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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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stentöchter selbst. Wasser zu schöpfen kamen, und der Bund der Liebe undEhe oft am rieselnden Quell geschlossen wurde!

In diesem Tone ist auch die ganze Unterredung gehalten. Vorzüg-lich erscheint immer das Mädchen leicht, gewandt und besonnen; sie kommtdem Jüngling immer gefällig und freundlich zuvor; aber wo er, dessenHerz immer von seinen Gefühlen schwer und gepreßt ist, seine Empfin-dungen reden lassen will, da schneidet sic ihm immer, und immer natür-lich und gerade, ohne künstlich anszuweichen, auf eine kurze, heitere undverständige Weise den Weg dazu ab. Es ist ihm unmöglich, von Liebezu sprechen;

ihr Auge blickte nicht Liebe,

Aber Hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.

Welche treffende Schilderung der schönen Leichtigkeit des weiblichenCharakters-, mit welcher die Weiber, durch ihr ganzes Wesen identischerund künstlerischer gestimmt, die Liebe nur wie ein anmnthiges Spiel be-handeln, und an dies Spiel dennoch reiner und wahrer ihr ganzes Da-sein hingeben, als der schwerfälligere Mann an den feierlichen Ernst sei-ner Gefühle.

Haben wir Dorotheen bis hierher rüstig und thätig, muthvoll undentschlossen, lieblich und heiter gesehen, so tritt sie nun groß und erhabenauf. Nicht daß der Dichter ihrem Bilde gerade neue Züge hinzufügtc:aber er weiß unserer Einbildungskraft einen anderen Schwung zu geben.Der Tag neigt sich zum Abend, die Sonne geht unter, Gewitterwolkenhängen drohend vom Himmel herab, und, wie die Natur um sie her, wer-den auch die Gefühle der beiden Liebenden düsterer und schwerer. Hierwachsen ihre Gestalten vor unseren Augen von Schritt zu Schritt, einschöner Moment, eine große und malerische Schilderung folgt auf dieandere: erst wie sie, entgegen der sinkenden Sonne, durch das hohe wan-kende Korn gehen; dann wie sie, unter dem Baume sitzend, unter welchemHermann am Morgen noch um seine Vertriebene geweint hatte, auf dieWohnung seiner Eltern, auf das Fenster am Giebel hinabschauen; end-lich wie sie, ausgleitend auf den Stufen des Weinberges, ihm auf dieSchulter sinkt, und er mit dem Arme die Fallende emporhält.

Jede dieser Schilderungen ist über allen Ausdruck dichterisch, undin allen zusammen lebt eine so echt darstellende Kunst, daß sie den Gegen-stand nicht allein in allen seinen Umrissen, sondern zugleich immer in der