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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
169
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1-XXXVI.

Kcsctz der Totalität.

5. Das Gesetz der Totalität. So wenig ein ästhetisches Gesetz deinDichter bestimmen kann, welches Object er zn wählen hat, eben so wenigkann cs ihm vorschreibe», wie viele derselben er in seinen Plan anfnehmen soll. Er hat seine Pflicht erfiillt, sobald er nnr das Gcmüth desLesers in der Freiheit erhält, in der cs an keinen einzelnen Gegenstand,nicht einmal an eine einzelne Klasse derselben, gebunden ist. Diese Frei-heit ist eine nothwcndige Folge des Gleichgewichtes zwischen den verschie-denen augespieltcn Empfindungen; sic ist zugleich die nothwcndige Bedin-gung zu der erforderlichen Sinnlichkeit und Lebendigkeit unserer Ansicht.

Es ist ein schöner Vorzug der Kunst, uns von den inneren undäußeren Fesseln zn lösen, durch die wir uns im wirklichen Leben so oftgehemmt fühlen; eS ist ein noch edlerer, daß sie uns an der Stelle der-selben eine gleich strenge, aber freie Gesetzmäßigkeit cinflößt. Diesen Vor-zug kann sich der epische Dichter vorzugsweise zn eigen machen, und dazudient ihm gerade am meisten die Totalität, die Allgemeinheit des lleber-blickcs, zu dem er sich erhebt. Je höher wir uns über unserem Gegen-stand befinden, um ihn in seinem Ganzen zu übersehen, desto freier er-halten wir nnS von seiner Herrschaft, aber desto inniger dnrchdriugt unsdas Gefühl seines Zusammenhanges und seiner Gesetzmäßigkeit; und inkeiner Verbindung ist die Einbildungskraft so sicher, idcalisch, d. h. mit-ten in ihrer Freiheit gesetzmäßig zu bleiben, als in der Verbindung mitdem beschauenden Sinn und dem organisircndcu Verstände.

Der Epopöe indeß kann cS auch an der Menge der Objecte nichtfehlen; keine Methode ist so fruchtbar, als die der höchsten Objektivität:denn um eine Gestalt herauszuhebcn, braucht man andere, die ihr zurSeite stehen, um eine Bewegung zn schildern, die, welche vor ihr vorhcr-gehcn und ans sie folgen. Den größesten Reichthmn derselben wird manindeß freilich nur bei der heroischen antreffen.