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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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Natur in ihrer Verbindung. Der wesentliche Unterschied liegt nur in dem,was ein reines Werk der Einbildungskraft ist, darin nämlich, daß derDichter, um zn einem so allgemeinen Ucberblick zu führen, nicht, wie jene,wirklich der ganzen Vollständigkeit der Objecte bedarf, sondern einen sub-jektiven Weg kennt, auch vermittelst eines einzigen Objects gerade dasselbeund in der That noch mehr zn leisten, da er das Gemnth in eine gleich-sam unendliche Stimmung versetzt, in der sie über jede, möglicherweise ge-gebene Anzahl von Objecten hinansgeht. Unter allen Dichtern steht da-her der epische ans dem höchsten Standpunkte und genießt der weitestenAussicht, und unter allen DichtungSartcn ist die epische am meisten fähig,den Menschen mit dem Leben zn versöhnen und ihn für das Leben taug-lich zu machen.

Zugleich aber kommt keine andere Dichtnngsart dem einfachsten undreinsten Begriff der Kunst, der bildlichen Darstellung der Natur, so nahe,und verbindet damit so vollkommen auch den cigenthümlichcn Vorzug derDichtkunst, die Schilderung der Folge der Erscheinungen und der innerenNatur der Gegenstände. Mehr als irgend eine andere giebt sie zugleichder Mnsik Gestalt, und den bildenden Künsten Bewegung und Sprache.

Aber diese Bewegung ist immer nur in dem Gegenstände, sic reißtnicht auch zugleich den Dichter und den Leser mit sich fort. Daher istdie Stimmung in beiden immer mehr verweilend, mehr bildend; da hin-gegen der lyrische Dichter noch in einem buchstäblicheren Sinne als inwelchem Pindar diese Worte braucht, von sich ansrnfen kann:

Kein Bildner bin ich!

Nicht ruhet zögernd mein Werkans weilendem Fnßgestcll;nein! mit vollen Segeln,auf eilendem Nachenwallet mein Lied dahin!

Denn in der That folgt er selbst dem Wirbel der Empfindung, den erschildert, und eilt, statt bei einzelnen zn verweilen, immer von Bild znBild, von Empfindung zu Empfindung fort. Der epische Dichter hältalles das, woran er schon vornbcrgcgangen ist, und das, wozu er eben erstgelangt, zugleich fest, und vereinigt cs in ein Ganzes; der lyrische bewahrtdas, was er hinter sich zurückläßt, nur noch in der Wirkung ans, die esauf das zunächst Folgende ausübt.