Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
188
Einzelbild herunterladen
 

nothwendig etwas Dichterisches besitzen, außer seiner inneren und eigent-lichen Trefflichkeit zugleich ein taugliches Object für die Einbildungskraftabgebcn. Dies aber, wozu vor allem anderen Selbstständigkeit und Naturgehört, ist cs gerade, was wir heldenmäßig nennen. Wer also in derEpopöe mit Glück anfgeführt werden soll, muß selbst, und ans eigenerund ans lebendiger Kraft handeln.

X6V.

''rhaltwß dcr tticklur und cincr ruüivirteu Jcit zu dkm cpischen Gebraucht.

Daher ist nichts dem epischen Geiste in so hohem Grade zuwiderals die bloße Enltnr. Denn sic ist nichts Selbstständiges, eine bloße un-bestimmte Tauglichkeit zu allem Möglichen; keine Kraft, ein bloßer Besitz;nichts Lebendiges, ein todtcr Schatz, der, wenn er Nutzen stiften soll, erstgebraucht werden muß. Sie geht aber auch noch darauf ans, Selbststän-digkeit, Kraft und Leben überall zu tödten, wo sie es findet. In demAugenblicke also, da der Mensch Enltnr sucht, muß er ihr auch entgegen-arbeiten, in dem Augenblicke, da er, das Gebiet der bloßen Natur ver-lassend, in ihr Gebiet hinübcrtritt, beginnt für ihn ein Kampf, der nichteher geendigt ist, als bis er sic mit der Natur in llcbercinstimmung ge-bracht hat. Denn ohne die Möglichkeit einer solchen Schlichtung desStreites durch nachfolgende Harmonie, wäre es thöricht, sich überhaupt indenselben cinznlasseu. Die ursprüngliche und lebendige Kraft muß alsodurch die Enltnr sich bereichern, dagegen aber ihrer unbestimmten Taug-lichkeit ein bestimmtes Ziel geben, und das Todtc nach und nach in Lebenverwandeln. 'Nur so wird der cnltivirte (bloß bearbeitete) Mensch vondem bloß natürlichen zum gebildeten.

Alle Enltnr nämlich ist ein Werk des abgesondert wirkenden Ver-standes. Nun üben, ohne die Ausbildung desselben, die Dinge um unsher eben so wohl ihren Einfluß ans unsere Empfindungen aus, erregeneben so wohl unsere Neigungen und Leidenschaften. Aus beidcm aber ent-stehen unsere Gesinnungen. Es ist also ein Charakter möglich, auf dessenBildung der bloße Verstand gar keinen bedeutenden Einfluß gehabt hat;die reine Natur hat allein auf den reinen Menschen eingewirkt. Wir