Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

K6

XI.I.

Das» Mangel .1» simMchcm üicichtbam zügl sich »aff>>Nc»d in dcc Vch.mtluNAdcS Wu»dcrb>nc».

Seinen größcsten und sinntichstcn Glanz erhält der epische Dichterdurch die Einmischung des Wunderbaren. Er lau» unsere Einbildungs-kraft nicht lebendiger rühren als durch diese plötzlichen Ereignisse, die,ohne von Menschen gewirkt zu sein, ihre Handlungen ans einmal unterbrechen, gerade in dem Augenblicke der Entscheidung den einen parteiischbegünstigen und den anderen darniedcrschlagen. Zwar hat inan erinnert,daß diese Dazwischenknnft außerordentlicher Mächte die eigene Kraft derHelden verdunkelt. Allein wenn sie dadurch an menschlicher Größe ver-lieren, so werden sic dafür in olympischen Glanz gekleidet, und cS giebtoffenbar ein gewisses Glück, das der Stimmung, welche der Dichterbewirken will, bei weitem günstiger ist als das wahre und innere Ver-dienst.

Auch unser Dichter hat sich dies Wunderbare zu eigen gemacht.Zwar konnte er cs nicht gebrauchen, nm seinem Stoff dadurch Würdeund Größe zu geben. Aber er konnte es nicht entbehren, weil der Mensch,dessen Schilderung sein Geschäft ist, nicht ohne dasselbe sein kann, weiler der Empfindung, die hcrvorbringt, so sehr bedarf, daß sic bei jedem,mitten in dem einfachsten Lebenskreisc, nur seltener oder öfter znrückkehrt.

Das Leben wäre von der langweiligsten Einförmigkeit, wenn sichimmer in einer voranSznsehenden Reihe Begebenheit ans Begebenheit ent-wickelte und wenn vorher nicht berechnete, plötzliche Zufälle diese einför-mige Kette nicht unterbrächen. Durch diese Zufälle nun, dadurch, daßein großer Theil der Thätigkeit unserer Seele in seinem Detail außer demKreise unseres Bewußtseins liegt, daß Gedanken und Empfindungen wieanS unbekannten Tiefen hcrvorschießen, daß ferner eben diese uns un-bewußten Vorstellungen gleichsam mit den Begebenheiten im Bunde stehen,unseren Mienen, Reden und Handlungen Modifieationen geben, die, ohnedaß wir cs bemerken, andere Folgen nach sich ziehen, so daß wir nunein Zusammentreffen in den Wirkungen wahrnchmcn, ohne zugleich eineVerbindung in den Ursachen zu erblicken durch dies alles znsanmst»^genommen entstehen die Ucbcrraschnngcn, die wir, je naclMhn unsere