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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
69
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Blick der Liebe, sondern mit dem natürlichen Ange des bloßen Beobachtersansehen. Hermann ist zurückgeblieben, und wir sind nur in der Gesell-schaft seiner unpartheiischen Freunde.

Wir finden Dorotheen noch eben so gut und brav, als vorher; aberder Zauber ist hinweggcnommen, der sic bis dahin, wie ein leiser Hauch,überkleidete. Ihre hülfreichc Thätigkcit, die erst etwas Heroisches hatte,ist mehr zu dienstbarer und gefälliger Geschäftigkeit geworden; sie erscheintals Weib und als Mädchen, da wir sic vorher gern in Hermanns Seelein der Sprache Homers gefragt hätten, ob sie nicht der Göttinnen einesei, herabgekommen den Menschen zu helfen, und ihr Herz zu versuchen >Dadurch erhält ihr Bild bei uns eine ganz eigene Wahrheit; es ist nunso, wie wir es immer in: Leben wirklich antreffcn. Das Wesen bleibtimmer und durchaus in allem seinem Wirken und Thun dasselbe; aber esgicbt Momente, wo cs, von höherer Begeisterung durchstrahlt, etwasGöttliches und Ueberirdisches annimmt. Wir glauben nunmehr dem Ge-liebten, der zwar am meisten durch jene beseligenden Augenblicke ungestör-ter Einsamkeit entzückt wird, aber nach ihnen auch gern seinem Mädchenin den gewöhnlichen Kreis ihres Lebens, in ihre häusliche Geschäftigkeitfolgt.

Der Dichter weiß, daß der Mensch immer das Große, Erhabene,Uebcrmenschliche sucht, aber daß er, um es fcstzuhaltcn, cs sich aneignen,cs menschlich machen muß; darum führt er ihn erst in kühnen Flügendazu hin, und läßt ihm hernach Zeit, es unter veränderten Formen sichnäher zu bringen. Er- wechselt die Töne, um aus seinem Werke einGanzes zu machen, das dem wirtlichen Leben selbst gleich sei.

XXXIV.

Erzählung des heroische» Mathes der Jungfrau. Ob der Dichter gut that,gerade diese» Zug aus ihre,» Leben hcrausznbcbe»?

Zwar ist es gerade hier, wo die Heldin unseres Gedichtes am meistenheroisch erscheint, wo wir durch die Erzählung des Richters ihrer Gemeinedie kühne Entschlossenheit erfahren, mit der sic sich und ihre Gespielinnengegen die Wildheit zügelloser Krieger vertheidigte.