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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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gerichtet sein, wofür ihm die Natur keine Befriedigung darbictct, und erwird sogar manchmal ein Ziel verfolgen können, was ihm in ihr zu er-reichen unmöglich ist. Diese Absonderung unseres Wesens und der Na-tur ist eine natürliche Folge der erhöhten Thätigkeit unseres Geistes, welche,die sinnlichen Formen verlassend, sich allein an den reinen Gedankenhält. Aber sie wird zugleich manchmal durch zufällige, nicht immer gün-stige Umstände veranlaßt. Eine minder Helle, freundliche, glücklicheStimmung kann uns gleichsam gezwungen in uns selbst verschließen, unddiese beiden Gründe wirken nothwendig zusammen, sobald die Menschheitihr erstes Jünglingsalter verläßt. Aus diesem Zustande nun entspringtdie Empfindung und die Stimmung, die man, im Gegensatz der naiven,die sentimentale nennt, und hier ist cs, wo der Charakter der Alten undNeueren von einander abwcicht.

Diese Trennung konnte nicht anders als auch auf die Kunst einenentschiedenen Einfluß ausübcn; sie mußte einen modernen Charakter an-nehmen, wenn sie von modern gebildeten Individuen bearbeitet wurde.Auch wäre es ein niederschlagender Gedanke, wenn die Folge so vielerund thatenrcicher Jahrhunderte uns nichts hintcrlasscn hätte, wodurch auchwir an unserem Theile die Kunst zu bereichern im Stande wären.

Wenn daher in unserem Gedichte ein cigcnthümlichcr und in seinerGattung nicht minder trefflicher Geist als der ist, welchen wir in denAlten wahrnchmm, waltet, so ist dies eben jene höhere und feinere Sen-timentalität, jener reichere Gehalt für den Verstand und die Empfindung,der uns zu einem freieren Schwünge der Gedanken begeistert und unserGefühl leiser und zarter bewegt. Dies ist der moderne Charakter, denes deutlich und unverkennbar an der Stirn trügt.

Dieser Charakter ist unserem Dichter so cigenthümlich, daß wir ihnin allen seinen Werken wicdcrcrkcnnen; aber er weiß ihn ans eine so großeund wunderbare Weise zu behandeln, ihn wiederum so dicht an den derAlten anznschlicßen, daß er cs wagen konnte, ihn sogar einem echt anti-ken Stoffe, seiner Iphigenie, aufzndrücken, ohne daß wir darin einenstörenden Mißklang vernehmen, lind diese Behandlung ist cs, die hiernoch einige Erörterung verdient.

DaS Erste, was bei der Verfeinerung des Gedankens und derEmpfindung zu leiden Gefahr läuft, ist die natürliche Wahrheit und dieschlichte Einfalt. Doch sind es gerade diese beiden Eigenschaften, welcheGoethe in einem unverkennbaren Grade an sich trägt. Wie hat er cs