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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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nicht seine Leidenschaften sind rege; aber sein Sinn ist beschäftigt, seinGe-inüth still bewegt; er fühlt nicht sowohl das rasche Feuer, welches sonstdie Phantasie anfacht, als er sich vielmehr der lebendigen Klarheit bewußtist, womit ein reiner und tiefer Blick in das Leben und die Menschheitdie Seele erhellt. Seine Einbildungskraft hat durchaus frei und allein,mit aller ihrer schöpferischen Kraft, und an einem Gegenstände, also bil-dend, gewirkt.

Davon überzeugt man sich vorzüglich dann, wenn man die Mittelgenauer untersucht, durch welche der Dichter seine Gestalten dem Leser indie Seele prägt. Wir haben schon im Vorigen an einem Beispiele ge-sehen, daß er sic nicht ängstlich beschreibt, sondern nur ihre Umrisse zeich-net; aber selbst das thnt er nur selten, nur da, wo die Veranlassung ihnschlechterdings dazu nöthigt. Er kennt ein anderes, tiefer eingreifendesMittel sie aufznführcn und wichtig zu machen; die Kunst nämlich, sicdurch den Grund hcranszuheben, ans dem sie auftretcn, die Einbildungs-kraft durch die gehörige Stimmung zu nöthigcn, sie von selbst und in derGröße zu erzeugen, die er ihnen mittheilen will.

Dadurch erhält er ihre Umrisse, ohne ihrer Bestimmtheit zu schaden,dennoch immer gränzenlos und unendlich: sic wachsen in der That immer-fort vor der Phantasie, so wie allmälig die eigene Stimmung derselbenfortschreitend erhöht wird; das Ganze knüpft sich fester zusammen, wennimmer ein Thcil den anderen, und nicht jedesmal der Dichter jeden beson-ders zu bilden scheint; und die ganze Wirkung wird um so viel dichteri-scher und künstlerischer, als sic reiner und selbstthätiger bloß durch dieEinbildungskraft vollendet wird.

XXVIII.

Vergleichung unseres Diebtcrs mit Hemer in diesem Stücke. Beispiel anGlaukus und Diomcdcs Waffentausch.

Dieselbe Eigcnthümlichkeit epischer Schilderung finden wir auch imHomer und überhaupt in den Alten wieder. Wenn die neueren Dichteralles einzeln ausmalcn, wenn sie oft kleine und einzeln intcressirende Zügeanswählcn, wenn man bei ihnen überall Beschreibungen männlicher undweiblicher Schönheit findet; so sind diese jenen durchaus fremd. Aber da-