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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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tigkeit und besonnene Gewandtheit; alle übrigen zeigen sich nur augenblick-lich, nur wie die Veranlassung sie hervorrnft; ohne sie bleiben sie tief imInnern der Seele verborgen; an jenen beiden läuft ihr ganzes Leben hin,so lange es in seinem gewöhnlichen Kreise fortgeht.

Die Stelle über die allgemeine Bestimmung des Weibes gehört zuden schönsten und empfnndensten, die je über diesen Gegenstand gesagtworden sind. In keinem Stande, in keinen Bcrhältnissen kann es, ohneeine solche Gesinnung, ohne diese herzliche Bereitwilligkeit zu jedem hülf-reichen Dienste, einen schönen weiblichen Charakter geben. Denn es istohne sie kein inniges Gefühl häuslicher Tugenden möglich, und jede weib-liche Schönheit und Größe muß einmal immer auf diesem Stammeemporblühcn. Das weibliche Geschlecht ist zu der schönsten und würdig-sten Herrschaft, zu der Herrschaft über die Gcmüthcr bestimmt. DasBewußtsein dieser Bestimmung, verbunden mit dem Bewußtsein, daßdiese moralische Gewalt nur durch die gänzliche Aufopferung aller physi-schen gewonnen werden kann, in deren Vereinigung das Wesen der Weib-lichkeit besteht, machen zusammen jene Gesinnung aus. Ohne dieses istdie Herrschaft des weiblichen Geschlechtes empörend und widrig, ohne jenesseine dienstbare Unterwürfigkeit knechtisch und verächtlich.

Nicht weniger weiblich und mädchenhaft als jener Zug, ist die an-scheinende Kälte, mit der Dorothea bald die Empfindungen des Jünglingszurückscheucht, bald seine halb und dunkel gewagten Aenßerungcn kurz ab-fertigt; daß sie überall verständig, gewandt und besonnen, aber nur seltenbewegt und gerührt erscheint. Die geschäftige Lebhaftigkeit der Phantasiein den Weibern, ihre größere Aufmerksamkeit ans die Dinge, welche sieumgeben, die schöne Leichtigkeit, mit der sie, wenn sie sich auch einemGedanken, einer Empfindung überlassen, darum nicht alles klebrige aus denAugen verlieren, contrastirt sehr gut mit der Heftigkeit, dem Tiefsinn undder Feierlichkeit des Mannes, und der Contrast wird noch auffallender,wenn, wie hier, die Individualität des Charakters, statt ihn zu mildern,ihn noch erhöht. Außerdem aber sind diese Eigenschaften zugleich die,welche sich in Dorotheens Lage am natürlichsten entwickeln mußten, unddie am meisten einer noch höheren und feineren Ausbildung fähig sind.

W. v. Humboldt, über Goethes Hermann und Dorothea.

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