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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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170
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I.XXXVII.

Gesetz pragmatischer Wahrheit.

6. Das Gesetz prugmotischcr LPahrheik. Man kann die poetischeWahrheit überhaupt durch die Uebcreinstimmnng nnt dcrlleutnr, als einemObjecte der Einbildungskraft, im Gegensatz gegen die historische, als dieIlcbcrcinstimmnng mit derselben, als einem Objecte der Beobachtung, dcfi-nircn. Historisch wahr ist, was in keinem Widerspruche mit der Wirklich-keit, poetisch, was in keinem Widerspruche mit den Gesetzen der Einbil-dungskraft steht*). Die Einbildungskraft überläßt sich nun entwederbloß der Willkür ihres eigenen Spieles, das sic nur künstlerisch ausführt,oder sie folgt den inneren Gesetzen des menschlichen GemütheS oder denäußeren der Natur. Je nachdem sie eine dieser drei Richtungen wählt,wird die poetische Wahrheit zu einer bloßen Wahrheit der Phantasie, oderzu einer idealischen oder pragmatischen.

Die crstere ist unter allen DichtnngSartcn bloß im Märchen brauch-bar, bei welchem die Phantasie eigentlich bloß mit ihrer eigenen Kraftund an dem leichtesten Stoffe spielt; alles, wonach bei einem so willkür-lichen Verfahren noch gefragt wird, ist bloß, ob die Einbildungskraft dieseZüge in eine stetige Reihe, in Ein Bild znsammcnzufasscn im Stande ist.Die idealische Wahrheit ist vorzugsweise ein Eigcnthnm des lyrischen Dich-ters und der Tragödie. Sie nimmt alles als vollgültig ans, was nur,nach der allgemeinen Beschaffenheit des Gemüthes, nach den allgemeinenGesetzen der Bcrändcrungen desselben in ihm denkbar ist, es möchte sich

*) In so fern die Wahrheit überhaupt die durch den Verstand erkannte Ucbcr-ciustimmung eines Begriffes oder Satzes mit seinem Gegenstände ist, kann cs ebenso viele Arte» der Wahrheit als der Gegenstände geben. Nun unterscheiden wirvon diesen vorzüglich vier in Absicht ihrer intellektuellen Behandlung sehr voneinander abweichende Gattungen: 1. wirkliche; dann idealische, und zwar solche,die entweder 2. ein Werk der reinen Abstraktion, metaphysische und mathematische,oder 3. der Einbildungskraft sind, poetische; endlich 4. solche, die, an sich idea-lisch, ans wirkliche bezogen werden, empirisch-philosophische. Hieraus entstehennun auch vier Gattungen der Wahrheit: 1. und 2. die historische und poetische;3. die speculative (metaphysische oder mathematische); 4. die philosophische (Physi-sche oder moralische), die nicht auf der Uebcreinstimmnng mit einer besonderenErfahrung, wohl aber mit der Erfahrung im Ganzen, beruht.