Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
172
Einzelbild herunterladen
 

172

sich anzucignen im Stande sein. Dies cmch allein ist der reinen objcctiven Darstellung fähig, von der er sich niemals entfernt.

Tessennngeachtet kann er indes; nicht weniger auch einen (Gegen-stand, der nahe an das bloß Identische grünzt, ans jener gleichsam frei»den Welt in seine Dichtnng hinübcrführen; und wir haben im erstenTheile dieser Abhandlung gesehen, das; die Eigcnthümlichkcit der neuerenPoesie, und besonders die unseres Dichters, großentheils hierauf beruht.Nur muß er alsdann nicht versäumen, dagegen daS Gemüth seines Lesersvollkommen pragmatisch zu stimmen, und dadurch wieder den Mißklangaufznlöscn, den sonst ein solcher Gegenstand in dieser Gattung nothwendigbewirken müßte. Ist er aber hierin glücklich, so erhöht er den Reiz seinerDichtnng, da er ihre Grünzen erweitert, ohne ihrem Charakter zu schaden.Denn wenn cs eine Hanptrcgel für den Dichter ist, die Reinheit derStimmung, welche jeder Dichtungsart cigcnthümlich angchört, in ihrerhöchsten Vollkommenheit zu bewahren; so ist cs eine nicht minder wichtige,die Gegenstände, welche jede sich natürlicher Weise zneignet, so viel alsmöglich zu vervielfältigen und gegen einander umzutanschen.

Die heroische Epopöe läuft weniger Gefahr gegen dies Gesetz zuverstoßen, als die ihr entgegengesetzte. Aber je genauer auch diese esbeobachtet, je mehr sic hohen und feinen Charaktergehalt zugleich mit dieser natürlichen Einfachheit zu verbinden weiß, je mehr sic originelle In-dividualität in einer Dichtungsart geltend macht, die immer, selbst inden Individuen, nur die Gattung zu zeigen strebt, desto größer ist ihreWirkung.

Denn der Mensch ist nie schöner, als wenn er sich dasjenige, waser ausschließlich durch seine eigene Äraft gebildet hat, dergestalt aneignet,daß cs i» ihm als eine allgemeine Eigenschaft der ganzen Menschheit er-scheint.

I.XXXVIII.

Plan des Gedichtes. Gang der Handlang.

Dies sind die vorzüglichsten Gesetze der epischen Dichtkunst. Sicsind alle eigentlich nur verschiedene Ausdrücke der lebendigsten Dbjcetivitat;Anwendungen des allgemeinen Begriffes der Epopöe auf die einzelnen For-