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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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I.XXXII.

Gesetz der Epopöe. Gesetz der höchsten Sinnlichkeit.

Das Hanptresnltat dcs Begriffes der Epopöe läuft darauf hinaus,daß dieselbe unter allen Dichtnngsartcn die am meisten objectivc genanntwerden kann. Denn keine andere strebt so sehr nur die äußere Wirklich-keit, im Gegensätze der inneren Veränderungen dcs Gcmüthes, keine einenso großen Thcil derselben, keine endlich diesen Stoff in so lebendiger undsinnlicher Klarheit darzustcllen. Alle Mittel, welche überhaupt dazu bei-tragen, Objcctivität zu befördern, sind daher vorzugsweise das Eigenthumdes epischen Dichters, und alle Gesetze, die er als verbindend anerkennensoll, müssen dahin zusammen kommen. Einzeln lassen sich dieselben auSden drei hauptsächlichsten Bcstandthcilen der Definition der Epopöe ablei-ten, aus dein Begriffe der dichterischen Erzählung einer Handlung; ausihrer Bestimmung, das Geinüth in den Zustand sinnlicher Betrachtungzu versetzen; und in dieser Betrachtung so innig als möglich die Mensch-heit mit der Welt zu verknüpfen; und dieser Ableitung zufolge dürfte csvielleicht nicht unbcgnem sein, sie unter folgende Benennungen zusammcn-znfassen.

1. Das Gesetz der höchsten Sinnlichkeit. Dies ist überhaupt einallgemeines Gesetz aller Kunst und der darstellenden insbesondere. Abervon dem epischen Dichter wird die Befolgung desselben mit doppeltemRechte gefordert, da er es mit lauter äußeren, also rein sinnlichen Dingenzn thnn hat, und auch das Gemüth in eine auf diese gerichtete Stim-mung versetzen soll. Er muß daher nicht allein bloß Gestalten und Be-wegung, .sondern von beiden auch eine beträchtlich große Masse aufführcn;muß ein Colorit wählen, das unmittelbar Licht und Klarheit ankündigt;einen Ton annehmen, der uns freundlich aus uns herauszugehen einladct,und uns zu einem hohen und weiten Schwünge der Phantasie erhebt;Gedanken anrcgcn, welche uns in die großen Verhältnisse der Menschheitzn der Welt eine tiefe Einsicht gewähren; Empfindungen anstimmcn, diennö harmonisch mit der Natur verbinden; und seinen Stoff überall nochdurch den Ncichthum und die Sinnlichkeit seines Vortrages, seiner Die-tion und seines Rhythmus beleben.

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