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XXXV.
Dorotheens Zusammenkunft mit Hermann — erst am Brunnen, dann auf dem^ Wege zu seinen Eltern.
Bis hierher hat der Dichter seine Hauptwirkung nur vorbereitet;jetzt heben erst seine höchsten und glänzendsten Momente an, jetzt auch kannerst Dorotheens Gestalt in dem ganzen Reiz ihrer Schönheit erscheinen.
Dieser Punkt ist durch ein vollkommen neues und treffliches Glcich-niß auf eine bedeutende Weise bezeichnet. Wie der Wanderer das Bildder sinkenden Sonne, noch nach ihrem Verschwinden, vor seinen Augenschweben sicht, so sieht Hermann das Bild seiner Geliebten, und wie ersich umdreht, steht sie selbst vor ihm da.
Diese so natürliche, und doch so nahe ans Wunderbare grenzendeErscheinung versetzt den Leser auf einmal in eine höhere, mehr phanta-stische Stimmung, die nun bis ans Ende des Gedichtes, nur immer stei-gend lind wechselnd, fortdanert. So wie er hier ihr Scheinbild und ihrewahre Gestalt dicht neben einander erblickt, so wird sie ihm nun immer-fort bald in der ruhigen Besonnenheit, in der thätigcn Gewandtheit, dieheiter und glücklich durchs Leben führt, bald in der schwärmerischen Größe,in der hohen Begeisterung gezeigt, die über das Leben hinansgcht.
Der Ton, den der Dichter jetzt, da er noch reiner und stärker alsbisher auf die bloße Phantasie einwirken will, zuerst anstimmt, ist derder Heiterkeit und Anmuth. Dadurch erhält er sie leicht und künstlerischbewegt, dadurch macht er, daß wenn er zuletzt kühner in die Saiten sei-ner Leier eingreift, vollere und mächtigere Accorde anschlägt, sein Lieddoch nur immer ein schönes Spiel der Kunst bleibt, nie zur drückendenWahrheit wird.
Am Brunnen sehen wir das liebende Paar;
den größeren Krug und einen kleinern am Henkel
Tragend in jeglicher Hand,
erscheint die Jungfrau; auf der Mauer des Quells sitzend, sehen sic sichim Spiegel des Wassers, und grüßen sich dreister und freundlicher in die-sem Bilde, als ihre wirklichen Blicke es wagen. Welche Wahrheit undLieblichkeit in dieser Schilderung! welche schöne Bilder ruft diese Zusam-menkunft am Brunnen aus jener patriarchalischen Zeit zurück, wo Für-