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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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aus anderen Gründen, als aus dem bloßen Mangel eines PassendenStoffes unersetzbar. Der Prächtige Glanz der Epopöe scheint mit demSinken der griechischen Sonne erloschen zu sein; glücklich genug, daß unsunser Dichter zeigt, daß sich wenigstens die reine Bestimmtheit ihrer Um-risse, das rege Leben ihrer Figuren, mit Einem Worte ihre volle undblühende Kraft überhaupt, noch bis zu uns frisch und ungeschwächt er-halten hat.

XOVlI.

Darstellung einfacher Weiblichkeit i» Dorotheen.

Den höchsten Gehalt in die einfachste Naturform einzuschließen, istdie Aufgabe, welcher der Dichter bei der Bildung seiner Charaktere volleGenüge leisten muß, wenn er den Geist und die Einbildungskraft seinerLeser in gleichem Grade befriedigen will.

Hierin gleich glücklich zu sein, wäre dem nnscrigcn unmöglich ge-blieben, wenn er nicht einen weiblichen Charakter gewühlt hätte, dieHauptrolle in seiner Charakteristik zu spielen, den eigentlichen Ton darinzu bestimmen. Denn nur in der weiblichen Natur steht die natürlichsteund die höchste Bildung in einer so sichtbaren Nähe neben einander; nurin ihr verschafft sich die ursprüngliche Eigenthümlichkcit immer einen vol-len und leichten Sieg; nur auf sie übt die Verschiedenheit der Ständeund Beschäftigungen eine minder fühlbare Macht aus. Zugleich aberkonnte der Dichter auch, wie wir im Vorigen gesehen haben, seiner Haupt-wirknng unbeschadet, Dorotheen eine feinere Bildung und einen freierenSchwung der Seele einränmen. In ihr konnte er daher am besten nebeneiner schönen Individualität zugleich das reine Bild der Gattung anf-stellen.

Denn so viele Schilderungen weiblicher Charaktere wir auch schonGoethe's Meisterhand verdanken, so zeigt kein einziger ein so treues Ge-mälde reiner und natürlicher Weiblichkeit, als der Charakter Dorotheens.Alle anderen sind in besonderen Lagen und Empfindungen, oder vielmehr denn darin liegt der eigentliche Unterschied kein einziger von jenenist in epischem Geiste gezeichnet. In Dorotheen erblicken wir durchausund vor allen anderen nur zwei Haupteigenschaftcn hülfreiche Geschäf-