34
Welt znzusehcn meinen. Ucbcrall ist Handlung und Gestalt; wir fühlenso wenig, daß wir bloß Zuhörer des Dichters sind, daß wir unmittelbarvor dem Gemälde seines Pinsels zu stehen glauben.
Wir sehen daher hier eine höhere Stufe der Objectivität; wir er-blicken die reinen Formen sinnlicher Gegenstände; wir können es als eincharakteristisches Merkmal dieses Gedichtes anfstellcn, daß es mehr an dieForderungen und das Wesen der Kunst überhaupt und der bildenden ins-besondere, als einseitig an die eigenthümliche Natur der Dichtkunst er-innert.
XV.
Verwandtschaft aller Künste nntcr einander. — Doppeltes Verhältnis, jedesKünstlers zur Kunst überhaupt »nd zu seiner besonderen.
Alle Künste umschlingt ein gemeinschaftliches Band; alle haben sicdasselbe Ziel, die Phantasie ans den Gipfel ihrer Kraft und ihrer Eigen-thümlichkcit zu erheben. Sic haben sich nur getrennt, weil jede für sichetwas besitzt, wodurch sic diese allgemeine Wirkung auf eine eigene Art znerreichen vermag, und was den anderen, in Vergleichung mit ihr, mangelt.So fehlt der Malerei die Vollendung der Form, der Bildhauerkunst dieWirkung der Farben, beiden die lebendige Bewegung, der Musik dieSchilderung der Gestalten, der Dichtkunst die Anschaulichkeit und dieStärke, mit welcher die mannichfaltigcn Bestandthcilc, die sic in sich ver-einigt, jeder einzeln für sich, erscheinen.
Der Mensch, dem cs daran liegt, die Kunst mit allen Sinnen insich anfznnehmen, muß eS verstehen, sich in eine Mitte von allen zustellen, mit dichterischem Sinn das Werk des Malers, mit malerischemAuge das Werk des Dichters zn betrachten. Der Künstler, der nichtanders als von einem einzelnen Punkte ans wirken darf, muß dennoch sodas Ganze ins Auge fassen, daß er immer eigentlich dem allgemeinenIdeal der Kunst nachstrcbt, nur so, wie seine besondere Gattung es be-stimmt. Durch diese Bearbeitung seiner Kunst nach den Forderungenaller Kunst überhaupt erhält er sich alle Verbindungen mit ihren Schwe-stern — denen er sich nie unmittelbar, sondern immer nur in jenem all-gemeinen Vcrbindnngspnnkte nähern darf — leise und locker. Und dieseVerbindungen sind cs, welche die Phantasie wirklich einzngehcn versuchensoll; keine Kunst soll den Menschen ausschließlich für sich, jede ihn zugleich