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XXII.
Homer verbindet die einzelnen Theile seiner Dichtungen fester zn einem Ganzen.
Der so eben geschilderte Contrast muß jedem Leser Homers undAriostS auffallend sein, welcher die Totalwirkung, die beide Dichter ansihn machten, in sein Gedächtniß znrückruft. Entwickelt man nun den-selben genauer, so findet man den zwiefachen Charakter, den wir oben an-gegeben haben.
Homer verbindet eine ungeheure Menge von Gestalten in eine ein-zige Gruppe; Ariost faßt eine vielleicht noch größere Anzahl, in vielfacheGruppen verthcilt, nur gleichsam in denselben Rahmen ein. Im Homerstrebt alles durchaus zum Ganzen; cs ist überall Einheit: Einheit derHandlung, der Charaktere, der Gesinnungen, der Empfindungen; dieVerschiedenheit, die bis in ihre feinsten Züge nüancirt ist, wird immernur als eine Stufenfolge von Bestimmungen gezeigt, die sich in sich zneinein Ganzen znsammcnschließt. Ariost kann eben so wenig der Einheit,als Homer des Reichthnms und der Mannichfaltigkeit, entbehren; es isteinmal ohne beides keine dichterische Wirkung möglich. Aber nicht dieseEinheit, sondern nur die Mannichfaltigkeit wirken zu lassen, ist ihm wich-tig. DaS Auge soll von Gestalten zn Gestalten nmhcrschweifcn, und ihreZahl nie übersehen; die Fläche, auf der sic anstretcn, soll sich immerfort,aber nur da, wo es ihm jedesmal einen Augenblick zn verweilen gefällt,nicht gerade vom Mittelpunkte ans und nach allen Seiten hin ins Un-endliche erweitern; die Verschiedenheit soll, selbst da, wo wirklich alle ein-zelnen Glieder zusammen verbunden ein Ganzes ausmachen würden, dochnur als Contrast erscheinen. Denn wenn auch, wie vielleicht nicht schwerzn erweisen wäre, die Helden Ariosts eben so als die Helden Homers alleHauptseitcn des menschlichen Charakters vollständig darstcllten, so würdeman dennoch immer nur in diesen den Reichthum der Menschheit, injenen bloß die Verschiedenheit der Menschen zu sehen glauben.
Gerade aber dann ist ein Charaktcrnnterschicd unter zwei Künstlernderselben Gattung echt und fehlerfrei, wenn beide, wie hier, denselbenRcichthum besitzen, und ihn nur auf verschiedene Weise geltend machen,ihn zn verschiedenem Gebrauch und unter verschiedenem Stempel ausprägen.
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