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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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ter durch dies Merkmal allein nicht erschöpft. Auch in der völlig objcc-tivcn Gattung beschreibender Gedichte ist noch die unmittelbare Beziehungdes Stoffes ans das Gcmüth möglich, die sehr gut mit dem Namen derSentimentalität bezeichnet wird. Was also diese Verschiedenheit begrün-det, ist allein die höhere Objcctivität.

Der Dichter faßt einen Gegenstand ans; von ihm geht seine Begei-sterung ans; er ist allein mit demselben beschäftigt, er strebt nach nichtsanderem, als ihn so zu zeichnen, wie er in der Natur wirklich ist, oderwie er sein müßte, wenn er zu ihr gehörte; er kann nicht anfhören, bisderselbe vollendet ist, und ist fertig, sobald er den letzten Pinsclstrich darangethan hat. Sein Zuhörer hat, wie er, seine Blicke nur fest ans densel-ben geheftet; er interessirt sich nur langsam und nach und nach für ihn;aber mit jedem Augenblicke steigt die Wärme, mit der er ihn umfaßt, bissic zuletzt zu der höchsten Innigkeit anwächst; er glaubt bloß außer sichund in ihm zu leben, und bemerkt erst zuletzt mit frohem Erstaunen, daßindeß und durch ihn in ihm selbst eine mächtige Veränderung vorgcgan-gcn, sein Gcmüth bis in sein Innerstes erschüttert, erhöht und identischumgestimmt ist. Oder der Dichter fühlt seine Phantasie in unruhigerBewegung; seine Begeisterung geht von dieser Regung ans; er sucht undschafft sich einen Gegenstand; indem er ihn ausbildct, folgt er dem Gangedieser inneren Stimmung; er kann nicht aufhören, er muß Stoff ausStoff erzeugen, so lange diese fortdauert, und er kann nicht fortfahren, so-bald sic ihn verlassen hat. Sein Zuhörer ist von derselben Begeisterungmit fortgcrissen; er ist überhaupt von einem rascheren und gleich anfangslebendigeren Feuer beseelt; diese Regung aber kann nicht durch die Folgehindurch immer steigend wachsen, sic muß sich in einem mannichfal-tig wechselnden Tanze fortbewcgen, und endlich nach und nach anfhören;das Ende dieser Laufbahn kann nicht mit einer so tiefen und überraschen-den Rührung bezeichnet sein, da das Gemuth nicht so plötzlich in sich zu-rückkchrt, vielmehr immer von innen heraus auf die Welt nbcrgcgan-gcn ist.

Mit der höheren Objcctivität ist eine strengere Gesetzmäßigkeitverbunden. Der Dichter, welcher sich bloß an den Gegenstand hält, hatein Geschäft zu vollenden; der, welcher nur seiner inneren Stimmung folgt,bloß ein Spiel zu durchlaufen. Dieser wird durch eine innere, gleichsamunwillkürliche Nothwendigkeit bestimmt; jener muß seinen Stoff so an-ordnen und behandeln, als hätte ihn der bloße Verstand und die kalte