XI
Hermann und Dorothea und dabei, so Niel als innerhalb dieser Begren-zung möglich, eine Würdigung non Gocthe's gesammter Dichtcrnatur undEigenthümlichkeit sein; und zweitens sollte es, zur Beweisführung, daß hierein Kunstwerk der höchsten Art vorlicge, das Einzelne aus dem Allgemei-nen ableitend, sich zu einer umfassenden philosophischen Kunst- und Dicht-lehre, oder, um den eigenen Ausdruck Humboldt's beizubehalten, sich zu einerElementar-Aesthetik erweitern. Allerdings hat Humboldt die Verschlingungdieser Doppelaufgabe mit großer Geschicklichkeit angelegt. Lcssing's Laokoon,welcher in gleicher Weise von einem einzelnen Ausgangspunkte zur Dar-legung allgemeiner Kunstgcsetze aufsteigt, ist das unverkennbare, oft mitgroßer Feinheit nachgebildcte Muster. Die strengste Folgerichtigkeit deslogischen Fortschritts ist scharf und deutlich hcrvorgehoben. Der ersteTheil (Abschnitt I bis ll,.) schildert Hermann und Dorothea als achtesKunstwerk und als achtes Gedicht; daher die Erörterung des Wesens derKunst an sich und der Dichtkunst insbesondere, die Unterscheidung deshohen und reinen Stils von der Manier oder dem Afterstil, der Be-griffsentwickclnng des Naiven und Sentimentalen oder des Antiken undRomantisch-Modernen. Die zweite Hälfte (Abschnitt U! bis OIV.) schil-dert Hermann und Dorothea als achtes Epos; daher der Begriff des Eposund sein Gegensatz gegen Tragödie und Lyrik, die Abgrenzung von Eposund Idylle, die Begründung und Aufsuchung der epischen Gesetze undMotive. Zuerst immer das Allgemeine, dann die Nutzanwendung ansdas Einzelne. Die Betrachtung bewegt sich, um ein Bild aus dem Bucheselbst zu entlehnen, in lauter kleinen, sanft gebrochenen und doch immerstetigen Welle»; sie scheint sich nach Laune und Zufall des Augenblicksfrei zu ergehen und steuert doch klar und sicher nach dem fest abgestecktenZiele. Aber ein Uebelstand bleibt es trotzalledcm, daß Humboldt allediese weit auseinander liegenden Fragen, blos darum, weil er die Anregungund Lösung derselben gleichzeitig empfangen und erarbeitet hatte, nun auchsofort in eine gemeinsame Form goß und einem und demselben Buch an-vertrante. Der Grundgedanke von Lessing's Laokoon, die Erforschung derunverbrüchlichen Stiluntcrschiede zwischen der Dichtung und den bildenden