Blick einladet, von Gipfel zu Gipfel zu schweifen, wie das bewegte Herz eine unwiderstehliche Sehnsucht befällt, auch jenseits hinüberznschanen, auch jenseits und drüben zu sein, als wäre eine andere und bessere Welt durch diese Mauer von uns geschieden! Aber es ist nur wenig, wenn der Dichter solche Stimmungen und Empfindungen in uns weckt: seine hohe und meisterhafte Kunst besteht darin, mitten ans ihnen und durch sic den Gegenstand in seiner lebendigen Wirklichkeit hervorgehcn zu lassen; und gerade dies hat der. unserigc hier erreicht. Statt daß wir Hermann verlassen, und uns Erinnerungen hingebcn sollten, ist er cs allein, der vor unseren Augen gegenwärtig ist; aber zugleich schwellen jene Erinnerungen unseren Busen, erfüllen sie unser Herz; wir sind uns ihrer nicht einzeln bewußt, aber ihre Wirkung ist in uns lebendig, und trägt sich auf den Gegenstand über. So kommt es schlechterdings nur darauf an, welche Richtung der Dichter unserer Einbildungskraft zuerst gegeben, welchen Ton er angestimmt hat. Ist diese Richtung einmal entschieden objcctiv, geht sie gerade darauf hin, Gestalten zu malen, nicht Gefühle zu erwecken, so mag er unser Inneres erschüttern, rühren, anfrcgcn, so stark und mächtig es nur in seiner Kraft steht; alles wirkt doch nur dahin, die Welt, die er uns zeichnet, lebendiger vor uns hinzustellcn, uns noch tiefer und mit noch mehr entschiedener Selbstvergesscnheit in dieselbe zu versenken. XXXII. Die Wirkung des Mädchens auf den Jüngling ist nicht in einer unbestimmten Größe, sondern in dem bestimmten Begriff der vollkommenen Angemessenheit beider Naturen gezeichnet. Wenn wir hier einen Augenblick bei dem Eindruck verweilten, den Hermanns Schilderung macht, so entfernten wir uns darum nicht von Dorotheen. Denn dieser Eindruck, die heftige Bewegung, die sic in dem Herzen des Jünglings hervorgcbracht hat, und die furchtbaren Folgen, die dies einen Augenblick ans die Ruhe und das Glück einer Familie zu V. v. Humboldt, über Goetbeö Hcnimmi und Dovotbca. 5 66 haben droht, die uns wcrth geworden ist, sind zusammengenommen das kräftigste Mittel, ihr Wesen und ihre Gestalt selbst (da beides hier immer Hand in Hand geht) mächtig hcransznhebcn. Es wäre überflüssig, dies einzeln ansznführcn. Man erlaube mir nur auch hier, an die im Vorigen gemachte Bemerkung zu erinnern, daß der Dichter, wie überall, so auch hier, um der höchsten und poetischsten Wirkung gewiß zu sein, nie das Glänzendste und Kühnste, sondern immer daS Kräftigste und Gehaltvollste ansgcwählt hat. Hermann ist auf einmal ans allen gewohnten Geleisen seines Lebens hcransgcworfen; daS Erste, nach welchem er saßt, als er den engen Kreis seines bisherigen Lebens verläßt, ist auch das Höchste: das Schicksal seines Vaterlandes, seiner Nation, der Welt; cS ist ihm zuwider, noch ferner unthätig zu sein, er will wirken; er fühlt, daß cs vergeblich sein wird, aber sein Leben soll auch vergebens dahiugehcn. Eine natürliche Wirkung der heftigen Leidenschaft. Sobald das bisherige Leben einmal nnschmackhaft geworden ist, kann eine kräftige Natur nichts anderes, als das gerade Gcgenthcil wollen; sie darf nicht einmal ihrer Thätigkcit einen anderen, als einen unglücklichen Erfolg wünschen. Sich vergeblich anfznrcibcn, ist das Streben aller Verzweiflung. Sogar der Selbstmörder, der den Faden seines Lebens in diesem Zustande abschneidet, thnt cs nicht, um eines Daseins los zu werden, dessen er müde ist, sondern um Kräfte, die etwas wirken könnten, und die das Schicksal min einmal nicht nach seiner Weise wirken lassen will, mm auch absichtlich umsonst wegznwerfen. Solche Verzweiflung aber erregt bloß die Unmöglichkeit, dasjenige zu erreichen, was uns durchaus gemäß ist. Sobald dies nicht der Fall ist, gicbt uns das Entbehren dessen, was wir umsonst zu besitzen wünschen, wohl eine andere Nichtnng, aber schlendert uns nicht in das gerade Gcgenthcil hin. Dies ist Ein Punkt. Ein zweiter ist folgender. Hermann geht mit seiner Mutter znm Vater, dessen Einwilligung zur Verbindung mit Dorotheen zu suchen. Wie er die Worte ausgesprochen hat: die gebt mir, Vater; mein Herz hat Rein und sicher gewühlt; erkennt auch der Geistliche, daß diese Worte in einem Augenblicke gesagt sind, der besser als alle Bcrathnng über das Leben und das Geschick des Menschen entscheidet. Was wir mir wünschen, worüber wir rathschlagen, dessen können nur noch entbehren. Was uns unentbehrlich und Iwthwmdig ist, was unsere Natur unmittelbar fordert, das spricht ein einziger Augenblick ans. Ein solcher ist jetzt für Hcrmcnm gekommen. Aber bei ihm kann man (und dies ist der dritte Punkt) noch sicherer sein; was er begehrt, das ist ihm gemäß, und das hält er fest. Wenn cs nnS gelungen ist, den Leser durch die bisherigen Betrachtungen ans den rechten Standpunkt zu fuhren, den Charakter dieses Gedichtes treu und wahr aufznfasscn; so muß derselbe bereits fühlen, daß unser Dichter nie unbestimmt nach dem Großen, Starken, Erhabenen, sondern immer nach dem Vollkommenen und Vollendeten strebt, daß er nicht ans die Erreichung eines hohen Grades, sondern des Absoluten anSgeht. Dies beweist, mehr als eine andere, die hier ansgehobenc Stelle. Ein anderer Dichter hätte sich begnügt, die Trefflichkeit des Mädchens in der bloßen Stärke der Wirkung zu schildern, die cs ans den Jüngling gemacht hat, und dies Mittel wäre ans keine Weise verwerflich gewesen. Der nnserige thnt zugleich weniger und mehr. Er scheint anfangs wenig darum bekümmert, den Eindruck zu malen, den Hermann erfahren hat; er läßt ihn in seiner Erzählung keinen Augenblick ans seinem ruhigen, einfachen, beschreibenden Tone heransgchcn: aber er führt die Umstände so, daß er unwiderstehlich darthnt, daß Dorothea ganz und gar, und nur sie, dem Wesen des Jünglings angemessen ist, daß sic sein werden muß, und daß er ans seiner ganzen Natur hcransgchobcn ist, wenn er sie nicht besitzt. Wie viele Vorthcilc gewinnt er nun ans einmal! Alles, wodurch Hermanns Charakter überhaupt geschildert ist, wirkt nun ans diesen einzigen Moment, und dieser wieder darauf zurück. Dorothea erscheint nicht bloß in einer unbestimmten Größe, in einer Wirkung, ans der sich der Gegenstand, der sic hcrvorgcbracht hat, immer nur schwankend erkennen läßt; sic steht in den bestimmtesten Umrissen da. Denn wir kennen Hermann, und sic ist das Mädchen, das ein solcher Jüngling bedarf. Dadurch ist sic zugleich gerade in der Gattung von Trefflichkeit gezeichnet, die am besten zu dem Geiste des ganzen Gedichtes paßt: als eine reine, kräftige, sichere Natur, — als die zuverlässige Gattin Hermanns. Mil wie starken und lebendigen Farben der Dichter die Leidenschaft Hermanns gemalt hätte, so würde er nie das erreicht haben, waS er jetzt erlangt; wenigstens hätte er es nicht als epischer Dichter erreicht. Denn wenn der lyrische das, was über alle Wirklichkeit erhaben ist, als das letzte 68 Ziel aller Kunst, oft nur durch ein Aufsteigeu zu immer höheren Graden in der Unendlichkeit anfsnchen darf, so mnß der epische cs immer in der Totalität eines geschlossenen Kreises zu finden verstehen. Aber nachdem der Dichter die Umrisse seiner beiden Hauptfiguren so bestimmt gezeichnet, sie uns so fest eingcprägt, unser Herz so innig für sie erwärmt hat, giebt er ans einmal unserer Einbildungskraft einen kühneren Schwung, versetzt er den Gegenstand, der uns, noch immer abwesend, so einzig beschäftigt, plötzlich wie in höhere Sphären. O, mein Vater, ruft Hermann ans, sic ist nicht hergelaufen, das Mädchen, Keine, die durch das Land ans Abenteuer nmhcrschweift, Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken. Nein; das wilde Geschick des allvcrderblichen Krieges, Das die Welt zerstört, und manches feste Gebäude Schon ans dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben. Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend? Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet. Das Schicksal der Welt knüpfet sich nun an das ihrige an, und leiht ihr einen neuen befremdenden Glanz. XXXIII. Dorotheens eigenes Erscheinen. Die Stelle, wo Dorothea znm erstenmal selbst anftritt, und wo wir mit ihr unter den Ihrigen verweilen, soll das Bild, das wir uns schon von ihr gemacht haben, weder erhöhen noch vergrößern; dies ist jetzt noch nicht nöthig, und bei dieser Veranlassung nicht mehr möglich; sie soll uns mir damit vertrant machen, und cs in uns befestigen. Das Mädchen, das wir bisher bloß in dem Spiegel des Eindrucks sahen, den es gemacht hatte, glich noch zu sehr jenen zauberischen Schattenbildern, die wie ans einer anderen Welt zu uns hcrüberstrahlen; sie soll jetzt zur Wirklichkeit, ins Leben hcrabgeführt werden; wir sollen ihr näher treten, ihre Schicksale kennen, sic nicht mehr bloß mit dem bezauberten Blick der Liebe, sondern mit dem natürlichen Ange des bloßen Beobachters ansehen. Hermann ist zurückgeblieben, und wir sind nur in der Gesellschaft seiner unpartheiischen Freunde. Wir finden Dorotheen noch eben so gut und brav, als vorher; aber der Zauber ist hinweggcnommen, der sic bis dahin, wie ein leiser Hauch, überkleidete. Ihre hülfreichc Thätigkcit, die erst etwas Heroisches hatte, ist mehr zu dienstbarer und gefälliger Geschäftigkeit geworden; sie erscheint als Weib und als Mädchen, da wir sic vorher gern in Hermanns Seele in der Sprache Homers gefragt hätten, ob sie nicht der Göttinnen eine sei, herabgekommen den Menschen zu helfen, und ihr Herz zu versuchen > Dadurch erhält ihr Bild bei uns eine ganz eigene Wahrheit; es ist nun so, wie wir es immer in: Leben wirklich antreffcn. Das Wesen bleibt immer und durchaus in allem seinem Wirken und Thun dasselbe; aber es gicbt Momente, wo cs, von höherer Begeisterung durchstrahlt, etwas Göttliches und Ueberirdisches annimmt. Wir glauben nunmehr dem Geliebten, der zwar am meisten durch jene beseligenden Augenblicke ungestörter Einsamkeit entzückt wird, aber nach ihnen auch gern seinem Mädchen in den gewöhnlichen Kreis ihres Lebens, in ihre häusliche Geschäftigkeit folgt. Der Dichter weiß, daß der Mensch immer das Große, Erhabene, Uebcrmenschliche sucht, aber daß er, um es fcstzuhaltcn, cs sich aneignen, cs menschlich machen muß; darum führt er ihn erst in kühnen Flügen dazu hin, und läßt ihm hernach Zeit, es unter veränderten Formen sich näher zu bringen. Er- wechselt die Töne, um aus seinem Werke ein Ganzes zu machen, das dem wirtlichen Leben selbst gleich sei. XXXIV. Erzählung des heroische» Mathes der Jungfrau. — Ob der Dichter gut that, gerade diese» Zug aus ihre,» Leben hcrausznbcbe»? Zwar ist es gerade hier, wo die Heldin unseres Gedichtes am meisten heroisch erscheint, wo wir durch die Erzählung des Richters ihrer Gemeine die kühne Entschlossenheit erfahren, mit der sic sich und ihre Gespielinnen gegen die Wildheit zügelloser Krieger vertheidigte. 70 Allein wenn diese Stelle dazu bestimmt wäre, das Bild, das wir nns schon bis dcchin von ihrem Binthc nnd ihrer Stärke gemocht hoben, noch beträchtlich zu vergrößern, so hätte sich der Dichter in seiner Berechn nnng betrogen. Er Hot sie nns onf eine ganz ondcrc, bei weitem sinnlichere nnd poetischere Weise in die Einbildungskraft einzuprügen vcrstondcn, als doß eine einzelne Handlung, nnd die wir überdies nnr ans dem Munde eines Dritten vernehmen, dazu noch viel hinznzusetzen im Stonde wäre. Dennoch ist dieser Zng onf keine Weise mlißig. Es mußte etwas do sein, wodurch Dorothea auch ganz nnd ollem für sich ans der Masse der übrigen Figuren heransgchoben wurde; wir mußten sie sehen vor der Hanpthandlnng des Gedichtes, vor ihrer Auswanderung Handeln nnd wirken sehen. Ihre Bereinigung mit Hermann hätte nicht dos Vebcn, die Festigkeit nnd Schönheit vor der Phantasie gewinnen können, wenn man nnr Eine, nicht beide Figuren, auch vorher nnd einzeln gesehen hätte; es hätte nnr Hermann, nicht Hermann und Dorothea, heißen dürfen. Es sind zwei verschiedene Elemente, zwei verschiedene Mmschcngattungen, zwei eigene Welten, die mit einander in Verbindung treten sollen: die, in der Hermann, nnd die, in der Dorothea einheimisch ist. Uns in die letztere zn versetzen, dienen alle Scencn unter der Gemeine; und da Dorothea in diesen die Hauptrolle spielt, so mußte auch ihr in derselben etwas cigcn- thümlich nnd besonders angehören. Dazu hat der Dichter hauptsächlich drei Züge gewählt, von denen der eine ihren Math, der andere die Pflege ihres alten Verwandten, ihre hülsrcichc Güte zeigt, nnd der dritte ihre frühere Verlobung mit dem unglücklichen Beschützer der Freiheit, die an höhere Ideen, eine andere Cnltur nnd wichtigere Begebenheiten anschlicßt, nnd sic nns nun auch noch durch ein eigenes schwärmerisches Interesse, das sie nns cinflößt, wichtiger macht. So unleugbar es indcß auch nothwendig war, Dorotheen durch einen cigenthümlichcn Zng hier heranszuheben, so ist cs doch eine andere Frage, ob der Dichter hierin den rechten gewählt hat? Wenigstens müssen wir offenherzig gestehen, daß, so oft wir noch diese Stelle lasen, sie nnS jedesmal den gleichförmigen Strom zn unterbrechen schien, in dem sonst das ganze übrige Gedicht hinflicßt. Es ist nicht, daß diese Handlung, auch außerdem daß sic in den Begebenheiten unserer Zeit wirklich gewesen ist, nicht auch die vollkommenste poetische Wahrheit hätte; nicht daß eine falsche, und dem Geiste dieses Gedichtes ganz und gar zuwider- 71 laufende Dclieatesse das Blutvergießen durch die Hand eines Mädchens unerträglich machte. Aber jener Eindruck ist einmal nicht wegzulcuguen; cs habe» ihn mehrere Leser erfahren, und er scheint daher nicht bloß sub- jcctiv zu sein. Biclleicht läßt er sich durch folgende zwei Gründe wenigstens bis ans einen gewissen Grad erklären. 1. Die Einbildungskraft kann nicht anders, als sich das Bild der Handlung umstellen wollen, in der die Jungfrau gezeigt wird. Sic muß sic, den Säbel in der Hand, die Feinde vertreibend, vor sich hinzcichnen. Zn diesem Bilde aber von demjenigen, das sic bisher von ihr gehabt hat, nbcrzugehcn, und von da aus zu diesem zurückznkehreu, macht ihr Mühe; sie findet etwas Grelles, einen Sprung darin. Und wenn dies wirklich der Fall ist, so hat auch der Dichter gefehlt. Denn die dichterische und vorzüglich die epische Wirkung beruht gerade darauf, daß man in allen verschiedenen Lagen und Stellungen derselben Figur immer sic selbst klar wicdcrerkcnnt, daß es wirklich nur dieselbe Gestalt ist, die sich bloß verschiedentlich bewegt, und daß die Einbildungskraft mit vollkommen ungehinderter Leichtigkeit immer von jeder ans alle übergehen kann. Dadurch allein erlangt sie wahrhaft unendliche Umrisse, verbindet sie alles Wechselnde und Mannichfaltige in Ein Bild, daß sic, sich immer im Mittelpunkte erhaltend, von da ans diese Ucbergänge wirklich versucht, und überall zwar bestimmt, aber leise, überall fest, aber mit schon wieder weiter gleitendem Fuße, auftritt. 2. Der weibliche Heroismus ist überhaupt, und besonders in unserer Zeit, schwer und zart zu behandeln. Zwar wäre cs vielleicht möglich, auch noch jetzt eigentliche Amazonencharakterc mit dennoch rein bewahrter Weiblichkeit zu zeichnen; aber zu diesen gehört Dorothea nicht. Dorothea kann einen Mord, selbst den eines übcrmüthigcn Feindes, nie im mindesten aus freiem Entschluß, immer nur durch die äußerste Noth getrieben, begehen, und dies springt zu klar und auffallend in die Angen. Handlungen aber, die nur die Roth bewirkt, in denen mehr der Drang der Umstände als die Energie des Eharakters das thätige Motiv ist, sind sehr wenig zu einer poetischen Behandlung tauglich. 72 XXXV. Dorotheens Zusammenkunft mit Hermann — erst am Brunnen, dann auf dem ^ Wege zu seinen Eltern. Bis hierher hat der Dichter seine Hauptwirkung nur vorbereitet; jetzt heben erst seine höchsten und glänzendsten Momente an, jetzt auch kann erst Dorotheens Gestalt in dem ganzen Reiz ihrer Schönheit erscheinen. Dieser Punkt ist durch ein vollkommen neues und treffliches Glcich- niß auf eine bedeutende Weise bezeichnet. Wie der Wanderer das Bild der sinkenden Sonne, noch nach ihrem Verschwinden, vor seinen Augen schweben sicht, so sieht Hermann das Bild seiner Geliebten, und wie er sich umdreht, steht sie selbst vor ihm da. Diese so natürliche, und doch so nahe ans Wunderbare grenzende Erscheinung versetzt den Leser auf einmal in eine höhere, mehr phantastische Stimmung, die nun bis ans Ende des Gedichtes, nur immer steigend lind wechselnd, fortdanert. So wie er hier ihr Scheinbild und ihre wahre Gestalt dicht neben einander erblickt, so wird sie ihm nun immerfort bald in der ruhigen Besonnenheit, in der thätigcn Gewandtheit, die heiter und glücklich durchs Leben führt, bald in der schwärmerischen Größe, in der hohen Begeisterung gezeigt, die über das Leben hinansgcht. Der Ton, den der Dichter jetzt, da er noch reiner und stärker als bisher auf die bloße Phantasie einwirken will, zuerst anstimmt, ist der der Heiterkeit und Anmuth. Dadurch erhält er sie leicht und künstlerisch bewegt, dadurch macht er, daß wenn er zuletzt kühner in die Saiten seiner Leier eingreift, vollere und mächtigere Accorde anschlägt, sein Lied doch nur immer ein schönes Spiel der Kunst bleibt, nie zur drückenden Wahrheit wird. Am Brunnen sehen wir das liebende Paar; den größeren Krug und einen kleinern am Henkel Tragend in jeglicher Hand, erscheint die Jungfrau; auf der Mauer des Quells sitzend, sehen sic sich im Spiegel des Wassers, und grüßen sich dreister und freundlicher in diesem Bilde, als ihre wirklichen Blicke es wagen. Welche Wahrheit und Lieblichkeit in dieser Schilderung! welche schöne Bilder ruft diese Zusammenkunft am Brunnen aus jener patriarchalischen Zeit zurück, wo Für- 73 stentöchter selbst. Wasser zu schöpfen kamen, und der Bund der Liebe und Ehe oft am rieselnden Quell geschlossen wurde! In diesem Tone ist auch die ganze Unterredung gehalten. Vorzüglich erscheint immer das Mädchen leicht, gewandt und besonnen; sie kommt dem Jüngling immer gefällig und freundlich zuvor; aber wo er, dessen Herz immer von seinen Gefühlen schwer und gepreßt ist, seine Empfindungen reden lassen will, da schneidet sic ihm immer, und immer natürlich und gerade, ohne künstlich anszuweichen, auf eine kurze, heitere und verständige Weise den Weg dazu ab. Es ist ihm unmöglich, von Liebe zu sprechen; ihr Auge blickte nicht Liebe, Aber Hellen Verstand, und gebot verständig zu reden. Welche treffende Schilderung der schönen Leichtigkeit des weiblichen Charakters-, mit welcher die Weiber, durch ihr ganzes Wesen identischer und künstlerischer gestimmt, die Liebe nur wie ein anmnthiges Spiel behandeln, und an dies Spiel dennoch reiner und wahrer ihr ganzes Dasein hingeben, als der schwerfälligere Mann an den feierlichen Ernst seiner Gefühle. Haben wir Dorotheen bis hierher rüstig und thätig, muthvoll und entschlossen, lieblich und heiter gesehen, so tritt sie nun groß und erhaben auf. Nicht daß der Dichter ihrem Bilde gerade neue Züge hinzufügtc: aber er weiß unserer Einbildungskraft einen anderen Schwung zu geben. Der Tag neigt sich zum Abend, die Sonne geht unter, Gewitterwolken hängen drohend vom Himmel herab, und, wie die Natur um sie her, werden auch die Gefühle der beiden Liebenden düsterer und schwerer. Hier wachsen ihre Gestalten vor unseren Augen von Schritt zu Schritt, ein schöner Moment, eine große und malerische Schilderung folgt auf die andere: erst wie sie, entgegen der sinkenden Sonne, durch das hohe wankende Korn gehen; dann wie sie, unter dem Baume sitzend, unter welchem Hermann am Morgen noch um seine Vertriebene geweint hatte, auf die Wohnung seiner Eltern, auf das Fenster am Giebel hinabschauen; endlich wie sie, ausgleitend auf den Stufen des Weinberges, ihm auf die Schulter sinkt, und er mit dem Arme die Fallende emporhält. Jede dieser Schilderungen ist über allen Ausdruck dichterisch, und in allen zusammen lebt eine so echt darstellende Kunst, daß sie den Gegenstand nicht allein in allen seinen Umrissen, sondern zugleich immer in der 74 Größe und der Farbe malen, welche die Stimmung der Einbildungskraft in dein jedesmaligen Augenblicke fordert. Alle drei sind Non den herrlichsten Naturbeschreibungen begleitet; erst strahlt noch die Sonne hier und da ans dem Wolkcnschleier, in den sic verhüllt ist, hervor, und wirft mit glühenden Blicken eine ahnungsvolle Beleuchtung über das Feld; dann in dem Augenblicke, wo sic ruhig unter dem Birnbaum sitzen, ist cs Nacht, aber der Blond glänzt voll vom Himmel herunter, und in Massen geschieden liegen Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dnnkclcr Nächte; endlich überblickt auch dieser sic nur noch mit schwankenden Lichtern, und läßt sie zuletzt, vom Gewitter umhüllt, in völligem Dunkel. In diesein letzten Momente, wo die Gefühle der beiden Liebenden, die überhaupt im Menschen so gern und leicht die Farbe des Tages und der Natur annchmcn, den äußersten Gipfel erreicht haben; Hermann mit qualvoller Ungeduld der Entscheidung seines Schicksals und der Auflösung der Verwirrung, die er angerichtet hat, entgegensicht; Dorothea durch die Stille der Natur um sie her, und das freundliche Gespräch mit dem Jüngling, den sie liebt, ihre sehnsuchtsvollsten Hoffnungen belebt fühlt, kommt alles zugleich zusammen, auch das Gcmüth des LeserS aufs höchste zu spannen und in seinem Innersten zu bewegen. Man sicht nicht mehr Hermann und Dorotheen allein, man erblickt in ihnen die männliche und weibliche Größe selbst, in ihren vollsten Gefühlen, von den höchsten Kräften gehalten. XXXVI. Eintritt dcr beiden Liebenden in dnö Zimmer der Eltern. — Dorotheens Benehmen bis zum Schluffe des Gedichtes. — Anruf dcr Muse. So wie in dem letzten Augenblicke ans den Stufen des Weinbergs das Dunkel der Nacht die beiden Liebenden umgicbt, so liegt auch über ihren Gefühlen selbst eine dumpfe Schwermuth verbreitet. Der Moment, in welchem sic, der eigentlichen Entwickelung zucilcnd, in das Hans dcr Eltern treten, muß sie in lichtvoller Klarheit zeigen; und dieser kommt nun heran. Eine solche Klarheit Plötzlich um sie zu gießen, macht der Dichter eine Panse, und ändert den Ton seines Gesanges. Daß der Eindruck 7ü jener letzten Situation nicht zu druckend werde, daß er nicht uns dem Gebiete der Kunst und der Einbildungskraft hcrausgche, ruft er die Musen, diese Wesen der Phantasie, an; und der Starke gewiß, mit der er sich des Zuhörers bemächtigt hat, scheut er sich nicht, ihn selbst daran zu erinnern, daß es nicht Wahrheit, sondern nur ein Spielwerk der Kunst ist, was er ihm zeigt. Hierauf läßt er ein Gespräch im Hause der Eltern folgen, und setzt au das Ende desselben eine herrliche Stelle über den Werth und die Fülle deS Lebens in der Natur — den Ausdruck der schönen und menschlichen Gesinnung, die in allen Perioden des Alters nur das aufsucht, was sic zu höherem und vollerem Wirken vereinigen, wodurch sich Leben im Leben vollenden kann. Bei diesen Worten betritt das Paar die Schwelle. Nun drängt sich in der Einbildungskraft des Lesers auf einmal alles zusammen, sie in lichtvoller Größe hinznstcllcn; nun scheint die Thürc zu klein, die hohen Gestalten cinznlasscn. Zugleich aber sieht man sie so sehr für einander bestimmt und geschaffen, daß das Höchste, was der Dichter über die Bildung der Braut zu sagen weiß, nur das ist, daß sie des Bräutigams Bildung vergleichbar sei. In dieser Einfachheit liegt in der That etwas erstaunlich Erhabenes. Statt uns durch eine andere Vergleichung von den beiden Figuren, die uns allein beschäftigen sollen, zu entfernen, drängt er uns mit Gewalt zu ihnen zurück; und indem er, wie die Natur selbst, den Mann zum Maßstabc anuimmt, führt er uns gleich zu der wahrsten und einfachsten Ansicht der Menschheit, und entfernt jede kleinliche Vorstellung, welche eine verzärtelte Cultnr uns so oft über das Verhältnis; beider Geschlechter zu einander cinflößt. Aber weniger groß und erhaben durfte er uns auch Dorotheen nicht darstellen, wenn der letzte Theil der Begebenheit, welcher das ganze Gedicht beschließt, seine volle Wirkung ansübcn, wenn neben dem Adel und der Größe der Gesinnungen, welche Dorothea ausspricht, und bei der erschütternden Natnrsecnc, die uns der Dichter zugleich schildert, dem rollenden Donner, den hcrabschlagcnden Regengüssen, dem sausenden Sturm nicht das Mädchen selbst und seine Gestalt vor unserer Einbildungskraft verschwinden sollte. 76 XXXVII. Kurze Vergleichung dieser Schilderung mit dem im Vorigen Gesagten. — Reine Otjectioität derselben — so wie des ganzen Gedichtes. Wer nach dieser Schilderung Dorotheens, der wir mit Fleiß Schritt für Schritt gefolgt sind, ihr Bild in den verschiedenen Momenten, die wir bezeichnet hoben, zurückruft, und sich dann an dasjenige erinnert, was wir diesem Gedichte eigenthümlich nannten, der wird sich nicht enthalten können, unsere Behauptung aufs pünktlichste und genaueste wahr zu finden. Der Dichter hat die Gestalt des Mädchens nirgends eigentlich beschrieben; er hat sic selbst vor uns hingcstcllt. Er hat nie einzelne Theile für sich heransgehobcn, sondern immer nur ans die Schilderung des Ganzen hingearbeitct; er hat nirgends überflüssige Farben anfgctragen, sondern immer nur die Umrisse der Formen gezeichnet ; er hat nie gesucht, Biel und Man- nichfaltiges, sondern immer nur Eins und ein Ganzes darznstellcn. Dadurch hat er die Einbildungskraft seines Lesers gcnöthigt, sich ganz in den Gegenstand zu versenken, und ihr weder Freiheit noch Zeit gelassen, sich mit etwas anderem, oder mit sich selbst zu beschäftigen; sic gezwungen, denselben durchaus rein und allein ans sich selbst zu erzeugen. Um dies Letztere in vollem Maße zu erreichen, hat er ihr den Grad und die Farbe ihrer Stimmung von Augenblick zu Augenblick vorgeschric- ben, und doch dabei verstanden, weder sich selbst je von seinem Stoff zu entfernen, noch auch sie je von demselben ab in sich zurückznführcn. Denn statt wie der lyrische Dichter da, wo er Schilderungen braucht, zu thnn pflegt, unmittelbar Empfindungen zn erregen, die auf die Schilderung selbst zurückwirkcn, stimmt er seinen Leser vielmehr immer nur durch andere Bilder, imitier durch Gestalten und Handlungen, die er jenen an die Seite stellt oder vor ihnen vorausgchen läßt, und indem er auf diese Weise durchaus objeetiv bleibt, verwebt er alle einzelnen Theile seiner Eom- position aufs festeste in einander. Die Kunst, wodurch er der Einbildungskraft seines Lesers diese vollkommene Objcctivität und Gesetzmäßigkeit einflößt, und doch eigentlich mehr sie zn stimmen, als seinen Gegenstand ängstlich und Zug für Zug zn beschreiben beschäftigt ist, besteht bloß darin, seine eigene zu erwärmen und zu begeistern. Sobald seine Natur dichterisch genug ist, d. h. objec- tiv genug, um seinem Gegenstände, mich dann noch, wenn er ihn ganz aus der Wirklichkeit heranshebt, die Form derselben zu erhalten (die Form, in welcher allein er durchaus sinnlich angeschaut werden kann); gesetzmäßig genug, um in der unruhigsten inneren Bewegung doch noch den Bedingungen getreu zu bleiben, welchen alles wirkliche Dasein unterworfen ist, und mächtig genug, um in seine eigene Begeisterung auch andere mit fortznreißen — so entflammt seine Einbildungskraft (und dies ist das unbegreifliche Geheimnis der Kunst) von selbst die seines Zuhörers, nicht bloß überhaupt auch schöpferisch, sondern cs gerade auf dieselbe Weise zu sein. Indem er Allen, die sich ihm nähern, denselben Zauber mittheilt, der ihn selbst fesselt, hat er es eigentlich nur für sich und mit seinem Gegenstände zu thun, ihn nur aus sich zu erzeugen und auf sich wirken zu lassen. Dadurch gelangt er zu der reinen und hohen Objectivität, die wir nun stnfenweis beschrieben haben; dadurch nöthigt er unsere Einbildungskraft, nicht bloß überhaupt bildend zu verfahren, nicht bloß überhaupt sinnliche Gestalten hcrvorznrnfeu, sondern ununterbrochen fort allein an der Erzeugung des Einen Gegenstandes zu arbeiten, der ihn selbst begeistert, und sich mit ihm nur durch die vollendete Darstellung dieser Einen Form zu befriedigen. XXXVIll. Schlichte Einfalt und natürliche Wahrheit unseres Gedichtes. Die erste Eigenschaft, die wir bis jetzt vorzugsweise an dem Goethe- scheu Gedichte gewahr wurden, war seine reine und vollendete Objectivität; wir fügen nunmehr eine zweite hinzu, seine schichte Einfalt und seine natürliche Wahrheit. Beide sind gewissermaßen mit einander verwandt. Die erstere beruht ans einem rein beobachtenden und bestimmt bildenden Sinn, auf der Fähigkeit, die Natur in aller ihrer Wahrheit anfznfassen, und in der ganzen Bestimmtheit ihrer Formen, der ganzen Festigkeit ihres Zusammenhanges wieder darznstellcn. Einem solchen äußeren Sinne muß ein ähnlicher innerer entsprechen. So wie jener sich in der äußeren Natur vorzugsweise an ihrer Gesetzmäßigkeit und ihrer Realität erfreut; so muß 78 dieser dieselben Eigenschaften in dem Inneren des Gcmüthcs und dem Charakter der Menschheit anfsnchen. Er kann daher nur bei ihren größe- stcn, einfachsten und wesentlichsten Formen verweilen. Wer sich in dieser Stimmung befindet, wird überall nur die Natur malen, nur sic in ihrem inneren Charakter und ihrer äußeren Gestalt. Cr wird daher auch den Menschen am liebsten von den Seiten betrachten, von welchen er geradezu mit ihr übereinstimmt, lieber da, wo er als Gattung erscheint, als da, wo er in einer entschiedenen Eigcnthümlichkeit auf- tritt. Die Einfachheit des Stoffes, den er schildert, wird ans seine Schil dcrnng selbst übergehen. Er wird immer innerhalb des Tones ruhiger Darstellung bleiben; immer nur, indem er einen Thcil an den anderen anfügt, das Ganze hinznstellcn bemüht sein; nie mit seinem Ausdruck hinter der Sache Zurückbleiben, aber auch nie mit demselben darüber hinans- gehen. Er wird immer den treffendsten und kräftigsten in seiner Macht haben; nie aber einen bloß kühnen oder glänzenden suchen. Das Gepräge einer solchen Einfachheit und Wahrheit nun trägt das gegenwärtige Gedicht in einem auffallenden Grade an sich. Es ist überall nur die Sache, die wir vor uns erblicken, und sic immer in ihrer wahren und nackten Gestalt. Aber noch mehr, als im Tone und der Sprache, fällt diese Einfachheit in den Gesinnungen und Charakteren ans. Es ist kaum möglich, ein einzelnes Beispiel für eine Behauptung hcransznhcbcn, für die eigentlich alles zugleich spricht. Allein wenn cs dennoch eines Beispieles bedarf, so erinnere man sich an die Schilderung der Mutter Hermanns. Unter allein, was in der Natur einfach genannt werden kann, ist kann: etwas anderes, was diesen Namen in höherem Grade verdiente als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde. AnS der natürlichsten Verbindung entsprungen, durch die natürlichsten Verhältnisse fortgepflanzt, auf die natürlichste Sorgfalt für unmittelbares Glück und unmittelbare Zufriedenheit beschränkt, bietet sie, — so ehrwürdig und schön sic auch in der Wirklichkeit erscheint — der dichterischen Einbildungskraft kaum eine einzige Seite dar, von welcher sie dieselbe durch eine hervorstechende Eigcnthümlichkeit anszcichncn könnte. Nur der Dichter, der seiner Stärke gewiß ist, die Natur bloß als Natur geltend zu machen, darf sich an die Schilderung eines Gefühles wagen, das er nur, indem er es in seiner ganzen Größe, in seiner durchgängigen Wahrheit anffaßt, anö dem Gewöhnlichen heraus zu heben und dichterisch zu halten im Stande ist. Denn unter allen anderen ist keines, was so sehr, als dies, 79 entweder jede dichterische Behandlung verschmäht, oder nur in dem reinsten und höchsten Stile der Kunst eine glückliche Wirkung verspricht. Aber wie viel einfacher wird dieses Bild mütterlicher Zärtlichkeit noch unter den Händen unseres Dichters! Er schildert nicht den Zustand heftiger Leidenschaft, nicht die qualvolle Furcht vor einem drohenden, oder den zerreißenden Schmerz über einen erlittenen Verlust; auch bei ihm ist daS mütterliche Herz um das Glück des Sohnes besorgt, aber diese Besorgnis; entspringt mehr ans der Acngstlichkeit der Liebe, als ans der dringenden Lage der Umstände. Er zeigt uns nicht die Sorgfalt für die ersten Jahre der Kindheit, für den erst stammelnden Säugling — eine Lage, die durch die zarte Unschuld, die liebliche Anmnth, die abhängige Hülflosigkeit dieses Alters einen cigcnthümlichcn Reiz gewinnt. Er schildert uns die Mutter mit dem erwachsenen Sohne, also in Verhältnissen und Empfindungen, die, um unserem Herzen wichtig zu werden, nichts als ihre einfache Wahrheit, ihre tiefe Innigkeit besitzen. In dem Charakter dieser Mutter selbst hat er alle Einfalt einer schönen und reinen, aber schlichten Natur vereinigt; sie überall sonst nur als die hülfreiche Gattin, die geschäftige Hausfrau gezeichnet; und dies Bild noch durch die Züge verstärkt, die er von einer gewissen kindischen Naivctät in ihrer früheren Jugend erzählt. Gerade aber durch diese Kühnheit, seinen Gegenstand schlechterdings da anfzunchmcn, wo er bloß Natur ist, führt er ihn ans eine Stufe einfacher Erhabenheit, von der wir sonst kaum einen Begriff haben. Wenigstens erinnern wir uns bei keinen: anderen Dichter einer Schilderung einer Mutter, die an Natur und Wahrheit, an Größe und Schönheit der Gesinnung mit dieser verglichen werden dürfte. Wie groß und edel irgend einer der in diesem Gedichte ausgestellten Charaktere erscheinen mag, so darf diese Mutter keinem derselben weichen. Sic ist durchaus gut, durchaus verständig, durchaus zart und sein empfindend; nirgends zeigt sic einen Mangel, nirgends einen Mißklang. Ihr Charakter ist ganz identisch i denn nirgends wird man eine cinengcnde Schranke in demselben gewahr; und er ist zugleich ganz natürlich: denn sein Wesen besteht bloß in dem, was den: Menschen zugleich mit der Menschheit cingcpflanzt ist. Darum ist die Liebe dieser Mutter nicht bloß stark und innig, sondern zugleich auch so zart; darum ihr Sinn so fein, die innersten Gefühle ihres Hermanns mitten ans seinen halb verstellten, halb verwirrten Worten zu enträthseln; darum ihre Schonung für jede Denkungsart so schön; ihr Sinn für jede Eigcnthümlichkcit in der Menschheit so groß und inensch 8N lich. Zu der Liberalität, die sonst nur Philosophie und Nachdenken, zu der Feinheit, die nur mühsam erworbene Menschcnkcnntniß verschafft, gelangt sie allein ans dem Wege der einzigen Empfindung, welcher sic ganz und ausschließlich angchört. Einer solchen Liebe der Mutter muß eine gleiche Zärtlichkeit des Sohnes entsprechen. Diese hat uns auch der Dichter gezeichnet; wir sehen seine starke Anhänglichkeit, sein großes und zuversichtliches Vertrauen ; aber er scheut sich sogar nicht, uns hier in das kleinste Detail einznfnhren, uns zu erzählen, daß z. B. der Sohn sich nie vom Hause entfernte, ohne seine Mutter vorher davon zu unterrichten. Daß Züge dieser Art nicht kleinlich, nicht gemein werden, ist das Verdienst der Kunst, und hierin besteht ihre Größe. Zwar pflegt man das Einfache an sich groß zu nennen. Aber cs ist dies nie von selbst, immer allein durch die Ansicht oder die Behandlung, immer nur dadurch, daß man es als Natur, also in der Wahrheit, der Realität, dem Zusammenhänge darstellt, welche dieser eigen sind. Wovon wir also zuerst ausgingcn, darauf allein kommt alles an, überall, im Aeußeren und Inneren, in den sinnlichen Formen und in den Veränderungen unseres GcmütheS nur die Natur aufznsuchen und darzustellen. Dadurch nun, daß unser Dichter, immer hiermit beschäftigt, das menschliche Gemüth und seine Gesinnungen so klar und offen darlegt, erlangt er eine Einfachheit und Wahrheit, bringt er »ns seinen Stofs mit einer Innigkeit ans Herz, die nur ihm allein angehört. Er greift in unsere eigensten Gedanken und Empfindungen ein, und indem er alle Falten unseres Herzens aufdeckt, und uns in den Kreis unseres gewöhnlichen Alltagslebens zu begleiten scheint, erhält er sich immer ans der nothwendi- gen poetischen Höhe. Nur selten hat ein anderer unter den dieneren so sehr die strenge Wahrheit und die schlichte Einfalt der Natur mit der vollkommensten Begeisterung der Knust gepaart, uud nie — könnte man sagen — ist einer in einem so durchaus Prosaischen Gauge iu so hohem Grade Poetisch gewesen. Wir bleiben schlechterdings in demselben Kreise, in welchem wir einmal zu leben gewohnt sind; aber wir werden mit diesem ganzen Kreise auf eine ungewohnte Höhe erhoben: die Wirklichkeit in und um uns leidet kaum eine Veränderung in ihrer Beschaffenheit; aber sie ist gar nicht mehr Wirklichkeit, sie ist nur reines Erzengniß der dichterischen Einbildungskraft. 81 XXXIX. Die Verbindung reiner Objektivität mit einfnchcr Wahrheit macht dies Gedickt den Werken der Alten ähnlich. Die vollendete Darstellung der Menschheit durch die Einbildungskraft kann nicht anders als mit Hülfe der beiden Eigenschaften gelingen, die wir bis jetzt betrachtet haben, nicht ohne einen ruhig bildenden Sinn und eine gewisse Anhänglichkeit an die einfache Wahrheit der Natur. Auf diesen beiden Stücken beruht daher vorzüglich aller Künstlcrbernf. Diese glückliche Dichteranlagc nun, dieser echte Kunstsinn, der sich, wo er selbst ist, auch ans Andere fortcrzcngt, war keinem Bolke in so hohem Grade als den Griechen cigcnthümlich. Er ist cs, der sich in ihren Werken, vorzüglich durch Totalität und Ebenmaß, äußert. Werden Apoll betrachtet oder den Homer lieft, fühlt sich, wie er auch vorhcr hättc gestimmt sein mögen, zu demselben angefenert; die Einheit seines inneren Wesens in diesen Augenblicken, und die Einheit des Werkes, das vor seinen Augen dastcht, schmelzen gleichsam in Eins zusammen und wachsen, indem sie sich über die ganze "Natur, so wie wir dieselbe alsdann ansehen, verbreiten, zu etwas Unendlichem an. Das undurchdringliche Geheimnis; der Knust, man möchte sagen die Technik, wodurch die Alten diese Wirkung zu Wege brachten, laßt sich freilich nicht mit Worten beschreiben; aber sie beruht doch größtentheils ans einer dreifachen Eigcnthümlichkeit ihrer Künstlcrmcthodc: 1. auf der natürlichen Znsammenfügnng . aller Theilc znm Ganzen, in der, wie in der organischen Schöpfung selbst, jeder aus dem anderen frei und doch nothwcndig hcrvorgeht; 2. ans der Größe und Reinheit der Elemente, aus welcher sie ihre Formen znsammcnsetztcn; und endlich 3. ans einer gewissen kühnen Manier, mit der sic nie kleinlich und ängstlich dem Auge malten, sondern vielmehr die Phantasie nur mit Begeisterung und Kraft ausrüstctcn, dcy bloß angelegten Umriß selbst zu vollenden. Die Einbildungskraft war so mächtig in ihnen, so mit ihrer ganzen Natur in Eins verschmolzen, daß, wenn sic sich bei uns so oft durch die Heftigkeit der Begeisterung und ei» gewissermaßen gewaltsames Feuer an- W. v. HiliildDlkl, nl'er lttecthc'S Hermann und Ocnvtliea. 0 82 kündigt, sie bei ihnen mit nllen de» Eigenschaften verschwistcrt war, welche den Menschen weise »nd rnhig dnrch das Leben führen, mit dem streng organisircnden Verstände, dem rnhig ausnehmenden Blick nnd den: schönen Gleichgewicht aller Neigungen nnd Gcmüthskräftc. Daß dieser Geist, mehr als in irgend einem anderen neueren Gedichte, in dem gegenwärtigen herrscht, haben wir im Vorigen bewiesen. Schon die Blicke, die wir bisher ans einzelne Theilc desselben geworfen haben, reichen hin, die Einheit des Planes, die reine und volle Natur, die aus allen darin handelnden Charakteren nnd dem Geiste des Ganzen spricht, nnd die Festigkeit der Zeichnung, in der so oft ein einzelnes Beiwort ans einmal ein ganzes Bild zu vollenden genug ist, im Allgemeinen zu zeigen. Die sichere Kraft, die zugleich ans einem rnhig beobachtenden Sinne nnd einem überlegt anordncndcn Verstände beruht, nnd die innige Wärme, die nur dann da ist, wenn sich das ganze Herz gerührt fühlt, sind überall gleich sichtbar nnd wirksam. Wie Homer nnd die Alten, wirkt unser Dichter nur dnrch das, was er in seinem Werke wirklich ist, dnrch die Gestalt nnd das Wesen, in welchem er sich rnhig nnd ansprnchloS vor den Zuschauer hinstcllt; nicht aber wie die neueren, nnd besonders jene oben näher betrachteten, mehr romantischen als epischen Dichter, dnrch das, was er in sichtbarer Beziehung ans ihn unmittelbar thnt, singt nnd beschreibt. Xl.. Pn'sclmdcnhcit miscrcö Gedichtes von den Werken der Alten. — Mangel an sinnlichem Neichthnm. Wenn wir so eben von einer gewissen Aehnlichkcit dieses Gocthc'- schen Gedichtes mit den Werken der Alten redeten, so ist cs unmöglich, nur irgend lange bei derselben zu verweilen, ohne noch stärker an den mächtigen Contrast erinnert zu werden, in welchem cs mit denselben steht. Zwar ist es unleugbar in einem hohen und echt antiken Stile gedichtet; allein dies hindert nicht, daß es nicht sowohl in der Behandlung des Stoffes, als selbst in der Art der Darstellung den Charakter unserer Zeit auf eine gleich unverkennbare Weise an sich trägt. Vielmehr finden wir, wenn wir genauer in diese Bcrglcichnng eindringen, statt einer bloßen Nachahmung des Alterthnms, eine überraschend schöne Bereinigung der wesentlichsten Vorzüge der alten Kunst mit den Fortschritten und Verfeinerungen neuerer Zeiten. Den ersten Unterschied treffen wir in der Art der Darstellung und dem Tone des Bortragcs an. Tie Alten zeichnen fast durchaus nur Gestalten, Bewegung und Handlung; ihre ganze Kunst ist lebendig, mannichfaltig und sinnlich. Die Begebenheiten, welche sie schildern, haben immer etwas Großes und Glänzendes; sic reißen durch das Heroische in den Unternehmungen und die Wichtigkeit des Erfolges zu enthusiastischer Bewunderung mit sich fort. Der Glanz, worin sic schon dadurch erscheinen, wird noch durch die beständige Mitwirkung überirdischer Mächte erhöht. Menschen und Götter sind ans demselben Schauplätze mit einander oermischt; der natürliche llanf der Ereignisse wird alle Augenblicke durch überraschende Wunder unterbrochen; und als wäre der Olymp selbst noch nicht groß und mächtig genug, so schwebt noch über Menschen und Göttern das furchtbare Schicksal, dessen Aussprüchen beide gehorchen müssen. Die Personen, die sie anfführcn, thcilcn nicht allein großcnthcilS zugleich denselben Glanz, sind Heroen, die zwischen dem Olymp und der Sterblichkeit in der Mitte stehen, sondern sic sind auch mcistcnthcils nur nach ihren äußeren Gestalten, ihren Handlungen, ihren Reden individna- lisirt, nicht, wie so oft bei den neueren Dichtern, nach ihren inneren Charakterformcn und Gesinnungen. Dadurch besitzt z. B. Homer eine so große Menge von Figuren, ohne gerade eine gleich große Anzahl bestimmt unterschiedener Charaktere anfznstellcn. Was diese letzteren selbst betrifft, so zeichnen die Alten entweder nur sehr stark und wesentlich von einander unterschiedene, nur die Hanptseiten der Menschheit, oder wo sie in feinere Nüanccn cingchcn, unterscheiden sic dieselben wieder nur nach der äußeren Bildung. So findet man z. B., wenn man die Reihe identischer Formen in den Werken ihrer Bildhauer durchgeht, die Hauptfiguren, einen Apoll und Bacchus, eine VcnnS und Diana, selbst noch einen Jupiter und Neptun durch die wesentlichsten und auffallendsten Charakterzüge von einander gesondert; aber vergleicht man hernach diejenigen, welche näher zusammen gehören, z. B. die Heldenstatnen, so kennt man wohl ihre Züge wieder, aber ihren Charakter würde man vergeblich in hinlänglicher Bestimmtheit einzeln anzugcbcn versuchen. Indes; werden wir auch 84 zu diesem Versuche durch sie uicht eingcladcn; nur ihre Züge sollen zu unserer Einbildungskraft, nicht ihr Ausdruck gerade zu unserem Geiste sprechen. Könnte indcß den Alten auch so noch etwas an sinnlichen: Glanz und Rcichthum mangeln, so wäre ihre Sprache allein mehr als Hinlänglich, cs zu ersetzen. So malerisch ist dieselbe in allen ihren Ausdrücken, so voll und üppig in dem Fluß ihrer Perioden, so wohlklingend in ihren rhythmischen Verhältnissen. Alles dies zusaunnengcnommcn gicbt der alten Kunst ein Leben und eine Fülle, eine sinnliche und einfache Größe, eine so Helle und glanzende Beleuchtung, daß ihr hierin die neuere niemals gleich zu kommen vermag, wenn sie uns auch vielleicht dafür durch einen reicheren Gehalt für den Verstand und die Empfindung, eine feinere geistige Individualität und durch Töne, die unmittelbarer in unser Inneres cingrcifcn, entschädigen sollte. Zwar kennen wir einige neuere Dichter, und unter diesen steht wiederum Ariosi an der Spitze, welche in der Mannichfaltigkcit ihrer Figuren und der Bewegung ihrer Handlung vielleicht mit Recht mit den Alten wetteifern können. Allein in ihnen wird diese lebendige Sinnlichkeit durch das Feuer geweckt, von welchem ihre Empfindung entflammt ist. Sie sind inehr eigenmächtige Schöpfer einer bunten und gcstaltcnrcichcn Feen- wclt, als treue Maler einer reichen Natur. Es fehlt ihnen selbst an den: ruhig bildenden Sinn, ihren Werken an der reinen Objcctivitüt, an der inneren Nothwcndigkcit der Formen. Um den Vorzug dieser Objcctivität, dieser Bestimmtheit und lichtvollen Klarheit der Schilderungen nun kann unser Dichter mit jeden: anderen streiten; mit jeden: hält er in diesen: Punkte die Vergleichung aus. Aber stellen wir ihn unmittelbar demjenigen zur Seite, an den seine Gattung und sein Ton sonst an: nächsten erinnert, den: Homer, so entbehrt er freilich jenes heiter strahlenden Glanzes, jener unaufhörlich strömenden Fülle von Leben und Bewegung. Er hat nicht Götter und Heroen, er hat nur Menschen hinzustellcn; er hat keine Handlung, die das Glück von Nationen, von verschiedenen Bölkerstümmcn, das Schicksal der ganzen bekannten Welt entscheidet, an der Himmel und Erde zugleich Theil nehmen, und Uber die der Olymp selbst sich in Parteien spaltet; was in seinem Stoff groß und weltverändernd ist, sind Begebenheiten, daS, worin er Würde und Erhabenheit legen kann, Gesinnungen. Zwischen beiden steht seine Handlung mitten inne, und seine Kunst muß nur suchen, von dem Glanze der elfteren derselben zu borgen, und die Größe der letzteren (damit sie lebendig und objeeliv erscheinen) in derselben anSznPrägcn. Nicht sowohl also in der Welt als in dem Inneren des Menschen muß er seine Stärke finden, und da dadurch unsere ganze Stimmung eine andere Richtung erhält, so tritt auch nun das Schicksal, dieser übermenschliche Gegenstand, ohne den keine dichterische Wirkung möglich ist, in veränderter Gestalt aus Wenn dasselbe bei den Alten ans einer unsichtbaren Höhe herab mit seinen Schlägen Brenschen und Götter überrascht, so gleicht cs hier mehr einer Macht, die anS dem Inneren der Menschheit, aber aus ihren nie ergründeten Tiefen, entspringt, und flößt uns einen um so gehcimnißvollercn Schauder ein, als wir es näher mit uns verwandt fühlen. In den Personen, welche der Dichter uns darstellt, herrscht zwar Bestimmtheit der Zeichnung und Manuichfaltigkeit der Gestalten. Aber nicht allein daß jede einzelne sich in ein ansprnchloscres und bescheideneres Gewand hüllen muß, so kann er auch überhaupt nicht nur keine große Anzahl derselben in Handlung setzen, sondern, indem er ans Rcichthnm der Figuren Berzicht thun muß, auch nur eine schöne Stufenfolge von C harakteren schildern. Seine Sprache endlich ist zwar durchaus dichterisch und ausdrucksvoll, und wo der Gegenstand cs verlangt, auch groß und kühn; aber der Rcichthnm und die Pracht ihrer älteren Schwestern bleibt ihr darum nicht weniger fremd. Permag er indes; nicht, den Alten gleich, durch sinnlichen Rcichthnm zu glänzen, so hat er cs in seiner Gewalt, desto mehr durch einfache Wahrheit zu gelten; kann er die Sinne nicht gleich mächtig reizen, so kann er seine Dichtung desto tiefer in unsere Empfindung verweben, und wie viel er durch diesen Vorzug wicdcrgewinnt, werden wir gleich sehen, wenn wir nur erst noch jenen wenigstens scheinbaren Mangel in einem einzelnen Beispiele näher betrachtet haben. Dann wird sich zugleich unfehlbar zeigen, wie dieser letztere gerade durch jene höhere Portrcfflichkcit nur noch sichtbarer hervortrctcn muß. K6 XI.I. Das» Mangel .1» simMchcm üicichtbam zügl sich »aff>>Nc»d in dcc Vch.mtluNA dcS Wu»dcrb>nc». Seinen größcsten und sinntichstcn Glanz erhält der epische Dichter durch die Einmischung des Wunderbaren. Er lau» unsere Einbildungskraft nicht lebendiger rühren als durch diese plötzlichen Ereignisse, die, ohne von Menschen gewirkt zu sein, ihre Handlungen ans einmal unter brechen, gerade in dem Augenblicke der Entscheidung den einen parteiisch begünstigen und den anderen darniedcrschlagen. Zwar hat inan erinnert, daß diese Dazwischenknnft außerordentlicher Mächte die eigene Kraft der Helden verdunkelt. Allein wenn sie dadurch an menschlicher Größe verlieren, so werden sic dafür in olympischen Glanz gekleidet, und cS giebt offenbar ein gewisses Glück, das der Stimmung, welche der Dichter bewirken will, bei weitem günstiger ist als das wahre und innere Verdienst. Auch unser Dichter hat sich dies Wunderbare zu eigen gemacht. Zwar konnte er cs nicht gebrauchen, nm seinem Stoff dadurch Würde und Größe zu geben. Aber er konnte es nicht entbehren, weil der Mensch, dessen Schilderung sein Geschäft ist, nicht ohne dasselbe sein kann, weil er der Empfindung, die cö hcrvorbringt, so sehr bedarf, daß sic bei jedem, mitten in dem einfachsten Lebenskreisc, nur seltener oder öfter znrückkehrt. Das Leben wäre von der langweiligsten Einförmigkeit, wenn sich immer in einer voranSznsehenden Reihe Begebenheit ans Begebenheit entwickelte und wenn vorher nicht berechnete, plötzliche Zufälle diese einförmige Kette nicht unterbrächen. Durch diese Zufälle nun, dadurch, daß ein großer Theil der Thätigkeit unserer Seele in seinem Detail außer dem Kreise unseres Bewußtseins liegt, daß Gedanken und Empfindungen wie anS unbekannten Tiefen hcrvorschießen, daß ferner eben diese uns unbewußten Vorstellungen gleichsam mit den Begebenheiten im Bunde stehen, unseren Mienen, Reden und Handlungen Modifieationen geben, die, ohne daß wir cs bemerken, andere Folgen nach sich ziehen, so daß wir nun ein Zusammentreffen in den Wirkungen wahrnchmcn, ohne zugleich eine Verbindung in den Ursachen zu erblicken — durch dies alles znsanmst»^ genommen entstehen die Ucbcrraschnngcn, die wir, je naclMhn unsere »7 Phantasie anders und anders gestimmt ist, mehr oder weniger znm Wunderbaren ansmalcm Dies hat unser Dichter zu benutzen »erstanden, und wenn nun bei anderen neueren Dichtern das Wunderbare immer kalt und unnatürlich ist, weil es sich ans Kräfte bezieht, die uns fabelhaft oder kindisch ersehen neu, so hat er cs unmittelbar ans nnS selbst geschöpft und ihm dadurch nichts von seiner überraschenden Wirkung benommen. Allein freilich vcr licrt es dadurch an der Größe und dem Glanze, den cs sonst vor der Phantasie besitzt und bleibt seiner eigentlichen Natur nur noch in seinem ursprünglichen Begriffe, in dem des Grundlosen, treu. Auch kann er cs nur bei kleineren Vorfällen, weniger bedeutenden Wendungen seiner Erzählung gebrauchen. Die großen und wahrhaft wunderbaren Begcben- heilen, die er anfführt, darf er so wenig als Wunder darstellcn, daß sic vielmehr durchaus nur als die unvermeidliche Nvthwcndigkeit des Schicksals erscheinen müssen. Wir haben schon im Vorigen zwei Stellen berührt, wo das eben Gesagte sehr sichtbar ist, die Umwandlung, die der Geistliche in Hermanns Wesen bemerkt, und die plötzliche Erscheinung Dorotheens am Brunnen. Aber cs ist noch eine dritte, noch mehr in den Faden der Erzählung verwebte übrig: die, wo Dorothea ans den Stufen dcs WcinbergS ansgleitct, und die üble Vorbedeutung, die sic daraus zieht, durch die Verwirrung bei ihrem Eintritt ins Hans erfüllt wird. Wie wir cö im täglichen Leben so oft selbst empfinden, so sehen wir es hier vor Angen. Wenn die Gefühle aufs höchste steigen, wenn der Augenblick der Entscheidung wichtiger Ereignisse da ist, so verwirren sich unsere Gedanken; was wir vornehmen, mißräth uns, alle widrigen Umstände scheinen ans einmal znsammenzntreffcn, weil wir alle ungeschickt behandeln; und da wir dies selbst bemerken und schon trübe gestimmt sind, so ziehen wir ungünstige Ahnungen daraus, die dann auch nothwendig cin- treffen müssen. Aber gerade, wie cS im Leben geschieht, das; alle, auch die kleinsten Zufälle, sich dann so znsanimcnschieben, daß jeder einzelne Schritt ganz natürlich ist und gar nicht mehr wunderbar erscheint, gerade so hat cs auch der Dichter gemalt. Doch dies zu entwickeln würde uns zu weit führen, und jeder Leser muß cs, sobald er die Stelle noch einmal übcrticst, von selbst aufs lebendigste fühlen. Was die Alten also außerhalb der Gränzcn der Erde im Olymp aufsnchcn, das ist unser Dichter genöthigt, nm es dem Alltagskrcisc der Begebenheiten zn entziehen, in die gleich verborgenen Tiefen unseres Ge- müthcs zu versenken. Indes; verliert cs durch die künstlerische Behandlung, durch die Leichtigkeit der Darstellung, durch die Vergleichung, die wir so natürlich z. B. zwischen einer solchen Vorbedeutung und den Weissagungen im Homer und den Alten anstcllcu, von dem feierlichen Ernst der Wirklichkeit und gewinnt eine gewisse liebliche und zierliche Anmuth. XIUI. Dci UnNrschüd düscS (NdiäMS >.wn iun Werken der Allen offenbart sich anch in einem >l»n cigcnlhntnüchen Vorzug. Wer Hermann und Dorothea in Stunden liest, in welchen sein Herz der Wirkung des Dichters offen ist, der muß nnlüngbar crkcuucu, daß darin noch ein anderer Geist als iu den Werken der Alten herrscht. Er wird denselben nicht gerade größer und besser, aber verschieden und, nur in einer anderen Art, gleich trefflich finden; er wird sich von ihm nicht mächtiger ungezogen, aber inniger durchdrungen fühlen. Wenn er den geringeren sinnlichen Reichthum, von dem wir im Vorigen redeten, nicht als ci-ncn störenden Mangel empfindet, so wird er daran erkennen, daß der Dichter sich auf einem anderen Gebiete als die Alten befindet, daß er (so viel dies nämlich die allgemeine Gleichheit des Dichterbernfes erlaubt) von anderen Punkten ansgeht, und einem anderen Ziele nachstrebt, und daß er eben dadurch auch ihn nothwendig in eine andere Sphäre versetzt. Und dies ist in der That anch der Fall. Wenn die Alten mehr die Natur in ihrer sinnlichen Pracht und Größe malen, so legt er mehr das Innere der Menschheit dar. Beide Gegenstände haben eine nnwidcr- sprechlichc Größe, der crstcre ist außerdem dem Wesen der Kunst mehr angemessen; aber wenn dieselbe anch in dem letzteren ihre ganze Schönheit erhält, so besitzt dies für uns, die wir mehr in Gedanken und Empfindungen als in Anschauungen und Handlungen leben, vielleicht einen noch eigcnthümlichercn Reiz. Was unser Gcmüth beständig beschäftigt, den Gedanken und das Gefühl, finden wir hier auf eine wunderbare große Weise behandelt und 8 !) ansgebildet. lieber die wichtigsten menschlichen Behältnisse hören wir entgegengesetzte Meinungen mit einander ausgleichcn; das Erhabenste, was über die Begebenheiten unserer Zeit gedacht werden kann, finden wir in seiner ganzen einfachen (tröste und vollkommen dichterisch ausgcdrückt; unser Geist schwingt sich zu einer Höhe der Gedanken, dic, mau muß eö offenherzig gestehen, den Alten schlechterdings fremd war. Es ist nicht, daß wir sie sc in dem Gehalte gediegener Weisheit übcrtreffcn, je dic letzten Resultate besser und fester zusammcnknüpfcn könnten; aber es ist nur, daß sic den Gedanken, der doch auch so einer vollkommen künstlerischen Behandlung fähig ist, nie rein und für sich Verfolgen und daher auch unserer Seele nicht den intclleetncllcn Schwung mitznthcilen vermögen, von welchem dies immer begleitet ist. Ans eine ähnliche Weise verhält cs sich mit der Empfindung. Wenn wir Hermann und Dorothea ans ihrem Wege zur Wohnung der Eltern begleiten, wie innig gehen wir da in ihre Gefühle ein, wie durchdrungen wir sie bis ans dic innersten Falten ihres Herzens, und wie tief führt nnS dies in unsere eigene Brust, in dic ganze Menschheit zurück! Niemand kommt den Alten in der Wahrheit und Stärke gleich, mit der sic Gefühle und sicidcnschaftcn schildern. Aber wieder, weil sie sich auch in dies Gebiet nicht so einsam einschlicßen, weil sie dic Empfindung mehr im Ganzen und in ihren Acnßernngcn zeichnen, als im Einzelnen, und für sich entwickeln, so versetzen sic uns nicht in die zarte, leise, verwundbare Stimmung, deren wir uns hier nicht erwehren können. Dadurch sind zugleich alle Charaktere, nicht zwar in Rücksicht ans die natürliche Kraft und Schönheit, aber in Rücksicht auf eine gewisse feinere Bildung, um eine Stufe höher gestellt. So einfach und echt antik z. B. Dorothea geschildert ist, so besitzt das Alterthnm dennoch keine weibliche Gestalt, dic ihr an innerer Zartheit gleich käme. Selbst in Hermann ist etwas, wofür dic Helden der Alten keinen Sinn haben würden; und wenn die Mutter schöner und größer gehalten ist, als wir es in irgend einem anderen alten oder neueren Dichter finden, wodurch ist dies geschehen, als dadurch, daß ihr ein zarterer und doch gleich reinerer Begriff von Weiblichkeit nntergelegt ist? Wir sind darum weit entfernt zu behaupten, daß dieser moderne Charakter, an sich genommen, einen Vorzug vor dem antiken besäße, und noch mehr, daß dies in Ansehung der Forderungen der Kunst der Fall wäre. Aber da demselben gemäß zwar keine bessere und kräftigere, wohl 90 aber eine höhere »ad feinere menschliche Natur eingestellt wird nnd die Verfeinerung ans dem Wege liegt, den das Schicksal unserer Ausbildung vorgezcichnet hat, so verdient er, wenn er nur (worauf es immer zuerst ankommt) die Ansprüche der Kunst vollkommen befriedigt, eine eigcnthüm liehe Stelle, nnd würde mitNecht sogar eine vorzüglichere verlangen, wenn es ihm nicht dabei zugleich an anderen Vorzügen mangelte. Xl.III. Erläulerang des Vorigen durch einige Beispiele. lim gewiß zu sein, daß wir unserem Dichter nicht etwas Frcmdeo unterschieben, seine rein antike Dichtung nicht bloß mit modernem Sinne betrachten, wollen wir, zur Bestätigung unserer Behauptung, noch ein Paar einzelne Stellen ans dem Ganzen heranSheben. Wir haben im Vorigen gesehen, daß der Unterschied des antiken nnd modernen Charakters, von dem wir hier reden, vorzüglich darin besteht, daß in diesem letzteren das Feld der Betrachtung nnd der Empfindung mehr abgesondert bearbeitet wird, wodurch denn natürlich die hierauf gerichteten Kräfte eine höhere und mehr energische Thätigkeit erlangen. Dadurch aber wird zugleich der innere Mensch von der äußeren Wirklichkeit getrennt, cs wird zwischen beiden eine Gränzc gezogen, so daß cs nun auch jenseits derselben ein eigenes und neues Gebiet giebt. Beide nun, die über das Leben nnd die unmittelbare Wirklichkeit hinansgchcnde Betrachtung nnd Empfindung, waren in dem gegenwärtigen Gedichte schwer nnd zart zu behandeln. Der Stofs sowohl als die Personen desselben sind ganz nnd gar ans der bloßen nnd wahren Natur genommen, cs sind reine nnd kraftvolle, aber immer nnd ganz in der äußeren Wirklichkeit lebende Charaktere; was zur eigentlichen Enltnr gehört, durfte nur in gewissem Grade darin Platz finden; auch hätte alles, was darauf hinausgegangcn wäre, den Menschen in einer Art von Gegensatz mit der Natur zu zeigen, gegen das Wesen der epischen Dichtung verstoßen, die gerade diese beiden Gegenstände harmonisch zu verknüpfen bestimmt ist, nie wie die lyrische plötzlich abbrcchen darf, sondern alle aufgeregten Bewegungen wieder beruhigen, alle angeschlagenen Mißklänge anflöscn muß. Wo sich also der Dichter in dieser Gattung znm Identischen erhebt, da muß er es immer zur Wirklichkeit zurückführen, und dadurch verknüpft er die innere Idealität zugleich mit der äußeren Wahrheit. Es giebt vielleicht keine rührendere und erhabenere Stelle, keine, aus welcher die Erfahrung aller Jahrhunderte und die Eigenthümlichkcit unserer Zeit deutlicher spricht als die Worte, welche der Dichter dem unglücklichen früheren Verlobten Dorotheens über die welterschütterndcn Bewegungen, von denen wir in diesen letzten Jahren Augenzeugen gewesen sind, in den Mund legt. „Alles regt sich einmal," sagt er; „keine Form, wie heilig sic sei, kein Band, wie fest Freundschaft oder Liebe cS geknüpft habe, ist mehr dauerhaft. Darum setze überall nur leicht den beweglichen Fuß ans; darum schätze das Leben nicht höher als ein anderes Eint, und alle Güter sind trüglich." Welche natürliche und rührende Betrachtung! die aber freilich nur dem geläufig sein kann, der mehr in Ideen als in der Wirklichkeit lebt, der, erhaben über die Freuden des Lebens und die Güter der Welt, sein Glück nicht ans die Dauer des ersteren und an den Genuß der letzteren knüpft, und leicht bereit, das, was er besaß, für etwas Lienes anfzngeben, jenes mit minder rüstigem Mnthc bewahrt und vcrtheidigt. Wer wird längnen, daß dies eine schöne und erhabene Gesinnung ist? aber wer auch erkennt nicht, daß eben diese jene fürchterliche Bewegung thcils mit hcrvorgcbracht, theils unterhalten und fortgcleitet hat? Wie schön nimmt Hermann dies ans, wie rein läßt er alles daran fahren, was seiner kraftvollen Natur nicht gemäß ist, und hält sich allein an das Eine fest, wodurch der Mensch sich dicht an die Wirtlichkeit anschließen, seine Forderungen mit den Fügungen deS Schicksals vereinigen kann! Der Mensch, sagt er, der zur schwankenden Zeit noch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das liebet, und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest ans dem Sinne bcharrt, der bildet die Welt sich. „Leicht also mit Kummer zu bewahren, und mit Sorge zu genießen geziemt sich, sondern mit Mnth und Kraft zu vertheidigcn, was inan besitzt." Wie trefflich Paart sich nun in ihm und Dorotheen dieser männliche Mnth mit jener sanfteren, aber gleich hohen Gesinnung, die jedes Glück dankbar ergreift, aber keinem vertrant, und andere und bessere Güter kennt, als deren Besitz trüglich und deren Dasein vergänglich ist. Bon den sentimentalen Stellen heben wir mir zwei ans, über die unstreitig jeder Äser mit mW einig sein wird, daß sie in einem alten Dichter keinen Platz gefunden hätten. Die erste ist die, wo Hermann in dem Gespräche mit seiner Mutter die Einsamkeit und die Leere schildert, die sein Herz oft, von Sehnsucht gepreßt, empfindet. Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zn genießen, Macht das Glück, cs macht nicht das Glück der Hanfe beim Hansen, Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen. Denn der Batcr wird alt, und mit ihm altern die Söhne, Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen. Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen, Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten, Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! Aber sch' ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache; Denk' ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon Dort erwartet, und schon so manchen Morgen die Sonne, Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte: Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt; . Alles liegt so öde vor mir — Aber daß man nicht Empfindungen vcrmnthc, welche dem Sohne der Natur fremd sind, nicht ans dem Charakter der Person und des Gedichtes hcransgchc, so schildern die unmittelbar hierauf folgenden Worte: — ich entbehre der Gattin, ans einmal die ganze Einfachheit und Natürlichkeit seines Wunsches. Sic sind um so ausdrucksvoller, als sic, verbunden mit dem Borhcrgchenden, die Empfindungen schildern, die er mit einem Verhältnis; verknüpft, dessen Entbehren ihm jeden Genuß und sein ganzes Leben nnschmackhaft macht, und als sic sein höheres, zarteres, idcnlischcreS Wesen in Vergleichung mit seinem Batcr zeigen, der, eine frohe, gntmüthige und thütigc, aber gewöhnlichere Natur, in dem Augenblicke, da er das Mädchen sah, das ihm gefiel, den Entschluß cs zn besitzen faßte, und denselben mit munterem Scherz auch sogleich anszuführen begann. Diese schwermüthigc Stimmung einer unerfüllten, sich selbst nicht recht verständlichen Sehnsucht war den Alten, und besonders den Griechen, fremd. Bei ihnen, in ihrer mehr sinnlichen und genießenden Natur, in ihrem freieren und leichteren Leben, entstand immer die Begierde nur zugleich mit dem Gegenstände, oder führte denselben doch in glücklichem Bunde immer unmittelbar mit herbei, und wenn cs vielleicht davon Ausnahmen gab, so konnten sic dem Dichter nicht vorschwcben, der, immer nur hell und freundlich beleuchtete und große Blassen im Auge, nur ans die Natur und die Welt, nie einseitig in sich zurück blickte. Daß in »nS Gedanken und Empfindungen sich unruhiger drängen, daß unsere äußere Lage uns öfter Hindernisse und Arbeit entgegensetzt, als uns leichten und frohen Genuß gicbt, und uns öfter mit strengem Ernst in uns znrück- schcncht, dies richtet zwischen unserem Gemüthe und der Welt eine oft un- übcrsteiglichc und undurchdringliche Scheidewand ans. Die zweite Stelle, die wir anführcn wollten, ist von ganz anderer Natur. Sic ist nicht den Alten überhaupt, nur ihren frühesten Mustern fremd und müßte, wenn der Dichter sic nicht so fest dem Ganzen cin- vcrleibt hätte, zu der Gattung der spielenden gezählt werden. Wir meinen hier den Augenblick, wo die beiden Liebenden sich in dem Spiegel des Brunnens znwinken, den der Dichter sogar zweimal, nicht ohne eine gewissermaßen absichtliche Symmetrie, beim Anfänge und am Ende ihres Gespräches benutzt hat. Dieser Einfall, ein Medium dazwischen zu schieben, in welchem sich die Blicke des Jünglings und des Mädchens dreister als in der Wirklichkeit begegnen, beruht schon ans etwas Achnlichcm mit dem, was wir so eben ansführtcn, ans einer gewissen Schüchternheit, einer Ungewißheit des Gelingens; cs ist schon etwas, das ans der bloßen Natur hinansgeht und eine eigene Stimmung der Einbildungskraft voranSsctzt. Die späteren Griechen und Römer, z. B. Ovid, behandeln Stellen dieser Art, die in ihnen sogar häufig Vorkommen, ans eine gewissermaßen tändelnde Weise, bloß als zierliche Bilder, als gefällige Spiele der Phantasie. Unser Dichter aber hat diesen Moment so gut anS der Empfindung der beiden Personen hcrvorgehcn lassen und ihn so glücklich motivirt, daß er ihm dadurch einen viel größeren Gehalt und eine viel wichtigere Wirkung verschafft. Allein Stellen dieser Art könnten nicht anders als die Einheit des Ganzen stören, wenn nicht dies selbst eine solche eben beschriebene !»4 Richtung Hütte. Diese Richtung über ist durchaus unverkennbar. Wie wir im Porigen die Schilderung Dorotheens vom Anfänge bis zum Ende dcS Gedichtes verfolgten, stießen wir eigentlich nur immer ans andere und andere Entwickelungen ihres Charakters; und so ist cS überall nichts anderes als das innere und geistige Wesen der verschiedenen Personen, daö überall, nur immer lebendig und immer sinnlich gestaltet vor uns da steht. Es sind nicht so sehr ihre Handlungen, an und für sich genommen, cs sind mehr ihre Charaktere, die, aber immer bloß in diesen Handlungen, uns anzichen, uns ans die verschiedenen Formen der Menschheit überhaupt, ans das, was sie unterscheidet, und wieder zu einem Ganzen znsammenschließt, aber immer mit der reinen Thätigkeit unserer Einbildungskraft, immer vollkommen künstlerisch und bildend gestimmt, überführt. Wenn sich daher unser Dichter der vollkommenen Objectivität der Alten, der ganzen Bestimmtheit ihrer Formen bemcistert hat, so kleidet er in dies Gewand einen Gehalt, welcher ihnen so wenig eigen ist, daß sie uns nicht einmal veranlassen, denselben bei ihnen zu suchen. XI.IV. Reicher Gchalt dieses Gedichtes für de» Geist and die Gmpfindnng. — Eizenthümliche Behandlung desselben. Je mehr wir unsere intcllectuellen Kräfte auf die Betrachtung und Bearbeitung der Welt außer uns auwenden, je mehr wir unsere geistige Natur ans sic übertragen, desto mehr vervielfältigen wir unsere Beziehungen ans dieselbe. Die Gegenstände um uns her erscheinen uns nur als das, was unser Verstand in ihnen unterscheidet; selbst unsere Sinne bedürfen erst seiner Leitung, mit der Erweiterung unserer Einsicht wächst daher auch das Gebiet derselben; in der That ist die Natur mit jedem Jahrhundert reicher an Individuen für uns geworden, und wenn der Ungebildete in einer ganzen Menge von Objecten nur eine einförmige und ungcschiedenc Masse erblickt, so unterscheidet der kenntnißvollc Beobachter in einem einzigen Punkte noch eine ganze Welt von Erscheinungen. So wie diese Thätigkeit unserer geistigen Kräfte das sinnliche Gebiet der Natur erweitert, eben, so bereichert sic innerhalb unseres Gcinn- thcs di» Masse unserer Gedanken und Empfindungen. Auch hier steht cs in unserer Willkür, die Mannichfattigkeit der Verhältnisse bis ins Unendliche hin zu nermehren; wir dürfen nur auch hier immer das Zn- sammcngcsetzte in seine Bestandthcite anflösen, nur auch hier das Einzelne immer in andere und andere Verbindungen bringen. Was in der Natur und Nor unseren Sinnen einfach erscheint, können wir durch den Gedanken zerlegen und für das Resultat, das wir ans diesem bloß intcllcc- tncllcn Wege erhalten, dennoch wieder unsere Empfindung erwärmen, da diese sich eben so leicht auf nnsinnlichc, als ans sinnliche Gegenstände bezieht. Mit der Empfindung kann sich die Einbildungskraft ocrbindcn, und so können wir uns durch die Hülfe Non beiden eine eigene Welt schaffen, die, durchaus unabhängig Non der Wirklichkeit und den Sinnen, doch eben so als jene auf uns cinwirkt, durchaus nur unsere eigene Schöpfung ist, aber dennoch für uns die vollkommene Realität der Natur besitzt. Wir geben diesen: ganzen Verfahren unseres Verstandes den Namen der Verfeinerung, und dies ist in der That auch der Passendste, den wir demselben beilegen könnten. Denn cs besteht wirklich darin, daß das Einfache gespalten, das Grobe verfeinert wird; cs ist ferner, da wir alle unsere natürlichen Bedürfnisse auch ohne dasselbe befriedigen könnten, gleichsam ein Luxus unserer Natur, aber ein solcher, zu dem wir nicht allein nothwcndig durch die Organisation unseres Geistes gezwungen sind, sondern ohne den wir auch nie die höchsten Endzwecke der Menschheit zu erfüllen in: Stande wären. Diese Verfeinerung hat mit den frühesten Zeiten der Menschheit angcfangen, sie ist immer nothwcndig zugleich mit dem Begriffe derselben gegeben; aber es ist Ein Punkt in derselben, der sich so merklich darin unterscheidet, daß er allein vorzugsweise diesen Namcn an sich trägt. Der Mensch kann nämlich entweder in harmonischem Bunde mit der Natur sortgchen, seinen Geist mit ihrer Beobachtung, seine Einbildungskraft mit ihren Formen beschäftigen, seine Empfindung auf Gegenstände richten, die sic ihm darbietet, die Befriedigung seiner Ncignn gen ganz und allein in ihr finden; oder er kann sich einsamer in sein' Geinüth verschließen, seine Vernunft abgesonderter beschäftigen, seine Einbildungskraft mehr mit einen: Stoffe nähren, den er allein ans sich selbst nimmt, seiner Empfindung eigen geschaffene Gegenstände geben. Natürlich werden alsdann seine Neigungen auch nicht selten auf etwas gerichtet sein, wofür ihm die Natur keine Befriedigung darbictct, und er wird sogar manchmal ein Ziel verfolgen können, was ihm in ihr zu erreichen unmöglich ist. Diese Absonderung unseres Wesens und der Natur ist eine natürliche Folge der erhöhten Thätigkeit unseres Geistes, welche, die sinnlichen Formen verlassend, sich allein an den reinen Gedanken hält. Aber sie wird zugleich manchmal durch zufällige, nicht immer günstige Umstände veranlaßt. Eine minder Helle, freundliche, glückliche Stimmung kann uns gleichsam gezwungen in uns selbst verschließen, und diese beiden Gründe wirken nothwendig zusammen, sobald die Menschheit ihr erstes Jünglingsalter verläßt. Aus diesem Zustande nun entspringt die Empfindung und die Stimmung, die man, im Gegensatz der naiven, die sentimentale nennt, und hier ist cs, wo der Charakter der Alten und Neueren von einander abwcicht. Diese Trennung konnte nicht anders als auch auf die Kunst einen entschiedenen Einfluß ausübcn; sie mußte einen modernen Charakter annehmen, wenn sie von modern gebildeten Individuen bearbeitet wurde. Auch wäre es ein niederschlagender Gedanke, wenn die Folge so vieler und thatenrcicher Jahrhunderte uns nichts hintcrlasscn hätte, wodurch auch wir an unserem Theile die Kunst zu bereichern im Stande wären. Wenn daher in unserem Gedichte ein cigcnthümlichcr und in seiner Gattung nicht minder trefflicher Geist als der ist, welchen wir in den Alten wahrnchmm, waltet, so ist dies eben jene höhere und feinere Sentimentalität, jener reichere Gehalt für den Verstand und die Empfindung, der uns zu einem freieren Schwünge der Gedanken begeistert und unser Gefühl leiser und zarter bewegt. Dies ist der moderne Charakter, den es deutlich und unverkennbar an der Stirn trügt. Dieser Charakter ist unserem Dichter so cigenthümlich, daß wir ihn in allen seinen Werken wicdcrcrkcnnen; aber er weiß ihn ans eine so große und wunderbare Weise zu behandeln, ihn wiederum so dicht an den der Alten anznschlicßen, daß er cs wagen konnte, ihn sogar einem echt antiken Stoffe, seiner Iphigenie, aufzndrücken, ohne daß wir darin einen störenden Mißklang vernehmen, lind diese Behandlung ist cs, die hier noch einige Erörterung verdient. DaS Erste, was bei der Verfeinerung des Gedankens und der Empfindung zu leiden Gefahr läuft, ist die natürliche Wahrheit und die schlichte Einfalt. Doch sind es gerade diese beiden Eigenschaften, welche Goethe in einem unverkennbaren Grade an sich trägt. Wie hat er cs !>7 mm angefangen, zwei so verschiedenartige Dinge so eng mit einander zn verknüpfen? Was wir mit Recht Verfeinerung nennen, kann an sich nicht der Ratnr widersprechen; nichts ist so natürlich, als was rein menschlich ist, und cs ist der Menschheit wesentlich eingcpflanzt, sich von der bloß sinnlichen Ansicht der Dinge zn einer höheren zn erheben. Wenn es der Vcr- fcincrnng also an Natur zn mangeln scheint, so ist cS nur, weil wir in ihr nicht gleich die Realität wahrnehmcn, die uns an dieser ins Auge fällt, weil ihr nicht geradezu ein sinnlicher Gegenstand entspricht, weil sie mehr das Werk der Energie einzelner menschlicher Kräfte, vielleicht nur in einzelnen Stimmungen, als der menschlichen Natur überhaupt scheint, und weil wir nicht sogleich abschen, wie der Weg, ans den sic führt, mit dem allgemeinen Wege der Natur und der Menschheit Zusammentreffen, zn demselben Ziele gelangen kann. Es kommt daher nur darauf an, ihr diese Realität zn verschaffen, sic wirklich als Natur, nur als eine höhere und wahrhaft verfeinerte, aufznstcllen. Wir haben im Vorigen (XXXVIII.) gesehen, daß unser Dichter einen rein beobachtenden und bestimmt bildenden Sinn besitzt; wir haben gefunden, daß einem solchen äußeren ein ähnlicher innerer entsprechen muß, der dieselbe Wahrheit und Festigkeit in dem inneren Eharaktcr sucht, welche jener in der äußeren Natur wahrnimmt. Daß derselbe nun diesen Sinn mit jener Verfeinerung, jener hohen Sentimentalität verbindet, darauf beruht seine Eigenthümlichkeit, darauf das Geheimnis;, daß er uns einen echt modernen Charakter zeigt, ohne daß wir darum in ihm das schöne Gepräge antiker Einfachheit und Wahrheit vermissen. Zwar scheint in dieser Verbindung auf den ersten Anblick etwas Widersprechendes zn liegen. Jener Sinn sucht die großen »nd Hellen Biasscn der Ratnr, also im Menschen, was der Gattung, der ganzen Menschheit angehört. Diese sentimentale Stimmung steigt in die dunklen Tiefen deS GcmüthcS hinab, verweilt innerhalb der engen Gränzen eines kleinen Gebietes, und sogar vorzugsweise bei dem, was nur Einzelnen eigen ist. Aber cs kommt nur darauf an, dies letztere groß genug zn behandeln, um diesen Widerspruch sogleich wieder anfznhcbcn, und dies ist cs, was unseren Dichter vor anderen anSzcichnct. Wo er den Zustand des Gcmüthcs darlegt (und eigentlich ist er überall damit beschäftigt), wo er auch den ungewöhnlichsten und leidenschaftlichsten schildert, verfährt er dennoch, gerade wie bei der Beschrci- 98 liung der äußeren ilc'atnr, immcr ruhig und bildend, und fügt alle einzelnen Theile des Ganzen fest in einander. Er läßt die Individualität, die er darstcllt, ans allen Kräften der Seele zugleich hervorgehen, verwebt sic in alle Gedanken, alle Empfindungen, alle Acnßcrnngen deS Charakters, zeigt denselben Charakter in Verbindung mit anderen; nnd führt ihn unserer Einbildungskraft so in seinem ganzen Sein nnd Wesen vor, daß wir ihn nicht bloß in einem einzelnen Augenblicke, einer einzelnen Stimmung, sondern so erblicken, wie er überhaupt immcr ist, seine Entwickelungen verfolgen, seine Fortschritte bcurthcilen können. Er läßt nicht nach, genau nnd vollkommen zu erforschen, wie eine ungewöhnliche Eigcnthümlichkeit, die sich ihm auf seinem Wege dichterischer Erfindung darbietet, in einem menschlichen Gcmüthc als reine Wahrheit bleibend sortdanern, wie sie sich zu den übrigen nothwendigcn nnd rein menschlichen Empfindungen verhalten, wie sich an andere Eigcnthümlichkeiten anschlic- ßcn, wie durch die Verbindung mit ihnen und ihr eigenes natürliches Fortschrciten nmgcstaltcn kann, nnd er ruht nicht eher, als bis auch wir dies in seiner Darstellung deutlich wiedercrkenncn. Er bleibt daher nie einzeln bei ihr stehen, sondern erweitert sic ans eine unendliche Fläche, und stellt sich immer in den Mittelpunkt, in dem sich doch endlich alles, was nur irgend menschlich heißen kann, nothwcndig mit einander vereinigen muß. Dadurch wird sic nun, wie ungewöhnlich sie auch an sich sein möchte, in seiner Schilderung wirklich zur Natur, erscheint weder als die Frucht einer augenblicklichen Ucberspannung der Einbildungskraft, einer künstlich übcrgetricbcnen Empfindung, noch als die Folge eines Schwunges des Geistes zu einer Höhe, ans der er sich nicht zu Halten vermag; sondern als das wahre Resultat aller Gemüthskräftc in ihrem reinen Zusammenwirken. Es kommt nur darauf an, recht menschlich gestimmt zu sein, um das Außerordentlichste und das Einfachste in denselben Kreis cinzuschlicßcn. Nur für den, welchen: es, wie bei den Alten nothwcndig noch der Fall sein mußte, an Reichthnm und Mannichfaltigkeit der inneren Erfahrung fehlt, liegen gewisse Richtungen, welche die Empfindung manchmal nimmt, außer den Schranken der natürlichen Wahrheit; nur der, welchem cs, wie so oft nnS Neueren, an jener hohen Einfachheit des Sinnes mangelt, weiß jenen seltenen Erscheinungen keinen allgemein verständlichen Ausdruck zu geben. Darum ist unser Dichter in einem höheren Grade, als irgend ein anderer, wahrhaft menschlich zu nennen, weil kein anderer noch »9 zugleich in so mannichfaltigcn, hohen und ungewöhnlichen, und doch so einfachen Tönen zn unserem Herzen sprach. Wer einzelne Beispiele für diese, nur ihm angchörende Eigcnthüm- lichkeit verlangt, der erinnere sich, in welchem vorher unbekannten Sinne er den Umgang mit der 'Natnr geschildert, welchen neuen Charakter er der Liebe, welche Tiefe und Zartheit der Weiblichkeit gegeben; wie er daS Geheimnis; verstanden hat, in Wcrthcrs Charakter die ungewöhnlichste Stärke und Reizbarkeit des Gefühls, eine so seltene und schwärmerische Rebe, das; sic das Leben selbst ihren Empfindungen anfopfcrt, mit dem natürlichsten und einfachsten Sinne, mit der treuesten und naivsten Anhänglichkeit an die Schönheit der Natur und die harmlosen Freuden des kindlichen Alters zu paaren. In keinem alten Dichter wird man diese hohe, feine und identische Sentimentalität, in keinem neueren, verbunden mit diesen Borzügc», diese schlichte Natnr, diese einfache Wahrheit, diese herzliche Innigkeit antreffcn. XI.V. Kigenibümlichkcit unseres Gedichtes, in der Verbindung dieses wabrbaft modernen Kebaltes mit jener echt antiken Form. Wir haben nunmehr die einzelnen Eigenschaften deS Gedichtes entwickelt, von dessen Wirkung wir Rechenschaft zn geben versuchen. Wir haben, gefunden, daß cS in der rein objectiven Darstellung den Werken der Alten gleich kommt, daß cS in diese Form einen für den Geist und die Empfindung so reichen Gehalt kleidet, als wir ihn nur bei neueren Dichtern anzntrcsfcn gewohnt sind, daß eS aber denselben dennoch wieder durchaus zn der einfachen und natürlichen Wahrheit der Alten znrückführt. Wir brauchen jetzt nur diese einzelnen Bcstandthcilc mit einander zn verbinden, um den ganzen Charakter desselben vollkommen darznstcllcn. Jeder epische, oder auch nur überhaupt beschreibende Dichter müßte sich die rein künstlerische Form zn eigen machen, die wir im Anfänge dieses Aufsatzes so ausführlich geschildert haben; jeder neuere müßte streben, unseren Geist und unser Herz ans die Weise zu beschäftigen, mit den Ideen und Empfindungen zu nähren, die unserer Zeit, den Erfahrungen, ION die wirgesammelt, dm Fortschritten, die wir gemocht hoben, ongemessen sind. Aber in der Art, wie unser Dichter beides thnt, liegt onch, mitten in dieser ollgcincincn Trefflichkeit sein indioiducllcr nnd nntcrscheidcndcr Charakter. Zuerst ist er ganz nnd allein wnhrcr Künstler. Seine Poesie ist rein dorstcllcnd, sie ist noch mehr ols das, sic ist vollkommen episch; sic bleibt dem allgemeinen Begriffe der Kunst, einen Gegenstand durch die Einbildungskraft zu erzeugen, immer vollkommen nahe; sic ist mit dem Stile der bildenden eng vcrschwistcrt, und benutzt zugleich alle ihr selbst durch Bewegung nnd Ausdruck cigcnthnmlichc Vorzüge. Die Gedanken nnd Empfindungen, welche sic schildert, sind nur die Seele seiner Gestalten, dienen nur, ihnen s'ebcn nnd Sprache einznhanchcn. Indem wir aber nur diesen Gestalten znznschen glauben, und überall Bewegung nnd Umrisse vor uns erblicken, werden wir dennoch eigentlich nur von ihrem inneren geistigen Wesen gerührt; wir fühlen unseren Busen lebhafter als bei einem anderen Dichter bewegt, dringen tiefer in unser Inneres ein; werden reiner nnd menschlicher gestimmt. Jene Gestalten scheinen uns jetzt nur der zartgcbildetc Körper der Seele, die so lebendig ans ihnen hcrvorstrahlt. Dadurch, daß Gestalt nnd Charakter in ihnen immer so genau für einander Passen, daß bald jener nur um dieses, bald dieser nur um jenes willen da zu stehen scheint, sehen wir bei ihnen immer den ganzen Menschen in seiner natürlichen Wahrheit. Er nimmt ihn in seiner besten nnd höchsten Eigcnthümlichkcit auf, nnd gicbt dann diesen: Stoff das sichtbarste Gepräge der Kunst, da er ihn durch ein doppeltes Verfahren den Werken der Alten ähnlich macht, einmal indem er ihn zu der einfachen Wahrheit der Natur znrückführt, und dann, indem er ihm jene rein darstellende Objcetivität nntthcilt. Wer den Wcrthcr, den Götz nnd dies Gedicht lebendig in der Seele gegenwärtig hat, der wird die Wahrheit des eben Gesagten von selbst empfinden. Aber inn sich zu überzeugen, das; inan nicht bloß unentwickelte Gefühle, solidem klare und sichere Resultate ans den: Studium des Dichters nntgcbracht hat, ist cS nothwendig, es noch einmal in bestimmte nnd einfache Resultate znsannncnznfassen. Wst man daher das, was wir ihm hier cigcnthümlich nennen, nnd wodurch er die Wirkung hcrvorbringt, in der gewöhnlich alle Veser mit einander Übereinkommen, in seine Elemente ans, so stößt inan vorzüglich ans folgende drei Punkte i 101 1. Er ist nicht bloß durchaus objeetiv und echt künstlerisch, sondern auch iui genauesten Perstande iuiuier bildend und episch; was er zeichnet, ist (Gestalt und Bewegung, ist sinnlich anschaulich, ein reines Erzeugnis; der bildenden Phantasie. 2. Sein Stoff, daS, waS sich in seinen Schilderungen eigentlich darstcllt, waS ans ihnen, wie ans einem feinen Schleier, immer hervor- blickt, was wir immerfort, aber nie anders als in sinnlicher (Gestalt und in lebendiger Bewegung sehen, ist die innere "Menschheit, die Piaffe von Gedanken und Gefühlen, zu denen das Geniüth gelangt, wenn cs in seinen vollen dreisten sich selbst und die Natur außer sich umfaßt; die Menschheit in ihrer höchsten Bollcndnng und ihrer einfachsten Wahrheit. 3. Die hohe Wirkung, die einerseits durch den Gehalt, den der Dichter in seinen Stoff legt, andererseits durch das Dichterische der Darstellung entsteht, wird noch dadurch verstärkt, daß für die letztere nichts mehr gethan ist, als die vollkommene Objeetivität erfordert, nirgends aber ein überflüssiges Eolorit anfgctragen ist, wodurch nun thcits die Formen reiner und bestimmter hervortrcten, theils der Stoff selbst einen um so tieferen und rührenderen Eindruck macht, als er nackter und einfacher erscheint. Berlierl nun unser Dichter, wie wir in einem der vorigen Abschnitte sXG) gezeigt haben, ans der einen Seite gegen die Werke der Alten an sinnlichem Reichthnm, so erlangt er dies ans der anderen in gleichem Grade, und zwar durch eine Kühnheit wieder, durch die er ans einmal alles nnfzngebcn scheint. Denn nichts droht ans den ersten Anblick aller Kunst so große Gefahr, als die schlichte Wahrheit, die so leicht zn dem bloß Prosaischen hcrnntersinkt, als die Innigkeit, die zu tief in uns herabznstcigcn, zn sehr in unser wirkliches Gefühl einzngreifen scheint, um sich noch wieder von da zn einem identischen und künstlerischen zn erheben. Gerade hier aber zeigt sich die Stärke des Dichters, und das gerechte Bertranen zn seiner Kraft. Nicht indem er seiner Stimmung einen heftigen und leidenschaftlichen Schwung giebt, sondern indem er seinem Gegenstände dadurch, daß er alles in ihm znsammcnfaßt, eine unendliche Ausdehnung erthcilt, hebt er ihn ans der Wirklichkeit empor; nicht dadurch, daß er ihn von der Natur entfernt, sondern dadurch, daß er ihn ganz in ihr, aber sie selbst mit ihm in ihrer wahren und ursprünglichen Gestalt ausfaßt, erhält er ihn innerhalb deö Gebietes der Einbildungskraft. 102 XI.VI. DaNrlänbischer Eharattrr unsercs Dichters, in seiner Vergleichung mit den alten und de» neueren Dichtern anderer Nationen gezeigt. Um die besondere Stelle kennen zu lcrum, die wir selbst cinnehnien, haben wir immer zugleich ans zwei Punkte zu sehen: ans das Alterthnm und das Ausland, Es sei nnS erlaubt, auch unseren Dichter noch einen Augenblick in dieser doppelten Beziehung zu betrachten. Er verweilt, wie wir gesehen haben, nicht nur vorzugsweise bei der Schilderung des inneren Menschen, des Gcmüthcs in seinen Gedanken und Empfindungen; sondern er zeigt cs uns auch so, wie eS etwas Anderes und Höheres begehrt, als dessen Befriedigung unmittelbar in der Natur außer uns liegt, etwas Identisches, das über die äußere Thätig seit und den äußeren Genuß des Lebens hinansgeht; wie es endlich über Haupt ein inneres Dasein in sich selbst dem äußeren in der Welt entgegensetzt, in jenem oft etwas verfolgt, was diesem fremd ist, und nicht gleich dort dasjenige aufgiebt, was hier zu erreichen unmöglich ist. Dadurch unterscheidet er sich von den Alten, die den Menschen immer mehr in der Begleitung der Natur, als im Gegensatz mit derselben darstellen, und dies hat er mit den meisten neueren Dichtern gemein. Aber die inneren Regungen des Geistes und des Herzens sind sehr verschiedener Töne fähig, und unter diesen zeichnen sich vorzüglich zwei ans, die gleichsam zwei Extreme bilden — der hohe und starte, und der stille und sanft gehaltene. Der Gedanke gewinnt eine andere Gestalt, wenn er ans dem bloßen, von keiner äußeren Erfahrung unterstützten Nachdenken hervorgeht, oder durch die Phantasie geformt, als glänzende Sentenz anftritt, und wenn er in einfacher Wahrheit eine Menge von Erfahrungen znsamincnfaßt, und daraus gediegene Weisheit zieht. Das Herz fühlt andere Regungen, wenn cs von heftigen Leidenschaften dnrch- stürmt, und wenn cs, nachdem es alles, was cs nur von der "Natur zu erfassen vermag, in seinen Kreis gezogen hat, von lauter mächtigen und unendlichen, aber immer mit einander znsammenstimmenden Gefühlen harmonisch durchdrungen, still aber tief bewegt ist. Diese letztere Stimmung ist cs, in der nnS Goethe immer das Gcmnth schildert; und wenn er Leidenschaften hcrvorrnft, so erheben sic sich, gleich Wellen ans dem 103 unendlichen Meere, auf cincin so znbereiteten Gründe, und lagern sich wieder ans die klare, nirgends nmgränzte, in allen ihren Pnnktcn leicht bewegliche Fläche. Dadurch unterscheidet er sich von den neueren Dich, lern anderer Nationen, die durchaus mehr Leidenschaft als Seele malen, mehr Heftigkeit und Feuer als Innigkeit und Wärme besitzen, und dadurch tritt er wieder dein schönen Gleichgewicht, der stillen Harmonie der Alten näher. Dieser zwiefache Gegensatz vollendet, man kann cs mit stolzer Freude behaupten, seinen deutschen Charakter. Denn eine sichtbare Neigung zur abgesonderten Beschäftigung des Geistes und des Herzens, und ein stärkerer Hang nach Wahrheit und Innigkeit in beiden, als nach in die Angen fallendem Glanz und leidenschaftlicher Heftigkeit, sind Hanpt- ziigc der Eigcnthümlichkcit unserer Nation, welche ihre besten philosophischen und dichterischen Prodnete unverkennbar an sich tragen, und durch die, wenn das Genie des Künstlers hinzukommt, seine Werke zugleich einen reichhaltigeren Stoff und eine größere innere Festigkeit erlangen. Wenn wir indes; hier diesem Gedichte und der neueren Poesie überhaupt etwas znschreibcn, was sie vor der älteren anszeichnet; so ist dies kein Vorzug, der das Wesen der Kunst angeht. In diesem bleiben die Alten immer die Meister, und werden nie auch nur erreicht, viel weniger nbertroffcn werden. Das cigenthnmliche Verdienst, von dem wir hier reden, ist nur, die Bahn eröffnet zu haben, den ganzen Reichthnm an Gedanken und Empfindnugsgehalt der neueren Zeit in das echt künstlerische Gewand zu kleiden, das man sonst nur bei ihnen antrifft. XI-VII. Ginsluß dcr gcschildcrtcii Eiacnthüoilichkclt dcS Gedichtes auf die Tetalwirtunz desselben. Ans Darstellung, ans Darstellung durch die Einbildungskraft, ans Darstellung des ganzen Menschen in seiner äußeren Gestalt und seinem inneren Wesen, geht unser Dichter ans, und diesen Zweck erreicht er in einem bewundernswürdigen Grade. Er ist nie bemüht, unsere Phantasie absichtlich weder zu ergötzen, noch zu spannen, noch überhaupt auf diese 104 oder jene Weise zu bewegen; er Hut ein wahres und eigentliches, ein großes nnd unermeßliches Geschäft, dnü alle seine Kräfte, seine ganze Energie an sich reißt — die Menschheit nnd die Natur, die seinem künstlerischen Blick einmal nicht anders als durchaus dichterisch geformt erscheint, auch uns wieder in derselben Gestalt zu zeigen. Dadurch weckt er zuerst nnd hauptsächlich unseren bildenden Sinn; wir suchen und finden überall Festigkeit, Ordnung, Zusammenhang; wir schassen nnö eine durchaus übereinstimmende, durchaus organisirte Natur; die äußeren Formen, die wir vor uns erblicken, haben vollkommene Anschaulichkeit, die inneren durchgängige Wahrheit; überall erhebt sich die Begeisterung unserer Einbildungskraft und unseres Gefühles von einem fest zubcrciteten Grunde. Nirgends ist etwas Verwirrtes oder Ueberspanu- tes; alles ist vollkommen klar und natürlich. Aber cs ist auch noch mehr. Die Hauptwirkung jedes Kunstwerkes beruht ans der Verbindung seiner Gestalt mit seinem Charakter. Gerade darin liegt am meisten dasjenige, was sich niemals auSsprcchcu oder erklären läßt, weil es allein von dem einfachen Gedanken abhängt, den der Künstler auf eine unbegreifliche Weise seinem Werke einprägt, und dadurch zugleich auf uns hinüberträgt. Daß nun in unserem Gedichte die äußeren nnd inneren Formen so eng auf einander passen, daß sie sich gerade gegenseitig nur bekleiden nnd erfüllen, dadurch wird der Charakter desselben in dem reinsten und vollsten Sinne, reiner als bei anderen modernen, nnd voller als bei den alten Dichtern: Einfachheit, Wahrheit und Natur. DaS menschliche Gcmüth ist darin in einer gewissen Nacktheit dargclegt, wodurch es auf eine innigere nnd rührendere Weise auf uns eiuwirkt, als wir cs bei irgend einem anderen Dichter erfahren. XI.VIII. Ncsuttstc. — Atlgrmcuicr kharaktcr unscrcS Dichters. Wir sind jetzt bei dem Ziele angelangt, das wir durch die bisherigen Betrachtungen zu erreichen strebten; wir haben den Charakter desGoethc'- schen Gedichtes vollständig geschildert, nnd die Stelle angegeben, die es in Rücksicht auf die Kunst überhaupt, nnd in Vergleichung mit anderen Gedichten ähnlicher Art, behauptet. Wir wrrsc» jetzt noch eunnal einen flüchtigen Blick auf den Weg, den wir znrückgelegt haben. Zweierlei Vorzüge sind es, durch deren innige Berbindnng die Manier unseres Dichters ihre unlängbare Eigcnthümlichkeit erhält: 1. Die Einfachheit, mit der er immer blaß bei demjenigen stehen zu bleiben scheint, was die Kunst schlechterdings und nothwendig leisten muß, sobald sie nur überhaupt Knust zu heißen verdienen soll; 2. Die Stärke der Wirkung, die er dadurch hervorbringt, daß er seiner Poesie so viel Gehalt und Seele giebt, als nur immer einer sinnlichen Darstellung fähig ist. Seinen Stoff zu einem reinen Erzengniß der dichterischen, und zwar der bildenden Einbildungskraft zu machen, ist sein ganzes und einziges Bestreben. Daher die feste Znsammenfügnng aller Theile znni Ganzen; die Größe und Einfachheit der Züge; die objeetive, rein darstellende Ma nier, und eben daher der Mangel alles fremden Schmuckes, aller nicht unmittelbar durch die Sache selbst bewirkten Erhebung, alles überflüssigen Eolorits. Er nimmt aber seinen Stoff immer so, wie er einen überwiegend großen Gehalt für den inneren Sinn hat und doch zugleich für den äußeren vollkommen gültig ist. Bon dem Menschen und der Natur malt er die Seele, aber sie immer gestaltet und lebendig. Daher seine Sentimentalität, das mehr sanfte als glänzende Glicht seiner Gemälde, ihre größere Wirkung auf den Geist und das Herz. Durch beides, dadurch, daß er die Natur da ansnimmt, wo ihr Zusammenhang am festesten, die Bcrwandtschaft ihrer Elemente am sichtbarsten ist (in ihrer geistigen Gestalt), und daß er sie darin ganz objeetiv behandelt, wird er im eminenten Bcrstandc bildend, im eminenten Ver- stande nach Bestimmtheit der Umrisse, Einheit des Ganzen und Ebenmaß der Theile strebend. Denn er geht mit aller seiner Kraft bloß darauf ans, die Formen eines großen Ideals anfzustellcn, eines Ideals, das dem Geiste der Menschheit und der "Natur (der im Grunde nur einer und ebenderselbe ist) gleich sei. Von den Mustern dcS Altcrthnms unterscheidet er sich durch einen geringeren Gehalt für die Sinne und die Phmitasic, aber durch einen vielfacheren und feineren für den Geist und die Empfindung; und wenn er dies mehr oder weniger mit allen neueren Dichtern gemein hat, so zeichnet er sich von diesen wieder dadurch aus, daß er in dieser Verschic- 106 dcnhcit selbst durch Objectivität, Harmonie und die Totalität, die sich in dem Leser durch Ruhe ankündigt, den Alten ungleich näher kommt, als irgend einer von jenen. Die Seite seines Charakters, von welcher aus derselbe zum Fehlerhaften ansartcn kann, und wirklich vielleicht manchmal darein verfällt, ist die Einfachheit seiner Mittel. Was man ihm daher vielleicht hie und da vorwcrfcn könnte, ist Mangel an Vielfachheit der Handlung und Bewegung, Mannichfaltigkeit der Gestalten, Fülle und Abwechselung der Dietion und des WohlklangcS, mit einem Worte Mangel an sinnlichem Reichthnni; was ihn aber auch hier wieder charaktcrisirt, ist daß dies nie zum Mangel auch an sinnlicher Individualität ansschlägt. Denn der Bestimmtheit der Umrisse und der Stetigkeit der Bewegung fehlt nie auch nur das Blindeste. Wenn er in der Reinheit der Formen und dem Scelenvollen des Ausdrucks ciue auffallende Aehntichkeit mit Raphael darstellt, so erinnert er an ihn auch durch ein manchmal dürftig scheinendes Colorit. XU Rechtfertigung des tan der Zeichnung dieses Ohnrnltcrs gewühlten Ganges Um diesen Charakter unseres Dichters so kurz und bestimmt, als cs unsere Absicht war, zeichnen, und diese Schilderung zugleich rechtfertigen zu können, glaubten wir den langen Weg cinschlagcn zu müssen, den nur nunmehr zurückgclcgt haben. Da wir auf demselben vorzüglich zwei Dinge zu erörtern hatten, den einfachen Kunstsinn und den hohen intcl- lcctncllen und sentimentalen Gehalt des Dichters, so widmeten wir natürlich dem ersteren, als dem Wesentlichsten, zuerst und am ausführlichsten unsere Sorgfalt. Wir gingen daher von dem Wesen aller Knust überhaupt anS, und da dicS in nichts anderem besteht, als in der Auflösung der Aufgabe: daS Wirkliche in ein Bild zu verwandeln; so suchten wir diejenige dichterische Methode ans, welche die Einbildungskraft am entschiedensten nöthigt, ein gewisses und zwar in allen seinen Formen bestimmtes Bild frei und rein aus sich selbst zu erzeugen. 107 Zu diesem Behnfe schränkten wir dir verschiedene Möglichkeit dieser Forderung Genüge zu leisten, noch und nach ciu, und setzten: 1. den echt künstlerischen Stil, welcher die Einbildungskraft wirklich productiv macht, und nach Identität und Totalität strebt, dein After- stilc entgegen, welcher entweder nicht rein bloß ans sic, oder nicht stark genug ans dieselbe cinwirkt, und nur zu gefallen oder zu glänzen bemüht ist (II. bis XXII.); 2. denjenigen dichterischen, der, da er ganz ans Gestalt und Bewegung, mithin ans Objeetivität hinansgcht, sich nahe an das Wesen der bildenden Künste anschlicßt, demjenigen, welcher mehr die ausschließlichen Vorzüge der redenden (die unmittelbare Darstellung des Gedankens und der Empfindung) geltend macht (XIII. bis XIX.); 3. denjenigen epischen, der, indem er den lleser mit seinem Gegenstände gleichsam allein läßt, und die Erinnerung an den Dichter entfernt, und indem er das Bild mehr ans der Phantasie des Zuhörers von selbst hervortrcten macht, als eö ihr vormalt, den höchsten Grad der Objeetivi- tüt erreicht, — demjenigen, der durch die entgegengesetzte Methode dieselbe mehr überhaupt zu Bildern, als zu einem bestimmten, mehr frei und lebendig als gesetzmäßig stimmt (XX. bis XXXVII.). Nachdem wir darauf bei jedem dieser drei Punkte mit Beispielen bewiesen hatten, welcher dieser Stile dem gegenwärtigen Gedichte eigen ist, und hierin, so wie in der einfachen Wahrheit des Bortrages (XXXVIII. XXXIX.) seine Aehnlichkcit mit den Werken der Alten gezeigt hatten; so konnten wir nunmehr von der Art seines Stoffes, von der Eigcnthümlich- keit reden, durch die cs sich wieder von jenen unterscheidet (XI,. bis XI. VII.> und damit die Schilderung seines individuellen Eharaktcrs vollenden. I,. Hlüchüacr Bück auf das Verhältnis; des Eharaktcrs unseres Dichters nherhaupt M dem besondere» dieses (NedichteS. Vielleicht aber scheint cs, als Hütten wir »ns in dem Vorigen zu viel mit dem Künstler überhaupt, und mehr als mit seinem neuesten vorliegenden Werke, beschäftigt. Wenn dieser Vorwurf gegründet ist, so zeigt er mir-, wie rein sich die ganze Individualität desselben gerade in diesem seinen, Werke spiegelt. Und dies ist in der Thal der Fall. Kein andcreö der Gocthe'schcn Gedichte stellt den ganzen Inbegriff seines Dichtercharak- tcrS so sichtbar dar, obgleich einzelne Seiten desselben in anderen natürlich, nnd gerade daran,, weil cs die früheren waren, stärker und glänzendcr erschcincn. Mein wenn jenes Ganze selbst anftreten sollte, musste cS sich durch die Zeit und mannichfaltige Ucbnng sammeln nnd reinigen, und die Stimninng, welche dicS Prodnet hcrvorzubringcn oermochte, musste erst durch Erfahrung nnd Reife vorbereitet werden. Dies fühlt man sehr dentlich, sobald man sich diese Stimninng auch nur einigermaßen vorzn- stellen versucht. Denn wenn es je einen Mann gab, dem die Ratnr ein offenes Auge verliehen hatte, alles, was ihn ningicbt, rein »nd klar nnd gleichsam mit de», Blicke des Naturforschers anfznnchmcn, der in allen Gegenständen des Nachdenkens nnd der Empfindung mir Wahrheit nnd gediegenen Gehalt schätzt, nnd vor dem kein Kunstwerk, dem nicht verständige und regelmäßige Anordnung, kein Raisonnemcnt, de», nicht geprüfte Beobachtung, leine Handlung besteht, der nicht consegnente Maximen zmn Grunde liegen; wenn dieser Mann dann durch sein ganzes Wesen zmn Dichter bestimmt, nnd sein ganzer Eharakter so durchaus mit dieser Bestimmung Eins geworden ist, daß seine Dichtung selbst überall das Gepräge jener Grnndsützc und Gesinnungen an der Stirn trägt; wenn derselbe endlich eine Reihe von Jahren durchlebt hat, wenn er, mit dem klassischen Geiste der Alten vertrant, nnd von dem besten der Neueren durchdrungen, zugleich so individuell gebildet ist, daß er mir unter seiner Nation nnd in seiner Zeit cniporkoimncn konnte, daß alles Fremde, was er sich aneignct, danach sich nmgcstaltet, nnd er sich nur in seiner vaterländischen Sprache darzn- stellen vermag, in jeder anderen aber, nnd zwar gerade für seine Eigen- thümlichkeit, schlechterdings unübersetzbar bleibt; wenn cS ihm nun so gelingt, die Resultate seiner Erfahrungen über Menschenleben nnd Menschcn- glück in eine dichterische Idee znsainmcnznfasscn nnd diese Idee vollkommen anSznführcn — dann musste, nnd nur so konnte ei» Gedicht, wie das gegenwärtige ist, entstehen. Denn so unzertrennbar vereint ist der so eben geschilderte Eharakter darin anSgcdrückt, daß cs nicht möglich ist, einen einzelnen Zug davon allein heranSzuheben; so innig verknüpft eS de» einfachen Sinn des Alterthmnö mit der fortschreitenden Enltur neuerer Zcit; und so durchaus scheint cs aus einen, Geiste geflossen, der in der ganzen Individualität der wirklichen Verhältnisse, die ihn umgeben, alle Hanpt- forincn menschlichen Daseins rein und wahr in sich ausgenommen hat, und ans dem sich wiederum alle, wie anS Einem Mittelpunkte, ablcitcn lassen. Auch konnte ein solches Product nur ans der Reife eines erfahrungsreichen Gebens hcrvorgehcn; was so geschildert ist, muß mit eigenen Angen gesehen sein, und was hierbei vorzüglich Bewunderung erregt, ist, mit dieser Reife zugleich diese jugendliche Frische der Phantasie, dies Leben in der Darstellung, diese Zartheit und Lieblichkeit in der Schilderung von Empfindungen gepaart anzntrcffcn. IZ. gwicfachc Pcmthcilung ciiics KnnstwcclcS. Bon der zwiefachen Art der Bcnrthcilnng, welcher man jedes Kunstwerk unterwerfen sollte, haben wir nunmehr die eine vollendet; cs bleibt uns jetzt noch die andere übrig. Jedes Kunstwerk nämlich kann, wie der Künstler selbst, der cS hervorbringt, als ein eigenes Individuum angesehen werden. Es ist ein lebendiges Ganzes, cs hat eine eigene innere Kraft, ein Lcbcnsprincip, durch welches cs eine bestimmte Wirkung äußert. So haben nur Hermann und Dorothea bis hichcr betrachtet. Ohne uns noch in die Erörterung seiner einzelnen Thcile cinznlassen, ohne cS festgesetzten Regeln anznpasscn, haben wir bloß die Wirkung geschildert, die cs hervorbringt, die Ursachen derselben ausgesucht, und dadurch nur seine Natur im Allgemeinen, ihrem Grade und ihrer Gattung nach, bestimmt. Aber außer dieser seiner inneren Natur gehört jedes Gedicht auch noch, seiner äußeren Beschaffenheit nach, zu einer besonderen Gattung von Kunstwerken, und hat in dieser Hinsicht besonderen Forderungen Genüge zu leisten, besondere Regeln zu befolgen. Mit diesen Regeln haben wir daher das nnscrigc noch jetzt zu vergleichen. Denn nur beides znsammcn- gcnommen, sein innerer Charakter und seine äußere Regelmäßigkeit, bestimmt die Bortrefflichkcit desselben. Die crstcrc Art der Bcnrthcilnng kann man bei Kunstwerken, in einem vorzüglicheren Sinne dieses Wortes, die ästhetische nennen, da sie den eigentlichen Kiuistcharaktcr ihres Gegenstandes, seinen echt künstlcri- 1IU scheu Werth, scin Berhältniß zum Ideale bestimmt; die letztere, die technische, da sie denselben nicht mit einem Ideal, das nie ganz erreicht werden kann, sondern mit Regeln und Gesetzen vergleicht, die streng und vollkommen erfüllt werden müssen. Daß inan beide zn selten mit einander verbindet, ist großentheilS an einer gewissen ästhetischen Einseitigkeit Schuld. Denn die mechanischen Köpfe, welche nur für Regeln Sinn habe», vernachlässigen immer den ursprünglichen Gehalt an Originalität und Kraft, und die heftigen und regellosen setzen sich beständig über die nothwcndigc Achtung der Technik hinaus. IUI. Epische Dichtung. — Unbestimmtheit dcS gewöhnlichen Begriffs derselben. Daß Hermann und Dorothea überhaupt genommen zur Gattung der epischen Gedichte gehört, ist so offenbar, daß wir cs auch schon durch das ganze bisherige Raisonncmcnt hindurch stillschweigend vorausgesetzt haben. Niemand kann ablängnen, daß es die Darstellung einer Handlung und zwar die einer Handlung von ihrem Anfänge bis zu ihrem Ende ist. Aber von einem epischen Gedichte bis zur eigentlichen Epopcc ist noch beinahe eben so weit als von einem bloß tragischen zur Tragödie, und wir kommen daher erst jetzt zn der genaueren Untersuchung, in wiefern es auch diesen letzteren stolzeren Namen verdient? WaS ästhetische Benrthcilnngcn in der That schwierig macht, ist der Mangel einer vollständigen, gar nicht (das wäre zn viel verlangt) allgc- mcingültigen, aber nur conscgnentcn und mit den gerechten Ansprüchen eines echten Kunstsinnes znsammcnstimmcndcn Aesthctik, ans deren Gesetze man sich mit wenigen Worten beziehen könnte. So lange man eine solche entbehrt, befindet man sich immer in der unangenehmen Verlegenheit, die einzelne Bcurthcilnng durch die Entwickelung theoretischer Grundsätze unterbrechen z» müssen, und so müssen auch wir hier der Theorie dcS epischen Gedichtes eine eigene vorläufige Erörterung widmen. Um uns aber durch diese Abschweifung nicht zn weit von unserem Gegenstände zn entfernen, werden wir uns begnügen, bloß den Begriff desselben zn bestimmen, und auS demselben nur seine höchsten und daraus zunächst herfließendcn Gesetze abznleitcn. 111 Fast bei keiner anderen Dichtnngsart ist man so sehr nm eine genügende Definition verlegen, als bei der epischen. Die mannichfaltigcn Gattungen erzählender und beschreibender Gedichte sind so nahe mit einander verwandt, und scheinen sich durch so wenig wesentliche Merkmale von einander zu unterscheiden, daß cs schwer ist, dasjenige zu bestimmen, was die eigentliche Epopce charaktcrisirt. Diese Schwierigkeit wächst noch dadurch, daß die vorhandenen Muster dieser Dichtnngsart genau genommen so wenig mit einander gemein haben, und höchstens bloß darin, daß sie ins- gesammt Erzählungen von Handlungen sind, kaum aber nur darin, daß jedes derselben auch nur die Darstellung einer einzigen wäre, mit einander Übereinkommen. Man hat daher von jeher andere und andere, und mci- stcntheils bloß minder wesentliche Nebcnbcgriffe, wie z. B. die Mitwirkung der Götter, den Gebrauch des Wunderbaren, die Nothwendigkeit heroischer Personen, die sehr unbestimmte Vorstellung der Größe und Wichtigkeit der Handlung und so fort der Definition mit beigcmischt, und dagegen nicht genug dasjenige hcranSgchobcn, worin eigentlich das Wesen der Epopec besteht, und woraus die wichtigsten Gesetze dieser Dichtnngsart herflicßcn. I.III. Methode der Ableitung der verschiedenen Dichtungsurten. Aber diese Unbestimmtheit, die wir so eben rügten, war auch ans dem Wege, den man bisher immer cinschlug, nicht leicht zu vermeiden. Man blieb nämlich immer nur bei dem Objecte, bei dem Prodncte des Dichters stehen, und wir haben schon im Vorigen bemerkt, und mit einigen Beispielen bewiesen, daß man bei ästhetischen Untersuchungen sich vielmehr an die Stimmung seines Geistes und an die Natur der Einbildungskraft wenden muß. Besonders aber sollte man sich bei verschiedenen Gattungen von Gedichten oder Dichtcrnaturcn schlechterdings nicht begnügen, die Erklärungen derselben aus wirklichen vorhandenen Mustern zu beweisen. Diese Muster selbst müssen ja erst nach ihnen geprüft und benrthcilt werde». Sic können den Titel ihrer Rcchtmäßigkeit, als eigene Gattungen überhaupt, und als diese so und so bestimmte insbesondere, ans nichts ande- 112 rem, als anS der Natur der Einbildungskraft und der verschiedenen Möglichkeit dichterischer Wirkungen ablcitcn. Denn nur in sofern eS der allgemeinen Beschaffenheit unserer Phantasie nach eine dichterische Stimmung giebt, die von allen anderen wesentlich verschieden ist, kann derselben eine eigene Gattung entsprechen, sei es eine eigene DichtnngSart, oder eine eigene Dichtcrindividnalität, je nachdem jene Stimmung ein verschiedenes, oder nur eine (snbjcctiv) verschiedene Behandlung desselben ObjeetS verlangt. DicS also ist die Quelle, zu welcher man immer znrückkchrcn muß. Der EinthcilnngSgrnnd aller wesentlich verschiedenen DichlnngSartcn ist allein die Ratnr der dichterischen Einbildungskraft und des allgemeinen ZnstandeS der Seele, den sic in jeder einzelnen bearbeitet. Die Untersuchung dieser beiden Stucke, für sich und in ihrer Bcrbindnng, giebt den Charakter jeder einzelnen DichtnngSart, die snbjectivc Stimmung, anS der sic entsteht, und die sie wiederum hcrvorbringt, und ans dieser läßt sich die objcctivc Definition ablcitcn. I.IV. Allgcmciuri bhucaktcr dcr t^pepcc. — Aus wclcbcr Stimmung der Scclc du» Bcdürfniß zur epischen Dichtung hecflicpt. Wenden wir diese eben beschriebene Methode ans unseren Gegenstand an, so sind die Hanptbcstandthcilc dcr Wirkung, welche dcr epische Dichter hcrvorbringt, lebendige sinnliche Thätigkeit, fortrcißcndeS Interesse an dcr Entwickelung dcr dargestclltcn Begebenheit, uneigennützige Ruhe, und ein weiter und großer Ucbcrblick über die Natur und die Menschheit, und ihr gegenseitiges Verhältnis; gegen einander. Daher verlangt man objcctiv eine wichtige und merkwürdige Handlung, welche eine Masse von Individuen in große Bewegung setzt, hcroi schc Personen und Thcilnahmc höherer Naturen, wodurch dcr Einbildungskraft dcr nöthigc Schwung ertheilt wird, und einen gewissen Umfang des Planes, innerhalb dessen man durch eine gewisse Menge von Objecten geführt wird. Das Charakteristische der epischen Dichtung scheint also darin zu liegen, daß sic nnS ihren Gegenstand ans daS lebendigste und sinnlichste darstellt, daß sic durch denselben Miseren: Blicke große und weite Anssichten eröffnet, und uns in einer solchen Höhe über denselben erhält, in der wir nur teilnehmende Beobachter sind, ihn selbst aber immer als etwas Fremdes außer unS anschcn. Alles dies nun trifft in derjenigen Stimmung zusammen, in welcher sich unser Gemüth in dein Zustande ruhiger aber lebendiger Beschauung befindet; dieser Zustand ist cs daher, der in dein epischen Gedichte seine Befriedigung sucht, und wir dürfen folglich mit Recht hoffen, durch die genauere Untersuchung desselben unserem Ziele naher zu kommen. I.v. Zustand allgemeiner Beschauung entgegengesetzt dem Znstande einer bestimmten Empfindung. ES giebt offenbar in dem menschlichen Gcmnthc zwei Zustände, welche sowohl in Rücksicht auf ihren Gegenstand, als in Rücksicht ans die Veränderungen, die sic in uns hervorbringcn, unter allen an: weitesten von einander verschieden sind, und alle übrigen, deren dasselbe fähig ist, wie unter zwei große Elassen znsammenordnen: den Zustand allgemeiner Beschauung und den einer bestimmten Empfindung. In dem einen herrscht das Object, in dem anderen das Subjcct. Jener, in seiner größestcn Vollkommenheit genommen, entsteht durch die Verbindung der äußeren Sinne mit unseren: intcllectncllcn Vermögen, das mit ihnen darin übcreinkommt, daß es sich von dein Gegenstände vollkommen scharf und deutlich absondcrt, und diesen letzteren bloß in Beziehung ans ihn selbst, und ohne alle eigennützige Absicht ans eigenen Gebrauch oder Genuß betrachtet. Dieser entspringt aus der verbundenen Thätigkcit des Gefühls und des BegchrnngSvermögcnS, und alle Objecte werden in demselben auf das eigene Bedürfniß oder die eigene Neigung bezogen. Jener zeichnet sich in Rücksicht auf den Gegenstand durch Umfang und Totalität, in Rücksicht ans die innere Stimmung durch Ruhe anS; wer sich in demselben befindet, sucht in der Menge der Objecte durch Beschränkung der einen durch die anderen die individuelle Form eines jeden, in ihrer Verbindung Zusammenhang, in ihren Beziehungen Wechsclwir- W. v. h um l>oldt. ul'cr ttwetlie's und Duvvtl'ca. 8 114 kling, in ihrem Sein nnd Wesen überhaupt Wirklichkeit, nnd durch die Festigkeit ihrer gegenseitigen Verbindungen wenigstens bedingte Nothwen- digkeit. Die Empfindung hingegen, die immer Non dem bestimmten Verhältnis; ihres Zweckes zu ihrer Begierde ansgcht, flieht alte Beschränkung, kennt nur Einen Gegenstand, welchem alles andere weichen muß, strebt nach einseitiger Befriedigung, lebt in der Möglichkeit, nnd sucht bloß Wirklichkeit. In dem Zustande der Beschauung liegt von selbst immer etwas Allgemeines und Identisches, da unsere intcllectnelle Natur, die nie ans elwaS anderes hinanSgchen kann, darin hauptsächlich thätig ist. Die Empfindung behält auch dann noch, wenn sie durch die praktische Vernunft oder die Einbildungskraft zu vollkommener'Reinheit geläutert ist, wenigstens die Form ihres ursprünglichen Charakters. Denn die Beziehung ans daS Snbjcct bleibt darin, unter jeglicher Umwandlung, immer dieselbe. Wenn daher die Kunst diese beiden Zustände dichterisch benutzen will, so hat sic in jedem zweierlei zu vertilgen; in dem crstcrcn: das prosaische Detail der von Phantasie entblößten Beobachtung nnd die Trockenheit der intellcetncllen Ansicht; in dem letzterem die eigennützige Beziehung ans de» wirklichen Besitz nnd die daraus entstehende Beschränkung des Gegenstandes selbst. Jenem muß sie die lebendige Sinnlichkeit, diesem die idca- lischc Nichtigkeit der Phantasie cinhanchen. Ist VI. Vcsvndcrc Schilderung jenes allgemein beschauende» Zustandes. Wenn wir den Zustand der Beschauung als einen besonderen vor demjenigen allgemeinen, in welchem uns überhaupt die Kenntnis; der Natur außer uns beschäftigt, hcrauShcben, so ist cs> weil er sich durch zwei nur ihm cigcnthümlichc Merkmale von allen ähnlichen unterscheidet — durch die gleichmüthigc Stimmung der Seele, mit welcher dieselbe, allein durch das allgemeine Interesse des Objects geleitet, ihre beobachtende Aufmerksamkeit gleichmäßig ans alle Punkte verthcilt, nnd durch den Umfang der Ansicht, da wir alsdann jeden Gegenstand, nnd jede Masse von Gegenständen, und so nach nnd nach das Ganze bis zu seinen 115 äußersten Gränzcn verfolgen. Daher ist er eben so sehr von dem Zustande der Untersuchung, in dem wir immer ans einen einzelnen bestimmten Punkt losgchcn, und mehr in eine Tiefe cindringcn, als uns Uber eine Fläche verbreiten, als von demjenigen verschieden, wo wir die Natur, durch einen Zufall oder einen bestimmten Zweck geführt, mir thcilweise erforschen. In allen diesen Modificationcn sind unsere Sinne ans verschiedene Weise gestimmt, und dies unterscheidet schon der gewöhnliche Sprachgebrauch durch sehr bedeutende Ausdrücke. Denn wer gern in der Natur lebt, sie mit klarem, ruhigem und heiterem Angc überschaut, ans Formen, Einheit und Harmonie achtet, dem schreiben nur Lebendigkeit des Sinnes; dem emsigen Untersnchcr, der sich seinen Weg absichtlich und methodisch vorher vorzcichnct und die Lücken unserer Kenntnis; ans eine gewissermaßen systematische Weise ansfüllt, einen scharfen und cindringcndcn Blick; demjenigen endlich, der den sinnlichen Genuß, oder wenigstens die Vorstellung desselben in der Phantasie liebt, oder sich an dem Spiel, der Bewegung, der Mannichfaltigkeit erfreut, welche immer die Beschäftigung der Sinnlichkeit begleiten, Feuer der Sinne zu, indem wir uns hierbei mehr die Materie, als die Form der sinnlichen Objecte, oder doch die Wirkung aller sinnlichen Thätigkeit überhaupt ans die Empfindung denken. In der That malt auch in "Naturen, zu deren Charakter einer dieser Zustände wesentlich gehört, schon der Ausdruck des AngeS diese Verschiedenheit ans eine, ihren Bezeichnungen sehr analoge Weise; wie jeder sich leicht überzeugen wird, der sich auch nur Einmal den ruhigen, klaren, männlich festen und prüfenden Blick deS bloßen Beobachters mit dem scharfen, durchdringenden, unruhig suchenden des eigentlichen Forschers, und beide mit dem feurigen, glänzenden und beweglichen des sinnlichen Menschen verglichen zn haben erinnert. Parteilosigkeit und Allgemeinheit sind daher die Merkmale, welche jenen Zustand der Beschauung vor allen anderen, ihm ähnlichen charak- tcrisircn; und durch beide erhebt er sich zn den höchsten und besten, in welchen der Mensch sich befinden kann. Denn da unsere Thätigkeit in demselben weder ans ein Bedürfnis;, noch auf eine einzelne Absicht bezogen wird, so ist sic von aller Bedingung, die nicht unmittelbar in ihr selbst läge, frei, eine reine Anwendung aller derjenigen unserer Kräfte, welche der Objectivität, d. h. der Vorstellung äußerer Gegenstände, fähig sind, auf das Ganze der Natur. 6 116 Auf diese Weise bestimmt, kann dieselbe eigentlich nicht mehr, als zwei verschiedene Gegenstände haben, die physische und die moralische Welt, die Natur und die Menschheit; und ans beide angewandt, bringt sic zwei Wissenschaften, die Naturbeschreibung und die Geschichte zu Stande. Denn der Geschichtschreiber, der sehr wohl von dem Geschichtsforscher und dem bloßen Erzähler geschehener Begebenheiten zu unterscheiden ist, muß, gerade wie wir cS in jenem Zustande schilderten, das Ganze seines Stoffes übersehen, alle Verbindungen desselben aufsnchcn, immerfort unparteiisch vor ihm dastchcn, und für alle mannichfaltigcn menschlichen Empfindungen und Lagen Sinn haben, um jede, die er vor sich erblickt, in ihrer Eigenthümlichkcit zu verstehen. I.VII. Verbindung des Zustandes allgemeiner Beschauung mit der Tliätigkeit der dichterischen Einbildungskraft. — Entstehung des epischen Gedichtes. Wenn nun die dichterisch gestimmte Einbildungskraft einen solchen, so wesentlich von allen anderen unterschiedenen, so bestimmt charaktcrisir- tcn Zustand in der Seele vorfindct, so kann sie nicht anders, als versuchen, diesem in ihrem Gebiete eine entsprechende Form zu schaffen; und dieser Versuch ist es, durch welchen das epische Gedicht entsteht. Denn wir dürfen uns nur vorstellcn, was die Kunst aus diesem Zustande, wenn sie sich desselben ganz und einzig bcmcistcrt, machen kann, um sogleich auf alle wesentlichen Bcstandthcilc der Epopöe zu kommen. Objcctivität, Parteilosigkeit und Umfang der Ansicht waren die Hauptmerkmale jener beschauenden Stimmung unseres Gemüthcs. So lange dasselbe cs aber bloß mit wirklichen Gegenständen zu thnn hat, fühlt eS immer einen zwiefachen Mangel, den einen in Rücksicht ans seine Jntcllcetnalität — daß er nie alle Seiten seines Objectes übersehen, nie alle Verbindungen daran auffindcn, cs nie als ein nur durch sich selbst bestehendes, von allem anderen unabhängiges Ganzes betrachten kann — den anderen in Rücksicht ans die Sinnlichkeit — daß nicht allein die Beobachtung immerfort Lücken läßt, welche nur der Verstand durch Schlüsse ausfüllcn kann, sondern daß auch die Verbindung des Ganzen 117 immer nur auf einem Zusammenhang mich Begriffen, nicht ans sinnlicher Einheit beruht. Diesen beiden Mängeln hilft die dichterische Einbildungskraft uns cinmnl ab, indem sic den Gegenstand, ihn zugleich der Wirklichkeit und dem Begriff entziehend, zu einem identischen Ganzen macht. Da nun nichts mehr übrig bleiben kann, was nicht durchaus sinnlich wäre, und nichts mehr, was nicht als Theil des Ganzen mit allem klebrigen in Verbindung stände: so findet jene beschauende Gcmüthsstimmung nirgends so sehr, als in ihr, ihre vollkommene und genügende Befriedigung. Die höchste Objectivität fordert die lebendigste Sinnlichkeit, und jene Allgemeinheit der Ucbcrsicht ist unmöglich, wenn man sich nicht zu einer- gewissen Höhe über seinen Gegenstand erhebt, und ihn von da ans gleichsam beherrscht. Daher sind die beiden Hanptbcstandthcile in dem Begriffe der Epopöe: Handlung und Erzählung. Nur wo Handlung ist, ist auch Leben und Bewegung, und durch Erzählung, dadurch daß der, ans welchen eingewirkt werden soll, nur Zuhörer, nicht Zuschauer ist, wird der Gegcnstand unmittelbar vor den Sinn und den Verstand gebracht, und kann die Empsiudnng nur erst, wenn er durch dies Gebiet hindurchgcgan- gcn ist, berühren. Der Begriff der Handlung ist dem epischen Gedicht so wesentlich, daß wir noch einen Augenblick bei demselben verweilen müssen. Er ist ans der einen Seite dein eines bloßen Zustandes, auf der anderen dem einer Begebenheit entgegengesetzt. Die bloße Beschreibung eines Gegenstandes hat immer etwas Kaltes und Einförmiges; da bei ihr der Stoff ohne alle Bewegung ist, so kann sic diese nur durch die Behandlung erhalten. Aber die bloße Bewegung allein ist noch bei weitem nicht hinreichend. Wo das höchste Leben und die höchste Sinnlichkeit gefordert wird, da muß man eine bestimmte Kraft in Dichtigkeit erblicken; da muß ein Streben nach einem bestimmten Ziele vorhanden sein, das uns für den gelingenden oder fehlschlagenden Erfolg im BorauS besorgt macht. Dies ist eS, was dem Begriff der Begebenheit mangelt. Schon der unpersönliche Ausdruck des Begcbcns kündigt unmittelbar einen Vorfall an, der nicht durch Eine, wenigstens nicht durch eine bekannte Ursache, sondern mehr durch Zufall, durch das Zusammenkommen vieler, einzeln nicht bemerkbarer Umstände bewirkt worden ist. Nicht allein nun daß die Erzählung eines solchen Ereignisses nicht das Leben, die sinnliche Bewegung der Erzählung einer wirklichen Handlung besitzen kann; so ist sic 118 auch nicht, wie diese, einer gleich dichterischen Einkleidung fähig. Um die Einheit hcrvorznbringcn, welche der Kunst allemal eigen ist, muß in dem Stoffe selbst schon eine gewisse Anlage befindlich sein, für sich ein abgesondertes Ganzes zu bilden; wenigstens muß derselbe eine bestimmte Kraft in sich enthalten, deren Richtungen der Dichter verfolgen kann. Daher kommt cs, daß der Noma», der immer Begebenheiten dar- stcllt, ob er gleich in Absicht seines UmfangeS und der Verknüpfung sei ncr Theilc znm Ganzen eine unverkennbare Aehnlichkcit mit dem epischen Gedichte an sich trägt, dennoch so wesentlich von demselben verschieden ist, daß, da dies ans der höchsten Stufe aller darstellenden Poesie steht, es von ihm noch nnansgcmacht ist, ob er nur überhaupt ein wahres Gedicht und ein reines Kunstwerk genannt werden kann. Wenigstens wird man nicht mit Unrecht anstchcn, ihm diesen sträng einznränmcn, wenn man bedenkt, daß er mit der wesentlichen Bedingung jedes Gedichtes, mit einer rhythmischen Einkleidung, schlechterdings unverträglich ist, und ein Roman in Bersen ein abgeschmacktes Product sein würde. Weiter ist cs daher nicht möglich, den Begriff der Epopöe zu vcr- fehlen, als wenn man die Nothwcndigkcit der Handlung in ihr ablängncl, und ihr statt derselben Begebenheiten unterschieben will. Was nun aber diese Handlung und die Erzählung derselben so in dividnalisirt, daß sie die Epopöe vor allen übrigen Gattungen erzählender Gedichte in ihrer Eigenthümlichkcit bezeichnen, ist die Natur jener beschauenden Stimmung des Gemnthcs und der dichterischen Einbildungskraft, und die Wechselwirkung, in welche beide hier mit einander treten. Diese drei Stücke haben wir daher noch besonders zu untersuchen. UVlll. Eigenschaften des Zustandes allgemeiner Beschauung. Wenn der Künstler die innere Harmonie des GcmüthcS nicht durch Mißklttnge stören will, so darf er seinen Gegenstand ans keine andere, als ans eine, der Stimmung, auf die er überhaupt hinarbcitct, analoge Weise behandeln. Diese nun ist bei dem epischen Gedichte der Zustand klarer, ruhiger, aber sinnlicher Betrachtung. Je sinnlicher dieselbe ist (und 119 davon hängt doch ihr künstlerischer Werth cid), desto mehr mnß sie sieden, Bewegung und Handlung suchen; adcr indem sic ansicr sich Thätigkeit zu sehen verlangt, kann sie keine andere fordern, als die, welche in ihr, zugleich »eben ihr selbst, ohne sic zu zerstören, bestehen konnte. Es mnß daher eine solche sein, die entweder über die ihr im Wege liegenden Hindernisse den Sieg erhalt, oder sich wenigstens, wenn sic auch unterliegt, nicht in allem ihrem Beginnen gehemmt, sondern nur eine andere Richtung zu nehmen gcnöthigt fühlt. Der Kampf, in welchem der epische Dichter den Menschen mit dem Schicksal zeigt, und ohne den es nie eine große sinnliche Bewegung giebt, muß sich in Sieg, oder in Frieden und Bcrsöhnnng,, nicht in Niederlage und Verzweiflung endigen. Denn sonst wird die Ruhe anfgehobcn, welche die erste Bedingung jenes rein beschauenden Zustandes ist; das eigene Gemüth nimmt einen überwiegenden Antheil, wir steigen von der Höhe herab, die nnS über unserem Gegenstände erhalten sollte, und mischen nnS selbst als Thcilnehmer unter die handelnden Personen. Allein wenn der epische Dichter sich hüten muß, jene Ruhe zu zerstören, so muß er sich noch mehr in Acht nehmen, sie gar nicht in Gefahr zu bringen. Denn gerade dieselbe energisch zu »rachen, ans der Verbindung derselben mit lebendiger Thätigkeit männlichen Math hcrvorgehcn zu lassen, ist er rwrzngSwcise vor allen anderen bestimmt. WaS wir vorhin sagten, braucht er daher nur im Ganzen zu erreichen; im Einzelnen kann er seine sieser erschüttern, wie stark und nah er will an den Abgrund der Furcht und des Entsetzens führen; vielmehr, je besser er dies zu thun versteht, desto stärker ist seine letzte endliche Wirkung. Seine Knust, daS Gemüth zn beruhigen, mnß eigentlich die sein, cS mannich- faltig genug zu erschüttern, cS von einer Bewegung zur anderen zn führen, eine Empfindung durch die andere zn modificiren, und so jede einzelne zu hindern, sich des Gcmüthes ausschließlich zu bemächtigen. AnS der Totalität seiner Darstellung mnß die Ruhe, die er bewirkt, hcrvorgehcn, und diese Totalität ist also daS zweite Erfordcrniß seiner Gattung. Wir haben schon im Anfänge dieser Blätter gesehen, daß jeder Dichter überhaupt nothwendig immer, sobald er nur rein und allein ans die Einbildungskraft cinwirkt, eine gewisse Totalität erreicht, indem er nnS nämlich seine Gegenstände in eine Welt hinüberträgt, in welcher sic das Einseitige und Ausschließliche verlieren, das sic in der Wirklichkeit entstellt. Allein der epische Dichter braucht diese Eigenschaft noch in einem anderen und engeren Sinne. Er muß unfern Blick wirklich so viel umfassend und allgemein, als nur immer möglich, machen, ihn immer auf die ganze Lage der Menschheit in der Natur richten. Indeß kommt cs auch bei ihm nicht darauf an, wie groß gerade der Kreis von Gegenständen sei, den er durchläuft, sobald er nur die Stimmung hcrvorbringt, die wir eben beschrieben haben: die Stimmung, in der wir für alle Objecte offen sind, für alle Sinn haben, und durch ein überwiegendes und allgemeines Interesse zur bloßen Betrachtung hingczogcn werden. Denn in dieser Stimmung herrschen von selbst die Kräfte, wetchc unmittelbar für sich Totalität mit sich führen. n Eigenschaften dcr dichtcrischcn Einbildungskraft in Beziehung ans jenen Zustand. Die dichterische Einbildungskraft hat dem Stoffe des epischen Dichters, um ihn in seiner ganzen Stärke wirken zu lassen, zwei Eigenschaften mitzutheilen: Sinnlichkeit und Einheit. Beide werden in denjenigen Mo- dificationcn, die sic zu epischer Sinnlichkeit und epischer Einheit machen, durch den allgemeinen Geist dieser Dichtnngsart bestimmt. Dieser besteht darin, dem Zuhörer die Welt in ihrem ganzen Zusammenhänge vor die Augen zu legen, in ihm allein seine beschauenden Kräfte herrschend zu erhalten, dieselben aber zu der höchsten Stärke und zu vollkommener Harmonie anznspannen, und dies alles endlich allein durch die Einbildungskraft ansznführen. Er hat daher nur Gestalt und Bewegung zu suchen, darf sich nicht einmal begnügen, nur die eine oder die andere, sondern muß immer beide mit einander vereint, lauter bewegte Gestalten anfstcllcn, muß immer allein für das Auge und den Sinn arbeiten, oder, wenn er andere Sinne und andere Empfindungen ins Spiel zieht, doch ihre Wirkung immer jenem Hanptcindrnck nnterordnen. Aber das Auge will nicht bloß durch bestimmte Formen, durch sorgfältig gezeichnete Umrisse gehörig geleitet, cs will auch belebt werden. Er muß daher die Trockenheit einer bloßen Zeichnung vermeiden, Licht und Schatten, Farben, mit Einen, Worte Colorit suchen, aber dies Colorit wieder nur dcr Eigenthümlichkcit seiner Gattung gemäß gebrauchen. Der 121 Sinn, wenn er episch gestimmt ist, lebt in der freien, heiteren Natur; der epische Dichter kann also nie genug dickst, genug Sonne, nie eine hinlüng- tichc Fülle von Gestellten, nie genug lebendige Bewegung derselben, nie genug reiche und mannichfaltigc Farbengebung erlangen. Aber mitten in diesem üppigsten Rcichthume muß nicht nur überhaupt die Form, sondern in ihm selbst auch durchgängige Harmonie herrschen; ein Ton muß den anderen mildern; keiner muß sich schreiend hervordrängen; die Sinne müssen ergötzt, aber nicht in verwirrendem Taumel mit fortgcrissen werden. Der epische Dichter hat daher alles Bunte und Schreiende, alles Grelle und Contrastircndc zu vermeiden. Allein dies, wovon wir bis jetzt redeten, sind nur erst die einzelnen Züge zu seinem Gemälde; die große Kunst besteht darin, dies Gemälde selbst znsammenznsctzcn. Hierbei indcß brauchen wir nicht weiter zu verweilen. Diese Kunst ist eben das, womit wir uns in dem ersten Theile dieses Aufsatzes so ausführlich beschäftigt haben, die reine Objcctivität, die den Gegenstand in seiner ganzen lebendigen Gestalt vor uns hinstcllt. Wir haben gesehen, daß dieselbe vorzüglich durch die ununterbrochene Stetigkeit der Umrisse bewirkt wird, und das Gesetz dieser Stetigkeit ist daher dem epischen Dichter mehr als irgend einem anderen vorgeschriebcn. Der bloß und ruhig beschauende Sinn ist nie, da er nie von einer einzelnen Absicht, noch einer einzelnen Empfindung ausgeht, ans Einen Gegenstand ansschlicßend geheftet; er schweift immer ans andere, immer ans alles über, was er zugleich vor sich erblickt, sucht immer eine Menge von Objecten, oder, wenn er in seiner besten Stimmung ist, immer ein Ganzes derselben. Das Werk des epischen Dichters muß daher, indem cs bestimmt ist, ans die ganze Natur eine freie Aussicht zu öffnen, eine Menge von Objecten, eine Mannichfaltigkeit einzelner Gruppen umfassen, und in diesen muß nun jede Gestalt in ihren' einzelnen Theilen, jede Gruppe in ihren einzelnen Gestalten, endlich das Ganze in seinen einzelnen Gruppen durch nirgends unterbrochene Umrisse eine einzige Form bilden. Aber diese Stetigkeit wird auch noch außerdem durch die erforderliche Bewegung nothwcndig. Denn jede Unterbrechung derselben würde eben so gut ein Stillstand in dieser, als eine Lücke in der Gestalt sein. Jedes epische Gedicht muß daher am Ende eine vollkommene Einheit aufstellen; und da dies keine Einheit nach Begriffen (wie in der Naturbeschreibung und Geschichte) sein darf, so muß eö eine Einheit der Gestalt und der Handlung sein. Es darf daher nicht mehr als Eine 1 22 Handlung, und muß dicsc als ein sinnliches, durch sich allein vollständiges, von allem außer sich unabhängiges Ganzes schildern. Wie sich die epische Einheit noch besonders von der Einheit anderer Dichtnngsarten unterscheidet, dies tonnen wir begncmcr in der Folge entwickeln, als hier, wo wir es noch nicht sowohl mit den (besetzen, als nur mit dem Begriff des epischen Gedichtes zu thnn haben. I-X. In dcr Vc>lnnd»»a dcS .gusmndcs allgemeiner Bcschannng nnd der dichterischen Einl'ildnngslraft treten der Korni nach gleichartige Eigenschaften mit einander in Wechselwirkung. - Einfluß, wclchcji dies auf die epische Stimmung ansndt. Wenn, wie wir im Porigen gezeigt haben, jede eigene Dichtnngsari dadurch entsteht, daß sich in dem menschlichen Gemüthe eine eigene Stimmung vorfindet, deren sich nur die dichterische Einbildungskraft zu ihrem Gebrauche bedient (obgleich in dem Augenblicke, wo dies geschieht, immer sie cs ist, welche dieselbe hcrvorrnft), so kann das volle Wesen derselben nicht anders, als durch die Bcrbindnng dieser beiden Elemente sichtbar werden. Wir haben jetzt in Rücksicht ans die Epopöe beide: die beschauende Stimmung des Gemnthcs nnd die ans sie bezogene Einbildungskraft, ein zeln untersucht. Die crstere zeichnete sich durch Objcetivitüt, durch Totalität nnd durch Einheit, die aber freilich eine Einheit nach Begriffen war, aus; die letztere trug im Ganzen denselben Charakter an sich, auch Objcetivität, auch Totalität, auch Einheit, nur aber eine sinnliche, und nur alle diese Eigenschaften, da sic es nicht mit der, immer an sich beschränkten und uns nie ganz verständlichen Wirtlichkeit zu thnn hat, in größerer Bollkoinmenhcit nnd Reinheit. Da also die Einbildungskraft hier eine Stimmung des Gemnthes bearbeitet, die ihrer eigenen Natur schon von selbst nahe kommt, so ist cs natürlich, daß alle jene Eigenschaften in doppelter Stärke auftrctcn müssen; aber das Wichtigste ist dabei das, was gerade ans dem Umstande selbst entspringt, daß sie sich an einem, ihr selbst der Form »ach ähnlichen Stoffe versucht. Da von dieser Seite ganz und gar kein Mißklang ent- 123 stehen kann, sa hat sic, indem sic ihre Form geltend macht, keine Schwierigkeit zn bekämpfe», keinen Streit zu schlichten, keinen Widersprach auf- znlöscn. Es »ins; also von allen Seiten Ruhe hervorgeheiu 1. ans der Parteilosigkeit, welche jeder bloß betrachtenden Stiin- mnng eigen ist; 2. ans der Idealität nnd der Einheit der Knust; 3. endlich ans der Anwendnng der Knnst ans jene Stinnnnng, als einen ihr ähnlichen Stoff. Aber in Rücksicht der Materie ist diese Achnlichkeit nicht in gleichem Grade vorhanden, da die beschauende Stimmung vermöge des darin zugleich herrschenden intelleetncllcn Vermögens nicht durchaus sinnlich, nnd durch ihre bloß objcetive Parteilosigkeit nnd Allgemeinheit gewissermaßen kalt nnd trocken ist. Die Einbildungskraft muß demselben also von ihrer Sinnlichkeit und ihrem Feuer leihen, nnd sich daher zn einer Kraft stimmen, welche nicht der rüstigen nnd furchtbaren gleicht, mit der Hindernisse bekämpft, sondern der wohlthätigen nnd üppigen, mit der nettes Dasein hcrvorgebracht, oder schon vorhandenes gestärkt und genährt wird. Die volle nnd ruhige Kraft ist es, welche das Leben erhält nnd erhöht. Denn sic kann nicht cmS Armuth erschöpft, und nicht durch Widerstand anfgerieben werden. Keinem anderen Dichter kann inan daher mit Recht so viel Leben zuschreibcn, als dem epischen; nnd wo fände man auch wohl ein höheres, regeres, sinnlicheres, als in der Ilias und Odyssee'? I.XI. Weitere e-chltdcrang einer rein epische» Stünninng. So wie der epische Dichter von dem höchsten Leben beseelt ist, so malt er auch eigentlich die ganze Dauer desselben, da hingegen der lyrische (um unter diesem Namen alles znsaniincnznfassen, was jenem entge- gcnstcht) nur einzelne Zustände schildert. Denn er allein bringt eine Stimmung hervor, welche durch das ganze Leben fortdancrn kann. Wie wir cs in unserer eigenen Erfahrung wirklich, aber nur dann antreffcn, wenn wir eine längere Zeit in unsere Erinnerung znrückrnfcn, so gicbt cs unserer Empfindung immer neue Modificationcn, läßt dieselben 124 durch die leisesten Uebergängc auf einander folgen, und versteht die Kunst, uns die ganze Tonleiter des Gefühles von Saite zu Saite dnrchzufiihren, abstcchcndc Töne durch Zwischcntönc zu mildern, erschütternde allmälig vor- znbcrciten und ruhig verhallen zu lassen. Sowohl objectiv in seinem Gegenstände, als snbjectiv in unserer Einbildungskraft und Empfindung bringt er eine stetige und ununterbrochen zusammenhängende Folge hervor. Wenn der lyrische und tragische Dichter (welche in sofern in Eine Klasse gehören) uns oft stoßweise führen, und nnS zuletzt plötzlich ans einer steilen Höhe verlassen; so durchläuft er den ganzen Kreislauf, sowohl den objectivcn des Lebens, als den snbjectiven der Empfindung, mit uns. Denn er will nicht durch einen plötzlichen und entscheidenden Streich Rührung und Erschütterung, sondern durch Ebenmaß und Totalität des Ganzen Erhebung und Ruhe bewirken. Was also das Leben als eine Folge, und eine Folge niannichfaltigcr Ereignisse, als ein Ganzes charakterisirt, dies findet man in ihm vollständig, aber in einer einzigen Handlung dar- gcstellt, wieder. Eine entschiedene Richtung zur epischen Dichtkunst kann daher niemand, als demjenigen eigen sein, der lieber in der äußeren Wirklichkeit, als abgesondert und zurückgezogen in sich lebt, der sich mehr mit dem wirklichen sinnlichen Dasein der Dinge, als mit dem abgezogenen Gedanken und der von aller unmittelbaren sinnlichen Gültigkeit entblößten Empfindung beschäftigt: und wiederum, wer hierzu einen entschiedenen Hang hat, und damit dichterisches Genie verbindet, dessen Richtung kann nicht anders, als gleichfalls entschieden episch genannt werden. Dadurch begreift man noch besser, wie sich in dein epischen Gedichte ans einmal alles vereinigt, woraus die klarste Objectivität, die lebendigste Sinnlichkeit, der thätigstc Mnth, die größestc Fülle der Kraft, die allgemeinste Harmonie hcrvor- gcht, und wie sich diese Gattung nothwcndig ans den Umfang der Welt und die Dauer des ganzen Lebens ansdehnt. Denn die ans Einen bestimmten Punkt gerichtete Empfindung (um die Ratnr der epischen Stiim mnng an derjenigen, die ihr geradezu entgegengesetzt ist, zu zeigen) ist immer ein Zustand der Spannung und Anstrengung, der nicht anders als nur Momente lang währen kann. Wenn inan das epische Gedicht seines dichterischen Gewandes entkleidet, so bleibt dasjenige übrig, was die Geschichte in ihrer geistvollsten Behandlung, und die Naturbeschreibung in ihrer größten Allgemeinheit gewährt — ein vollkommener Uebcrblick über die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Der wesentliche Unterschied liegt nur in dem, was ein reines Werk der Einbildungskraft ist, darin nämlich, daß der Dichter, um zn einem so allgemeinen Ucberblick zu führen, nicht, wie jene, wirklich der ganzen Vollständigkeit der Objecte bedarf, sondern einen subjektiven Weg kennt, auch vermittelst eines einzigen Objects gerade dasselbe und in der That noch mehr zn leisten, da er das Gemnth in eine gleichsam unendliche Stimmung versetzt, in der sie über jede, möglicherweise gegebene Anzahl von Objecten hinansgeht. Unter allen Dichtern steht daher der epische ans dem höchsten Standpunkte und genießt der weitesten Aussicht, und unter allen DichtungSartcn ist die epische am meisten fähig, den Menschen mit dem Leben zn versöhnen und ihn für das Leben tauglich zu machen. Zugleich aber kommt keine andere Dichtnngsart dem einfachsten und reinsten Begriff der Kunst, der bildlichen Darstellung der Natur, so nahe, und verbindet damit so vollkommen auch den cigenthümlichcn Vorzug der Dichtkunst, die Schilderung der Folge der Erscheinungen und der inneren Natur der Gegenstände. Mehr als irgend eine andere giebt sie zugleich der Mnsik Gestalt, und den bildenden Künsten Bewegung und Sprache. Aber diese Bewegung ist immer nur in dem Gegenstände, sic reißt nicht auch zugleich den Dichter und den Leser mit sich fort. Daher ist die Stimmung in beiden immer mehr verweilend, mehr bildend; da hingegen der lyrische Dichter noch in einem buchstäblicheren Sinne als in welchem Pindar diese Worte braucht, von sich ansrnfen kann: Kein Bildner bin ich! Nicht ruhet zögernd mein Werk ans weilendem Fnßgestcll; nein! mit vollen Segeln, auf eilendem Nachen wallet mein Lied dahin! Denn in der That folgt er selbst dem Wirbel der Empfindung, den er schildert, und eilt, statt bei einzelnen zn verweilen, immer von Bild zn Bild, von Empfindung zu Empfindung fort. Der epische Dichter hält alles das, woran er schon vornbcrgcgangen ist, und das, wozu er eben erst gelangt, zugleich fest, und vereinigt cs in ein Ganzes; der lyrische bewahrt das, was er hinter sich zurückläßt, nur noch in der Wirkung ans, die es auf das zunächst Folgende ausübt. 126 I.XIl. Definition der (spopöe. Wir glcmbm jetzt die Stimmung, ans welcher die Epopöe entsteht, und die sie hervorbringt, hinlänglich geschildert zn hoben; cd bleibt uns jetzt nnr noch übrig, daraus eine objcctive Definition derselben znsammcn- znsctzcn. Aber dorin gerode liegt eine nicht geringe Schwierigkeit. Zwar ist eS offenbar s daß die Epopöe die dichterische Darstellung einer Handlung durch Erzählung ist, auch könnte man noch leicht die Bestimmung hinzu- fügen, daß die Handlung als ein sinnliches, für sich selbst bestehendes, voll allem außer sich unabhängiges Ganzes geschildert sein muß, wenn dies nicht von selbst schon in de» Worten: dichterische Darstellung, enthalten wäre. Aber immer fehlt noch gerade dasjenige darin, was die epische Stimmung eigcnthümlich charaktcrisirt, das rein Darstellende, die Totalität, die Freiheit Non dem Uebergcwicht einer einzelnen, alleinhcrrschendcn Empfindung. Alle diese Eigenschaften sind anfS höchste nnr dunkel in den, einzigen Ausdrücke: Erzählung, enthalten; und selbst wenn man sich damit begnügen wollte, so ist daS epische Gedicht dadurch wohl Non der Idylle und der Tragödie, noch gar nicht aber von allen übrigen poetischen Erzählungen abgesondert. Jenen eigentlich epischen Charakter durch objcctive nähere Bestimmungen der epischen Handlung und der epischen Erzählung anszndrücken, scheint unmöglich. Denn die letztere hat in dieser Hinsicht nicht, was sich einzeln als eine objcctive Eigenschaft angebcn ließe; und bei der crstercn kommt eS nicht sowohl ans die Art (da wir bald sehen werden, daß man jede, sogar eine entschieden tragische, benutzen kann), als allein ans die Behandlung an. ES bleibt also nichts übrig, als die eigcnthümlichc snbjec- tivc Wirkung ebenso in die Definition des epischen Gedichtes mit anfzn- nchmcn, als man dieselbe in der Definition der Tragödie in der Erregung der Furcht und dcS Mitleids schon lange zn sehen gewohnt ist. Hiernach könnte man daher daS epische Gedicht als eine solche dichterische Darstellung einer Handlung durch Erzählung definircn, welche (nicht bestimmt, einseitig eine gewisse Empfindung zn erregen) unser Ge- müth in den Znstand der lebendigsten und ackgemeinsten sinnlichen Betrachtung versetzt. Tciin mm braucht man mir diesen Zustand genau zu entwickeln, um sogleich zn allen jenen wesentlichen Eigenschaften der Epopöe: der reinen Objectivität, der lebendigen Sinnlichkeit, der vollkommenen Totalität, und der Abwesenheit aller solcher Parteilichkeit, welche die Freiheit der Ansicht verhinderte, von selbst zn gelangen. Die Hauptmerkmale in dieser Definition sind, wie man leicht gewahr wird, der Begriff der Handlung und der Erzählung. Borziiglich ist der letztere wichtig, von welchem auch die ganze Gattung ihren Namen erhalten hat. Streng genommen hätte man and diesem zugleich ihr ganzes Wesen ableiten können. Denn was nur erzählt wird, das wird schon dadurch von selbst in eine gewisse Ferne gestellt; das kann daher nicht so unmittelbar ans die Empfindung cinwirken; daS wird mehr in das Gebiet des Bcr- standcs und der bloßen Betrachtung gezogen; das sicht man daher mit größerer Unparteilichkeit, mit mehr Ruhe an; dabei kann man endlich, da es ein abgesondertes Ganzes für sich ansmacht, mehr Berbindnng, mehr Totalität misslichen. Allein cs hätte willkürlich scheinen können, so viel ans einem einzigen Begriffe abznleiten, und ans alle Fälle war es methodischer, ans die allgemeine Snclle aller ästhetischen Wirkungen, ans die Natur des Gemnthes und der Einbildungskraft, znrückzngehen. I.XUI. Unterschied zwischen der Epopöe and der Tragödie. Unter den übrigen Dichtimgsarten gicbt cs vorzüglich drei, welche leicht mit der Epopöe verwechselt werden können: die Tragödie, die mit derselben im Begriff der Handlung, die Idylle, die damit im Begriff der Erzählung, und die ganze übrige Klasse erzählender, aber nicht epischer Gedichte, die in beiden mit ihr znsainnienkommcn. Die Tragödie hat man, wenigstens eine lange Zeit hindurch, für so nahe mit ihr verwandt gehalten, daß man sie znm Thcil sogar eine nur unmittelbar in Handlung gesetzte Epopöe genannt hat; und so lange man gewohnt war, alle ästhetischen Grnndsätzc allein ans den Mustern der Alten zn entwickeln, konnte es dieser Meinung nicht an Anhängern fehlen. Denn bei den Grieche» entstand die Tragödie nicht allein in der Thal ans dem 128 Epos, sondern sic blieb mich in ihrer höchsten Vollkommenheit noch immer in hohem Grndc episch, so wie die dichterische Stimmung der Alten sich überhaupt auf eine sehr überwiegende Weise zu dieser Seite hinneigt. Untersucht man aber das Wesen der Tragödie zugleich tiefer und allgemeiner, und sicht man vorzüglich ans die Forderungen, welche dieselbe an die Natur und die Stimmung des Dichters macht; so überzeugt man sich leicht, daß nirgends sonst zwei sich übrigens ähnliche Dichtnngsartcn so weit anseinandcrgchcn, und sich so geradezu entgegengesetzt sind, das; das Wesen der einen nie sichtbarer, als durch eine Vergleichung mit der anderen ins Auge fällt. Diese Hoffnung, ein noch helleres Licht über die Natur der Epopöe zu verbreiten, ist cS, die uns cinladct, hier noch bei der Tragödie einen Augenblick zu verweilen. lieber den Begriff der Tragödie ist man ungleich früher, als über den der Epopöe, einig gewesen. Daß die tragische Handlung ans eine einzige Katastrophe hingeht, daß diese Katastrophe den Menschen im Kampfe mit dem Schicksale zeigt, und in dem Zuschauer Furcht und Mitleid zu erregen bestimmt ist, sind fast allgemein angenommene Merkmale desselben. Offenbar war indcß der Begriff der Tragödie auch leichter zu entdecken als der des epischen Gedichtes, da jener sich nur auf die Stimmung des Gcmüthcs zu einer einzelnen Empfindung, dieser auf einen ganzen allgemeinen Zustand desselben gründet. Denn darin liegt gerade der große und mächtige Unterschied, daß die Tragödie ans Einen Punkt versammelt, was der epische Dichter ans eine unendliche Fläche ansdchnt. Beide kommen im Begriff der Handlung, und folglich der Objcctivität, beide in den allgemeinen Forderungen der Kunst mit einander überein; um also in ihren Resultaten so weit auS- ciuanderzugehcn, müssen sie in der ursprünglichen Gemüthsstimmnng verschieden sein, welche die Einbildungskraft nur dichterisch bearbeitet, und gerade da ist cs auch in der That, wo ihre contrastircnde Individualität allein anzutrcffen ist. Dem epischen Gedichte haben wir den Zustand der sinnlichen Betrachtung, also einen objcctiven, ruhigen und mehr intellcctncllen, zngeeig- nct. Jndeß ist es natürlich, daß darum in diesem Zustande die Empfindung nicht schweigt; daß sic vielmehr in ihrer größcsten Energie zugleich mit rege wird. Und wie sollte sic es nicht? da so große und uns so nahe liegende Gegenstände, als daS Schicksal und die Menschheit, alsdann vor uns dastehen, und zugleich unser Blick so erhellt und gestärkt ist, daß er sic in 126 ihrer reinsten und eigenthümlichsten Gestalt durchschaut. Wir haben dies im Vorigen nicht besonders hcransgchoben, weil cs sich in der That von selbst versteht; diesen Antheil der Empfindung an der Wirkung des epischen Gedichtes nicht besonders mit in Anschlag gebracht, weil er in einer- schön ursprünglich sinnlichen, und noch dazu allein durch die Hand dcr Kunst zuberciteten Stimmung unmöglich fehlen kann. Aber jetzt, da der Tragödie die Empfindung gewissermaßen als ein ihr ausschließlich ange- hörendcs Gebiet angewiesen werden soll, ist cs nothwcndig, dies genaner anseinanderzusetzcn. Allerdings wird also durch den epischen Dichter die Empfindung erregt, er hörte ans Dichter zu sein, wenn er nicht sogar seine Hanptwirknng darauf hinrichtcn wollte; allein was durch ihn in Bewegung kommt, ist der ganze empfindende Mensch, nicht eine einzelne Empfindung; es ist ferner keine, die wir auf unseren gegenwärtigen augenblicklichen Zustand, vielmehr eine, die wir, da sie durch einen, in eine gewisse Ferne gestellten Gegenstand erregt wird, allgemeiner ans unsere ganze Lage, unser ganzes Dasein beziehen; es ist endlich noch weniger eine, die unmittelbar durch die Gegenwart des Objectes geweckt wird, es ist immer eine dritte Person, der Erzähler, noch zwischen diesem und nnS, und so geht auch alles in uns erst durch unser intellectuelles Vermögen hindurch, ehe es unser Gefühl zu berühren im Stande ist. Dieser Unterschied ist überaus fühlbar, wenn wir die Erwartung vergleichen, welche die Lösung des furchtbaren Rüthsels, woran Ocdipus Schicksal hängt, und welche der Kampf Hektars und Achills in nnS erregt. Wie ungleich ängstlicher und qualvoller ist jene, wie vielmehr bloß rührend und wehmüthig diese! In beiden Fällen ist unsere Furcht, unser Mitlcid gleich stark. Aber der Ton dieser Empfindungen ist anders, da in jenem der Ansgang noch nicht entschieden ist, noch er selbst, in diesem nur seine Erzählung erwartet wird, er selbst aber längst da gewesen ist. Hat der Dichter in diesen beiden Fällen diese Verschiedenheit wohl zu benutzen verstanden, so befinden wir uns in den ersteren in der vollkommensten Ungewißheit, selbst dann, wenn der Erfolg uns schon vorher bekannt war, und empfinden in dem letzteren, auch noch völlig unbekannt mit der Begebenheit, nur die sanfte Schwermuth, in die uns eine traurige Vergangenheit versenkt, wenn die Erinnerung sie wieder zurückruft. Diese verschiedene Einwirkung erklärt sich natürlich aus der verschiedenen Form beider Dichtnngsarten, daß die eine uns zum Zuschauer ihres Gegenstandes macht, die andere ihn uns nur, wie aus einer beträchtlichen W. v. Humboldt, über Goethes Hcrmami und Dorothea. 9 130 Ferne, durch Ueberlieferung zuführt. Aber daß gerade diese Formen ihnen beiden nothwcndig und wesentlich sind, dies ist cs, was ihren Charakter bestimmt. Denn in der That lassen sich alle Eigenschaften der Tragödie am leichtesten ans dem Begriff der lebendigen Gegenwart, in die sie ihren Stoff versetzt, ablcitcn, so wie sich ans dem der Erzählung alle diejenigen entwickeln lassen, welche das epische Gedicht von ihr unterscheiden. Da aber nicht gleich gut auch seiue übrigen Eigcnthümlichkeitcn daraus herfließen, so war es besser, eine andere Methode des Raisouncments als diese zu erwählen. I-XIV. Die Tragödie erregt eine bestimmte Empfindung, und ist daher lyrisch. Der Zustand einer bestimmten Empfindung ist also derjenige, ans welchen der tragische Dichter hinarbcitet, und die Tragödie ist in sofern nur eine besondere, aber zugleich die höchste Gattrmg der lyrischen Poesie*): *) Es wird befremdend scheinen, die Tragödie hier so dicht an die lyrische Poesie angcschlosse» zu sehen. Allein man erinnere sich, daß ich von ihr hier nur im Gegensatz gegen die epische rede, und daß der Weg meiner Untersuchung mich gerade auf den Punkt führt, in welchem der Unterschied zwischen beiden am schärfsten ins Auge fällt. Ich habe nämlich die DichtunzSartcn nicht sowohl nach ihrer äußeren Form als nach der Stimmung unterschieden, die sic in dem Dichter vor- aussetzen und in dem Leser hervorbringcn. Nun ist der einfachste Unterschied zwischen der Epopöe und Tragödie unstreitig: die vergangene und die gegenwärtige Zeit. Jene erlaubt Klarheit, Freiheit, Gleichgültigkeit; diese bringt Erwartung, Ungeduld, pathologisches Interesse hervor. Daher drängt die letztere das Gemüth in sich selbst zurück, da die Epopöe den Menschen vielmehr in die Klarheit der Gestalten hcrausführt. Dadurch nun eignet sich die Tragödie offenbar der lyrischen Gattung an. UcbrigcnS aber ist sie, als die Darstellung einer Handlung, eben so sehr als das Epos und vollkommen plastisch. Die Hanptgcsetzc derselben werden sogar nur aus ihrer plastischen Natur hcrgeleitet werden können; aber da sic alle durch den lyrischen Zweck, die Erregung der Empfindung, modificirt sein müssen, so werden die Gesetze der epischen Poesie gar keine Anwendung auf sie finden; da sic hingegen mit den Gesetzen der lyrischen Dichtung in durchgängiger Uebercin- stimmung stehen müssen. So lange man daher bloß epische und lyrische Poesie unterscheidet, muß die Tragödie wirklich mehr der letzteren als der elfteren bcigc- zählt werden. Unstreitig aber wäre es besser, alle Poesie in plastische und lyrische, und die ersterc wieder in epische und dramatische (unter der ich hier bloß die tragische verstehe, da die Komödie eine ganz eigene Erörterung fordert) abzutheilen. 181 eine besondere, weil sie eine gewisse einzelne Empfindung zn erregen strebt; die höchste, weil sie diese Wirkung durch einen äußeren Gegenstand, durch die Darstellung einer Handlung, erreicht. Da die Empfindung überhaupt in jeder dichterischen Stimmung so stark und so allgemein als möglich wirksam sein muß; so hält man den Unterschied der beiden GemüthSznstünde, welche den epischen und tragischen Dichter bilden, am besten daran fest, daß in jenem mehr das Object, in diesen: zugleich stärker das Snbjcct herrscht. In jenen: suchen wir Gegenstände, und verknüpfen sie zn einen: Ganze::; obgleich dies Ganze noth- wcndig Eindrücke in uns znrückläßt, so heften wir uns -weniger an ihnen, als an ihrer Ursache fest. In diesen: beziehen wir, was wir sehen, unmittelbar ans unsere Empfindung, eine Neigung, eine Leidenschaft wird rege, und sic bestimmt nun allein den Antheil, den wir an der Begebenheit nehmen, die sich vor unseren Angen abrollt. Daher geht in der Tragödie alles ans einen einzigen entscheidenden Punkt, gleichsam ans eine Spitze, hin: der Gang ist nicht bloß ununterbrochen, sondern rasch, die Entscheidung ist plötzlich und abgebrochen, da hingegen in der Epopöe alles gleichsam in sich zurnckkehrt, immer einen geschlossenen Kreis durchläuft. In der Tragödie herrscht immer Eine Art des Charakters, der Gesinnung, der Handlungsweise; wenn mehrere anftreten, so erscheinen stein: Kampfe, jede will ihr Recht in dem Gemnthc des Zuschauers allein behaupten, und alle lassen es am Ende auf Sieg oder Niederlage ankommen. In der Epopöe erhebt ihr mannichfaltiges Entgegenwirken den Zuhörer Uber sie alle, statt ihn zun: Teilnehmer an einer einzelnen Partei zu machen, und ihn selbst in den Kamps mit herabzuziehen. In der Epopöe werden ferner nach einander alle Arten der Empfindung erregt; das Lächerliche und das Tragische, das Sanfte und das Erhabene, das Furchtbare und das Liebliche, alles steht harmonisch neben einander, und wir umfassen und bewahren alles zugleich, d. h. unser Gemüth befindet sich in einer Lage, in welcher cs keinen: dieser Eindrücke ganz augehört, sondern eigentlich nur für alle Sinn hat, allen offen steht. Die Tragödie hat, wenn sie vollkommen ist, denselben Umfang der Töne, aber jeder füllt unsere Seele in Alsdann würden alle Gesetze der plastischen Dichtung zwar zugleich für die Tragödie gelten; aber mau würde bestimmt fühleu, wie mit dem Begriff der gegenwärtigen Handlung unmittelbar auch der Begriff der Empfindung und nothweu- dige Rücksicht auf die allgemein lyrischen Gesetze gegeben ist. 9 * dem Augenblicke, wo er erschallt, ganz nnd nngetheilt; sic wirken nicht neben, sie wirken nach einander, das Resultat ist kein Ganzes, worin alte diese Elemente zugleich vorhanden sind, cs ist etwas Acnes, bewirkt durch eine Reihe durch sie snccessiv hcrvorgebrachter Modificationen. Die Epopöe beschäftigt zwar zugleich unsere Sinne nnd unsere Empfindung ; aber da sie uns Überhaupt nur zur Beschauung und Betrachtung einladet, so läßt sie uns in verweilender nnd ruhiger Muße. Die Tragödie reißt uns in ihren Gegenstand mit fort, zwingt »ns zur Theil- nahmc an ihrer Handlung selbst. Die erstere nährt nnd bereichert daher unser Vermögen, unser Wesen im Ganzen; die letztere stählt vorzüglich die Fähigkeit, dies Vermögen ans einen einzelnen Punkt zu richten, unsere Kraft zum Entschluß und zur That. Die Epopöe führt uns in die Welt hinaus, in eine freie, heitere nnd sonnige Natur; die Tragödie drängt uns in uns selbst zurück, und mit demselben Schwerte, mit dein sie ihren Knoten zerhaut, trennt sic auch uns ans einen Augenblick von der Wirklichkeit und dem Leben, das sie uns überhaupt weniger zu lieben als mit Math zu entbehren lehrt. I.xv. Worin beide Dichtungsartcn mit einander Übereinkommen? nnd worin sie von einander abweichen? Will man nunmehr den Unterschied beider Dichtnngsarten, nachdem man sich desselben im Allgemeinen nach der Erfahrung nnd den: wirklichen Eindruck versichert hat, ans durchaus bestimmte Begriffe zurückführem so muß man zuerst auf die Entstehung jeder Dichtnugsart, darauf nämlich, daß die dichterische Einbildungskraft einen Zustand bearbeitet, den sie in dein Gcmüthc schon vorfindet, zurückgchen, nnd hernach genau dasjenige absondern, was beide, sowohl in der ihnen zum Grunde liegenden Stimmung, als in ihren letzten Resultaten, mit einander gemein haben. Denn nicht darauf, daß die eine einseitiger oder weniger vermögend wäre, sondern nur darauf, daß bei beiden in dein gleichen Umfang nnd der gleichen Wirkung dieselben Bestandtheile anders gemischt sind, beruht ihr Unterschied. Mit einander gemein nun haben beide: 1. daß, wenn die Stimmung, and der sie hervorgehen, vollkommen sein soll, in derselben der ganze Mensch, sein empfindendes Wesen eben so wohl als sein betrachtendes, thätig sein muß; 2. daß cs dieselbe Einbildungskraft, dieselbe Kunst ist, welche beide bildet, und deren Gepräge sie gleich stark an sich tragen sollen. Perschieden aber sind sie hingegen dadurch: 1. daß, obgleich beide alle unsere Kräfte in Bewegung setzen, diese doch bei jeder in anderem Verhältnis; und auf andere Weise gemischt sind, jeder also ein verschiedener Gcmüthsznstand, der Epopöe der der Beschauung, in dem das Object, der Tragödie ein zu einer bestimmten Empfindung detcrininirtcr, in dem das Subject herrscht, zum Grunde liegt; 2. daß diese beiden, so wie sie an sich verschieden sind, eben so sich auch verschieden zu der Natur der Kunst verhalten, und daher, von ihr bearbeitet, wieder verschiedene Resultate geben. Der Zustand der bloßen Betrachtung führt nothwendig Ruhe, und sin sofern als unser Verstand darin eine bedeutende Rolle spielt) ein Streben nach Totalität mit sich; aber er läßt unser Gefühl sehr unbeschäftigt; unsere Sinne selbst wirken nicht lebendig, unter ihnen vorzüglich nur der kälteste, das Auge, mit. In dem Zustande der Empfindung haben wir unmittelbar Einen Gegenstand im Auge, und befinden uns nothwendig in einer gewissen Spannung und Unruhe; aber der ganze sinnliche Theil unseres Wesens ist in starker und lebendiger Mitwirkung. Wenn nun die Einbildungskraft diese beiden Zustände in dichterische Stimmungen nmwandeln will, so hat sie dem crsteren ihre Sinnlichkeit, dem letzteren ihre Idealität zu leihen. Denn der erstere ist ihr der Form nach ähnlich, der Materie nach aber unähnlich; sie muß ihn daher mit neuer Kraft ansrüsten; aber die Ruhe und Totalität, die sie immer mit sich führt, gehen doppelt stark und fühlbar daraus hervor. Beide aber soll sic auch in dem anderen, der, gerade umgekehrt, in der Materie ihr ähnlich, aber in der Form ihr entgegengesetzt ist, geltend machen. Hier braucht sie also eine andere Art der Kraft, eine solche, welche ans widersprechenden Elementen selbst etwas Neues zu schaffen vermag. Hierbei müssen also auch durchaus andere Resultate entstehen. Um neben der unabänderlichen Einseitigkeit der Empfindung nicht 134 ihre Anforderungen an Totalität anfzngeben, muß sie, statt eine unendliche Fläche vor uns ansznbreitcn, einen einzelnen Punkt so gleichsam schwängern, daß in ihm allein alles enthalten sei; statt den Menschen und die Welt eigentlich darzustcllcn, einen solchen Zustand der Empfindung Hervorbringen, in welchen der volle Eindruck von beiden übcrgegangen ist, und ans dem das innige Gefühl für beide gleich leicht und voll aus- strömcn kann. Um bei der unruhigen Anspannung, die mit der Empfindung immer verbunden ist, noch die ihr cigenthümliche Ruhe zu behaupten, muß sieden verwegenen Schritt wagen, den Menschen und die Welt, die sic nicht mehr zu schlichten und zu versöhnen im Stande ist, durch einen kühnen Streich auf einmal von einander zn trennen, und dem ersteren dadurch seine Ruhe wiedcrzngebcn, daß sie ihn, alle seine Kraft in ihm selbst versammelnd, unabhängig und selbstthätig macht. Da nämlich hier in dem ursprünglichen Zustande deS Gcmüths, und in dem, welchen die Kunst herrschend machen will, nicht, wie bei dem epischen Dichter, von selbst Harmonie vorhanden ist, so können beide nur durch die Lösung des Widerspruchs verbunden werden, in dem sie stehen, und in der Stimmung, die hierdurch bewirkt wird, bleibt immer etwas Gewaltsames und Heftiges übrig. Dies aber wird in dem Grade gemildert werden, in welchem der Dichter mehr seine Natur als jenen ursprünglichen Zustand, die Heftigkeit der Leidenschaft, hcranshcbt; und wie sehr es ihm hierin gelingen kann, lehrt uns das Beispiel der Alten. I.XVI. Warum die Werke der Alten vorzugsweise eine so große Ruhe hcrvorl'riugen? Ein scharfsinniger und geistvoller Kritiker hat bemerkt, daß die Werke der Alten eine hohe und würdige Ruhe hcrvorbringen, da uns.die der Neueren hingegen in einer unruhigen Spannung lassen; und diese Bemerkung ist, wenn sic sich auch nicht so durchgängig bestätigt finden sollte, da inan wohl Sophokles' Oedipus gegen das Ersterc und Gocthc's Iphigenia gegen das Letztere anführen könnte, im Ganzen gewiß äußerst wahr. Die Alten bringen allerdings mehr Harmonie und Ruhe hervor: 185 1. weil sie durchaus mehr episch als lyrisch sind; 2. weil sic die reine Natur der Kunst vollkommener darstellen; 8. weil sie sich diese Arbeit weniger, als die Neueren, durch cineu an Gedanken- und Empfindungsgchalt zn reichen Stoff erschweren. I.XV1I. Unterschied zwischen der Epopöe und der Idylle. — Charakter der letztere» in Rücksicht auf die Stimmung, ans der sic hcrfließt. Noch weniger als die Tragödie ist die Idylle bisher von der Epopöe durch sichere und zugleich wesentliche Merkmale unterschieden worden. Die crstere konnte, da sie eine ihr allein eigcnthümlichc Form hat, wenigstens nie mit derselben verwechselt werden; die Granzen der letzteren hingegen scheinen mit denen des epischen Gedichtes wenigstens in einzelnen Fällen so in einander zu lausen, daß man nicht sowohl fragen darf, wie? als vielmehr ob beide nur überhaupt so wesentlich von einander verschieden sind, daß sie in keinerlei Ausdehnung (die mau ihnen beiden, und zwar innerhalb ihres Begriffes, zu geben im Stande ist) mit einander Zusammentreffen? Um dies gehörig zu untersuchen, wollen wir von dem gewöhnlichen Begriff beider Dichtnngsarten ausgehen, und sehen, wohin uns die genauere Entwickelung desselben führen wird. Unter dem Namen der Idylle pflegt man den ganzen Theil der Poesie zusammenzufasscn, welcher mehr ein häusliches Familienleben, als eine Existenz in größeren Verhältnissen, mehr ruhige als unternehmende Charaktere, mehr sanfte und friedliche Gesinnungen, als heftige Aufwallungen und Leidenschaften schildert, und vorzugsweise bei der Freude an der Natur und in dem engen, aber lieblichen Kreise unschuldiger Sitten und einfacher Tugenden verweilt. Wo also diese Einfalt und Unschuld herrscht, dahin versetzt uns der Idyllendichter, in das Erstlingsnltcr der Menschheit, in die Welt der Hirten und Pflüger. Veit der Epopöe hingegen verbinden wir vor allem nur den Begriff der Darstellung einer Handlung, und verbannen jene einfache Unschuld so wenig auS derselben, daß sogar einige der lieblichsten und anmuthigsten Idyllensceneu in epischen Gedich- 136 ten enthalten sind, wie z. B. die Hochzeit der Kinder Mcnelaos in der Odyssee, nnd die Ankunft Erminia's bei der Hirtenfaniilic im Tasso. Die einzigen Unterschiede, die sich hiernach fcstsetzcn ließen, wären also bloß die, daß die Idylle wenigstens nie einen heroischen Stoff, oder- heroische Charaktere anfninnnt, nnd daß sie nicht, wie die Epopöe, noth- wcndig Handlung braucht. Allein auch non dem epischen Gedichte ist es wenigstens noch nicht anSgcmacht (nnd wir werden diesen Punkt gleich in der Folge berühren), ob cs nothwendig einen heroischen Stoff darstellcn muß; und die Idylle kann durchaus voll Handlung sein, ohne darum weniger Idylle zu bleiben. Um daher ans völlig bestimmte Gränzcn zu kommen, muß man einen anderen nnd mehr methodischen Weg cinschlagcn. Des Ausdruckes der Idylle bedient man sich nicht bloß, um eine eigene Dichtnngsart zu bezeichnen, man gebraucht ihn auch, um damit eine gewisse Gesinnung, eine Empfindungswcise, anzudeuten. Man redet von Jdyllcnstimmnngeu, Idyllennaturen. Die Eigenthümlichkeit der Idylle muß sich daher ans eine innere besondere Eigenthümlichkeit dcS Gcmüthes beziehen, sei es nun eine vorübergehende oder eine bleibende, die sich dem Charakter selbst bcigemischt hat. Dadurch also unterscheidet sie sich zuerst von der Epopöe, daß sie immer ans einer einzelnen nnd einseitigen, die letztere hingegen ans der allgemeinsten Stimmung des Geistes entspringt; nnd gerade in demselben Verhältnis^ steht sie auch zur Tragödie. Denn die Tragödie erhält, wenigstens in ihrer höchsten Vollkommenheit, gleichfalls der Seele die Freiheit, sich gleich lebendig nach allen Seiten hin zu bewegen, weckt alle Kräfte im Menschen zugleich, ob sic schon ihr Bcrhältniß zu einander anders als der epische Dichter bestimmt. Die Idylle hingegen schneidet willkürlich einen Thcil der Welt ab, um sich allein in den übrigen einznschließen, hemmt willkürlich eine Richtung unserer Kräfte, um allein in der anderen ihre Befriedigung zu finden. Wo wir dies im Leben wirklich antresfcn, da erscheint es uns als eine Beschränkung, obgleich, da sic gerade die lieblichste und anmuthigstc Seite der Menschheit, ihre Verwandtschaft mit der Natur, hervortreten macht, allemal als eine solche, die ein gewisses rührendes Vergnügen gewährt. Die Kunst aber tilgt auch das selbst, was daran Beschränkung ist, noch ans, indem sic dies Einschließcn in einen engeren Kreis nicht bloß ans freiem Willen, sondern ans der innersten Natur selbst hervorgchen läßt, ans einer Innigkeit nnd Raivctüt der Empfindung, die sonst nicht ungestört ansströmcn tonnte. 137 Denn offenbar sind in dein moralischen Menschen zwei verschiedene Naturen sichtbar, eine, die mit seinem Physischen Dasein geradezu überein- stimmt, und eine, die sich zuerst von demselben lodmacht, um reicher und gebildeter dazu znrückznkehrcn. Bermöge der crstercn ist er gleichsam an den Boden festgewurzelt, der ihn erzeugt hat, und gehört selbst als ein Glied zur physischen Natur, nur daß er nicht a»S Noth an sic gefesselt, sondern freiwillig durch stiebe mit ihr'verbunden ist. Die Idylle nun behandelt nie mehr als die erstere, sowie sie immer nur ans einer ihr ange- hörcnden Stimmung entspringt. Sic hat daher einen engeren Kreis, in den sic aber darum nicht weniger Gehalt für den Geist und die Empfindung, nicht weniger Seele zu legen vermag. 1.x VIII. Charakter der Idylle in Rücksicht auf den Gegenstand, den sic schildert. Diesem Unterschiede in der Wirkung, welche beide Dichtnngsarten Hervorbringen, entspricht zugleich ein analoger in ihren Objecten, oder wenigstens in der Behandlung derselben. Das Natnrdasein des Menschen kann sich nicht durch einzelne Handlungen, sondern mir durch den ganzen Kreis der gewöhnlichen Dichtigkeit, durch die ganze Art des Lebens beweisen. Der Pflüger, der Hirt, der stille Bewohner einer friedlichen Hütte überhaupt, kann nur selten nü'f dir Epepöc. — Seiner Uabcstümnthtü umnmänii lagt i tm Wahl heit zum Gnmtc. Bei Dingen, die mehr durch Zufall als nach Grundsätzen entstanden sind, entfernt man sich immer von dem Gegenstände, wenn man genau in den Begriff cingcht; und so sind auch wir hier, gerade da wir den, Wesen der Epopöe, so wie cs uns die Erfahrung giebt, nahe bleiben wollten, wieder davon abgekommcn. Denn die Anhänger des gewöhnlichen ästhetischen Systemes wurden mit dem eben ausgestellten Begriffe des sinnlichen Heroismus, als eines Merkmales der Epopöe, noch eben so sehr als vielleicht mit unserer ganzen bisherigen Entwickelung unzufrieden sein. Die Kennzeichen, an welchen sie das epische Gedicht wiedcrerkennen, haben, wenn sic auch weniger bestimmt sein sollten, in der That das Berdienst, klarer und handgreiflicher zu sein. Sie verlangen eine Handlung, die aus der Geschichte entlehnt sei, eine große innere Wichtigkeit und einen beträchtlichen äußeren Umfang habe; ferner Vorfälle, welche viel sinnliche Bewegung mit sich führen, starke und mannichfaltige Leidenschaften in Thätigkcit setzen, mithin überhaupt einen Stoff, bei dem weniger Individuen als Nationen und die Menschheit überhaupt intercssirt sind, wodurch die handelnden Hauptpersonen natürlich zu Königen und Fürsten, überhaupt zu solchen werden müssen, die ans das Schicksal anderer einen mächtigen Einfluß ausüben; sie verlangen außerdem (wenn auch weniger einstimmig) die Mitwirkung höherer Wese», die Einmischung der Fabel und des Wunderbaren, und endlich — was, wie wir gleich näher zeigen werden, nicht weniger hierher 147 gehört — die Ankündigung des Gegenstandes und den Anruf der den Gesang beschützenden Gottheit in dem Eingänge des Gedichtes. Alle diese Eigenschaften, die letzte allein ausgenommen, sind indes; gewissermaßen unbestimmt, und einige unter denselben tragen unleugbar das Gepräge des Unwesentlichen und Zufälligen an sich. Der aus der Geschichte entlehnte Stoff kann mehr oder minder bekannt sein, in dem letzteren Falle nähert er sich einem bloß von dem Dichter erfundenen; die Wichtigkeit und Größe der Handlung, die sinnliche Bewegung ihrer einzelnen Thcile ist durchaus relativ; die Einmischung der Fabel und des Wunderbaren kann doch nicht anders als durch die Stimmung wirken, die sie hervorbringt, durch die höhere Feierlichkeit, durch die größere Ehrfurcht, die sie in der Seele des Lesers weckt, und es hängt also von der Zeit, in welcher, von den Menschen, zu welchen man redet, ab, wie viel oder wenig dadurch soll bewirkt werden können. Dieser Unbestimmtheit ungeachtet, ist indeß die Wichtigkeit aller dieser Stücke znsammengcnommen nicht zu leugnen; es giebt der Seele offenbar einen höheren Schwung, wenn sic sich auch sinnlich große Massen vor ihren Augen bewegen sieht, wenn der Dichter sie auf einen großen und weiten Schauplatz führt, wenn er ihr zugleich den blendenden Glanz des Dlymps und die furchtbaren Tiefen des ErebnS anfschlicßt; cs stimmt sic zu einer höheren Begeisterung, als wenn "das, was er ihr vorführt, bloß ans unserem eigenen Kreise, aus unserem täglichen und gewöhnlichen Leben genommen ist. Es macht zugleich auch eine reinere künstlerische Wirkung; denn gerade weil das, was näher mit uns verwandt ist, auch noch tiefer in unser Herz eingrcift, so läßt es die Einbildungskraft weniger frei, so drückt cs sie nieder und zieht sie herab. s.XXIV. Brwris dcs Kopien» durch mi BrispU aus der Jliadc. Es kann schwerlich je eine größere und mehr epische Situation gedacht werden, als die ist, mit welcher der dreizehnte Gesang der Ilias anhebt. Zeus sitzt auf dem Gipfel des Jda. Er hat eben dem Wasfenglück 10 * 148 im Kampf bei dem Lager der Griechen eine andere Richtung gegeben, Hektar und den Troern Ruhe verliehen. Jetzt wendet er sein Angesicht von diesen blutigen Sccncn hinweg, und blickt ans die friedlichen Völkerschaften der Thrakicr und Hippomolgcn, die, schuldlos und gerecht, nur von Milch leben, und jede Gcwaltthätigkcit scheuen. Wie ist es möglich, so große und erhabene Gegenstände in dasselbe Bild znsammcnznfassen, ohne schon seinen Stoff so glücklich gewählt zu haben, daß man zugleich Völkerschaften, die um das Schicksal der Welt kämpfen, Nationen, die ein friedliches und schuldloses Hirtenleben führen, und einen Gott der Götter darin antrifft, der von dem Gipfel eines Berges beide überschaut, beide richtet und beherrscht, aber lieber und williger bei dem Anblick des Friedens, als auf dem Schauplatz der Ehrsucht und des Mordes verweilt. Derselbe Gedanke, die beiden Extreme der menschlichen Natur, die heftige und unruhige Thätigkeit, mit welcher der Mensch immer nach etwas Neuem und Höherem strebt, und die stille Genügsamkeit, mit der er sich immer nur in demselben Kreise hcrnmdrcht, und mir diesen mit Segen und Gedeihen zu erfüllen strebt, unmittelbar neben einander auf- znstellen, und sich selbst und den Leser zugleich zu der Höhe zu erheben, beide in ihren Verbindungen, und mit ihnen, da die eine oder die andere alles enthalten muß, was Menschen zu denken und zu empfinden im Stande sind, die ganze Welt zu überschauen — ließ sich gewiß auf sehr verschiedene Weise ansführen, und muß sogar gewissermaßen in dem Plan jedes epischen Dichters liegen; aber nie war cS möglich, ihn ans eine mehr sinnliche, prächtige, erhabene und in jedem Verstände epische Weise dar- zustcllcn. I.xxv. Jener unbestimmte Begriff der Epopöe wird bestimmt, sobald man ihn auf den des Heroischen zurnckfnhrt. Es ist daher unläugbar gewiß i die Sphäre, woraus der Stoff, die Handlung, die Personen der Epopöe genommen sind, ist für die Wirkung auf den Leser auf keine Weise gleichgültig. Aber wenn dies nicht auf einen unbestimmten Begriff von bloß relativer Große der Begebenheit und Mannichfaltigkcit der Bewegung hinaus- 149 laufen, oder der Dichter nicht gezwungen sein soll, bloß und allein die vorhandenen Muster nachznahmcn, und schlechterdings dieselben Mittel, sie mögen nun jetzt noch dieselbe Kraft der Wirkung besitzen oder nicht, zu gebrauchen; wenn es möglich sein soll, dem Merkmal des Heroischen, das hier der Epopöe bcigelcgt wird, einen bestimmten Begriff nnterznschic- ben, welchem jeder Dichter ans verschiedene Weise und durch mannichfal- tige Mittel Genüge leisten kann: so muß man sich nicht an solche einzelne Eigenschaften des Stoffes, sondern an die Stimmung halten, welche er hervorbringcn soll, und dann wird man nothwcndig zu dem sinnlichen Heroismus gelangen, den wir im Vorigen genauer bestimmt haben. Und in der That ist cs dieser Heroismus, zu welchem die einfachsten und höchsten Muster der Epopöe, die JliaS und Odyssee, begeistern; man fühlt sich in ein ehrwürdiges Hcldenalter zurück versetzt, man sicht die Erde und den Olymp zugleich in Bewegung, der größcste Thcil des Menschengeschlechts, die verschiedensten Bölkcrstämme gehen dem Blicke vorüber, man sicht lauter große, lauter hell beleuchtete, lauter so sinnlich gebildete Blassen, daß sic wieder auch in der Phantasie nur Gestalten, nur Bewegung, nur sinnliche Objecte erregen; man empfindet cs lebhaft, daß der Sänger geglaubt hat, von dem wichtigsten Ereigniß seiner Zeit erfüllt zu sein, und darum ans die allgemeinste Thcilnahmc rechnen, mit dem gerechtesten Stolze anftreten zu dürfen. HXVI. Ankündigung des Gegenstandes und Anruf der Muse in der Epopöe. Nichts charakterisirt den epischen Sänger so sehr, als die Gewißheit, mit der er anftritt; und in dieser Rücksicht gehört, wenn man einmal bloß von der großen und heroischen Epopöe spricht, die Ankündigung des Gegenstandes und der Anruf der Bluse im Eingänge des Gedichtes gar nicht so sehr zu den unwesentlichen Erfordernissen derselben, als es vielleicht scheinen könnte. Nicht bloß daß der Dichter die Aufmerksamkeit des Lesers stärker erregt, je feierlicher er beginnt, und daß diese Zuversicht selbst seinen Sängerbcrnf bewährt, so muß er auch von selbst, erfüllt von einer gro- 150 ßcn, folgenreichen, allgemein bekannten Begebenheit, und in der Stimmung der Einbildungskraft, in der sie alles ins Große, ins Glänzende, ins reich Sinnliche malt, und lauter Gegenstände um sich versammelt, die dieser Behandlung fähig sind, ans einen solchen Eingang gcrathcn. Er muß nicht genug eilen können, daS ansznsprechcn, wovon er selbst übcr- strömt, und ehe er die einzelnen Theilc seines Gemäldes besonders schildert, wenigstens zuerst nur mit den Hanptnmrisscn daS Ganze hinznstcl- len. Mitten unter dieser Fülle von Gegenständen, und in dem Drange seiner Empfindung muß er Beistand und Hülfe, aber er kann sie nur bei der Gottheit suchen, mit der er wirklich in diesem Augenblicke näher verwandt ist, da er, wie sie, über der Welt und der Menschheit, über der Borzcit und der Gegenwart schwebt. Auch sind alle eigentlich sogenannten epischen Dichter hierin dem Beispiel Homers gefolgt; und wie nahe dieser Eingang mit der individuellen Stimmnng des Sängers znsammcnhüngt, sieht man besonders deutlich an Ariost. Da er in der That nicht sowohl durch eine einzelne Handlung oder Begebenheit begeistert war, sondern sich mir mehr von dem Feuer belebt fühlte, in das die Phantasie versetzt wird, wenn sich ihr eine zahlreiche Menge mannichfaltiger Gruppen, ein weites und rcich- bcsäeteS Feld zeigt, das sie durchlaufen kann; so kündigt er bei weitem nicht so sehr seinen eigentlichen Stoff, als vielmehr die mannichfaltigcn Gegenstände an, die sich in dem ganzen Umfange seiner Gesänge finden werden, und gesteht schon dadurch von selbst zu, daß er vor allem nur durch Mannichfaltigkcit und Abwechselung zu intcressircn vermag. Unser Dichter befindet sich in einem noch anderen Fall. Sein Stoff ist von der Art, daß er ihm mit Sicherheit die Theilnahme jedes gefühlvollen Lesers verspricht, aber er trägt diese nicht unmittelbar an der Stirn, man muß erst tiefer in ihn cingehcn, um mit ihm vertrant zn werden, ihn erst kennen lernen, um ihn lieb zn gewinnen. Nach und nach also nnd schrittweise muß der Dichter den Leser in sein Interesse verweben, einfach und anspruchlos beginnen, um sich am Ichlussc desto gewisser des vollen Sieges zn erfreuen. Selbst der Anruf an die Binse konnte ihm daher weder eine höhere Kraft zn erlangen, noch die, welche er besitzt, zn bewähren dienen; er konnte ihn, wie wir im Vorigen gesehen haben, nur dazu brauchen, seinen Stoff innerhalb des Gebietes der Kunst in dem Augenblicke zn erhalten, da er in daS der Wirklichkeit übcrzngchcn droht, seine Physische Wirkung zn schwächen, um seine ästhetische zn erhöhen. Jndeß bringt er doch auch bei ihm nnlängbar zugleich noch eine andere und dem epischen Gedichte mehr cigcnthnmlichc Wirkung hervor. Dadurch, daß er die Handlung einen Augenblick in ihren ununterbrochenen Fortschritten anhält, daß der Dichter au dieser Stelle in wenige Worte znsammcnfaßt, was er bisher geleistet hat, und was ihm noch zu besingen übrig bleibt, bildet sich der Stoff des Gedichtes vor unserer Einbildungskraft sinnlicher als ein Ganzes, das einem bestimmten Ziele zn- cilt. Dadurch, daß er einen Augenblick ansrnhcn und neue Kräfte sammeln muß, daß er eines Beistandes zu bedürfen glaubt, um zum Ziele zu gelangen, erscheint sein Geschäft uns bedeutender, die Bewegung, in der er sich befindet, größer und lebendiger. Selbst die Vorstellung der Muse, wenn wir uns auch unter diesem Namen nicht mehr jene ehrwürdige Gottheit deS AltcrthnmS denken, wenn wir cs auch klar empfinden, daß sich der Dichter bloß an seine eigene Begeisterung wendet, und dieser nur jene sinnliche Einkleidung leiht, trägt dennoch dazu bei, den dichterischen Schwung unserer Stimmung zu erhöhen. Denn erkennen wir gleich nicht mehr die chrfnrchtcrweckendc Größe einer Bewohnerin des Dlymps in ihr, so bleibt sie uns doch immer die holde und liebliche Tochter der Phantasie. 1-XXVII. Zwiefache Gattung der Epopöe. Daß also zwischen allen übrigen bisher bekannten epischen Gedichten und unserem gegenwärtigen in der That ein wichtiger Unterschied vorhanden ist, daß derselbe in dem heroischen Charktcar liegt, welcher jenen eigen ist, und diesem fehlt, und daß dieser Charakter allerdings dazu beiträgt, die eigentlich epische Wirkung zu modificiren und zu verstärken — sind die Resultate unserer bisherigen Untersuchung. Durch diese aber wird der bisher festgesetzte Begriff der Epopöe keineswegs nmgcstoßcn. Diesem ist schlechterdings Genüge geleistet, sobald unser Gcinüth ans eine dichterische Weise in den Zustand lebendiger und allgemeiner sinnlicher Betrachtung versetzt ist. Niemand wird läng- nen können, daß dies eben so wohl durch einen bürgerlichen, als einen heroischen Stoff, durch eine erdichtete, als durch eine allgemein bekannte 152 und welthistorische Begebenheit, durch Ereignisse, die mir einige wenige Personen betreffen, als durch solche, die ganze Nationen in Bewegung setzen, geschehen kann, wenn cS auch in dem einen Falle leichter gelingen sollte, als in dem anderem Welchen Gegenstand er auch zur Bearbeitung wählt, so muß der Dichter immer von ihm aus ans einen allgemeinen Standpunkt führen können; wenn ihm auch sein Stoff wenig sinnlichen Rcichthnin darbictct, muß er ihm doch immer Gestalt und Bewegung, also sinnliches Leben, mitthcilcn können. Alsdann aber hat er sein Geschäft vollendet, und die epische Wirkung ist nnlängbar vorhanden. Verbindet man mit der Epopöe Nebenbcgriffc von dem Umfange des Gedichtes und der Größe der Handlung, mischt man unwesentliche Dinge, wie die Fabel und das Wunderbare hinein, so ist das allein der Fehler der Kritik. Alle diese Forderungen fließen nicht aus dem Wesen des epischen Gedichtes, sic sind bloß von den vorhandenen Mustern, welche unmöglich allen künftigen Erweiterungen Gränzcn verschreiben können, her- gcnommen, und sind endlich nicht einmal an und für sich fest und sicher bestimmt. Jndcß lassen sich dieselben dennoch auf etwas Bestimmtes zurückfüh- rcn; sic kommen alle darin überein, daß der Stoff der Epopöe ins Glänzende, Sinnlichreichc bearbeitet werden muß; und zwischen einem Gedichte, in welchem dies geschehen ist, und einen: anderen, in dein, wie z. B. in dem nnscrigcn, eine größere Einfachheit, und ein geringerer sinnlicher Ncichthum herrscht, ist ein unverkennbarer Unterschied. Wenn es daher auch leicht ist, jene Anforderungen einzeln zurückznweiscn, und es sogar mit Zkccht lächerlich zu machen, wenn man nur Könige und Helden, und diese in einem feierlichen und majestätischen Aufzuge auf den: Schauplatz des Dichters sehen will, so bleibt cs darum nicht weniger gewiß, daß, wenn der Dichter sich mit lauter sinnlich großen Gegenständen nmgicbt, er auch unsere Einbildungskraft in einen höheren und sinnlicheren Schwung versetzt, als wenn er sich nicht über den gewöhnlichen Kreis unseres Lebens erhebt. Sobald man sich an diese verschiedene Stimmung der Phantasie hält, und nicht gerade auf diese oder jene Beschaffenheit des Stoffes dringt, so wird inan den großen Unterschied beider Behandlungen nicht allein nie verkennen, sondern auch fühlen, wie wichtig es ist, beide nicht mit einander zu verwechseln. Ginge dieser Unterschied den Begriff des epischen Gedichtes nicht weiter an, beträfe er bloß die Wirkung desselben überhaupt, nicht gerade 153 seine epische insbesondere, so wäre es minder nothwcndig, denselben hcr- nnSznhcbcn. Aber wenn die Epopöe auf der einen Seite nie genug Leben, Bewegung und sinnlichen Glanz erhalten kann, und auf der anderen den allgemeinsten Ucbcrblick, die tiefste Einsicht in die gesammtc Natur verlangt; so müssen zwei Arten der Bearbeitung, von welchen die eine vorzugsweise den crstcrcn, die andere weniger diesen, aber darum (weil in der That die inneren Formen immer reiner hcrvortrctcn, je einfacher die äußeren behandelt sind) vielleicht nur noch vollkommener den letzteren Endzweck erreicht, auch zwei eigene Gattungen derselben bilden, und die erstcrc muß sogar, da sie daS epische Gedicht noch sichtbarer, als ein Maximum der darstellenden Kunst zeigt, in dieser Hinsicht einen Vorzug verdienen. Wenigstens müssen wir uns sehr hüten, dieselbe zu vernachlässigen, oder gar gcringznschätzcn, da der Charakter unserer Zeit schon darauf hinanSgcht, überall den heroischen Glanz wegzuwischcn, mit dem wir die Geschichte der Vorwclt so zauberisch nbcrkleidct sehen, und auch unsere Kunst sich offenbar hinncigt, von jener sinnlichen Höhe der Einbildungskraft (die sic oft nur darum zu verschmähen scheint, weil sic dieselbe nicht zu erreichen vermag) zu einer Wahrheit und Natur hcrabzusinken, die kaum noch künstlerisch heißen darf. Wenn wir daher auch Miseren Begriff der Epopöe selbst nicht nm- zuändcrn brauchen, so müssen wir doch zwei wesentlich verschiedene Gattungen derselben unterscheiden, von denen wir nur die eine, gerade weil cs an Mustern derselben fehlte, noch nicht gehörig zu nennen im Stande waren. So wie es ein bürgerliches Trauerspiel im Gegensatz des heroischen gicbt, eben so und noch mehr, da dieser mehr sinnliche Schwung der Phantasie, wie wir gesehen haben, in der That den Begriff der Epopöe näher angcht, als den Begriff der Tragödie, müssen wir auch eine ähnliche Art der Epopöe annehmcn; und eine solche ist Hermann und Dorothea. Diese beiden Gattungen nun kommen in dem wesentlichen Begriffe des epischen Gedichtes schlechterdings mit einander überein, gehen beide von der Darstellung einer einzelnen Handlung ans, zeigen beide den Menschen und die Welt in ihrer Verbindung, und versetzen beide das Gcmüth in den Zustand der sinnlichsten, aber allgemeinsten Betrachtung, sind aber in der Art, wie sic diese Wirkung erreichen, von einander verschieden. Die heroische Epopöe nämlich wählt ihren Gegenstand so, daß er eine möglichst glänzende Außenseite hat, und ist vorzugsweise beschäftigt, dicsc z» zeichnen; sic malt ins sinnlich Reiche, Glänzende, Prächtig, sie versetzt (nni sic noch bestimmter zn charakterisiren) die Einbildnngskraft in eine Stimmung, wo dieselbe sich der lebhaftesten Mitwirkung der äußeren Sinne erfreut. Objcctiv wird sic sich durch einen ans der Geschichte entlehnten, allgemein bekannten Stoff (denn schwerlich dürfte je ein erdichteter ihren Forderungen genügen), durch eine größere Menge solcher Begebenheiten, die nur das öffentliche Leben der Völker unter einander, als solcher, welche eine ruhige und gewöhnliche Privatcxistcnz darbictet, durch eine feierliche Ankündigung ihres Gegenstandes (die ihr unentbehrlich scheint), überhaupt aber durch den Ncichthum und den Glanz der Schilderungen und des Vortrages anszcichnen. Die bürgerliche Epopöe (denn so unangenehm und unpassend auch dieser Ausdruck ist, so finden wir doch keinen, welcher den Begriff nur gleich gut erfüllte) führt zn einem gleich allgemeinen llcbcrblick über das Schicksal und die Menschheit, und besitzt dieselbe sinnliche Individualität, dieselbe künstlerische Vollendung. DaS einzige, was ihr mangelt, ist nur auch derselbe sinnliche Reichthnm. Aber sie entschädigt dafür durch einen größeren Gehalt an Gedanken und Empfindungen, und setzt daher die Einbildungskraft in nähere Verbindung mit dem bloß bildenden Sinne, mit dem Geiste und dem Gefühle. Denn das vergißt man gewöhnlich, daß cs außer dem Gebiete der Sinnlichkeit noch das Gebiet der Empfindungen und Gesinnungen gicbt, welches dein Dichter eben so gut zn Gebote steht, und gerade auch in hohem Grade gemacht ist, eine epische Wirkung hcrvorznbringcn, sobald er nur versteht, cs in der nothwcndigen Allgemeinheit zn umfassen. Indem wir also unser Gedicht dieser Gattung znschrcibcn, räumen wir ihn: dadurch unmittelbar eine hohe und cigcn- thümlichc Schönheit ein, eine innere Trefflichkeit, die jenen höheren Glanz, jene reichere Pracht wenigstens nirgends mit Bedauern zu vermissen erlaubt. Wir sagten im Vorigen, daß das epische Gedicht, mehr als jede andere DichtnngSart, den Gestalten, die sonst ausschließcnd der bildenden Kunst angehörcn, Bewegung und Sprache mitthcilt. Wenn mm die heroische Epopöe ihnen eine raschere, mehr mit sich fortrcißende, vielfachere Bewegung leiht; so gicbt ihnen die unserige eine reichere, tiefer cindrin- gcnde und scclcnvollcre Sprache. 155 HXVIÜ. GazlMlmmIiän Größe des GezcustonteS unsere« Gctiel'Ie«. Des Beweises, daß Hermann und Dorothea nicht der heroischen Epopöe beigezählt werden darf, werden uns unsere Leser leicht überhebcn. Ed liegt von selbst am Tage, und ist noch mehr durch dasjenige klar, was wir bei der allgemeinen Prüfung des Geistes, in welchem cS gedichtet ist, über seinen geringeren sinnlichen Neichthnm und seinen überwiegend größeren Gehalt für den Geist und die Empfindung gesagt haben. Es ist unverkennbar, daß, so rein bildend cs auch den Sinn und die Einbildungskraft beschäftigt, cs doch diese letztere und die Sinne nicht in den lebhaften Schwung versetzt, in welchem uns z. B. Homer durch den Glanz und den Neichthnm seiner Dichtungen mit sich fortrcißt. Aber desto nöthiger wird cs sein, einige Worte über die Größe und Wichtigkeit des Gegenstandes, den es darstcllt, hinznznfügen, und cs gegen den Borwurf zu retten, daß cs nur die unbedeutenden Schicksale Hermanns und Dorotheens schildert. ES ist natürlich, daß diese Größe nicht im ersten Augenblick in die Augen fallen kann, daß sic sogar eben deswegen, weil sich ihr Bild erst nach und nach vor unserem Geiste gestaltet, eine eigen modificirtc Empsiu- dnng hcrvorbringt. Es ist ganz etwas anderes, mit der Ankündigung eines schon vorher bekannten Gegenstandes, oder mit der Sache selbst au- zuhcbcn; ganz etwas anderes, als epischer Sänger, als lebendiges Organ deS Rufes und der Geschichte, oder als einfacher Erzähler, als bloßer Dichter anfzntrcten. In dem crstcren Falle erhebt sich die Einbildungskraft deS Lesers ans den bloßen Ton, den sic anstimmcn hört, wird, noch ohne daß der Gegenstand selbst wirkt, von dem Feuer mit ergriffen, das den Dichter begeistert; in dem letzteren muß erst der Geist und das Herz den Stoff selbst umfassen, ehe das Interesse daran sich ihr ganz mitzu- theilcn vermag. Natürlich muß also dort das Gefühl einer glänzenderen, mehr phantastischen, aber eben so natürlich hier das einer gehaltvolleren und innigeren Größe entstehen. Und so finden wir cs auch in der That. Die ersten Verse des Dichters wecken bloß Neugierde und Thcilnahmc in nnS, aber bei den letzten Gesängen find wir von dem Höchsten und Besten durchdrungen, was wir je iu unseren glücklichsten Momenten dachten oder empfanden. Das größte Geheimnis; besonders des epischen Dichters besteht in der Kunst, den Boden zuznbercitcn, ans welchem seine Figuren erscheinen, ihnen den Hintergrund zu geben, vor dem sie hcrvortreten sollen. Diese Kunst hat unser Dichter auf eine ausnehmende Weise verstanden. Die Personen seines Gedichtes sind allein sein Werk; sie haben keinen anderen Werth, keine andere Wichtigkeit, als die er ihnen mitgethcilt hat, aber die Begebenheiten, die Zeitumständc, in die er ihre Schicksale verwebt, das, was er eigentlich durch sie darstcllt, waS, indeß wir sic sehen, in ihrer Gestalt, in ihren Handlungen ans unS cinwirkt, das hat für sich, und unabhängig von seiner Bearbeitung, ein großes, ein allgemeines, ein hinreißendes Interesse. Gleich iu dem ersten Gesäuge zeigen sich uns zwei bedeutende, sichtbar von einander geschiedene Gruppen; im Vordergründe einige einzelne Charaktere, Menschen, die Gleichheit des Wohnortes, der Beschäftigung, der Gesinnungen in einen engen Kreis mit einander verbindet; dann in der Ferne ein Zug von Ausgewanderten, durch Krieg und bürgerliche Unruhen aus ihrer Hcimath vertrieben. Gleich hier also steht die Menschheit und das Schicksal vor uns da, jene in reinen, festen, identischen und zugleich durchaus individuellen Formen, dieses in einer Staaten erschütternden, wirklichen und historischen Begebenheit. Die Ruhe einer Familie contrastirt gegen die Bewegung eines Volkes, das Glück Einzelner gegen den Unternehmungsgeist Vieler. XXXIX. Hauptthema des Gedichtes. Beit diesem Contrast ist zugleich das Hanptthema des ganzen Gedichtes anfgegebcn. Wie ist intellcetncllcs, moralisches und politisches Fortschrcitcn mit Zufriedenheit und Ruhe? wie dasjenige, wonach die Menschheit, als nach einem allgemeinen Ziele, streben soll, mit der natürlichen Individualität eines jeden? wie das Betragen Einzelner mit dem Strom der Zeit und der Ereignisse? wie endlich überhaupt daS, was der Mensch selbst in sich schaffen nnd nmwandeln kann, mit demjenigcn, was, außer den Gränzen seiner Macht, mit ihm selbst nnd um ihn her vorgcht, so vereinbar, daß jedes wohlthütig auf das andere zurück, und beides zu höherer allgemeiner Vollkommenheit znsammenwirkt? Diese Fragen sind in den Gesprächen des Wirthcs mit seinen beiden Freunden, in dem Streite der beiden Eltern über die Unzufriedenheit des Paters mit dem Betragen des Sohnes, in der entschlossenen Acnßcrnng Hermanns über den thätigcn Antheil an der allgemeinen Gefahr, endlich in der Gegcncinanderstellnng seiner Meinung nnd der des früheren Verlobten Dorotheens über die Zcitnmständc überhaupt, um nur dieser vorzüglichsten Stellen zu gedenken, nach einander aufgeworfen, oder beantwortet. Die Antwort selbst ist zugleich die richtigste für die philosophische Prüfung, die genügendste für das praktische sieben, nnd die tauglichste zu dem dichterischen Gebrauch. Alle jene Dinge, zeigt uns der Dichter, sind vereinbar durch die Beibehaltung nnd Ausbildung unseres natürlichen nnd individuellen Charakters, dadurch daß man seinen geraden nnd gesunden Sinn mit festem Mnth gegen alle äußeren Stürme behauptet, in jedem höheren nnd besseren Eindruck offen erhält, aber jeden: Geist der Verwirrung nnd Unruhe mit Macht widersteht. Alsdann bewahrt das Menschengeschlecht seine reine Natur, aber bildet sie ans, alsdann folgt jeder seiner Eigcnthümlichkeit, aber ans der allgemeinen Verschiedenheit geht Einheit im Ganzen hervor; alsdann erhalte» die äußeren Ereignisse nnd Zerrüttungen die Thätigkeit der Kräfte rege, aber der Mcnsch formt darum nicht weniger die Welt nach sich selbst; alsdann wächst, »litten unter den grö- ßesten Stürmen, ununterbrochen, und nur mit dem Wechsel größerer oder geringerer Ruhe und Zufriedenheit, die allgemeine Vollkommenheit, nnd einer nicht verächtlichen Generation folgt immer eine noch bessere nach. Dies nun, die Menschheit selbst in ihren, zugleich durch ihre innere Kraft nnd die äußere Bewegung bewirkten Fortschritten, hat unser Dichter unserer Einbildungskraft darznstellen verstanden. Er hat diesen: Stoff dadurch mehr dichterische Idealität gegeben, daß er zu den Charakteren lauter rein menschliche, durch keine Cnltnr verzärtelte, nnd doch der Enl- tnr nicht verschlossene Naturen gewählt, seinen Hauptpersonen aber sogar etwas Heroisches, etwas, das an Homers Helden erinnert, bcigcmischt hat; dadurch mehr sinnliches Leben, daß er die wichtigsten nnd größesten Begebenheiten in seine Handlung hincinzieht; dadurch endlich mehr Indien- Iö8 dualitüt, daß cr die ganze Eigenthümlichkeit unseres vaterländischen Charakters und unserer Zeit mit anftreten läßt. ES ist ein Deutsches Geschlecht, und am Schlüsse unseres Jahrhunderts, das cr nnS schildert. I.xxx. Gri'sa- in dl'ii darin aofaefü laten V'karakicrrn und Beaebentmten. In den Charakteren ist gerade immer dasjenige hcransgehoben, was poetisch und praktisch die größeste Wirkung thnt; cs herrscht immer darin eine doppelte Art der Stärke, einmal die ursprüngliche der Natur, und dann die, welche ans dem Zusammenwirken aller verschiedenen Eigen- thümlichkeiten entspringt. Denn durchaus waltet die menschliche Empfindung darin vor, daß nichts gut ist, was nicht natürlich ist, daß alles Natürliche mit einander in durchgängiger Harmonie steht, und daß nur ans der reinen Kraft der verschiedenen Individuen die volle der Menschheit hervorgcht. Die Charaktere der Hauptpersonen sind wirklich für sich selbst von der Art, daß sie sich allem, was nur au sich gut ist, anschlicßen, und mit allem eine wohlthätigc Wechselwirkung unterhalten können: einige andere, denen diese Eigenschaft nicht so eigen ist, helfen dies noch in ein helleres Licht stellen, und wo das Gespräch (das fast immer diese Materie behandelt) den moralischen Werth und die Gesinnungen der Menschen berührt, da wird immer nur bewiesen, daß wenn sich Leben im Leben vollenden soll, das Natürliche nicht unterdrückt und das Mnnnichfaltige nicht einförmig gemacht werden muß. Von scheinbaren Fehlern unserer Natur aus, wird in diesen Gesprächen immer gezeigt, wie sie mir Veranlassungen sind, sich znm Besseren und Höheren zu erheben, streitende Neigungen werden freundlich mit einander ausgeglichen, und die Menschheit wird so sehr in ihrem Ganzen umfaßt, daß eS nur wenig bedeutende Züge in ihrem Bilde geben wird, die hier nicht berührt wären. Am einfachsten, allgemeinsten und schönsten ist sie in der Stelle geschildert, wo der thätige und rastlose Umscglcr des Meeres und der Erde mit dem stillen und ruhigen Bürger verglichen wird. So herrscht also in dem ganzen Gedichte der schöne Geist der Billig- keit, welcher alle Dinge mir von der Seite aufnimmt, von der sie gut nnd erhebend scheinen; so werden wir, ans eine wahrhaft epische Weise, ans den allgemeinen Standpunkt geführt, von dem wir alles, nnd alles mit gleich großem, parteilosem Interesse anschcn, nnd so schiebt sich, ohne daß wir es selbst bemerken, das ungeheure Bild der ganzen Menschheit den wenigen Personen unter, die wir vor uns handelnd erblicken. Weniger ruhig und befriedigend, aber gleich groß und kräftig, ist das Bild der Begebenheiten. Die merkwürdigste, die vielleicht die ganze Geschichte anfwcist, die französische Revolution, ist von ihren drei größesten Seiten, von den: cdcln FreiheitSenthnsiasmus, der ihren Anfang bezeichnet«!, von dem Kriege mit dem Auslände, und von der Auswanderung einer so zahlreichen Beenge von Familien gezeigt. Gerade diese drei sind es auch, welche sich dein Interesse der Leser am meisten empfehlen müssen« die erste durch den Antheil, den nothwcndig ihre Ideen und Empfindungen daran nehmen; die zweite durch die Wichtigkeit, die sic für ihr Vaterland nnd ihre eigene Existenz hat; die letzte endlich durch das rührende Bild, durch welches der Dichter so viele von ihnen an dasjenige erinnert, was sie selbst theils gesehen, theils erfahren haben. Allein das, was diese Begebenheiten allein nnd unmittelbar für sich enthalten, ist noch bei weitem nicht alles; es ist vielmehr noch wenig, bloß das verwirrte Gedränge des Zuges, bloß das mannichfaltigc Elend der Flüchtlinge, die Gräuel nnd das Verderben des Krieges vor sich zu erblicken; die Hauptwirknng entsteht erst durch die Vergleichung dieser Zeit mit der Vergangenheit aller Jahrhunderte, durch den unsicheren nnd ahnungsvollen Blick in die Zukunft. „Unsere Zeit, heißt eS, vergleicht sich den seltensten Zeiten; in der heiligen nnd in der gemeinen Geschichte findet sich nichts, was ihr ähnlich wäre; wer in diesen Tagen gelebt hat, hat schon Jahre gelebt; so drängen sich alle Geschichten. Die Verhältnisse der Gesellschaft sind so umgekehrt, die Stützen, ans denen eines jeden sicheres Dasein ruhte, so nmgcstürzt worden, daß einzelne Menschen, mitten in unseren gebildeten nnd enltivirtcn Staaten, ganze Schaarcn ohne Heimath nnd Wohnort hernmführcn, nnd dadurch an jene frühesten Zeiten erinnern, wo ganze Nationen durch Wüsten nnd Irren hernmwandcrtcn. Und wo ist daS Ende dieses Unheils zu sehen? Man täusche sich nicht mit betrüglicher Hoffnung! 16 « — gelöst sind die Bande der Welt: wer knüpfet sic wieder, Als allein nnr die Noth, die höchste, die nns bcvorstcht?" So stellt nns der Dichter zugleich die höchste Unruhe, die äußerste Zerrüttung, eine wahrhaft rettnngslose Verzweiflung, aber neben derselben auch das sicherste Gegenmittel, die beste Quelle des Trostes und der Hoffnung dar. Wenn die Bande der Welt sich lösen, so sind wir cs, die sic wieder zu knüpfen vermögen. Hierin schließt sich das ganze Gedicht zusammen, darin vereinigen sich alle einzelnen Eindrücke, die eö ans nns gemacht hat. Ans dem Untergänge und der Zerstörung sehen wir neues Leben, ans der Verwirrung der Völker das Glück und die fortschreitende Veredlung einer Familie hervorgchcn. Hermann und Dorothea sind cs, die uns von Anfang an allein beschäftigen, allein unsere ganze Aufmerksamkeit erschöpfen. Wie reich und erhaben jene Bilder menschlicher Charaktere, wie groß und hinreißend diese Schilderungen der Zeit hätten sein mögen, sie hätten diesen tiefen und bleibenden Eindruck in nns nicht hcrvorbringen können, wenn wir sic nicht immer nnr in diesen beiden Figuren gesehen, wenn sic nicht immer nnr dazu bcigctragen hätten, diese vollständig ansznmalcn. Unwillig hätten wir Völker und Zeiten verlassen, und wären nnr zu den Empfindungen und dem Schicksale der beiden Liebenden znrückgckchrt, die sich einmal allein unseres ganzen Herzens, unseres ungethcilten Interesses bemächtigt hatten. Um beide bilden sich von dein Anfänge des Gedichtes an zwei verschiedenartige Gruppen. Dorothea gehört zu demjenigen Theile unserer Nation, der durch den Umgang mit unseren mehr verfeinerten Nachbarn eine höhere Cultnr und mehr äußere Bildung erhalten, und durch eben diese Nachbarschaft auch an den neueren philosophischen Ideen mehr An- theil genommen hat; sic befindet sich zugleich in dem Zustande höherer Spannung, in welchen jede außerordentliche Begebenheit die Seele immer versetzt; diese Stimmung wird noch durch ihre erste unglückliche Liebe und die schwcrmüthigc Erinnerung daran vermehrt; und dies alles znsammcn- gcnommen, und in einem weiblichen Charakter mit einander verschmolzen, macht sic zu einem feineren, höheren, idcalischcrcn Wesen als Hermann ist, zu einem Wesen, mit dem wir noch herzlicher und inniger sympathi- siren. Dagegen läßt Hermanns Charakter nichts an männlicher Stärke und natürlicher Einfachheit vermissen, und beide vereinigt geben nun das 161 lebendigste Bild einer fortschreitenden Bcredlnn.lt unseres Geschlechtes. Denn ihre Achnlichkeit ist so vollkommen, daß sie sich ans das innigste an einander anschließcn können, und ihre beiderseitige Verschiedenheit gerade von der Art, das; jeder von dem anderen, was ihm selbst mangelt, empfängt. I.XXXI. Resultat des Ganzen. — Eigentlicher Stoff des Gedichtes. Ein furchtbares Ereignis;, das ganze Völkerschaften ans ihrer Hci- math vertreibt, fuhrt also eine schönere und edlere Natnr in eine entfernte, noch minder cnltivirtc Gegend; es fuhrt sic gerade der Familie, dem Jünglinge zn, der sic zu verstehen, zn fassen Sinn hat; es vereinigt beide mit einander, und indem cs unaufhaltsam in seinem Laufe weiter fortcilt, läßt es den Samen eines neuen Geschlechtes, einer schöneren und besseren Menschheit zurück. Nicht der Zufall, nicht ein blindes Verhängnis;, nein! die wohlthätigc Hand eines Gottes, die wachsame Sorgfalt dcS Genius unseres Geschlechtes scheint diese wunderbare Verkettung von Umständen geleitet zu haben; und wenn der Dichter der Mitwirkung höherer Mächte im Einzelnen entbehren mußte, so führt er uns dieselbe auf die schönste und rührendste Weise durch das Ganze seiner Dichtung in das Gcmüth zurück. Wer erinnert sich mm nicht hierbei der frühesten Zeiten unserer Geschichte, wo wohlthätigc Pflanzvölker in weit entfernte Länder Menschlichkeit und Gesctzcslicbc und die ersten Keime der Wissenschaft und Kunst hiniibertrngcn? und der späteren, wo einzelne Königstöchter, von dem Zauber sanfter Weiblichkeit und der Macht der Liebe unterstützt, barbarischen Völkern die milden Gesinnungen einer menschlicheren Religion eim flößten? wem scheint das Bild, das ihm der Dichter darstellt, nicht darum noch erhebender als jene, weil der Stamm, der hier noch veredelt werden soll, schon selbst so gesunde und treffliche Früchte trägt? wer rettet sich nicht gern und mit einer gewissen stillen Andacht ans den Gräueln der Jahre, die wir durchlebt haben, zn Seencn dieser Art hin, die ihm allein nur noch znzurnfcn scheinen, daß sich nicht darum alles bewegt und nm- kehrt, um alles auf einmal in derselben Verwirrung zu begraben, sondern um die Welt und die Menschheit neu und besser zu gestalten? 162 Vorzüglich hat unser Dichter der bildenden Kruft des weiblichen Geschlechtes ein schönes und rührendes Denkmal gesetzt. Denn wenn Hermann scmfter und menschlicher, vielseitiger und empfänglicher ist nls sein Vater, können wir darin den wohlthätigen Einfluß des stillen und einfachen Wesens seiner liebenden Mutter auf seine Natur verkennen? wenn er schon in dem Augenblicke, in dem wir ihn zuerst handeln sehen, einen höheren und edleren Enthusiasmus gewonnen hat, ist es nicht Dorotheens Gestalt, die ihn dazu entflammt? und sehen wir nicht deutlich au der Macht, welche sie auf alle ausübt, die sich ihr nähern, die schönere Bildung, die sich von ihr ans auf ihre Familie, auf die ganze Gemeine, die ganze Gegend verbreiten wird? Auch hierin bleibt der Dichter der Natur unverbrüchlich treu. Das weibliche Geschlecht übt den entscheidendsten Einfluß in dein Kreise der Familie aus; nun aber muß aller politischen Cultur moralische Charakterbildung znm Grunde liegen, und zu jeder Vollkommenheit des Charakters kann der Keim nur im Schooßc des Familienlebens aufblühcn. Auch ist die weibliche Natur unendlich mehr geschickt zu verbessern, ohne zugleich zu zerstören; sie besitzt eine sanftere und doch stärkere Gewalt über die Gemüther, ist dem Neuen mehr offen und dem Alten weniger feind, behandelt dies weniger gewaltsam, und ergreift jenes begieriger. Sie fühlt zu tief, daß ihr selbst alles fremd bleibt, was sich nicht durchaus mit ihren Gedanken und Empfindungen verwebt, und will daher auch der Welt und der Menschheit nichts AchnlicheS aufdrängen. Die fortschreitende Veredlung unseres Geschlechtes, geleitet durch die Fügung des Schicksals, macht also, in einer einzelnen Begebenheit dargestellt, den Stoff unseres Gedichtes aus. Sieht man denselben nunmehr von dieser Seite an, so wird man ihm gewiß weder Größe noch Umfang, noch endlich epische Tauglichkeit absprcchen können. Nur liegt die Größe desselben freilich nicht so, wie bei der heroischen Epopöe, in der Begebenheit selbst, sondern in dem, was sich in ihr darstellt. Wer dies verkennt, oder wer auf der anderen Seite nicht vollkommen fühlt, daß derselbe dennoch durchaus künstlerisch, objcctiv und episch behandelt ist, der wird immer entweder dem allgemeinen, oder dem künstlerischen, und in beiden Fällen dein epischen Werthe des Gedichtes zu nahe treten. 163 I.XXXII. Gesetz der Epopöe. — Gesetz der höchsten Sinnlichkeit. Das Hanptresnltat dcs Begriffes der Epopöe läuft darauf hinaus, daß dieselbe unter allen Dichtnngsartcn die am meisten objectivc genannt werden kann. Denn keine andere strebt so sehr nur die äußere Wirklichkeit, im Gegensätze der inneren Veränderungen dcs Gcmüthes, keine einen so großen Thcil derselben, keine endlich diesen Stoff in so lebendiger und sinnlicher Klarheit darzustcllen. Alle Mittel, welche überhaupt dazu beitragen, Objcctivität zu befördern, sind daher vorzugsweise das Eigenthum des epischen Dichters, und alle Gesetze, die er als verbindend anerkennen soll, müssen dahin zusammen kommen. Einzeln lassen sich dieselben auS den drei hauptsächlichsten Bcstandthcilen der Definition der Epopöe ableiten, aus dein Begriffe der dichterischen Erzählung einer Handlung; aus ihrer Bestimmung, das Geinüth in den Zustand sinnlicher Betrachtung zu versetzen; und in dieser Betrachtung so innig als möglich die Menschheit mit der Welt zu verknüpfen; und dieser Ableitung zufolge dürfte cs vielleicht nicht unbcgnem sein, sie unter folgende Benennungen zusammcn- znfassen. 1. Das Gesetz der höchsten Sinnlichkeit. Dies ist überhaupt ein allgemeines Gesetz aller Kunst und der darstellenden insbesondere. Aber von dem epischen Dichter wird die Befolgung desselben mit doppeltem Rechte gefordert, da er es mit lauter äußeren, also rein sinnlichen Dingen zn thnn hat, und auch das Gemüth in eine auf diese gerichtete Stimmung versetzen soll. Er muß daher nicht allein bloß Gestalten und Bewegung, .sondern von beiden auch eine beträchtlich große Masse aufführcn; muß ein Colorit wählen, das unmittelbar Licht und Klarheit ankündigt; einen Ton annehmen, der uns freundlich aus uns herauszugehen einladct, und uns zu einem hohen und weiten Schwünge der Phantasie erhebt; Gedanken anrcgcn, welche uns in die großen Verhältnisse der Menschheit zn der Welt eine tiefe Einsicht gewähren; Empfindungen anstimmcn, die nnö harmonisch mit der Natur verbinden; und seinen Stoff überall noch durch den Ncichthum und die Sinnlichkeit seines Vortrages, seiner Die- tion und seines Rhythmus beleben. n* 1t>4 Vorzugsweise ist die höchste Sinnlichkeit ein Eigcnthnm der heroischen Epopöe, die eben so gleichsam ein Maximum des epischen Gedichtes, als dieses selbst ein Maximum aller darstellenden Knnst überhaupt genannt werden kann. Daher gehören unter dieses Gesetz die gewöhnlichen Regeln von der Größe der Handlung, der Einmischung des Wunderbaren, der Mitwirkung der Götter, der Ankündigung dcS Gesanges und dcS Anrufes der Binse. Da die entgegengesetzte Art der Epopöe sich gerade hierin von der heroischen unterscheidet, so muß sie sich sehr hüten, nicht durch eine zu wenig sinnliche Behandlung gar unter dem Epischen oder dem Dichterischen überhaupt zu bleiben. XXXXIII. Gesetz durchgängiger Stetigkeit. 2. Das Gesetz durchgängiger Stetigkeit. Dies ist bloß eine doppelte Anwendung dcS vorigen ans den Begriff der Handlung und der Gestalt, deren fortlaufende Linien man als Bewegungen der Umrisse betrachten kann. In dieser letzteren Bedeutung hat der epische Dichter dicö Gesetz mit dem Maler und Bildner, in der crstercn eigentlich mit keiner anderen Knnst gemein. Zwar zeigt die Musik und ans eine noch sinnlichere Weise der Tanz allerdings auch eine solche Stetigkeit der Bewegung, und besonders in dem letzteren ist cS eine der bezauberndsten Schönheiten, wenn in einem nirgends unterbrochenen Fluß immer Gestalt aus Gestalt, Bewegung aus Bewegung, Gemälde ans Gemälde entspringt. Bei beiden ist dies indcß nur stellenweise der Fall; ihre eigentliche Stetigkeit besteht darin, daß sich aller, auch unterbrochener, auch plötzlich abspringcndcr Wechsel im Einzelnen nur in Einem Mittelpunkte vereinige. Denn beide drücken Empfindungen ans, die, ob sic gleich immer aus derselben Stimmung der Seele hervorströmcn, für sich selbst dennoch auch in der Natur nicht immer eine so stetige Reihe bilden. Es ist also genug, wenn auch die Knnst sic nur in diesem Mittelpunkte verknüpft. Dem epischen Dichter wird die Beobachtung einer vollkommenen Stetigkeit ans eine doppelte Weise durch den Begriff der Handlung und den der Erzählung zur Pflicht. Für den tragischen, der seine Handlung unmittelbar darstellt, hat dics Gesetz eine bei weitem andere Bedeutung. Er schildert das wirtliche Leben mit allen den Lücken, den Unterbrecht»! gen, den Ueberraschungen, die wir in jeder Begebenheit wahrnehineu, van der wir unmittelbare Augenzeugen sind; die aber der epische Dichter, wie der Geschichtschreiber, nothwcndig ansfüllt und überarbeitet, indem er das Ganze in Eine Erzählung verknüpft. 'Die Handlung muß also nn unterbrochen fortgehen; kein Umstand darf absichtlich hingcstellt scheinen; unabhängig von dem Zweck, zu dem er gebraucht ist, muß er schon für sich selbst als eine nothwendigc Folge auS dem Borigen hcrfließcn; der Zusammenhang des Planes muß so fest und so innig sein, daß der Leser selbst ihn nicht anders hätte entwickeln, so übereinstimmend mit den physischen und moralischen Gesetzen der Natur, daß die Begebenheit in der That nicht anders hätte fortlaufen können; nur die erste Anlage, auf die sich das klebrige gründet, ist der Willkür des Dichters unterworfen, alles Folgende bestimmt sich lediglich von selbst durch einander. Tics ist die sinnliche objective Stetigkeit der Handlung und des Plaues. Aber um die snbjcelive in dem Gemüthe des Lesers hcrvorzu- bringen, welche eigentlich von ihm gefordert wird, muß der epische Dich ter noch mehr thun. Ucbcrall nämlich, wo er eine Mannichfaltigkcit von Bestimmungen in den Charakteren, Gesinnungen, Empfindungen anweu- det, muß er sic gerade eben so durch unendlich kleine allinälige Abstufun gen von einander trennen, allen grellen Eontrast vermeiden, und in ihrer Verschiedenheit selbst immer nur den Neichthnm und den Umfang der Gattung darstellen, zu der sie alle gemeinschaftlich gehören. Denn darin besteht die wahre Stetigkeit einer Reihe von Gliedern, daß durch die Verschiedenheit der einzelnen nur die Einheit noch klarer wird, die sie alle in eine zusammenhängende Kette verbindet. I.XXXIV. Gesetz der Einheit. 3. Das Gesetz der Einheit. Die allgemeine Natur der bildenden Kunst, von welcher er das höchste Muster aufstellen soll, und sein besonderer Zweck fordern von dem epischen Dichter mehr, als von irgend einem anderen, eine vollkommene Einheit in der Behandlung seines Stoffes. Aber wenn ihm diese zur unerläßlichen Pflicht gemacht wird, so ist sic nicht sowohl eine solche, welche die einzelnen Thcilc ans eine schneidende Weise zu einem einzigen Punkte hinführt, als eine solche, welche sie nur in Ein Ganzes znsnmmcnfaßt. Die crstcrc ist viel mehr ausschließend nur der Tragödie eigen. Die Empfindung nämlich, deren Erregung der Hauptzweck des tragischen Dichters ist, kennt nur Einen Gegenstand, und ans diesen Begriff wahrhaft numerischer Einheit wendet mm der Dichter den milderen und höheren des Kunstganzen an. Der betrachtende Sinn hingegen, der in der Epopöe dichterisch bearbeitet wird, nimmt vielmehr immer vieles zugleich ans, und verknüpft es nur in so fern, als er es ans demselben Standpunkte ansieht. Ter tragische Dichter strebt also nach einer Einheit, die in der Erfahrung wirklich vorhanden ist; er eilt in der That Einem Punkte zu; dadurch wird sein Gang rasch und heftig, und sein Plan zieht sich, indem er alles abschneidcn muß, was ihn ablciten würde, mehr in die Enge zusammen, als er sich in die Breite anSdehnt. Die Einheit des epischen Dichters hingegen liegt mehr in seiner Absicht, als in der Sache selbst; er hat daher größere und eine bis ans einen gewissen Grad unbestimmte Freiheit mehr in seinen Plan aufznnchmcn, es hängt wirklich (und auch in so fern ist die Ankündigung kein unwesentlicher Punkt) großenthcils davon ab, was und wie viel er gleich anfangs zu leisten verspricht. Der Schluß seines Gedichtes ist nicht nothwcndig ein wirkliches Ende, über das hinaus sich nun nichts mehr hinznfügen ließe; es ist genug, wenn nur alle einzelnen Thcile des Ganzen darin ans eine befriedigende Weise zusammenkommen, und eS hängt sehr häufig nur von dem Dichter ab, ihn in einen bloßen Nuhepnnkt zu verwandeln, sobald cs ihm nämlich gefällt, den Faden der Erzählung noch weiter fortzuspinncn. Doch kann er seinen Plan nicht nach Willkür inS Unbestimmte hin auSdchnen. Die Gränzc ist auch hier scharf geschnitten; er darf nämlich nicht weiter gehen, als bis dahin, wo sein Stoff anfhörcn würde eine Handlung zn sein, und in eine wirkliche Begebenheit, d. h. in einen solchen Inbegriff von Ereignissen auSartete, in welchem nicht mehr die Wirksamkeit einer Handlung, oder wenigstens nicht mehr die einer einzigen, sichtbar bliebe. 167 I-XXXV. Gesetz des Gleichgewichtes. Die drei bis jetzt entwickelten Gesetze fließen alle ans dein Begriffe der Darstellung einer Handlung her; sic sind im Ganzen eben so gut der Tragödie eigen, und nehmen nur durch den epischen Gebrauch eigene Bestimmungen an. Die folgenden entspringen mehr ans der eigcnthümlichen Natur der Epopöe, den betrachtenden Sinn unseres Gemüthcs, und zwar denselben in seiner höchsten Allgemeinheit, zu beschäftigen. In dieser Hinsicht zeigt sich uns zuerst i 4. das Gesetz des Gleichgewichtes. Bon dem Gleichgewichte, in welchem der epische Dichter alle einzelnen Elemente seiner Totalwirknng erhält, hängt die Ruhe ab, die er in dem Leser bewirken soll. Ohne dasselbe würde zugleich die epische Sinnlichkeit, Stetigkeit und Einheit leiden. Man kann es als den Charakter der Natur, mit welcher der epische Dichter uns harmonisch stimmt, anschcn, daß sie,-den ausschließlichen Ansprüchen Einzelner feind, sogar gegen den nothwcndigen Untergang Einzelner gleichgültig, nur mit unermüdlicher Sorgfalt über das Dasein des Ganzen wacht. Auch er also darf nur allein darauf sein Augenmerk richten, und die Wichtigkeit znm Ganzen seines Planes ist der einzige Maßstab, nach welchem er den Raum abmcsscn darf, den er den einzelnen Theilcn anweisen kann. Aber vor allem hat er dafür zu sorgen, daß sich keine Empfindung ausschließend, oder auch nur mit auffallendem Ucbcrgcwichtc, unserer Seele bemustere. Daher würde z. B. ein eigentlich tragischer Stoff einer wahrhaft epischen Behandlung große Schwierigkeiten in den Weg setzen, da neben der Herrschaft, welche die Gefühle der Furcht und des Mitleids über uns ansüben, leicht nicht noch etwas anderes emporkommen kann. Auch ist ein solcher von epischen Dichtern fast nie behandelt worden; denn das Tragische der Messiade z, B. löst sich wenigstens am Ende in Sieg und Triumph ans. Indes; darfman darum dennoch auch einen solchen Stoff nicht ganz und gar ans dem Gebiete der Epopöe verbannen. Bei keiner Dichtnngsart kommt cs eigentlich ans das Object, bei allen nur ans die Art an, wie dasselbe bearbeitet wird. Selbst die vollkommenste Tragödie, um sogleich 168 das anfsallcndflc Beispick zu wählen, ließe sich auch au einer durchaus glücklichen und gelingenden Begebenheit ansführen. Die höchsten und heftigste» Bewegungen der Freude, Bewunderung und Entzücken, sind einer eben so großen Macht über die Seele fähig, »nd nehmen im «Min zen denselben heftigen und beschleunigten Gang, alö die höchsten Bewegungen der Trauer und des Schmerzes; und wenn ein Dichter glücklich genug wäre, einen Stoff zu finden, in welchem der gelingende Erfolg, der daS Ende krönte, einen Sterblichen auf einmal zu einem beinahe göttlichen Wohlthütcr seines Geschlechtes erhöbe, in dem der, welchem diese Auszeichnung zu Theil würde, ein Charakter wäre, der mit der kraftvollsten Energie und dem edelsten Enthusiasmus das reinste und einfachste Gefühl der Unwürdigkcit zu einer so hohen Bestimmung verbände, und in dem endlich die Wendung, durch welche daS Schicksal dies vollendete, recht plötzlich und überraschend cinträfc, so könnte er gerade eben die Gefühle der unruhigen Anspannung, der qualvollen Ungewißheit, und der höchsten und heftigsten Rührung bei der Entwickelung in uns hcrvorbringcn, die uns jetzt bei eigentlich tragischen Stoffen so mächtig ergreifen. Wir wür- den uns auch, vorzüglich wenn der Dichter geschickt genug wäre, diejenige Leidenschaft, in welcher Ungewißheit, Qual und Entzücken am engsten mit einander verbunden sind, die zweifelnde und endlich beglückte Liebe, so groß zu behandeln, daß dadurch sein Gegenstand (den er schlechterdings nur durch seine Erhabenheit retten kann) nicht verkleinert würde — dann würden wir uns eben so auf einen Augenblick von der Natur abgcschnittcn, und auf unsere eigene Selbstständigkeit beschränkt empfinden, als bei der eigentlichen Tragödie. Denn daS Gefühl eines unverdienten und überschwänglichen Glückes schlügt die Seele mit nicht geringerer Gewalt, als die Größe des Schmerzes, nieder. Die Behandlung ähnlicher Stoffe, nur mehr ins sinnlich Große, als inü moralisch Erhabene, mehr phantastisch als pragmatisch bearbeitet, giebt, um dies im Vorbeigehen zu bemerken, den höchsten und vollkommensten Begriff der ernsten und feierlichen Oper. 1-XXXVI. Kcsctz der Totalität. 5. Das Gesetz der Totalität. So wenig ein ästhetisches Gesetz dein Dichter bestimmen kann, welches Object er zn wählen hat, eben so wenig kann cs ihm vorschreibe», wie viele derselben er in seinen Plan anfneh men soll. Er hat seine Pflicht erfiillt, sobald er nnr das Gcmüth des Lesers in der Freiheit erhält, in der cs an keinen einzelnen Gegenstand, nicht einmal an eine einzelne Klasse derselben, gebunden ist. Diese Freiheit ist eine nothwcndige Folge des Gleichgewichtes zwischen den verschiedenen augespieltcn Empfindungen; sic ist zugleich die nothwcndige Bedingung zu der erforderlichen Sinnlichkeit und Lebendigkeit unserer Ansicht. Es ist ein schöner Vorzug der Kunst, uns von den inneren und äußeren Fesseln zn lösen, durch die wir uns im wirklichen Leben so oft gehemmt fühlen; eS ist ein noch edlerer, daß sie uns an der Stelle derselben eine gleich strenge, aber freie Gesetzmäßigkeit cinflößt. Diesen Vorzug kann sich der epische Dichter vorzugsweise zn eigen machen, und dazu dient ihm gerade am meisten die Totalität, die Allgemeinheit des lleber- blickcs, zu dem er sich erhebt. Je höher wir uns über unserem Gegenstand befinden, um ihn in seinem Ganzen zu übersehen, desto freier erhalten wir nnS von seiner Herrschaft, aber desto inniger dnrchdriugt uns das Gefühl seines Zusammenhanges und seiner Gesetzmäßigkeit; und in keiner Verbindung ist die Einbildungskraft so sicher, idcalisch, d. h. mitten in ihrer Freiheit gesetzmäßig zu bleiben, als in der Verbindung mit dem beschauenden Sinn und dem organisircndcu Verstände. Der Epopöe indeß kann cS auch an der Menge der Objecte nicht fehlen; keine Methode ist so fruchtbar, als die der höchsten Objektivität: denn um eine Gestalt herauszuhebcn, braucht man andere, die ihr zur Seite stehen, um eine Bewegung zn schildern, die, welche vor ihr vorhcr- gehcn und ans sie folgen. Den größesten Reichthmn derselben wird man indeß freilich nur bei der heroischen antreffen. 17 " I.XXXVII. Gesetz pragmatischer Wahrheit. 6. Das Gesetz prugmotischcr LPahrheik. Man kann die poetische Wahrheit überhaupt durch die Uebcreinstimmnng nnt dcrlleutnr, als einem Objecte der Einbildungskraft, im Gegensatz gegen die historische, als die Ilcbcrcinstimmnng mit derselben, als einem Objecte der Beobachtung, dcfi- nircn. Historisch wahr ist, was in keinem Widerspruche mit der Wirklichkeit, poetisch, was in keinem Widerspruche mit den Gesetzen der Einbildungskraft steht*). Die Einbildungskraft überläßt sich nun entweder bloß der Willkür ihres eigenen Spieles, das sic nur künstlerisch ausführt, oder sie folgt den inneren Gesetzen des menschlichen GemütheS oder den äußeren der Natur. Je nachdem sie eine dieser drei Richtungen wählt, wird die poetische Wahrheit zu einer bloßen Wahrheit der Phantasie, oder zu einer idealischen oder pragmatischen. Die crstere ist unter allen DichtnngSartcn bloß im Märchen brauchbar, bei welchem die Phantasie eigentlich bloß mit ihrer eigenen Kraft und an dem leichtesten Stoffe spielt; alles, wonach bei einem so willkürlichen Verfahren noch gefragt wird, ist bloß, ob die Einbildungskraft diese Züge in eine stetige Reihe, in Ein Bild znsammcnzufasscn im Stande ist. Die idealische Wahrheit ist vorzugsweise ein Eigcnthnm des lyrischen Dichters und der Tragödie. Sie nimmt alles als vollgültig ans, was nur, nach der allgemeinen Beschaffenheit des Gemüthes, nach den allgemeinen Gesetzen der Bcrändcrungen desselben in ihm denkbar ist, es möchte sich *) In so fern die Wahrheit überhaupt die durch den Verstand erkannte Ucbcr- ciustimmung eines Begriffes oder Satzes mit seinem Gegenstände ist, kann cs eben so viele Arte» der Wahrheit als der Gegenstände geben. Nun unterscheiden wir von diesen vorzüglich vier in Absicht ihrer intellektuellen Behandlung sehr von einander abweichende Gattungen: 1. wirkliche; dann idealische, und zwar solche, die entweder 2. ein Werk der reinen Abstraktion, metaphysische und mathematische, oder 3. der Einbildungskraft sind, poetische; endlich 4. solche, die, an sich idea- lisch, ans wirkliche bezogen werden, empirisch-philosophische. Hieraus entstehen nun auch vier Gattungen der Wahrheit: 1. und 2. die historische und poetische; 3. die speculative (metaphysische oder mathematische); 4. die philosophische (Physische oder moralische), die nicht auf der Uebcreinstimmnng mit einer besonderen Erfahrung, wohl aber mit der Erfahrung im Ganzen, beruht. 171 mm übrigens noch so weit von der Natnr entfernen, in der Erfohrnng noch so selten gcfnnden werden. Die strengere pragmatische hingegen verwirft alles, was nicht innerhalb deS gewöhnlichen Laufes der Natnr liegt, nnd schließt sich genau an die Gesetze derselben, sowohl die physischen als die moralischen, in so fern sic mit jenen übercinstimmcn, an. Sie fordert geradezu das Natürliche, nnd wenn sie auch das Außerordentliche und Ungewöhnliche nicht anSschlicßt, so muß cS doch immer vollkommen auch mit dem Natnrgangc im Ganzen, mit dem Gattungsbegriffe der Menschheit übcrcinstiimnen, wenn cS sich gleich darüber erhebt; die idealische weist dagegen auch daS nicht zurück, waS diesem letzteren wirklich widerspricht, und schlechterdings nur als Ausnahme in den Individuen angetroffen wird; nnd die bloße Wahrheit der Phantasie, die fast zu dem geraden Gegen- theile von dem wird, was man gemeinhin Wahrheit nennt, Übertritt sogar noch diese Schranken. Die Gränzcn der idcalischcn und pragmatischen Wahrheit müssen natürlich, ans einzelne Fälle angewcndet, sehr oft zn- sammcnzulanfcn scheinen; man wird sie indcß nie verkennen, sobald man sich erinnert, daß alles das bloß idealische Wahrheit haben kann, worauf ein Gcmüth stößt, das sich, abgesondert von dem Leben in der äußeren Wirklichkeit, in seinen Ideen und seinen Es ' , und der äußeren Geschäftigkeit nnd der lebendigen Heiterkeit eine innere Thätigkcit nnd einen bloß sentimentalen Genuß unterschiebt, da hingegen in dem, welcher sich überall an die Natnr außer ihm anschließt, in ihr allein lebt, webt nnd genießt, nichts Vorgehen kann, was nicht die höchste nnd in die Augen fallendste pragmatische Wahrheit besäße. Dies aber ist daS Gebiet des epischen Dichters. Seine Kunst geht ans der Fülle des Lebens hervor nnd führt eben so auch dahin zurück. Er flicht daher alle gleichsam übermäßige Verfeinerung in Gedanken und Empfindungen, alle verwickelten nnd schwer zu ergründenden Charaktere nnd Empfindungen; was damit verwandt ist, kommt ihm unnatürlich nnd kleinlich zugleich vor. Er braucht große nnd Helle Massen, und Gegenstände jener Art vertragen das sonnige Licht nicht, das er über seinen Gegenstand auSzugicßen gewohnt ist. Er will außerordentliche Menschen malen, aber doch nur solche, die cs durch den Grad ihrer Kraft, durch die Neinhcit ihres Wesens, nicht gleichsam durch eine seltene Organisation sind; im Ganzen sollen sie mit allem, was nur überall das Menschlichste nnd Natürlichste ist, in dem vollkommensten Einklänge stehen; was er darstellt, muß der bloße gesunde und gerade Sinn durchaus zu fassen und 172 sich anzucignen im Stande sein. Dies cmch allein ist der reinen objccti ven Darstellung fähig, von der er sich niemals entfernt. Tessennngeachtet kann er indes; nicht weniger auch einen (Gegenstand, der nahe an das bloß Identische grünzt, ans jener gleichsam frei» den Welt in seine Dichtnng hinübcrführen; und wir haben im ersten Theile dieser Abhandlung gesehen, das; die Eigcnthümlichkcit der neueren Poesie, und besonders die unseres Dichters, großentheils hierauf beruht. Nur muß er alsdann nicht versäumen, dagegen daS Gemüth seines Lesers vollkommen pragmatisch zu stimmen, und dadurch wieder den Mißklang aufznlöscn, den sonst ein solcher Gegenstand in dieser Gattung nothwendig bewirken müßte. Ist er aber hierin glücklich, so erhöht er den Reiz seiner Dichtnng, da er ihre Grünzen erweitert, ohne ihrem Charakter zu schaden. Denn wenn cs eine Hanptrcgel für den Dichter ist, die Reinheit der Stimmung, welche jeder Dichtungsart cigcnthümlich angchört, in ihrer höchsten Vollkommenheit zu bewahren; so ist cs eine nicht minder wichtige, die Gegenstände, welche jede sich natürlicher Weise zneignet, so viel als möglich zu vervielfältigen und gegen einander umzutanschen. Die heroische Epopöe läuft weniger Gefahr gegen dies Gesetz zu verstoßen, als die ihr entgegengesetzte. Aber je genauer auch diese es beobachtet, je mehr sic hohen und feinen Charaktergehalt zugleich mit die ser natürlichen Einfachheit zu verbinden weiß, je mehr sic originelle Individualität in einer Dichtungsart geltend macht, die immer, selbst in den Individuen, nur die Gattung zu zeigen strebt, desto größer ist ihre Wirkung. Denn der Mensch ist nie schöner, als wenn er sich dasjenige, was er ausschließlich durch seine eigene Äraft gebildet hat, dergestalt aneignet, daß cs i» ihm als eine allgemeine Eigenschaft der ganzen Menschheit erscheint. I.XXXVIII. Plan des Gedichtes. — Gang der Handlang. Dies sind die vorzüglichsten Gesetze der epischen Dichtkunst. Sic sind alle eigentlich nur verschiedene Ausdrücke der lebendigsten Dbjcetivitat; Anwendungen des allgemeinen Begriffes der Epopöe auf die einzelnen For- 173 dernngcn, welche cm den Dichter ergehen. Daher ließen sie sich vielleicht auch noch unter andere Benennungen bringen; uns schien cs indes; die allgemeine Ilebersicht cn» meisten zu erleichtern, zuerst diese Regeln fcstzn- setzen, welche der Dichter bei allen einzelnen Thcilcn seines Verfahrens beobachten muß, und dann diese letzteren selbst dnrchzngehen. Beit diesem letzten Geschäfte wollen wir nunmehr noch diese nur vielleicht zu ansführ' lichc Bcnrtheilnng beschließen, und den Plan, die Charaktere und den Bortrag unseres Gedichtes nach den eben ausgestellten Gesetzen mit wenigen Worten Prüfen. Zugleich wird nnS dicS Gelegenheit geben, noch diejenigen einzelnen Bemerkungen cinznstrcucn, die in dem bisherigen Gange keinen Platz finden konnten. Der Plan unseres Gedichtes vereinigt die zwiefache Schönheit in sich, daß alle einzelnen Thcilc vollkommen fest und doch durchaus zwanglos verbunden sind. Niemand wird in einer Composition von so kleinem Umfange die polypenartige Erzeugung eines Theiles anS dem anderen erwarten, die jedem für sich noch eine eigene Selbstständigkeit einrämnt, welche die Zliadc zu einem so großen, und Ariosts rasenden Roland (denn auch hierin steht nur der italienische Sänger dem griechischen nahe) zu einem so reichen und mannichsaltigcn Ganzen macht. Dagegen drängt sich auch nicht, wie man wohl sonst der modernen Dichtkunst Schuld gegeben hat, daS Einzelne auf eine harte und mehr dem Verstände angemessene, als der Phantasie gefällige Weise in Eine Spitze zusammen. Vielmehr geht jedes folgende Glied in der Kette von Umständen frei und willig ans dem vorhergehenden hervor, und doch ist das Ganze eine stetige, überall zusammenhängende Folge von Begebenheiten. Indem cs vom Anfänge anS zu einer gewissen Mitte anfstcigt, und sich von da wieder bis znin Ende hinabsenkt, bildet es einen kleinen, aber durchaus geschlossenen und in allen seinen Punkten erfüllten Kreis. In dem Ende selbst schließen sich alle Thcilc, die der Dichter vorher einzeln gezeigt hat, vollkommen zusammen; alle vorher aufgeregten Empfindungen finden darin ihre genügende Befriedigung. Hermanns Wunsch, Dorotheen zu besitzen, ist erfüllt; die "Naturen, die für einander bestimmt schienen, haben sich gefunden und beginnen nun ein neues und schöneres Leben. Indes; bleibt cs doch immer, nach wahrhaft epischer Weise, mehr ein Schluß des Dichters als ein Ende der Handlung selbst. Wenn auch das Mädchen cingcwilligt hat, wenn die Eltern ihre Zustimmung gegeben haben, so könnte in der Wirklichkeit doch noch mehr als Ein Hindernis; 174 unerwartet dazwischen treten, und die wirkliche Verbindung, die noch nicht geschehen ist, aufschicben. Wäre cs möglich, diesen Stoff als Tragödie zu behandeln, so würde sogar erst hier der Knoten geschürzt werden, erst hier die Handlung angchcn müssen. So mächtig aber ist die Stimmung, in welche der Dichter unser Gemüth versetzt, so ganz hat er dasselbe in seiner Gewalt, daß, wenn wir alsdann mit Gewißheit plötzliche Schwierigkeiten erwarten würden, wir hier die eigentliche Vollziehung der Verbindung selbst nur als eine nothwendigc Folge mischen, die der Dichter bloß darum nicht mit in seinen Plan anfnimmt, weil sie sich nunmehr natürlich von selbst versteht. Bei einem Stoffe, wie ihn unser Dichter wählte, mußte nothwcndig ein großer Theil seines Gedichtes in Gesprächen bestehen; eine gewisse Ar- mnth an Handlung kann ihm bei einem solchen Gegenstände nicht als Fehler vorgeworfen werden. Wohl aber muß man ihm den Ncichthnm an Bewegung zum Verdienst anrechnen, den er sich auch hier noch zu verschaffen gewußt hat. Wenn man von dem Dichter nicht mehr verlangen kann, als daß er ans seinem Stoffe alles das Leben, alle die sinnliche Mannichsaltigkeit ziehe, deren derselbe fähig ist, so hat der unscrige diese Pflicht im genauesten Verstände erfüllt. Wir wollen hier nicht anführen, wie gut er das Gedränge und die Verwirrung des Zuges, das Elend des Krieges, die merkwürdige Begebenheit, die ihn veranlaßt, zu benutzen verstanden hat; diese Dinge waren vielleicht zu groß und zu sehr in die Augen fallend, um stillschweigend bei ihnen vorüberzugchcn. Aber wie anschaulich hat er auch das geschildert, was allein das Werk seiner Einbildungskraft ist; wie macht er uns mit dem Hause, den Besitzungen, dem Wohnorte, den Schicksalen der Familie Hermanns bekannt! Wie lebendig wird nun alles um uns her, da wir mit der Mutter den weiten Hof, den wohlbcpflanztcn Garten und Weinberg, das fruchtbare Feld dnrch- strichen haben, aus ihrem Munde den fürchterlichen Brand des Städtchens, aus den Gesprächen des Vaters die allmäligc Aufnahme desselben erfahren, da wir die Familie bis ans den Ahnherrn hin nennen! In der That werden nur wenige auch unter den größeren Gedichten so viele und so große sinnliche Gegenstände anfstellen; das Einzige, was man vermissen kann, ist bloß, daß cs nicht möglich war, auch nur alle bedeutenden unter denselben zugleich in Handlung zu setzen. Aber dies ändert nicht sowohl die Stärke, als nur die Art der Wirkung; cs macht 175 nicht, daß nur weniger, nur daß wir mit andcrcn Augen schein Dadurch ist das Feld des Dichters nicht vereinst, nur sein Ton verändert worden. Wo derselbe indes; nun wirtlich Handlnng dargestellt hat, da geht sic auch ununterbrochen fort, steht sic vom ersten Gesänge an keinen Augenblick still. So oft wir auch bloß Zuhörer der Unterredungen der anfgefichrten Personen sind, so vertreten dieselben doch nie die Stelle der Handlung, sondern sind immer vollkommen an ihrem Platze. Statt also daß ihre häufige Wiederkehr ein Fehler des Planes wäre, ist sic nur eine unvermeidliche Folge des einmal gewählten Stoffes. Sie dienen noch außerdem eine gewisse Weile zu bewirken, den Gang der Handlnng bald anzuhalten, bald zu beschleunigen. Denn nirgends bewegt sich dieselbe weder zu rasch slir die Zeit, die ihr gegeben ist, noch zu langsam für die begierige Aufmerksamkeit des Lesers. Was aber diesem Gange vorzüglich Leichtigkeit und Natürlichkeit gicbt, ist die Menge der einzelnen Momente, in welche sic vcrthcilt ist, und deren man in diesem kleinen Umfange, ohne nur irgend zu sehr eiuzu- schneidcn, gewiß gegen Hundert zählen könnte. Wie wichtig dieser Umstand ist, beweist uns Homer, der vorzüglich dadurch die ungeheure Individualität, die schöne Bewegung, daS rege Leben erhält, daß er alle Augenblicke absetzt, und daß immer Moment auf Moment folgt, so daß der kürzeste Gesang, wenn man ihn am Ende in allem seinen Detail, nach allen den Punkten übersieht, wo man, einen Augenblick verweilend, von einem Umstande zum anderen überging, in der Erinnerung eine beträchtliche Länge erhält, dadurch die Natur nachahmt, und die Phantasie gleichsam täuscht, die wirkliche Zeit selbst mit durchlaufen zu haben. Je mehr die Kette der Begebenheiten gegliedert ist, desto weniger scheinen die einzelnen Glieder ans der willkürlichen Anlage des Dichters, desto nothweudiger aus einander selbst zu entstehen, und desto geschmeidiger wird das Ganze. Dadurch vorzüglich unterscheidet sich der Dichter der Natur von dem Dichter der Schule, und selbst ohne auf den Zuwachs zn sehen, den er dadurch an Leichtigkeit und Freiheit gewinnt, ist cs schon in Absicht der bloßen Form des Fortschreitend der Handlung der Einbildungskraft gefälliger, sie gleich einem leicht bewegten Strome in lauter kleinen, sanft gebrochenen und doch immer stetigen Wellen hinfließen zn sehen. 176 I.XXXIX. Echt dichterische Erfindung des Ganz,'». Bei der Anordnung des Details ist kein Umstand, der ans einem anderen, vorher angegebenen, natürlich hcrflicßt, ausgelassen, und kein angeführter unbenutzt geblieben, und eben so wenig findet man einen, dessen der Dichter bedurft hätte, und der nicht schon durch die einmal vorausgesetzten Verhältnisse mitgcgcbcn gewesen wäre. Wie in einer vollkommen ansgearbcitctcn Bildsäule nichts mehr bloßer Stoff ist, wie auch der kleinste Raum, über den der Finger hinwcgglcitct, seine eigene Form und seine eigene Begränznng hat, so ist auch hier alles bestimmt, »nd jede Bestimmung erzeugt immer von selbst wieder die folgende. Der Leser hätte sic hinzufügcn müssen, wenn es der Dichter versäumt hätte. Gerade nun dadurch zeichnet sich das echte Dichtcrgcnie in der Com- position ans, daß cS seinen Gegenstand gleich dergestalt in die Phantasie anffaßt, daß sich alles davon absondcrt, was keiner poetischen Wirkung fähig ist, alles hingegen, was diese vermehren kann, sich von selbst darin findet. Ohne nur irgend zu suchen, muß der Dichter in dem Stoffe, den ihm die Begeisterung znführtc, selbst verwundert, alles vereint, und nur das antreffcn, waS er bedarf; er muß bloß entwickeln, was ihm, gleich als wäre es das Geschenk eines glücklichen Ungefährs, sein Genius, ohne sein Bemühen, nur durch die Kraft seiner Natur gab. Dies ist hier um so auffallender, da ein so einfacher Stoff und im Grunde nur ein einziges Verhältnis; ausgestellt wird. Der Dichter kann hier nicht, wie z. B. Homer bei der Schilderung einer Schlacht, mehrere Bilder zugleich an- lcgeu und von dem einen zum anderen übergehen; er muß sein ganzes Material sich allein aus sich selbst erzeugen lassen. X6. Augenblick, in welchem die Handlung anhclN. Die Wahl des Augenblickes, in welchem der Dichter die Handlung anfnimmt, gehört zu den vorzüglichsten Beweisen seiner Geschicklichkeit in 177 der Behandlung derselben. Denn von ihm hängt das Interesse ab, das sogleich und unmittelbar in uns erregt werden soll. Daher ist es beinahe zur Regel geworden, den Zuhörer gleich in die Mitte der Begebenheit zu versetzen, und in der Thal ist jeder Anfang zu leer und unbestimmt; es bleibt zu ungewiß, was man sich von dem Erfolge versprechen darf, als daß schon da eine bedeutende Theilnahme entstehen könnte. Auch unser Dichter ist dieser Regel getreu geblieben, er hatte aber hierzu noch einen anderen und wichtigeren Grund. Der Anfang seiner Handlung ist Hermanns Fahrt nach dem Zuge der Ausgewanderten, und die Vcrtheilung der Geschenke, mit welchen ihn seine Eltern hingcsendet hatten. Diese ganze Scene entzieht er unseren Augen; wir hören nur die Schilderung derselben ans Hermanns und des Apothekers Munde; dies aber ist auch die einzige Stelle, wo wir nicht unmittelbare Augenzeugen des Geschilderten sind. Die Hanptgruppc in unserem Gedichte ist Hermanns Familie; wenn wir an der Begebenheit, die unS erzählt wird, Theil nehmen sollen, so müssen wir erst mit dieser vertraut werden. Diese müssen wir also auch allein im Vordergründe erblicken. Hütte der Dichter jene Schaar ansgewandcrter Flüchtlinge, die Verwirrung ihres Zuges, das Unglück ihrer hülfloscn Lage, unmittelbar selbst uns vorgcfnhrt, so hätte unser Gemüth, durch diesen ungeheuren Gegenstand plötzlich erfüllt und zerstreut, sich nicht wieder auf den Punkt sammeln können, in welche»! doch eigentlich allein das ganze Interesse verborgen liegt. Er hätte, in der Nähe anftreteud, alles Andere gewaltsam niedergeschlagen, da er jetzt, in der Ferne erscheinend, vielmehr eine überaus schöne und verstärkende Wirkung hcrvorbringt. Hat unser Dichter nur erst Zeit gewonnen, nnS seine Personen und ihre Schicksale ans Her; zu legen, so scheut er sich nicht inehr, uns mitten in das größcstc Gewühl zu führen, uns mit den erschütternden Schilderungen eines furchtbaren Krieges und einer großen Revolution zu unterhalten. Er hat uns einmal eine bestimmte Empfindung eingeflößt; statt daß wir aus derselben herausgehen sollten, ist er gewiß, daß wir nur ans sie allein alles Fremde beziehen. Ans diesem Zuge ist cs ferner, daß Dorothea zuerst ihrem Hermann erscheint, und der Dichter erreicht nun ans einmal einen doppelten Zweck, wenn er mit der Begebenheit selbst auch den Eindruck schildert, den sie in ihm zurückgelassen hat. Endlich schließt sich die Zeit der ganzen Handlung kürzer und schöner zusammen, wenn das Gespräch über Hermanns Verheirathnng, das den eigentlichen Anfang der Verwickelung macht, auch W. v. Humboldt, über lyoetbc'ö Hcrmauu und Dorotbeu. 12 178 gleich in den ersten Gesängen anhebt, wenn cs die erste bedeutende Scene ist, die wir vor unseren Augen Vorgehen sehen. X6I. Entscheidende Umstände, durch welche die Handlung ihre Hcius'twendnngen erkält. Drei Hauptwendungen sind es vorzüglich, dnrch welche die Handlung eine entschiedene Richtung erhält: der Streit zwischen dem Vater und dem Sohne; das Begegnen Hermanns und Dorotheens an: Brunnen; und sein Antrag, sie nur als Magd in sein Hans zu führen, verbunden mit der verstellten Rede des Geistlichen, durch welche dieser die hieraus entstandene Verwirrung noch weiter fortdauern läßt. Alle diese drei Umstände aber entspringen durchaus natürlich aus der ganzen jedesmaligen Lage, und die beiden letzteren Passen noch überdies so gut zu dem Charakter des epischen Gedichtes, daß der Dichter sie schon in dieser Hinsicht hätte wühlen müssen, wenn er sie auch nicht zu seiner Absicht gebraucht hätte. Der Vorwurf deS Vaters beschleunigt den Gang der Handlung, die sonst nicht so leicht zur Entscheidung gekommen wäre; Hermanns Gemüth mußte"durch sie so bewegt, seine zärtliche Mutter um ihn so besorgt, sein Herz dnrch ihre liebevolle Sorgfalt so tief gerührt werden, wenn er, der sich sonst so schwer entschloß, sich so schnell entdecken, so plötzlich die entscheidenden Schritte zu wagen entschließen sollte. Zugleich aber ist cS so natürlich, daß der Vater in einer Stunde, wo er heiter gestimmt, aber durch die Begebenheiten der Zeit ernsthafter bewegt ist, der Berheirathung seines Sohnes gedenkt, die ihm schon lange am Herzen lag, und daß der Anblick so vieler Unglücklichen, welche das Schmerzliche einer traurigen Flucht darum noch bitterer empfanden, weil ihre Frauen und Kinder es mit ihnen theilten, das Gespräch überhaupt auf diese Materie lenkt. Von dem Begegnen beider Liebenden am Brunnen haben wir schon im Vorigen gesprochen; es gehört zu den Ereignissen, in welchen gerade das Wunderbare und Ueberraschendc natürlicher ist als das Gegentheil. Kein Zustand einer stärkeren Leidenschaft, einer höheren Spannung der Seele wird je ohne ein solches ungefähre Zusammentreffen bloß zufälliger 179 Umstände gefunden werden; sei es nun, daß wir alsdann nur diese Umstände schärfer herausheben und dauernder in unserer Empfindung aufbe- wahrcn, oder sei es wirklich, daß eine geheime und unbegreifliche Sympathie der Seele diejenigen zusammenführt, die in ihren innersten Empfindungen Eins sind, oder daß dieselbe Gemüthsstimmung ihnen wenigstens ähnliche Richtungen gebe, in welchen sie sich öfter und leichter begegnen. Die Schürzung des Hauptknotens endlich entspringt sehr natürlich ans Hermanns und Dorotheens Charakter. Er, feierlich gestimmt und tief bewegt und ans mehr als Einem Grunde, aber vorzüglich wegen des Ringes (den der Dichter so trefflich benutzt hat), au der Erfüllung seiner Wünsche zweifelnd, mußte nothwendig in seinen Worten zaudern und stocken; Dorotheens leichte und gewandte Besonnenheit ihm eben so nothwendig mit einer kurzen Entscheidung zu Hülfe kommen. Das Unglück ihrer Lage muß ihr einen Antrag zur Heirath so unglaublich, und dagegen den, den sie wirklich annimmt, so wahrscheinlich machen; und seine Schüchternheit, seine Freude, sie doch wenigstens nun in seiner Nähe zu besitzen, seine Furcht, durch einen anderen Zusatz auf einmal alles wieder zu verderben, muß ihn diesen Ausweg, den sie ihn: darbietet, mit beiden Händen ergreifen lassen. In der That hätte der Dichter kein glücklicheres Mittel finden können, seine Wirkung zugleich hinznhalten und zu verstärken. Wie schön wird nun der Rückweg der beiden Liebenden durch dies Mißverständnis das Dorotheen die ganze Freiheit in ihren Acußerungen gegen Hermann erhält, welche das Bewußtsein anerkannter Gefühle nothwendig raubt! Welche liebliche Zweideutigkeit bringt es in die Worte des Jünglings, mit denen er immer zweifelnd, aber auch immer bald mehr, bald weniger hoffend, ihr seine Besitzungen, das Hans seiner Eltern, dies Fenster der Kammer zeigt, die er bisher einsam bewohnt hat, und nun doppelt glücklich an ihrer Seite bewohnen wird. Wie gern hören wir ihn hier, nicht mehr in: Staude, seine Empfindung ganz an sich zu halten, ihr sagen, daß diese Kammer künftig die ihrige sein wird, aber auch gleich durch den Zusatz: -wir verändern in: Hanse, wieder das znrücknehmcn, wodurch er sich verrathen zu habe,: glaubt. Wie glücklich hat der Dichter diese ganze Stelle auf einen: reizenden Mittelwege zwischen den: Ernst der Wirklichkeit und den: Spiel einer bloßen Einbildung gehalten. Die letzte von denen, welche wir hier zusammen anführten, und welche 12 ' 18V die Entwickelung noch an, Schluß einen Augenblick verzögert, thut uns, wie sich nur wenige Leser werden abläugnen können, auf gewisse Weise wehe. Wir Huben einen so innigen Antheil au Hermanns und Dorotheens Gefühlen genommen, daß wir die Verwirrung, die, wenn sie uns bis jetzt selbst ergötzte, nun für beide drückend werden kann, gern unmittelbar gelöst wissen möchten; wir sympathisiren überhaupt inniger mit ihnen als mit den anderen Personen, die eben im Hause versammelt sitzen; wir sind schon darum anders und zarter als sie bewegt, weil wir die beiden Liebenden auf ihrem Wege begleiteten, weil wir, eben so wie sie selbst, durch die Ungewißheit ihrer Lage und die augenblickliche Verstimmung durch den Unfall auf der Treppe des Weinbergs reizbarer und verwundbarer geworden sind. Dagegen ist der Pfarrer zwar ein aufgeklärter und einsichtsvoller Mann, aber mehr eine heitere und unbefangene, als empfindsame Natur, und in dem Augenblicke, da das Paar in die Thüre tritt, freut er sich, ein Werk vollendet zu sehen, das er größtenthcils selbst bereitet hat. In diesem Moment kann er, weniger um den Schmerz, den er augenblicklich zufügen wird, als um die Erklärung bekümmert, die er hervorlocken will, der Versuchung nicht widerstehen, das Gemüth des Mädchens aufs Aeußcrste zu bringen und dadurch ihre Gesinnung zu prüfen. In diesem Sinne setzt er die Verwirrung durch Verstellung fort, und auf diese Weise konnte der Dichter eine Aenßernng nicht vermeiden, zu der einmal alles gegeben, alles vorbereitet war. Aber er hätte auch seinen epischen Vortheil nur wenig verstanden, wenn er sie, durch eine falsche Dclicatesse verleitet, hätte aufgebcn wollen. Denn gerade diese minder sorgfältige Achtung zarter Gefühle, diese Stimmung, in der wir andere nicht für verwundbarer ansehen als uns selbst, und daher ohne weitere Rücksicht unseren Launen oder Einfällen folgen, vielmehr an absichtlich angerichteten Verwirrungen und Mißverständnissen, von denen wir doch voranSsehen, daß sie sich zuletzt in einen bloß heiteren Scherz auflöscn müssen, eine sichtbare Freude haben, ist den eigentlich natürlichen, rein realistischen, und also durch beides wahrhaft epischen Charakteren am meisten eigen. Daher findet man auch Stellen dieser Art nirgends so häufig als in den Alten, und Homers „herzzcrschneidendc Worte", die vorzüglich in der Odyssee so oft wiedcrkchrcn, stehen meisten- theils in keiner anderen Bedeutung da, als hier die Rede des Geistlichen, nur daß ihnen mehr lustiger Scherz und manchmal sogar eine gewisse Rohheit beigemischt ist. 181 Io wie diese einzelnen, sind die meisten, oder, genau genommen, vielmehr alle Umstände, die der Dichter in seinen Plan verwebt hat, durch eine dreifache Nothwcndigkeit begründet: 1. als Folgen des vorher Gegebenen: 2. als Mittel znm Zweck des Ganzen; 3. endlich als die tauglichsten Werkzeuge zur Hervorbringung einer wahrhaft epischen Wirkung, und daran, daß dieses alles immer unzertrennlich znsammengeht, sieht man, daß das Ganze aus einer einzigen rein dichterischen Anschauung entstanden ist. Dies durch alle Theile des Gedichtes hindurch einzeln zu zeigen, würde eine überflüssige Arbeit sein, da gewiß alle in ihrer ganzen Verkettung dein Leser gegenwärtig sind. Auch haben wir im Vorigen (XX bis XXXVI) schon eine Veranlassung gefunden, die uns beinahe durch das ganze Gedicht vom Anfänge bis zum Ende geführt hat. Wir können uns daher hier begnügen, nur noch ein Paar allgemeine Bemerkungen hinznznfügen. X611. Benutzung des Ortes und der Zeit. Die Quellen, aus welchen der epische Dichter alle seine Mittel schöpft, find allein der Lauf der Begebenheit und die Natur der Charaktere, die er darstellt. Der unserige, der in dem elfteren keine große Hülfe finden konnte, mußte sich vorzugsweise an die letztere halten; indcß hat er der eigentlichen Begebenheit etwas anderes unterzuschicben gewußt, wovon er mehr, als vielleicht bisher ein anderer Dichter, trefflichen Nutzen gezogen hat — den Ort und die Zeit. Beide bestimmt er mit unermüdlicher Sorgfalt, bei beiden vernachlässigt er schlechterdings keine Beziehung, die sie auf die Handlung oder die Personen haben können; und dadurch gruppiren sich nun in diesen Umgebungen die Figuren noch dichter und schöner zusammen. Die Zeit der Handlung ist, wie das Verhältniß zu ihrem Umfange forderte, nur sehr kurz, nur von dem Anfänge des Nachmittags bis zum Einbrüche der Nacht. Auch dies ist wieder zugleich in der Lage der Sachen gegründet. 182 Eilte nicht Hermann, Dorotheen noch an demselben Tage zu besitzen, so zog sie fort, und verschwand ihm vielleicht ans immer in der Verwirrung des Kriegs und in: traurigen Hinziehn und Herziehn. Der Tag ist ein schwüler Sommertag, der sich mit einem Gewitter und Regenguß endigt. Wie gut der Dichter diesen Umstand, den Einfluß der Tageszeit und des Himmels auf die Stimmung der Personen benutzt hat, davon haben wir schon oben ausführlicher gesprochen. Aber er hat auch die allmäligen Grade, durch die bei der Hitze eines schwülen Sommertages sich nach und nach ein Gewitter znsammenzieht, so stufenweise und so malerisch geschildert, und diese Schilderungen überall so natürlich ein- geflochtcn, daß wir den Nachmittag und Abend mit zu durchleben, die staubige Hitze zu fühlen glauben, den Himmel sich gegen Abend nach und nach schwärzen, endlich die schweren Wolken den voll und hell strahlenden Mond verschlingen sehen. Nicht weniger sorgfältig macht er uns mit dem Locale bekannt, nicht weniger Vortheil zieht er aus einigen schönen Standpunkten, wie ans der Aussicht auf das Städtchen am Birnbaum. Wir kennen die Stadt, den Weg znm benachbarte» Dorfe, den Fußpfad, der von da durch das Korn zu Hermanns Besitzung führt, vor allein aber den Gang vom Birnbaum in die Wohnung, den wir zweimal mit so verschiedenen Empfindungen zurücklegen, genau. Dennoch ist in keinem einzigen Verse eine absichtliche Beschreibung enthalten; aber da alle Personen immer mit der ganzen Anschaulichkeit reden, die sonst nur ein wirkliches Gespräch hat, und da es ein kleiner Kreis ist, in dem man sich herumdreht, in dem also dieselben Gegenstände mehreremale wiedcrkehren: so ist es eben so viel, als hätte man diesen halben Tag an dem Orte selbst zugebracht. Der Dichter dachte sich die Handlung nie ohne das Local, und dieses nie ohne jene; daher zeigt er cs immer zugleich mit ihr, und beschreibt eS nie allein und für sich. So kann z. B. der Apotheker, wenn er, ohne alle Absicht, in einer ganz episodischen Erzählung den Ort einer Spazierfahrt nennt, auf keinen anderen als aus den Lindcnbrunnen kommen, der uns schon durch eine ganz andere Erinnerung so Werth ist; und eben so in allen übrigen Stellen. Aber unserem Dichter macht es auch die Eigenthümlichkcit seines Stoffes mehr, als einem anderen, zur Pflicht, die äußeren Verhältnisse seiner Personen nicht zu vernachlässigen. Da sie immer weniger durch ihre einzelnen Handlungen, als durch ihren Charakter, ihre Gesinnungen, 183 ihre Lebensart intcresstren können, sa darf er nicht weniger Sorgfalt darauf verwenden, diese Dinge, die sic täglich umgeben, als sie selbst, zu zeigen. So hat sein Plan den festesten Zusammenhang, so durchgängige Stetigkeit der Bewegung und vollkommene Einheit des Ganzen. Aber er verbindet mit diesen Vorzügen noch einen anderen, der, wenn er auch nicht seine epische Tauglichkeit vermehrt, doch die Wirkung des Gedichtes sehr angenehm verstärkt, nämlich eine gewisse regelmäßige, man darf es sagen, absichtliche Symmetrie. Sie kann dem aufmerksamen Leser von selbst nicht entgangen sein, und auch wir haben sie schon an mehr als Einer Stelle in dem Bisherigen berührt. Sic gicbt der ganzen Production eine gewisse Lieblichkeit und Zierlichkeit, die nur der Kunst angchört, und den Werken derselben um so sichtbarer eigen sein muß, als es ihnen an großem Umfange und an eigentlicher Erhabenheit abgeht. Wo sie fehlt, wird das Ernste leicht feierlich, das Pathetische leicht drückend; wo sie übertrieben ist, geht alle Wahrheit und aller Eindruck auf die Empfindung verloren. So, wie unser Dichter, hierin die Mittclstraße zu halten, die höchste und einfachste Natur, so ganz ohne ihr das Mindeste ihrer Wahrheit zu entziehen, mit dem sichtbaren Gepräge der Kunst zu stempeln, ist vielleicht der sicherste Beweis einer echten Künstlernatur. XCIII. Stetigkeit in den nach einander erregten Empfindungen. — Ausnahme davon. — Mittet des Apothekers gegen die Ungeduld. Eben die Stetigkeit und Einheit, die in dein Plane des Gedichtes herrscht, finden wir anch-in den Empfindungen, die nach einander erregt werden, wieder. Alle kommen in der reinsten und menschlichsten Theil- nahme an der Bildung und an dem Glücke der Menschheit, in der Gesinnung mit einander überein, die, billig in der Beurtheilnng Anderer, uns bloß streng gegen uns selbst macht, aber uns doch immer in ununterbrochener Thätigkeit und heiterem Muthe erhält. Im Einzelnen läuft jede immer sanft in die andere über. Wenn das Gespräch eine zu ernsthafte oder rührende Gestalt annimmt, so giebt ihni der Apotheker eine leichte und lustige Wendung: wenn dieser uns zu sehr in seinen Kreis herab- zicht, so fuhrt unS der Geistliche zu einer allgemeineren philosophischen Ansicht. Besonders findet sich dieser Ucbergnng vom Pathetischen durch das Komische zur bloßen Betrachtung eben so häufig, als er auch im Leben selbst durch die zufällige Mischung der Charaktere, und selbst durch eine gewisse innere Nothweudigkeit in dieser Folge, fast beständig zuriick- kchrt. Nur in einer einzigen Stelle ist ein sichtbarer Sprung, ein gewissermaßen greller Contrast; aber da ist er auch nothwcndig, da fordert ihn die Veranlassung selbst mitten in der sonst nirgends unterbrochenen Stetigkeit der epischen Gattung. Unsere Leser crrathen gewiß, daß wir von dem Mittel gegen die Ungeduld reden wollen, das der Apotheker noch im Alter seinem seligen Vater verdankt; keiner von ihnen wird über diese Stelle leicht ohne allen Anstoß wcggelesen, jeder sich gefragt haben, was es eigentlich ist, das ihn so sonderbar daran trifft. Wir wollen versuchen, an unserem Theile von dein Verfahren des Dichters Rechenschaft zu geben. Hermanns Eltern saßen unruhig mit den beiden Freunden da, und erwarteten mit Ungeduld die Ankunft ihres Sohnes und den Ausgang der Begebenheit. Die Wichtigkeit dieser Entscheidung ließ kein anderes Gespräch anfkommcn; die Mutter vermehrte das Uebel noch durch laute Klagen, durch Hin- und Herlanfcn, und durch Vorwürfe, die sic den Freunden machte, die ihn allein gelassen hatten. Besonders wuchs dadurch der Uumnth des schon heftigen Vaters. So müssen wir uns die Lage in dem Zimmer denken und so schildert sie unS der Dichter. In dieses Zimmer soll nun, wenige Augenblicke nachher, das liebende Paar eintrctcn. Soll jetzt der Dichter diesen Augenblick durch das Unangenehme dieser allgemeinen Verstimmung verderben? Unmöglich. Er muß vielmehr ihren Empfang vorbcrciten: man muß an dem vollen Eindruck auf alle Gcmüthcr fühle», daß es Hermann und Dorothea sind, die hcrcintreten. Was gicbt cs aber für einen Ucbergang ans diesem Zustande in einen anderen, che noch die Ursache desselben aufgehört hat? Offenbar keinen anderen als einen gewaltsamen. Wodurch kan» er bewirkt werden? Offenbar nur durch etwas Großes und in die Augen Fallendes; nur durch einen grellen und harten Contrast. Denn da die Aufmerksamkeit immer allein auf die beiden Hauptfiguren gerichtet bleiben soll, so muß der Dichter suchen, die Veränderung hervorznbringen, ohne 185 doch dem Gegenstand», den er dazu braucht, eine eigene Wichtigkeit einzn- ränmcn. Gerade die Veränderung also ist es, die er sichtbar machen mnß, und darin besteht eben das, was wir Gantrast nennen. Wenn man die Aufgabe aus diese Weise stellt, so bewundert inan mit Recht, wie glücklich der Dichter das Mittel gefunden hat, sic zu lösen. Das Bild des Todes ist cs, das er wählt, und das unter allem, was sich ihm darbieten konnte, gerade das einzige Passende war. Denn indem es zugleich den doppelten Gedanken der Vernichtung und des Lebens hcrbei- ftchrt, schüttelt es durch den erstcren daS Gemüth ans jedem Zustande aus, in welchem es sich immer befinden möchte, »nd läßt durch den letzteren plötzlich auf die augenblicklich dadurch hcrvorgebrachte Leere die schönste Fülle Nachfolgen. Auch benutzt unser Dichter beide Seiten gleich vollkommen; scheuet sich nicht, uns zuerst den Tod in seiner ganzen Gräßlichkeit ans eine recht gothische Weise in der Enge dcö Sarges, der Schwärze der Farbe, der Gleichgültigkeit der Arbeiter zu zeigen, die das Haus, das einen Menschen ans ewig in sich verbergen soll, mit eben der Gleichgültigkeit, wie einen gewöhnlichen HauSrath, verfertigen; und sammelt nachher die ganze Stärke seiner Sprache, um das Leben in seiner schönsten Fülle und Kraft zu schildern. Unmittelbar also ans der nnvorthcilhaftestcn Stimmung zum Empfange des Brautpaares hat er die beste und erwünschteste hervorgerufen. Wie trefflich sind aber auch hier wieder alle übrigen Umstände behandelt! Wie anschaulich sehen wir, dem Apotheker gegenüber, die Wohnung des Tischlers; wie geschäftig arbeiten Meister und Gesellen, wie passend ist die sonderbare Erzählung dem Apotheker, die herrliche Anwendung dem Geistlichen in den Mund gelegt; wie hübsch ist die ganze Fabel ersonnen! Denn was könnte in der That besser den Ungeduldigen znrecht- weisen, als die Nähe des Todes und die Schnelligkeit der Zeit, die sein thörichter Unverstand noch gewaltsam vor sich wegzntreibcn eilt? Charaktere des Gedichtet — Allgemeine Gattung, zu der dieselben gehören, — Ihre Aehnlichkcit mit den Homerischen, Dic wahre und natürliche und zugleich feste und bestimmte Zeichnung der Charaktere fällt zu sehr ins Auge, als daß sie besonders herans- gehoben werden durfte. Aber die Behandlung derselben ist auch durchaus episch; sie ist cs in der allgemeinen Verwandtschaft aller mit einander, in der besonderen Verschiedenheit der Einzelnen, in dem Verhältniß dieser letzteren zn einander und zu dem Ganzen. Alle Charaktere unseres Gedichtes gehören sämmtlich zu Einer Gattung; denn alle Personen sind ans derselben Klasse, ans dein wohlhabenden Theile des Bürgcrstandes genommen. Was wir in allen schon auf den ersten Anblick bemerken, ist ein Uebcrgewicht der ursprünglichen Natur über die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, der natürlichen Kräfte über die Cnltnr, Der Geistliche und der Apotheker besitzen zwar auch einen höheren Grad von dieser, aber in dem letzteren ist es eine schiefe und halbe, die ihm, ohne übrigens seiner natürlichen Gutmüthigkeit zn schaden, einen gewissen komischen Anstrich giebt; in dem Geistlichen ist sie vorzugsweise ans die moralische Bildung und das Glück des Menschen, also wieder ans das Einfachste nnd Natürlichste bezogen, was gedacht werden kann. In allen finden wir daher einen schlichten nnd geraden Sinn, reine und natürliche Empfindungen, menschliche nnd billige Gesinnungen; in allen mit Einem Worte einen sehr gesunden Menschenverstand und eine gewisse wackere Gutmüthigkeit, Im Apotheker allein kann man gegen beide einige Einwürfe erheben; in ihm ist der erstere hie nnd da durch Halbcnltnr verschroben, nnd die letztere mehr Schwäche als Verdienst. In dem Geistlichen sind beide durch mehr Nachdenken und Kenntnisse zugleich erhöht nnd verändert. Aber am reinsten herrscht dieser Charakter in Hermann, in seinen Eltern nnd Dorotheen. Bei allen anderen findet sich ferner ein Zusatz, der sie in den Kreis gewöhnlicher Menschen herabzieht, nnd sie manchmal näher an das Gemeine, Platte nnd Rohe bringt. Der Vater wird bisweilen einseitig und hart; der Geistliche ist oft pedantisch, der Apotheker lächerlich. Nur Hermann, seine Mutter und Dorothea bleiben durchaus gut und edel; sie 187 sind eigentlich durchaus von gleichem absoluten Wcrthe, nur sind auch unter ihnen wieder die Nuancen fein und schön angegeben. Die Mutter ist von der thätigsten Bravheit, der reinsten Güte, der zartesten Feinheit; aber sie ist es gleichsam ohne ihr eigenes Verdienst und ohne es selbst zu wissen. Alles liegt allein in ihrer Weiblichkeit und ihrem Mnttcrgcfiihl; immer stellt sie sich nur hinter ihren Hermann zurück; immer sieht sie sich allein nur in ihm. Hermann hat die schönste Anlage zu allem Besten und Höchsten, aber sic ist mehr stark angcdcntct, als schon hinlänglich aus- gebildet. Dorothea allein zeigt einen gewissen identischen Schwung, nur sie erhebt sich zn einer Höhe, ans der sic, wie uns die letzten Gespräche zwischen ihr und Hermann deutlich beweisen, nur halb von den übrigen verstanden, allein dastcht. Mit Hermann würden Nur gern einzelne Tage verleben, ihn gern mitten in seiner Geschäftigkeit, in seinen! Familienkreise erblicken; die zärtliche Sorgfalt der Mutter würde uns herzliche Thränen ablocken; die gutmüthigc Lebhaftigkeit des Paters »ns ergötzen und freuen: aber nur mit Dorotheen möchten wir umgehen, nur sic könnten mir zur Vertranten unseres Herzens wählen. Im Ganzen, sehen wir an dieser allgemeinen Uebcrsicht, kommen die Charaktere unseres Dichters sehr mit den Homerischen überein. Auch in Homers Helden finden wir vor allem ein Herz in der Brust, „das Unrecht hasset und Unbill," einen geraden Sinn, der alles Verworrene kurz und einfach schlichtet, und einen Math, der daS einmal Beschlossene kraftvoll ansführt. Auch in der äußeren Lebensart ist eine auffallende Aehnlichkeit. Auch Homers Helden hat „Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärkct"; auch, sie sind selbst Ackersleutc, schirren, wie Hermann, ihre Pferde selbst an, und spannen sic selbst an den Wagen. Ja, was noch mehr ist, in dem Richter der ansgewandcrten Gemeine erkennen wir an der Weisheit, mit der er den unbesonnenen Hansen zur Ordnung und zum Frieden ermahnt, an dem Ansehen, mit dem er durch wenige Worte ihre Streitigkeiten schlichtet und die Ruhe wieder hcrstcllt, den Führer der Völker wieder, wie ihn uns Homer, und noch mehr, wie ihn nnS Hesiodns schildert. Von dieser Seite hat daher die eigentliche heroische Epopöe nur sehr wenig vor der unseligen voraus. Kein epischer Dichter nämlich kann das Heldcnmäßigc in den Charakteren entbehren. Denn wenn der lyrische und der tragische nur einzelne Empfindungen und Leidenschaften brauchen, so braucht er hingegen das ganze Wesen des Menschen. Dieses ganze Wesen also muß auch nothwendig etwas Dichterisches besitzen, außer seiner inneren und eigentlichen Trefflichkeit zugleich ein taugliches Object für die Einbildungskraft abgebcn. Dies aber, wozu vor allem anderen Selbstständigkeit und Natur gehört, ist cs gerade, was wir heldenmäßig nennen. Wer also in der Epopöe mit Glück anfgeführt werden soll, muß selbst, und ans eigener und ans lebendiger Kraft handeln. X6V. 'tü'rhaltwß dcr tticklur und cincr ruüivirteu Jcit zu dkm cpischen Gebraucht. Daher ist nichts dem epischen Geiste in so hohem Grade zuwider als die bloße Enltnr. Denn sic ist nichts Selbstständiges, eine bloße unbestimmte Tauglichkeit zu allem Möglichen; keine Kraft, ein bloßer Besitz; nichts Lebendiges, ein todtcr Schatz, der, wenn er Nutzen stiften soll, erst gebraucht werden muß. Sie geht aber auch noch darauf ans, Selbstständigkeit, Kraft und Leben überall zu tödten, wo sie es findet. In dem Augenblicke also, da der Mensch Enltnr sucht, muß er ihr auch entgegenarbeiten, in dem Augenblicke, da er, das Gebiet der bloßen Natur verlassend, in ihr Gebiet hinübcrtritt, beginnt für ihn ein Kampf, der nicht eher geendigt ist, als bis er sic mit der Natur in llcbercinstimmung gebracht hat. Denn ohne die Möglichkeit einer solchen Schlichtung des Streites durch nachfolgende Harmonie, wäre es thöricht, sich überhaupt in denselben cinznlasseu. Die ursprüngliche und lebendige Kraft muß also durch die Enltnr sich bereichern, dagegen aber ihrer unbestimmten Tauglichkeit ein bestimmtes Ziel geben, und das Todtc nach und nach in Leben verwandeln. 'Nur so wird der cnltivirte (bloß bearbeitete) Mensch von dem bloß natürlichen zum gebildeten. Alle Enltnr nämlich ist ein Werk des abgesondert wirkenden Verstandes. Nun üben, ohne die Ausbildung desselben, die Dinge um uns her eben so wohl ihren Einfluß ans unsere Empfindungen aus, erregen eben so wohl unsere Neigungen und Leidenschaften. Aus beidcm aber entstehen unsere Gesinnungen. Es ist also ein Charakter möglich, auf dessen Bildung der bloße Verstand gar keinen bedeutenden Einfluß gehabt hat; die reine Natur hat allein auf den reinen Menschen eingewirkt. Wir 189 empfinden nnd begehren eben so gut als nachher; aber das, was aus nnS ein-, nnd was ans nnS znrückwirkt, nnd die Art, wie dies geschieht, ist uns einzeln nicht klar nnd verständlich. Dies ist die Periode der bloßen Natur. Unser Verstand entwickelt sich, eine tiefere Einsicht beginnt, wir unterscheiden nnö deutlicher von dem Objecte, und ein Object von dem anderen. Wir verstehen besser, was mit uns vorgeht, aber wir lassen auch unseren Empfindungen weniger natürliche Freiheit, nnd so lange also unsere Cultnr noch unvollständig nnd einseitig ist, verderben nnd verdrehen wir unser gesundes nnd gerades Gefühl. Dies ist die Periode der bloßen Cultnr. Unsere Einsicht erweitert sich, wir geben nnS, besser über uns selbst belehrt, unsere natürliche Freiheit wieder, kehren von den Verirrungen, zu denen uns eine einseitige Cultnr verführt hatte, auf die Spur der Natur zurück; wir werden nun wieder zu eben dem, was wir waren, ehe wir ausgingcn, aber wir selbst nnd die Welt sind uns nun verständlich nnd klar, und dies bessere und vollere Verstehen hat zugleich unserem Gefühle und unseren Neigungen eine andere Gestalt mitgctheilt: sic sind verfeinert worden, ohne eigentlich in ihrem Wesen verändert zu werden. Dies ist die Periode der vollendeten Bildung. Zn dieser letzten Periode kann nun zwar der epische Dichter den Menschen wieder aufnehmen, nnd so ans einmal den doppelten Vorzug der Natur nnd der Cultnr vereinigen. Zu gewissem Grade thut er dies auch wirklich. So hat der unserigc z. B. Dorotheen nnd dem Richter eine sehr hohe, aber eine durch Begebenheiten und Erfahrung, nicht durch Wissen und Studium hervorgebrachte gegeben. Doch abgerechnet, daß durch eine solche Beimischung einer mannichfaltigeren Bildung die dichterische Wirkung nur wenig gewinnt, so wird er auch noch, sich jenes Vortheiles ganz zu bedienen, durch etwas Anderes verhindert. Das llcbergewicht der Cultnr gicbt unserer ganzen Lebensart eine gewissermaßen unnatürliche und künstliche Gestalt, und einen ähnlichen Charakter tragen auch die Begebenheiten unserer Zeit au sich. Da sie eine Menge neuer Bedürfnisse weckt, und vor allem darauf ausgeht, die möglichst große Zahl der Zwecke mit dem möglichst kleinen Aufwande von Mitteln zu erreichen, so hat sie zwischen die Kraft des Menschen und das Werk, das er dadurch hcrvorbringt, eine Menge von Werkzeugen und Mittelgliedern gesetzt, vermöge deren ein Einziger mit geringerer Austrcn- gung eine große Masse bewegen kann. Der Mensch erscheint also seltener als die einzige Ursache einer Begebenheit, und noch seltener als die unmittelbare. Er handelt nicht allein, oder nicht frei, oder wenigstens nicht selbst und geradezu. Das Zusammenwirken der Menschen und Ereignisse ist so vielfach und mächtig geworden, daß wir weit öfter den Zufall — das Zusammentreffen kleiner, für sich nicht bemerkbarer Umstände — als den Entschluß Einzelner herrschen sehen; die Ausführung der außerordentlichsten Unternehmungen hängt mehr von der klugen Berechnung der Umstände und einer geschickten Anlegung des Planes, als von der Kraft und dem Muthe des Charakters ab. Der reine Mensch für sich vermag nur wenig mehr über den Menschen, und nichts über den Haufen; er muß immer durch Massen handeln, sich immer in eine Maschine verwandeln. Wenn noch eine Energie mächtig ist, so ist es allein die Energie der Leidenschaften, und die Leidenschaften selbst verlieren durch kleinliche Eitelkeit und kalten Egoismus von ihrer furchtbaren Naturgröße. Dadurch ist ein großer Charakter überhaupt, oder doch wenigstens die Stimmung seltener geworden, ihn in Anderen zu finden, oder ihn sich selbst zuzutrauen. X6VI. Möglichkeit der heroischen Epopöe in unserer Zeit. Bei dieser unpoetischen Lage unserer Zeit hat der Dichter nichts Eiligeres zu thun, als uns von da weg in eine Welt zu retten, die uns dem glücklicheren Alterthume näher führt; er muß daher seinen Stoff aus demjenigen Theile der Gesellschaft hernehmen, in welchem die ursprüngliche Natur noch die Cultur überwicgt, und ihn überhaupt mehr im bürgerlichen als im öffentlichen Leben anfsuchen; und dies ist es, wodurch die heroische Epopöe jetzt beinahe zu einer unmöglichen Aufgabe wird. Einen antiken Stofs dürfte der epische Dichter nicht leicht, so wie der tragische, wählen; dieser hat nur einen einzelnen Borfall, eine einzelne Leidenschaft zu schildern, der er, da sie durch alle Zeiten hin gleich menschlich bleibt, immer die Farbe der Wahrheit geben kann, und gewinnt nun einen, schon vor ihm in dem Geiste seiner Zuschauer poetisch gebildeten Stoff. Jenein aber, der das ganze Leben seiner Helden zugleich mit allem, was sie umgiebt, schildern soll, der bei weitem nicht mit dergleichen Willkür Züge ans seinem Bilde wcglassen, oder andere hinznfügen dars, würde es auf diesem Boden immer an Natur und pragmatischer Wahrheit mangeln. Wo aber findet er mm in der neueren Geschichte eine eigentlich epische Handlung, eine solche, in welcher der Mensch allein und unmittelbar handelnd und zugleich als Held anstritt? Gesetzt indeß, er fände auch diese, so bleibt noch immer ein anderes, beinahe unüberwindliches Hinderniß übrig. Eben die Eultur, von der wir im Vorigen sprachen, hat in unseren Handlungen einen Unterschied cingcsührt, in dem sie, ganz unabhängig von der natürlichen moralischen Würdigung, einem bloß künstlich verabredeten Maßstabe des Schicklichen und Würdigen unterworfen werden. Jede bloß körperliche Beschäftigung, alles, was zum bloß gewöhnlichen Leben gehört, ist diesen Begriffen nach unanständig und des gebildeten Mannes unwürdig; alles dies muß er anderen äußerlich und innerlich minder vom Schicksal Begünstigten überlassen. Wie soll nun der epische Dichter diese Forderung mit dem Gesetze der höchsten Sinnlichkeit, der ununterbrochenen Stetigkeit reimen? soll er seinen Helden als eine Puppe zeigen, die, immer von Anderen bedient, für sich selbst nur durch Anord- uen und Gebieten, also durch Entschlüsse und Reden, thätig erscheint ? oder soll er immer nur die Masse, die ihn umgiebt (immer also nur Begebenheiten, nicht Handlungen) schildern, ihn selbst aber, gleich einem Gott aus der Wolke, nur dann hervortreten lassen, wenn er einen entscheidenden Streich anszuführen im Stande ist? Bis also das epische Genie durch die That das Gcgentheil beweist, kann man schon hiernach, ohne noch an das Wunderbare, dessen sie schwerlich entbehren könnte, zu denken, die heroische Epopöe in unseren Tagen mit vollkommenem Rechte unter die Zahl der Unmöglichkeiten rechnen; und es bleibt daher so lange nichts anderes übrig, als alle epischen Stoffe immer nur aus dem Privatleben und zwar ans derjenigen Mcnschcnklasse zu nehmen, die wirklich auch jetzt noch natürlicher, einfacher und antiker lebt. Daß hierbei in der That in Rücksicht auf die Charaktere kein Verlust ist, kann schon Hermann und Dorothea beweisen. Was nur die Menschheit Großes und EdleS besitzt, ist darin in seinem vollsten Gehalte ausgeprägt. Dagegen ist an der Erhebung der Phantasie, an dem Schwünge der Begeisterung ein wahrer und beklagenSwerther Verlust; aber dieser wäre auch wahrscheinlich (wenn es hier der Srt wäre, die Möglichkeit der heroischen Epopöe für uns allgemein zu untersuchen) noch 192 aus anderen Gründen, als aus dem bloßen Mangel eines Passenden Stoffes unersetzbar. Der Prächtige Glanz der Epopöe scheint mit dem Sinken der griechischen Sonne erloschen zu sein; glücklich genug, daß uns unser Dichter zeigt, daß sich wenigstens die reine Bestimmtheit ihrer Umrisse, das rege Leben ihrer Figuren, mit Einem Worte ihre volle und blühende Kraft überhaupt, noch bis zu uns frisch und ungeschwächt erhalten hat. XOVlI. Darstellung einfacher Weiblichkeit i» Dorotheen. Den höchsten Gehalt in die einfachste Naturform einzuschließen, ist die Aufgabe, welcher der Dichter bei der Bildung seiner Charaktere volle Genüge leisten muß, wenn er den Geist und die Einbildungskraft seiner Leser in gleichem Grade befriedigen will. Hierin gleich glücklich zu sein, wäre dem nnscrigcn unmöglich geblieben, wenn er nicht einen weiblichen Charakter gewühlt hätte, die Hauptrolle in seiner Charakteristik zu spielen, den eigentlichen Ton darin zu bestimmen. Denn nur in der weiblichen Natur steht die natürlichste und die höchste Bildung in einer so sichtbaren Nähe neben einander; nur in ihr verschafft sich die ursprüngliche Eigenthümlichkcit immer einen vollen und leichten Sieg; nur auf sie übt die Verschiedenheit der Stände und Beschäftigungen eine minder fühlbare Macht aus. Zugleich aber konnte der Dichter auch, wie wir im Vorigen gesehen haben, seiner Haupt- wirknng unbeschadet, Dorotheen eine feinere Bildung und einen freieren Schwung der Seele einränmen. In ihr konnte er daher am besten neben einer schönen Individualität zugleich das reine Bild der Gattung anf- stellen. Denn so viele Schilderungen weiblicher Charaktere wir auch schon Goethe's Meisterhand verdanken, so zeigt kein einziger ein so treues Gemälde reiner und natürlicher Weiblichkeit, als der Charakter Dorotheens. Alle anderen sind in besonderen Lagen und Empfindungen, oder vielmehr — denn darin liegt der eigentliche Unterschied — kein einziger von jenen ist in epischem Geiste gezeichnet. In Dorotheen erblicken wir durchaus und vor allen anderen nur zwei Haupteigenschaftcn — hülfreiche Geschäf- 193 tigkeit und besonnene Gewandtheit; alle übrigen zeigen sich nur augenblicklich, nur wie die Veranlassung sie hervorrnft; ohne sie bleiben sie tief im Innern der Seele verborgen; an jenen beiden läuft ihr ganzes Leben hin, so lange es in seinem gewöhnlichen Kreise fortgeht. Die Stelle über die allgemeine Bestimmung des Weibes gehört zu den schönsten und empfnndensten, die je über diesen Gegenstand gesagt worden sind. In keinem Stande, in keinen Bcrhältnissen kann es, ohne eine solche Gesinnung, ohne diese herzliche Bereitwilligkeit zu jedem hülf- reichen Dienste, einen schönen weiblichen Charakter geben. Denn es ist ohne sie kein inniges Gefühl häuslicher Tugenden möglich, und jede weibliche Schönheit und Größe muß einmal immer auf diesem Stamme emporblühcn. Das weibliche Geschlecht ist zu der schönsten und würdigsten Herrschaft, zu der Herrschaft über die Gcmüthcr bestimmt. Das Bewußtsein dieser Bestimmung, verbunden mit dem Bewußtsein, daß diese moralische Gewalt nur durch die gänzliche Aufopferung aller physischen gewonnen werden kann, in deren Vereinigung das Wesen der Weiblichkeit besteht, machen zusammen jene Gesinnung aus. Ohne dieses ist die Herrschaft des weiblichen Geschlechtes empörend und widrig, ohne jenes seine dienstbare Unterwürfigkeit knechtisch und verächtlich. Nicht weniger weiblich und mädchenhaft als jener Zug, ist die anscheinende Kälte, mit der Dorothea bald die Empfindungen des Jünglings zurückscheucht, bald seine halb und dunkel gewagten Aenßerungcn kurz abfertigt; daß sie überall verständig, gewandt und besonnen, aber nur selten bewegt und gerührt erscheint. Die geschäftige Lebhaftigkeit der Phantasie in den Weibern, ihre größere Aufmerksamkeit ans die Dinge, welche sie umgeben, die schöne Leichtigkeit, mit der sie, wenn sie sich auch einem Gedanken, einer Empfindung überlassen, darum nicht alles klebrige aus den Augen verlieren, contrastirt sehr gut mit der Heftigkeit, dem Tiefsinn und der Feierlichkeit des Mannes, und der Contrast wird noch auffallender, wenn, wie hier, die Individualität des Charakters, statt ihn zu mildern, ihn noch erhöht. Außerdem aber sind diese Eigenschaften zugleich die, welche sich in Dorotheens Lage am natürlichsten entwickeln mußten, und die am meisten einer noch höheren und feineren Ausbildung fähig sind. W. v. Humboldt, über Goethes Hermann und Dorothea. 13 194 X6VIII. Idealität m der Charakterschilderung. — Verhältnis? der Charaktere zu einander. Durch diese Schilderung Dorotheens hat der Dichter gezeigt, wie genau er natürliche Wahrheit mit echter Idealität zu verbinden weiß. Dorothea ist in der That ganz das, was sic selbst von sich sagt: — ein tüchtiges Mädchen, Zu der Arbeit geschickt, und nicht von rohem Gcmüthc. Dies ist sie, wenn inan sie mit dem kalten Auge des bloßen Beobachters betrachtet. Aber wie viel mehr noch erscheint sic dem Blicke ihres Geliebten, wie viel mehr uns, da wir sie jetzt, durch den Dichter dazu begeistert, in dem Spiegel der Einbildungskraft ansehen! Ohne daß jenes natürliche Bild sich im mindesten verändert, können wir ihr jede weibliche Größe, jede weibliche Tugend, jede weibliche Schönheit, die nur überhaupt mit diesem Charakter Ubcreinstimincn, beilegen, und keine wird ihr fremd, jede cigcnthümlich erscheinen. Auf eine vielleicht noch auffallendere Weise finden wir indes; dies Identische in der Schilderung des Baters. Ganz wie er da ist, könnte ein solcher Charakter in der Natur cxistiren, und alsdann würden wir ihn wohl manchmal angenehm und ergötzend, aber gewiß nicht liebenswürdig im Ganzen finden. Wodurch kann er nun in den Händen des Dichters ans Idealität Anspruch machen- Bloß durch seine reine Eigcnthümlichkeit, bloß dadurch, daß alles in ihm durchaus zusammenhängt, sich durchaus gegenseitig bestimmt, daß er das Gepräge einer reinen Geburt der Phantasie an sich trägt. Wodurch versichert er sich hier unseres ungetheilten Beifalls- warum läßt er hier einen anderen Eindruck als in der Wirklichkeit zurück- Wieder eben dadurch, daß wir ihn hier nur mit unserer Einbildungskraft anschancn, daß wir dort einen Menschen sehen, der, weil er einem beschränkten Charakter bleibend angchört, dadurch minder vollkommen ist, hier nur einen Charakter sinnlich dargestellt, der zwar im Veben manchmal vorkommt, hier aber nur als ein einzelner Zug in dem großen Bilde der Menschheit erscheint; nur dadurch, daß wir in dem Gebiete der Wirklichkeit unsere Aufmerksamkeit mit einer gewissen unruhigen Besorgnis; immer nur auf die Schranken und Unvollkommenheiten 195 derselben richten, da wir hingegen im Gebiete der Phantasie, besser und reiner gestimmt, nnr ihre wirkliche Kraft, ihr wirkliches Wesen ins Ange fassen und jene Schranken nur als das anschen, was diesem eine bestimmte individuelle Gestalt giebt. Wie gut das Vcrhältniß der verschiedenen Personen unter einander beobachtet ist, haben wir schon weiter oben bemerkt. Wir haben schon oben gezeigt, wie trefflich sich unter allen der Jüngling und die Jungfrau hervorhebcn; wie alle anderen sich immer in dein Grade, in welchem sie ihnen näher verwandt sind, auch näher und dichter ihnen zur Seite stellen; wie natürlich sich Hermann und seine Eltern in das Bild Einer Familie, sie und die beiden Freunde in daS Bild benachbarter Bewohner desselben Ortes; sie alle endlich mit der ansgewandertcn Gemeine, dem Richter und Dorotheen in das Bild derselben, nnr in mehrere an Gestalt und Bildung verschiedene Stämme getheilten, Nation zusammcnschließen. Ucberall treffen wir daher das schönste Gleichgewicht, vollkommene Totalität, die natürlichste pragmatische Wahrheit, überall den echten und reinen Charakter der epischen Dichtkunst an. X6IX. D i c t i o n. Die Schönheit der Diction kann nnr an einzelnen Beispielen gezeigt, nur empfunden werden; wir schränken uns daher hier bloß auf eine einzige Bemerkung und ans wenige Worte ein. In keiner Stelle dieses ganzen Gedichtes wird man einen überflüssigen Schmuck, eine müßige Metapher, überhaupt einen Ansdruck antrcf- fen, der stärker oder prächtiger wäre, als der Gegenstand ihn verlangt. Nichts kann dem oratorischcn Stil in der Poesie, den wir vorzüglich in den Werken der Ausländer so oft bemerken, mehr entgegengesetzt sein, als der Vortrag unseres Dichters. Uebcrall schildert er nnr die Sache, aber überall auch diese in ihrem ganzen und Völlen Gehalte. Wo er große Natursccncn beschreibt, ist sein Ausdruck sinnlich, prächtig und kühn. Hermann und Dorothea gehen am Abend, da eben 196 die Sonne sich znm Untergänge neigt, nach Hause. Wie groß malt er uns dieses Schauspiel! Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief, gewittcrdrohcnd, verhüllte, AnS dem Schleier, bald hier, bald dort, mit glühenden Blicken Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. Es wird Nacht. Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne; Und so lagen vor ihnen in Massen gegen einander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkler Nächte. Ein reifes Kornfeld wogt, von der Luft bewegt, hin und wieder. Ernennt es eine goldene Kraft, die sich im ganzen Felde bewegt. Aber selbst bei diesen Schilderungen sieht man schon, daß er auch sinnliche Gegenstände nicht bloß den Sinnen malt, daß er immer die Einbildungskraft zugleich tiefer stimmt, alles charakteristisch, alles in Beziehung ans die ganze Wirkung zeichnet, die es auf uns ausübt. Denn dies ist die große und schöne Eigenthümlichkeit seines Vortrages. So wie er, wie wir im ersten Thcile dieses Aufsatzes sahen, überhaupt immer zugleich und in Eins verbunden die Gestalt mit der Gesinnung darstellt, eben so wählt er auch immer einen Ausdruck, der zugleich beides, die ersterc in aller ihrer Individualität, die letztere in aller ihrer Wahrheit zeigt. Daher besitzt er eine so eigenthümliche Kunst, viel durch einzelne Beiwörter auSzurichtcu, am meisten durch die, welche auf den ersten Anblick, und aus dem Zusammenhänge herausgerisscn, äußerst einfach scheinen, wie der wohlgebildcte Sohn, der menschliche Hauswirth, die zuverlässige Gattin. Wo er Empfindungen malt oder Wahrheiten ausführt, da vermeidet er jedes Wort, das übertrieben oder künstlich scheinen, oder mit dem nur überhaupt das einfachste und schlichteste Gefühl nicht sympathisiren könnte; dagegen knüpft er immer alles das auf einmal zusammen, was mit dieser Einfachheit verträglich ist. Dadurch bekommt jeder seiner Aussprüche ein gewisses gediegenes und antikes Ansehen, und die Begriffe von Tugend, von Glück, von Leben gewinnen bei ihm einen Gehalt und eine Fülle, die wir vergebens bei einem anderen Dichter suchen. Es scheinen nicht mehr Worte und Schilderungen; es scheinen diese Gefühle selbst, 197 wie sie aus dem Herzen hervorströmcn. Mau lese die Rede des Geistlichen über das Bild des Todes noch einmal nach, und fühle selbst, welch ein Leben ans diesen Versen hervorguillt. 0 . Einfachheit dev Dietio». So ist die Sprache unseres Dichters durchaus einfach, wahr und kräftig, durchaus in Harmonie mit seinem dichterischen Charakter, wie wir ihn im Vorigen schilderten, und mit den Forderungen der epischen Dichtkunst. Kein einzelner Ausdruck, keine Wendung, kein einziger VerS in dem Ganzen ist weder didaktisch, noch lyrisch. Der Vorwurf aber, dem dies Gedicht schwerlich ganz entgehen wird, ist der einer zu großen Einfachheit der Darstellung, einer solchen, die manchmal wenigstens matt und prosaisch wird. Bis ans einen gewissen Punkt ist dieser Tadel gegründet; cs hätte in der That hier und da ein minder gewöhnlicher Ausdruck gewählt, der Gang der Perioden durch das Hinwegschnciden müßiger Partikeln rascher gemacht; oder ohne auch hierin etwas zu ändern, durch den Ban des Verses dem kleinen llebelstande abgeholfen werden können. Größtentheils aber entsteht jener Vorwurf nur aus einer einseitigen Ansicht derer, die ihn erheben. Einmal darf ein Gedicht, wie das gegenwärtige, nicht stcllcnweis, es muß im Ganzen benrtheilt werden. Nur wenn der Eindruck des Ganzen matt und Prosaisch ist, oder wenn Leser, die mit vollkommener Theilnahme an dem Gegenstände ihre Aufmerksamkeit durchaus auf das Ganze richten, durch einzelne prosaische Stellen gestört werden, nur dann ist jener Tadel gegründet. Sonst aber ist es sehr natürlich, daß, um dem Ganzen das nöthige Gleichgewicht zu erhalten, um nicht überhaupt in einen Schwung zu gerathcn, der dieser Gattung nicht znkommt, einzelne Stellen so gemildert werden müssen, daß sie, allein heransgehobcn, nicht anders als matt erscheinen können. Dann giebt es auch bei der Bcnrthcilnng dessen, was die einen matt, und die anderen nur einfach und natürlich nennen, offenbar zwei verschiedene Standpunkte. Die einen nämlich gehen bei dem Dichter mehr von 198 dem Begriff des Rhapsoden (des Sängers), die anderen mehr von dem des Poeten ans — wenn cs nämlich erlaubt ist, diese beiden Begriffe, in so fern in dem einen mehr das Musikalische des Gesanges, in dem ande- ren mehr das Künstlerische der Form herrschend ist, von einander zu trennen. Jene sehen ihn als einen Menschen an, der, durch die Eingebung eines Gottes in einen sinnlichen Schwung, in eine hohe Begeisterung versetzt, mm auch eine Sprache annimmt, die sich über alles Gewöhnliche cmporhebt, nicht nur der Größe ihres Gegenstandes mit der Kühnheit ihres Ausdruckes folgt, sondern ihm vielmehr da, wo er kleiner erscheint, durch noch größere Kühnheit nachhilft. Sie wollen ganz andere Worte, andere Wendungen, kurz eine durchaus und in jedem Einzelnen andere Sprache, als die Prosa verlangt. Diese betrachten ihn als einen, dessen Einbildungskraft einen Gegenstand lebhaft aufgcfaßt hat, und nun, mehr um die Sache, als um den Ton bekümmert, nur daran arbeitet, ihn auszubilden, und wieder der Einbildungskraft Anderer Werth zu machen, im Einzelnen der gewöhnlichen Sprache nahe bleibt, aber das Ganze dadurch allein nmändert und cmporhebt, daß er eS, seiner Form nach, zu einem reinen Werke der Phantasie macht. Diese beiden Ansichten näher zu Prüfen und zu würdigen, die Zeiten und Sprachen zu vergleichen, in welchen die eine oder die andere mehr gegolten hat, würde nnläugbar zu wichtigen Resultaten führen. Es würde uns lehren, daß erst die vollkommene Scheidung der poetischen und prosaischen Sprache das Zeichen der vollendeten Bildung des Stils ist, und daß für diese Bollendung bei uns, wenn nicht die Poesie zu prosaisch, doch die Prosa noch zu poetisch ist. Allein da dies eigene und weitläufige Untersuchungen erforderte, da es uns offenbar uöthigcn würde, tief in die Sprache Homcr's und Plato's (welcher letztere vorzüglich hierüber treffliche Winke enthält) einzngchen; so müssen wir uns hier dabei begnügen, daß in jeder dieser Ansichten, so wie sie im Vorigen geschildert sind, dennoch offenbar etwas Einseitiges und Uebertriebenes liegt, und daß jede unläug- bar besser zu einer besonderen Art der Dichtkunst paßt. Wenn nun unser Dichter ein billigeres Urtheil nach der letzteren erfährt, so verdient er es mit desto größerem Rechte, weil seine Gattung und sein Charakter derselben offenbar mehr angemessen ist. 199 s'I. P c r i r> d r u b a u. Der Periodenbau ist so meisterhaft, daß er ein eigenes Studium verdiente. Er schildert überall den Gegenstand selbst, folgt ihm in allen seinen Bewegungen, besitzt dabei einen so vollen Numerus des Wohlklanges , schlingt sich so schön durch alle Theile des Rhythmus und durch die Verse hin, und verbindet mit allen diesen Vorzügen eine so ungezwungene und natürliche Leichtigkeit, daß er dadurch allein gewiß sehr viel zu der Objectivität beiträgt, die wir mit so vielem Rechte an diesem Gedichte bewundern. Sich hiervon im Einzelnen zu überführen, vergleiche man nur die Beschreibung des verwirrten Gepäckes auf den Wagen der Ausgewanderten, und des Umschlagens eines derselben. Unter den Constrnctionen sind mehrere, welche eine Grammatik, die streng am alten Gebrauche hängt, Neuerungen nennen würde. So hat der Dichter z. B. die Trennung des Genitivs von dem Snbstantivum, das ihn regiert, sehr häufig und an einigen Stellen sehr glücklich gebraucht. Wer fühlt z. B. nicht den größeren Nachdruck, den durch diese Wendung folgende Worte der Mutter erhalten: Denn mir gab der Tag den Gemahl; cs haben die ersten Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben. Aber auch da, wo sie nicht gerade diese Wirkung hervorbringt, hat sie einen Reiz, der sich manchmal besser empfinden als erklären läßt. 611 . Versbau und Rhythmus. Die Behandlung der Verse gäbe einer Kritik, die ins Einzelne ein- geheu wollte, zu mancherlei Bemerkungen Stoff. Es ist nicht zu läug- nen, daß hier eine Menge kleiner Flecken ins Auge fallen, die man in einem übrigens so vollkommenen Ganzen lieber wegwünschte. Jndeß zeigt sich doch anch hier eine gewisse Einheit in dem Charakter des Dichters. Die bloße einfache Schilderung des Gegenstandes hat in seiner Seele vor der rhythmischen Form einen gewissen Vorzug behauptet. Daher ist der Bau der Perioden besser behandelt als der Bau der Verse, der Numerus besser als der Rhythmus, welcher letztere nicht mir reicher, sondern auch reiner sein könnte. Sein Stoff hat sich ihm nicht gleich bei dem ersten Wurf hinlänglich rhythmisch geformt dargestellt, und sein nachhcri- ger offenbar sichtbarer Fleiß hat diesem Mangel nicht überall nachhelfen können. Die Vorzüge also, die ihm der Versbau darbot, hat er nicht eben so, als alle übrigen, geltend gemacht; er hat nicht einmal hier durch strenge Beobachtung der Regeln die nothwendige Corrccthcit erlangt. Daß er aber diese Regeln anerkennt, daß er nicht, wie wohl Andere, glaubt, es sei genug, wenn die Verse fließend und wohlklingend sind, sie möchten übrigens Hexameter sein oder nicht, oder gar daß es andere Hexameter gebe, als die uns die Alten überliefert haben, beweist er genug dadurch, daß unter allen Hexametern, die wir ihm verdanken, diese nicht nur bei weitem die besten, sondern auch großcntheils regelmäßig und tadelfrei, sehr viele derselben musterhaft und vortrefflich sind. Sollte er aber auch in der Folge dahin gelangen, alle kleinen Nachlässigkeiten zu vermeiden, so wird er doch schwerlich je dahin kommen, daß sich die Schönheit und Pracht des Verses, der Reichthnm des Rhythmus mit einem gewissen Uebergewichte in seinen Productionen ankündigcn sollte; und wer ihn tiefer studirt hat, wird dies nicht einmal wünschen können. Nimmt man daher alles zusammen, was die Diction, den Numerus und den Rhythmus unseres Dichters betrifft, so erscheint er auch hier in durchgängiger Harmonie mit sich selbst, und läßt anch von dieser Seite, im Ganzen genommen, nichts zu verlangen übrig. Im Einzelnen aber werden wir freilich hier kleine Flecken und Nachlässigkeiten gewahr, welche die einen minder, die anderen inehr stören werden, je nachdem einige wirklich strenger und zarter, oder, was vielleicht eben so oft der Fall ist, kleinlicher und pedantischer in ihre«: Forderungen sind. Aber selbst diese Nachlässigkeiten verdienen kaum diesen Namen, da sie fast alle wieder kleine Vorzüge mit sich führen. Alan versuche es nur, Jncorrcctheiten in diesem Gedichte umzuändern, und man wird nur äußerst selten darin glücklich sein, ohne zugleich irgend eine, wenn auch vielleicht kleine, Schönheit der Diction aufopfcrn zu müssen, wenn man nur fein 201 und tief genug in die Eigcnthümlichkcit des Dichters, in die Einfachheit nnd Objektivität seines Vortrags cingeht. Wie leicht scheint es z. B. in dem Verse: Reichen Gcbreitc nicht da, nnd nnten Weinberg und Garten der freilich durchaus unstatthaften Verkürzung der Stammsylbe „ — bcrg" durch die Versetzung: — Garten und Weinberg abzuhclfen. Aber alsdann wird die Folge der Gegenstände, wie sie in der Natur ist, verändert, nnd Hermann nennt zuerst, was seinem Auge später erscheint, nnd eben so werden sich ähnliche Gründe dem Versuche einer bloßen Veränderung (die nicht die ganze Periode umarbeitct) in einer Menge anderer Stellen Widerschein Nicht also in einer Unbckanntschaft mit den Regeln des Versbaues, nnd noch weniger in einer Geringschätzung derselben ist der Mangel, von dem wir hier reden, gegründet; er liegt tiefer in dem Charakter des Dichters, und entsteht allein durch das Ucbergcwicht eines großen und unläugbaren Vorzugs, so daß der Dichter, wo er glücklich genug ist, denselben ganz zu überwinden, nun auch die höchste Vollendung zugleich in der Form und in dem Tone der Darstellung erreicht. 6III. Ucbercinstimmimg Lc§ besonderen Charakters des Gedichte» mit dem allgemeinen der Gattung, z» der cs gehört. Wir haben nunmehr die zwiefache Bcurtheilung beendigt, welcher wir dieses Gedicht unterwerfen wollten. Wenn wir unseren Blick noch einmal auf dieselbe zurückwenden, so finden wir den subjectiven Charakter des Dichters mit den objcctiven Gesetzen der Gattung, die er behandelt hat, in durchgängiger Ueberein- stimmung. In ihm fanden wir vorzugsweise rein dichterische Darstellungsgabe, Natur und Wahrheit, Ruhe und Einfachheit, Kraft und diejenige Fülle des Gehaltes, welche alle Kräfte des Gemüthes, den ganzen Menschen IS' 202 befriedigt. Eben diese Eigenschaften fordert aber auch das epische Gedicht, und gerade in eben der Mischung und Stimmung diejenige besondere Art desselben, der wir Hermann und Dorothea bcigczählt haben. Durch diese Uebcrcinstimmung nun mußte nothwendig das entstehen, wovon wir, als der Totalwirknng des ganzen Gedichtes, im Anfänge (I.) ansgingen: die strenge und rein poetische Objcctivität, die Verbindung vollkommener Individualität mit echter Idealität. Es mußte die Erscheinung Hervorkommen, daß wir uns von einem einfachen und schlichten Gegenstände aus in eine Welt identischer Gestalten versetzt, von einem einzigen Bilde aus zu den höchsten Ansichten erhoben, von den tiefsten Empfindungen durchdrungen fühlen. Wenn uns die Auseinandersetzung unserer Gedanken gelungen ist, so muß der Leser nicht nur jetzt Ansehen, wie dies zugcgangen ist, sondern auch auf das deutlichste verstehen, wie es bloß dadurch möglich war, daß sich der Dichter ausschließlich unserer Einbildungskraft bemeisterte. 6IV. S ck t a ß. Da wir jetzt nichts mehr über unseren Gegenstand hinzuznfügen haben, so sei es uns erlaubt, noch einen allgemeinen Blick auf die Aesthc- tik überhaupt zu werfen. Wir haben in unserer Untersuchung auf die ersten Grundsätze derselben zurückgcheu, wir haben die Frage vorlcgen müssen: wie sind überhaupt ästhetische Wirkungen durch den Künstler möglich? Wir haben es nicht vermeiden können, das Wesen der Kunst überhaupt nahe zu berühren, da sowohl unter allen Dichternaturen die unseres Dichters, als unter allen Dichtungsarten die epische das reinste Gepräge der darstellenden Kunst überhaupt an sich trägt. Wir haben uns bei dieser Veranlassung genauer über das Wesen und die Methode der Aesthetik im Allgemeinen geprüft, und zu finden geglaubt, daß sie alle ihre Gesetze allein aus der Natur der Einbildungskraft, für sich genommen und auf die anderen Gemüthskräfte bezogen, ableiten, und um vollständig zu sein, einen doppelten Kreis vollenden muß, einmal objectiv den der Möglichkeit ästhetischer Wirkungen, dann subjectiv den der Möglichkeit ästhetischer Stimmungen, also, auf die Dichtkunst angewandt, eben so wohl die verschiedenen Dichternaturen, als die verschiedenen Dich- tungsartcn einzeln darzustcllcn und zu würdigen hat. Diesen Grundsätzen sind wir bei der gegenwärtigen Beurtheilung gefolgt, und sie würde ihren Zweck ganz erreicht haben, wenn sie Anspruch darauf machen dürfte, als ein Fragment einer so ausgcarbeiteten Theorie der Kunst betrachtet zu werden. Die vollständige Ausführung einer solchen Theorie aber dürste nie erwünschter als jetzt erscheinen, da sie die Kunst, sie immer auf den Menschen und sein inneres Wesen beziehend, mit der moralischen Bildung in nähere Verbindung setzen würde, als bisher geschehen ist, und es nie nöthiger war, die inneren Formen des Charakters zu bilden und zu befestigen, als jetzt, wo die äußeren der Umstände und der Gewohnheit mit so furchtbarer Gewalt einen.allgemeinen Umsturz drohen.