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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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scheiden scheinen. Da sich indes; anch für die eigentliche Epopöe kein ab-solutes Mas; der Ringe oder der Größe überhaupt bestimmen läßt, so mußdiesem Unterschiede noch etwas Wesentlicheres znm Grunde liegen.

Wir haben im Porigen daS epische Gedicht mit der Geschichte ver-glichen; wir haben zu finden geglaubt, das; der Zustand des Gcmüthcs,in welchem cs ein Bedürfnis; der Geschichte zim eigentlichsten und höchstenSinne dieses Wortes) cmpsindct, demjenigen ähnlich ist, in welchem mitHülfe der Einbildungskraft und der Kunst die Epopöe entsteht. Wie sichnun die Geschichte (welche ihren Stoff immer als ei» Ganzes behandelt)von der bloßen historischen Erzählung ^welche sich begnügt, die Begeben-heiten alS eine bloße Reihe darznstellen) unterscheidet, so unterscheidet sichdie Epopöe von dem bloß historischen Gedichte. Dies letztere, daS derersten und höchsten Bedingung jedes Kunstwerkes, ein in sich vollendetes,unabhängiges Ganzes zu sein, widerspricht, konnte sich nicht über dieKindheit der Poesie hinaus erhalten, und hat nachher immer mir in denZeiten des BerfallcS des Geschmacks einige seltene Anhänger gefunden.Es steht ungefähr ans der gleichen Stufe mit denjenigen Gedichten, dieman philosophische oder wissenschaftliche nennen kann, wie wir z. B. nocheinige Fragmente ans den Werken alter Philosophen besitzen, und die sicheben so wesentlich von der didaktischen, einer Gattung, deren Wesen bisjetzt noch fast gar nicht erörtert ist, unterscheiden.

So lange jene historischen Gedichte noch das reine Werk der Natur,nicht das Prodnet eines ansgeartetcn Geschmackes waren, so lange besaßensie einen eigenen Reiz und eine eigene Schönheit. Dies sehen wir noch jetztan Hesiodus Dhcogonic und seinem Schild des Herkules, Gedichte, dieman, obgleich ihr Inhalt eigentlich mhthisch ist, schwerlich zu einer anderenGattung rechnen kann, da sic sich weder der allgemeinen, noch der dichte-rische» Behandlung dcS Stoffes nach, zu dein Range der Epopöe erheben.Bon gleicher Art waren vcrmnthlich eine nicht geringe Anzahl verlorengegangener Gedichte, und namenttich dasjenige, welches die Rückkunft dergriechischen Heiden anS Troja beschrieb.

Um von dem historischen Gedichte zur Epopöe überzngchen, bedurftees vielleicht nur eines freundlicheren Himmels, einer glücklicheren Orga-nisation, eines helleren Blickes, eines mehr durch die "Natur begünstigtenDichtergenies, und vielleicht war nur dies der Unterschied zwischen dem glückti-chen Sohne Ionicns und dein Bewohner des traurigen Askra, das,im Win-ter beschwerlich und beschwerlich im Sommer", dem Genius der Kunst kei-