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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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dernngcn, welche cm den Dichter ergehen. Daher ließen sie sich vielleichtauch noch unter andere Benennungen bringen; uns schien cs indes; dieallgemeine Ilebersicht cn» meisten zu erleichtern, zuerst diese Regeln fcstzn-setzen, welche der Dichter bei allen einzelnen Thcilcn seines Verfahrensbeobachten muß, und dann diese letzteren selbst dnrchzngehen. Beit diesemletzten Geschäfte wollen wir nunmehr noch diese nur vielleicht zu ansführ'lichc Bcnrtheilnng beschließen, und den Plan, die Charaktere und den Bor-trag unseres Gedichtes nach den eben ausgestellten Gesetzen mit wenigenWorten Prüfen. Zugleich wird nnS dicS Gelegenheit geben, noch diejeni-gen einzelnen Bemerkungen cinznstrcucn, die in dem bisherigen Gangekeinen Platz finden konnten.

Der Plan unseres Gedichtes vereinigt die zwiefache Schönheit in sich,daß alle einzelnen Thcilc vollkommen fest und doch durchaus zwanglosverbunden sind. Niemand wird in einer Composition von so kleinemUmfange die polypenartige Erzeugung eines Theiles anS dem anderen er-warten, die jedem für sich noch eine eigene Selbstständigkeit einrämnt,welche die Zliadc zu einem so großen, und Ariosts rasenden Roland (dennauch hierin steht nur der italienische Sänger dem griechischen nahe) zueinem so reichen und mannichsaltigcn Ganzen macht. Dagegen drängt sichauch nicht, wie man wohl sonst der modernen Dichtkunst Schuld gegebenhat, daS Einzelne auf eine harte und mehr dem Verstände angemessene,als der Phantasie gefällige Weise in Eine Spitze zusammen. Viel-mehr geht jedes folgende Glied in der Kette von Umständen frei und wil-lig ans dem vorhergehenden hervor, und doch ist das Ganze eine stetige,überall zusammenhängende Folge von Begebenheiten. Indem cs vom An-fänge anS zu einer gewissen Mitte anfstcigt, und sich von da wieder bisznin Ende hinabsenkt, bildet es einen kleinen, aber durchaus geschlossenenund in allen seinen Punkten erfüllten Kreis.

In dem Ende selbst schließen sich alle Thcilc, die der Dichter vorhereinzeln gezeigt hat, vollkommen zusammen; alle vorher aufgeregten Em-pfindungen finden darin ihre genügende Befriedigung. Hermanns Wunsch,Dorotheen zu besitzen, ist erfüllt; die "Naturen, die für einander bestimmtschienen, haben sich gefunden und beginnen nun ein neues und schöneresLeben. Indes; bleibt cs doch immer, nach wahrhaft epischer Weise, mehrein Schluß des Dichters als ein Ende der Handlung selbst. Wenn auchdas Mädchen cingcwilligt hat, wenn die Eltern ihre Zustimmung gegebenhaben, so könnte in der Wirklichkeit doch noch mehr als Ein Hindernis;