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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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Spiel, und läßt immer mehr die Herrschaft seiner Willkür, als dieFestigkeit seines Gewebes, blicken; er unterbricht sich mit Fleiß, springtvon Geschichte zu Geschichte über, scheint (und darin liegt zum Theil seinegrößcstc Kunst versteckt) nur nach Laune an einander zu reihen, ordnet aberim Grunde nach den inneren Gesetzen der Sympathie und des Contrastesder Empfindungen, die er in seinem Zuhörer weckt.

Aber dieser Unterschied liegt bei weiten; nicht bloß in der Compositiondes Ganzen; wir finden ihn eben so gut in jeder einzelnen Schilderung,in jeder einzelnen Stanze wieder. Homer beschreibt eigentlich nie; diePhantasie seines Lesers befindet sich nie in dem Zustande, wo sie, wiesonst der Verstand, bloß die einzelnen Züge, die ihr gezeigt werden, anf-ninnnt, an einander reiht und so ein Ganzes znsammcnsetzt; wie sie demSänger folgt, stehen die Gestalten vor ihr da, sie hat sie nicht von ihmempfangen und doch auch nicht allein erzeugt; ans eine nncrklttrbare Weiseist beides zugleich und ans einmal vor sich gegangen. Ariost beschreibtimmer, zeigt uns immer absichtlich Zug für Zug; und obgleich die Ein-bildungskraft durch ihn gleichfalls frei und lebendig beschäftigt und echtdichterisch gestimmt wird: so hat sic doch nie gleich rein bloß den Gegen-stand, und noch bei weitem weniger immer nur das Ganze vor sich; auchden Theil, auch die einzelnen Züge des Gemäldes hat der Dichter so be-handelt, daß sic für sich die Phantasie gewinnen, und sic von dein Ganzenabzichen. Im Homer ist durchaus bloß die Natur und die Sache, in:Ariost immer zugleich auch die 'Kunst und die Person, sowohl die desDichters, als die des Lesers. Denn wenn der Leser sich selbst vergessensoll, darf er nicht an den Dichter erinnert werden.

Beide besitzen einen hohen Grad der Objcctivität, beide zeichnensinnliche und lebendige Gestalten; aber nur in: Homer leuchtet das Strebennach der vollendeten Darstellung Eines Gegenstandes hervor. Beide sindtreue Maler der Welt und der Natur, aber Ariost gefällt mehr durch denGlanz und den Rcichthnm seiner Farben, Homer zeichnet sich mehr durchdie Reinheit der Formen, durch die Schönheit der Composition ans.