55
für sich hcrvordrängt) kann der Phantasie keinen bestimmten Gegenstandgeben; sic kann nnr einzeln ihre Stimmung determiniren, und mit meh-reren in harmonischer oder disharmonischer Folge, dieselbe verändern, unddurch einen gewissen Rhythmus hindnrchführcn. Sic gleicht hierin demTon, nnr daß dieser durch seine innige Verbindung mit unserem Gcmüthc,ohne gerade bildend zu wirken, doch einen wirklichen Gegenstand, die Em-pfindung, hervorbringt, was die bloße Farbe wenigstens immer nnr sehrunvollkommen zu thnn im Stande ist.
In den Arbeiten mittelmäßiger Maler drängt sich das Colorit bloßhervor, um die Sinne zu ergötzen und das Auge zu blenden; aber es gäbeauch einen höheren Stil für die bloß ans das Eolorit berechnete Malerei,die alsdann nach rhythmischen Gesetzen behandelt werden müßte, und nochweit mehr ist dies bei der Dichtkunst der Fall.
XXV.
Homer ist mehr naiv, Ariost mehr sentimental. — Resultat des ganzenUnterschiedes.
Daß Ariost auch einzelnen Zügen seiner Schilderungen eine vomGanzen unabhängige Wichtigkeit einränmt, und daß er den Ton seinesGesanges vor der Form seines Stoffes vorwalten läßt, dies beides kommtdarin zusammen, daß er, weniger ausschlicßcnd mit seinem Gegenständebeschäftigt, öfter in sich selbst zurückblickt. Statt die Wirkling auf dasHerz und das Gemüth seiner Zuhörer allein am Ende dem Ganzen sei-nes Gemäldes zu überlassen, wendet er sich selbst, noch während seinesLaufes, immerfort zu ihnen hin, und hat mehr den Effect, den er ans sicmacht, als seinen Stoff vor Augen. Daher ist es auch seinem Leser inden meisten Fällen beinahe gleichgültig, welche Gestalt, welche Reihe vonBegebenheiten er ihm vorführt, sobald nur überhaupt dasselbe Leben unddieselbe Bewegung bleibt, und im Einzelnen die Nüancc des Tones folgt,welche sich au die vorige am leichtesten und natürlichsten anschließt.
Wir finden daher hier den allgemeinen Unterschied alter und neuerDichtkunst wieder; aus Homer blickt eine naivere, aus Ariost eine mehrsentimentale Natur hervor. Dennoch wird die Verschiedenheit beider Dich-