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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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welches ehrwürdige Halbdunkel hüllt sic die beiden Figuren, die der Dich-ter bloß dadurch zu zeichnen verstand, daß er sie ans das Gcmüth cinwir-kcn ließ, noch che er sic eigentlich hingestellt hatte!

Unser Dichter hat keinen so großen und glänzenden Schauplatz, keineso reiche Anzahl von Nebenfiguren, durch welche die Hauptfiguren vonselbst hervortrcten, keine Helden und Heldengeschlcchtcr, welche die Phan-tasie von selbst, und ohne daß es dazu nur eines Winkes bedarf, in dieVergangenheit znrückführen; unbekannt, und von Unbekannten abstam-nicnd, müssen die Personen, die er uns zeigt, allein durch sich selbst gel-ten. Wie hat er cs mm angcfangen, um ihnen den Adel und die Größezu geben, ohne welche keine tiefe dichterische Wirkung möglich ist?

Der glückliche Sänger der Vorzeit konnte vor den Sinnen und derEinbildungskraft einen rcichgesticktcn, farbigen Teppich voll der mannich-faltigstcn Gestalten in üppigem Rcichthnmc abrollcn; er, welcher durchseine Zeit, seine Sprache und seinen Stoff dieses Vorzuges entbehrte,mußte seine Mittel mehr in dem Inneren des Gcmttthes und der Stim-mung desselben aufsnchc»: was jener in der Natur und der Welt fand,mußte dieser unmittelbar in den Menschen legen.

Wo also die Figur anftritt, sie mit dem hohen Stil zu zeichnen, derdie Seele zugleich erstaunt und fesselt; sie mit entschiedenen und kräftigenZügen, ohne daß eine Absicht errathcn werden kann, auf den Vordergrunddes Ganzen hinzustellen; den Leser durch auffallende Wirkungen, die sichcrvorgcbracht hat, wie durch ein Licht, das, von ihr ansstrahlend, ihrDasein, noch ehe sie selbst erscheint, schon verkündigt, auf sie vorzubcrcitcn;sie selbst selten zu zeigen, und doch sogar abwesend ihre Gegenwart immerund ununterbrochen wirksam zu erhalten; ihr Bild dadurch immer wachsenzu lassen, daß die Höhe des Tones und der Stimmung im Ganzen znnimmt;und sie überhaupt immer mehr in dem Widerschein ihres Wesens, alsunmittelbar in diesem selbst, zu zeigen war alles, was ihm unter diesenUmständen übrig blieb, und dies hat er so trefflich zu benutzen verstanden,daß sich der Leser nun dennoch der ganzen und vollen Wirkung erfreut.