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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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XXIX.

Schilderung Hermanns und Dorotheens.

Hermann und Dorothea sind beide durchaus so gehalten, daß keinedieser beiden Gestalten Nor der anderen hcrvortritt. Wie sic in der Hand-lung, in der sic der Dichter zeigt, Eins sind; wie ihre ganze Seele nurgegenwärtig mit einander beschäftigt ist: so sind sie auch nur gleichsamals ein einziges Individuum geschildert. Uebcrall erscheinen sie nur im-mer in Beziehung auf den anderen, überall sicht man in dein einen auchden anderen zugleich mit, und ihre beiderseitige Natur schmilzt eben so festund vollkommen zusammen, als ihre Herzen unzertrennlich verbunden sind.

Aber (denn auch darin ist die Ordnung der Natur so schön beobach-tet) Hermann tritt überhaupt mehr, und von Anfang allein auf; wir ler-nen Dorotheen nur durch ihn kennen, durch das ganze Gedicht erscheint sieimmer nur als ihm bestimmt oder angehörcnd, und wenn sic am Ende einenAugenblick eine eigene Selbstständigkeit gewinnt, so geschieht es nur, unidurch diesen Mnth und diese Kraft der weiblichen Anhänglichkeit nochmehr Adel und Würde zu geben. Darum bleiben wir hier nur bei Doro-theens Schilderung stehen. Hermann, als die Hauptfigur des Gedichtes,zeichnet sich von selbst; indeß werden wir doch bald sehen, daß auch erseine eigentliche Größe von der Einbildungskraft des Lesers nur dadurchgewinnt, daß wir seine Gestalt in Dorotheens Wesen, wie in einem reine-ren Medium, wieder erblicken.

So tragen und heben beide Figuren sich immer nur gegenseitig; undindem die Phantasie, den fixen Punkt anfsuchcnd, an dem das Ganze be-festigt ist, immer von der einen zur anderen hinüberschwanken muß, indemdas Bild beider, wie ein Licht zwischen zwei Spiegeln, immerfort von dereinen in die andere zurückgeworfen wird, erhalten sie immer schwellendeund unendliche Umrisse.