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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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laufende Dclieatesse das Blutvergießen durch die Hand eines Mädchensunerträglich machte. Aber jener Eindruck ist einmal nicht wegzulcuguen;cs habe» ihn mehrere Leser erfahren, und er scheint daher nicht bloß sub-jcctiv zu sein. Biclleicht läßt er sich durch folgende zwei Gründe wenig-stens bis ans einen gewissen Grad erklären.

1. Die Einbildungskraft kann nicht anders, als sich das Bild derHandlung umstellen wollen, in der die Jungfrau gezeigt wird. Sic mußsic, den Säbel in der Hand, die Feinde vertreibend, vor sich hinzcichnen.Zn diesem Bilde aber von demjenigen, das sic bisher von ihr gehabt hat,nbcrzugehcn, und von da aus zu diesem zurückznkehreu, macht ihr Mühe;sie findet etwas Grelles, einen Sprung darin. Und wenn dies wirklichder Fall ist, so hat auch der Dichter gefehlt. Denn die dichterische undvorzüglich die epische Wirkung beruht gerade darauf, daß man in allenverschiedenen Lagen und Stellungen derselben Figur immer sic selbst klarwicdcrerkcnnt, daß es wirklich nur dieselbe Gestalt ist, die sich bloß ver-schiedentlich bewegt, und daß die Einbildungskraft mit vollkommen unge-hinderter Leichtigkeit immer von jeder ans alle übergehen kann. Dadurchallein erlangt sie wahrhaft unendliche Umrisse, verbindet sie alles Wech-selnde und Mannichfaltige in Ein Bild, daß sic, sich immer im Mittelpunkteerhaltend, von da ans diese Ucbergänge wirklich versucht, und überall zwarbestimmt, aber leise, überall fest, aber mit schon wieder weiter gleitendemFuße, auftritt.

2. Der weibliche Heroismus ist überhaupt, und besonders in unse-rer Zeit, schwer und zart zu behandeln. Zwar wäre cs vielleicht möglich,auch noch jetzt eigentliche Amazonencharakterc mit dennoch rein bewahrterWeiblichkeit zu zeichnen; aber zu diesen gehört Dorothea nicht. Dorotheakann einen Mord, selbst den eines übcrmüthigcn Feindes, nie im mindestenaus freiem Entschluß, immer nur durch die äußerste Noth getrieben, begehen,und dies springt zu klar und auffallend in die Angen. Handlungen aber, dienur die Roth bewirkt, in denen mehr der Drang der Umstände als dieEnergie des Eharakters das thätige Motiv ist, sind sehr wenig zu einerpoetischen Behandlung tauglich.