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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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gelöst sind die Bande der Welt: wer knüpfet sic wieder,

Als allein nnr die Noth, die höchste, die nns bcvorstcht?"

So stellt nns der Dichter zugleich die höchste Unruhe, die äußerste Zer-rüttung, eine wahrhaft rettnngslose Verzweiflung, aber neben derselbenauch das sicherste Gegenmittel, die beste Quelle des Trostes und der Hoff-nung dar. Wenn die Bande der Welt sich lösen, so sind wir cs, die sicwieder zu knüpfen vermögen. Hierin schließt sich das ganze Gedicht zu-sammen, darin vereinigen sich alle einzelnen Eindrücke, die ans nnsgemacht hat. Ans dem Untergänge und der Zerstörung sehen wir neuesLeben, ans der Verwirrung der Völker das Glück und die fortschreitendeVeredlung einer Familie hervorgchcn.

Hermann und Dorothea sind cs, die uns von Anfang an allein be-schäftigen, allein unsere ganze Aufmerksamkeit erschöpfen. Wie reich underhaben jene Bilder menschlicher Charaktere, wie groß und hinreißend dieseSchilderungen der Zeit hätten sein mögen, sie hätten diesen tiefen undbleibenden Eindruck in nns nicht hcrvorbringen können, wenn wir sic nichtimmer nnr in diesen beiden Figuren gesehen, wenn sic nicht immer nnrdazu bcigctragen hätten, diese vollständig ansznmalcn. Unwillig hättenwir Völker und Zeiten verlassen, und wären nnr zu den Empfindungenund dem Schicksale der beiden Liebenden znrückgckchrt, die sich einmalallein unseres ganzen Herzens, unseres ungethcilten Interesses bemächtigthatten.

Um beide bilden sich von dein Anfänge des Gedichtes an zwei ver-schiedenartige Gruppen. Dorothea gehört zu demjenigen Theile unsererNation, der durch den Umgang mit unseren mehr verfeinerten Nachbarneine höhere Cultnr und mehr äußere Bildung erhalten, und durch ebendiese Nachbarschaft auch an den neueren philosophischen Ideen mehr An-theil genommen hat; sic befindet sich zugleich in dem Zustande höhererSpannung, in welchen jede außerordentliche Begebenheit die Seele immerversetzt; diese Stimmung wird noch durch ihre erste unglückliche Liebe unddie schwcrmüthigc Erinnerung daran vermehrt; und dies alles znsammcn-gcnommen, und in einem weiblichen Charakter mit einander verschmolzen,macht sic zu einem feineren, höheren, idcalischcrcn Wesen als Hermannist, zu einem Wesen, mit dem wir noch herzlicher und inniger sympathi-siren. Dagegen läßt Hermanns Charakter nichts an männlicher Stärkeund natürlicher Einfachheit vermissen, und beide vereinigt geben nun das