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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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durch die leisesten Uebergängc auf einander folgen, und versteht die Kunst,uns die ganze Tonleiter des Gefühles von Saite zu Saite dnrchzufiihren,abstcchcndc Töne durch Zwischcntönc zu mildern, erschütternde allmälig vor-znbcrciten und ruhig verhallen zu lassen. Sowohl objectiv in seinem Ge-genstände, als snbjectiv in unserer Einbildungskraft und Empfindungbringt er eine stetige und ununterbrochen zusammenhängende Folge her-vor. Wenn der lyrische und tragische Dichter (welche in sofern in EineKlasse gehören) uns oft stoßweise führen, und nnS zuletzt plötzlich anseiner steilen Höhe verlassen; so durchläuft er den ganzen Kreislauf, sowohlden objectivcn des Lebens, als den snbjectiven der Empfindung, mit uns.Denn er will nicht durch einen plötzlichen und entscheidenden Streich Rüh-rung und Erschütterung, sondern durch Ebenmaß und Totalität des Gan-zen Erhebung und Ruhe bewirken. Was also das Leben als eine Folge,und eine Folge niannichfaltigcr Ereignisse, als ein Ganzes charakterisirt,dies findet man in ihm vollständig, aber in einer einzigen Handlung dar-gcstellt, wieder.

Eine entschiedene Richtung zur epischen Dichtkunst kann daher nie-mand, als demjenigen eigen sein, der lieber in der äußeren Wirklichkeit,als abgesondert und zurückgezogen in sich lebt, der sich mehr mit demwirklichen sinnlichen Dasein der Dinge, als mit dem abgezogenen Gedan-ken und der von aller unmittelbaren sinnlichen Gültigkeit entblößten Em-pfindung beschäftigt: und wiederum, wer hierzu einen entschiedenen Hanghat, und damit dichterisches Genie verbindet, dessen Richtung kann nichtanders, als gleichfalls entschieden episch genannt werden. Dadurch begreiftman noch besser, wie sich in dein epischen Gedichte ans einmal alles vereinigt,woraus die klarste Objectivität, die lebendigste Sinnlichkeit, der thätigstcMnth, die größestc Fülle der Kraft, die allgemeinste Harmonie hcrvor-gcht, und wie sich diese Gattung nothwcndig ans den Umfang der Weltund die Dauer des ganzen Lebens ansdehnt. Denn die ans Einen be-stimmten Punkt gerichtete Empfindung (um die Ratnr der epischen Stiimmnng an derjenigen, die ihr geradezu entgegengesetzt ist, zu zeigen) ist im-mer ein Zustand der Spannung und Anstrengung, der nicht anders alsnur Momente lang währen kann.

Wenn inan das epische Gedicht seines dichterischen Gewandes ent-kleidet, so bleibt dasjenige übrig, was die Geschichte in ihrer geistvollstenBehandlung, und die Naturbeschreibung in ihrer größten Allgemeinheitgewährt ein vollkommener Uebcrblick über die Menschheit und die