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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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Phantasie anders und anders gestimmt ist, mehr oder weniger znmWunderbaren ansmalcm

Dies hat unser Dichter zu benutzen »erstanden, und wenn nun beianderen neueren Dichtern das Wunderbare immer kalt und unnatürlichist, weil es sich ans Kräfte bezieht, die uns fabelhaft oder kindisch ersehenneu, so hat er cs unmittelbar ans nnS selbst geschöpft und ihm dadurchnichts von seiner überraschenden Wirkung benommen. Allein freilich vcrlicrt es dadurch an der Größe und dem Glanze, den cs sonst vor derPhantasie besitzt und bleibt seiner eigentlichen Natur nur noch in seinemursprünglichen Begriffe, in dem des Grundlosen, treu. Auch kann er csnur bei kleineren Vorfällen, weniger bedeutenden Wendungen seiner Er-zählung gebrauchen. Die großen und wahrhaft wunderbaren Begcben-heilen, die er anfführt, darf er so wenig als Wunder darstellcn, daß sicvielmehr durchaus nur als die unvermeidliche Nvthwcndigkeit des Schick-sals erscheinen müssen.

Wir haben schon im Vorigen zwei Stellen berührt, wo das ebenGesagte sehr sichtbar ist, die Umwandlung, die der Geistliche in Her-manns Wesen bemerkt, und die plötzliche Erscheinung Dorotheens amBrunnen. Aber cs ist noch eine dritte, noch mehr in den Faden derErzählung verwebte übrig: die, wo Dorothea ans den Stufen dcsWcinbergS ansgleitct, und die üble Vorbedeutung, die sic daraus zieht,durch die Verwirrung bei ihrem Eintritt ins Hans erfüllt wird. Wiewir im täglichen Leben so oft selbst empfinden, so sehen wir es hiervor Angen. Wenn die Gefühle aufs höchste steigen, wenn der Augenblickder Entscheidung wichtiger Ereignisse da ist, so verwirren sich unsere Ge-danken; was wir vornehmen, mißräth uns, alle widrigen Umstände schei-nen ans einmal znsammenzntreffcn, weil wir alle ungeschickt behandeln;und da wir dies selbst bemerken und schon trübe gestimmt sind, so zie-hen wir ungünstige Ahnungen daraus, die dann auch nothwendig cin-treffen müssen. Aber gerade, wie cS im Leben geschieht, das; alle, auchdie kleinsten Zufälle, sich dann so znsanimcnschieben, daß jeder einzelneSchritt ganz natürlich ist und gar nicht mehr wunderbar erscheint, geradeso hat cs auch der Dichter gemalt. Doch dies zu entwickeln würde unszu weit führen, und jeder Leser muß cs, sobald er die Stelle noch einmalübcrticst, von selbst aufs lebendigste fühlen.

Was die Alten also außerhalb der Gränzcn der Erde im Olympaufsnchcn, das ist unser Dichter genöthigt, nm es dem Alltagskrcisc der