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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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XI.VI.

DaNrlänbischer Eharattrr unsercs Dichters, in seiner Vergleichung mit den altenund de» neueren Dichtern anderer Nationen gezeigt.

Um die besondere Stelle kennen zu lcrum, die wir selbst cinnehnien,haben wir immer zugleich ans zwei Punkte zu sehen: ans das Alterthnmund das Ausland, Es sei nnS erlaubt, auch unseren Dichter noch einenAugenblick in dieser doppelten Beziehung zu betrachten.

Er verweilt, wie wir gesehen haben, nicht nur vorzugsweise bei derSchilderung des inneren Menschen, des Gcmüthcs in seinen Gedankenund Empfindungen; sondern er zeigt cs uns auch so, wie eS etwas An-deres und Höheres begehrt, als dessen Befriedigung unmittelbar in derNatur außer uns liegt, etwas Identisches, das über die äußere Thätigseit und den äußeren Genuß des Lebens hinansgeht; wie es endlich überHaupt ein inneres Dasein in sich selbst dem äußeren in der Welt entgegen-setzt, in jenem oft etwas verfolgt, was diesem fremd ist, und nicht gleichdort dasjenige aufgiebt, was hier zu erreichen unmöglich ist. Dadurchunterscheidet er sich von den Alten, die den Menschen immer mehr inder Begleitung der Natur, als im Gegensatz mit derselben darstellen,und dies hat er mit den meisten neueren Dichtern gemein.

Aber die inneren Regungen des Geistes und des Herzens sind sehrverschiedener Töne fähig, und unter diesen zeichnen sich vorzüglich zweians, die gleichsam zwei Extreme bilden der hohe und starte, und derstille und sanft gehaltene. Der Gedanke gewinnt eine andere Gestalt,wenn er ans dem bloßen, von keiner äußeren Erfahrung unterstütztenNachdenken hervorgeht, oder durch die Phantasie geformt, als glänzendeSentenz anftritt, und wenn er in einfacher Wahrheit eine Menge vonErfahrungen znsamincnfaßt, und daraus gediegene Weisheit zieht. DasHerz fühlt andere Regungen, wenn cs von heftigen Leidenschaften dnrch-stürmt, und wenn cs, nachdem es alles, was cs nur von der "Natur zuerfassen vermag, in seinen Kreis gezogen hat, von lauter mächtigen undunendlichen, aber immer mit einander znsammenstimmenden Gefühlenharmonisch durchdrungen, still aber tief bewegt ist. Diese letztere Stim-mung ist cs, in der nnS Goethe immer das Gcmnth schildert; und wenner Leidenschaften hcrvorrnft, so erheben sic sich, gleich Wellen ans dem