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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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ihrer reinsten und eigenthümlichsten Gestalt durchschaut. Wir haben diesim Vorigen nicht besonders hcransgchoben, weil cs sich in der That vonselbst versteht; diesen Antheil der Empfindung an der Wirkung des epi-schen Gedichtes nicht besonders mit in Anschlag gebracht, weil er in einer-schön ursprünglich sinnlichen, und noch dazu allein durch die Hand dcrKunst zuberciteten Stimmung unmöglich fehlen kann. Aber jetzt, da derTragödie die Empfindung gewissermaßen als ein ihr ausschließlich ange-hörendcs Gebiet angewiesen werden soll, ist cs nothwcndig, dies genaneranseinanderzusetzcn. Allerdings wird also durch den epischen Dichter dieEmpfindung erregt, er hörte ans Dichter zu sein, wenn er nicht sogar seineHanptwirknng darauf hinrichtcn wollte; allein was durch ihn in Bewe-gung kommt, ist der ganze empfindende Mensch, nicht eine einzelne Em-pfindung; es ist ferner keine, die wir auf unseren gegenwärtigen augen-blicklichen Zustand, vielmehr eine, die wir, da sie durch einen, in eine ge-wisse Ferne gestellten Gegenstand erregt wird, allgemeiner ans unsere ganzeLage, unser ganzes Dasein beziehen; es ist endlich noch weniger eine, dieunmittelbar durch die Gegenwart des Objectes geweckt wird, es ist immereine dritte Person, der Erzähler, noch zwischen diesem und nnS, und sogeht auch alles in uns erst durch unser intellectuelles Vermögen hindurch,ehe es unser Gefühl zu berühren im Stande ist.

Dieser Unterschied ist überaus fühlbar, wenn wir die Erwartungvergleichen, welche die Lösung des furchtbaren Rüthsels, woran OcdipusSchicksal hängt, und welche der Kampf Hektars und Achills in nnS erregt.Wie ungleich ängstlicher und qualvoller ist jene, wie vielmehr bloß rüh-rend und wehmüthig diese! In beiden Fällen ist unsere Furcht, unserMitlcid gleich stark. Aber der Ton dieser Empfindungen ist anders, dain jenem der Ansgang noch nicht entschieden ist, noch er selbst, in diesemnur seine Erzählung erwartet wird, er selbst aber längst da gewesen ist.Hat der Dichter in diesen beiden Fällen diese Verschiedenheit wohl zu be-nutzen verstanden, so befinden wir uns in den ersteren in der vollkommen-sten Ungewißheit, selbst dann, wenn der Erfolg uns schon vorher bekanntwar, und empfinden in dem letzteren, auch noch völlig unbekannt mit derBegebenheit, nur die sanfte Schwermuth, in die uns eine traurige Ver-gangenheit versenkt, wenn die Erinnerung sie wieder zurückruft.

Diese verschiedene Einwirkung erklärt sich natürlich aus der verschie-denen Form beider Dichtnngsarten, daß die eine uns zum Zuschauer ihresGegenstandes macht, die andere ihn uns nur, wie aus einer beträchtlichenW. v. Humboldt, über Goethes Hcrmami und Dorothea. 9