Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

Tciin mm braucht man mir diesen Zustand genau zu entwickeln,um sogleich zn allen jenen wesentlichen Eigenschaften der Epopöe: der reinenObjectivität, der lebendigen Sinnlichkeit, der vollkommenen Totalität, undder Abwesenheit aller solcher Parteilichkeit, welche die Freiheit der Ansichtverhinderte, von selbst zn gelangen.

Die Hauptmerkmale in dieser Definition sind, wie man leicht gewahrwird, der Begriff der Handlung und der Erzählung. Borziiglich ist der letzterewichtig, von welchem auch die ganze Gattung ihren Namen erhalten hat.Streng genommen hätte man and diesem zugleich ihr ganzes Wesen ab-leiten können. Denn was nur erzählt wird, das wird schon dadurch vonselbst in eine gewisse Ferne gestellt; das kann daher nicht so unmittelbarans die Empfindung cinwirken; daS wird mehr in das Gebiet des Bcr-standcs und der bloßen Betrachtung gezogen; das sicht man daher mitgrößerer Unparteilichkeit, mit mehr Ruhe an; dabei kann man endlich, daes ein abgesondertes Ganzes für sich ansmacht, mehr Berbindnng, mehrTotalität misslichen. Allein cs hätte willkürlich scheinen können, so vielans einem einzigen Begriffe abznleiten, und ans alle Fälle war es metho-discher, ans die allgemeine Snclle aller ästhetischen Wirkungen, ans dieNatur des Gemnthes und der Einbildungskraft, znrückzngehen.

I.XUI.

Unterschied zwischen der Epopöe and der Tragödie.

Unter den übrigen Dichtimgsarten gicbt cs vorzüglich drei, welcheleicht mit der Epopöe verwechselt werden können: die Tragödie, die mitderselben im Begriff der Handlung, die Idylle, die damit im Begriff derErzählung, und die ganze übrige Klasse erzählender, aber nicht epischerGedichte, die in beiden mit ihr znsainnienkommcn.

Die Tragödie hat man, wenigstens eine lange Zeit hindurch, für sonahe mit ihr verwandt gehalten, daß man sie znm Thcil sogar eine nurunmittelbar in Handlung gesetzte Epopöe genannt hat; und so lange mangewohnt war, alle ästhetischen Grnndsätzc allein ans den Mustern der Altenzn entwickeln, konnte es dieser Meinung nicht an Anhängern fehlen. Dennbei den Grieche» entstand die Tragödie nicht allein in der Thal ans dem