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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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Vorzüglich hat unser Dichter der bildenden Kruft des weiblichen Ge-schlechtes ein schönes und rührendes Denkmal gesetzt. Denn wenn Her-mann scmfter und menschlicher, vielseitiger und empfänglicher ist nls seinVater, können wir darin den wohlthätigen Einfluß des stillen und ein-fachen Wesens seiner liebenden Mutter auf seine Natur verkennen? wenner schon in dem Augenblicke, in dem wir ihn zuerst handeln sehen, einenhöheren und edleren Enthusiasmus gewonnen hat, ist es nicht DorotheensGestalt, die ihn dazu entflammt? und sehen wir nicht deutlich au derMacht, welche sie auf alle ausübt, die sich ihr nähern, die schönere Bil-dung, die sich von ihr ans auf ihre Familie, auf die ganze Gemeine, dieganze Gegend verbreiten wird?

Auch hierin bleibt der Dichter der Natur unverbrüchlich treu. Dasweibliche Geschlecht übt den entscheidendsten Einfluß in dein Kreise derFamilie aus; nun aber muß aller politischen Cultur moralische Charakter-bildung znm Grunde liegen, und zu jeder Vollkommenheit des Charakterskann der Keim nur im Schooßc des Familienlebens aufblühcn. Auch istdie weibliche Natur unendlich mehr geschickt zu verbessern, ohne zugleichzu zerstören; sie besitzt eine sanftere und doch stärkere Gewalt über dieGemüther, ist dem Neuen mehr offen und dem Alten weniger feind, be-handelt dies weniger gewaltsam, und ergreift jenes begieriger. Sie fühltzu tief, daß ihr selbst alles fremd bleibt, was sich nicht durchaus mit ihrenGedanken und Empfindungen verwebt, und will daher auch der Welt undder Menschheit nichts AchnlicheS aufdrängen.

Die fortschreitende Veredlung unseres Geschlechtes, geleitet durch dieFügung des Schicksals, macht also, in einer einzelnen Begebenheit dar-gestellt, den Stoff unseres Gedichtes aus. Sieht man denselben nun-mehr von dieser Seite an, so wird man ihm gewiß weder Größe nochUmfang, noch endlich epische Tauglichkeit absprcchen können. Nur liegt dieGröße desselben freilich nicht so, wie bei der heroischen Epopöe, in derBegebenheit selbst, sondern in dem, was sich in ihr darstellt. Wer diesverkennt, oder wer auf der anderen Seite nicht vollkommen fühlt, daßderselbe dennoch durchaus künstlerisch, objcctiv und episch behandelt ist, derwird immer entweder dem allgemeinen, oder dem künstlerischen, und inbeiden Fällen dein epischen Werthe des Gedichtes zu nahe treten.