Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

35

für alle anderen, für die Kunst überhaupt stimmen; und in jedem großenKunstwerk ist immer eine doppelte Eigcnthümlichkeit auffallend: eine, durchdie cs der besonderen Kunst angehört, die es schuf, und eine, durch diecs einen Stil an sich trägt, der durch alle übrigen Künste hindurch einegleiche Anwendung erlaubt, und so sichtbar mit dem Gepräge dieser seinerAllgemeinheit gestempelt ist, daß er sogar einladet, diese Anwendung selbstin Gedanken zu versuchen. Wem z. B. führt nicht der Bclvederischc Apolldas Wandeln des zürnenden Gottes in der Ilias, wem diese Stelle desDichters nicht das göttliche Bild in die Seele zurück?

Der Künstler hat also zweierlei Ansprüche zu befriedigen, die An-sprüche der Kunst überhaupt, und die der besonderen, die er gewählt hat.Die erstcre verlangt, daß er, ihre allgemeinen Forderungen streng imAuge, alle Mittel, die seine Kunst ihm in die Hände giebt, mir dazu an-wcnde, diese zu befriedigen, nicht aber sie selbst einseitig glänzen zu lassen;die letztere fordert dagegen mit gleichem Recht, daß er alle Vorzüge, diesic ihm darbictet, auch in ihrem ganzen Umfange und in ihrer vollenStärke geltend mache. Gegen die crsterc Regel verstößt der Maler, wel-cher dem Colorit ein vcrhältnißwidrigcs Uebcrgcwicht über die Schönheitder Formen und die Anordnung des Ganzen erlaubt; gegen die zweite der,welcher dagegen, das Eolorit vernachlässigend, die Lebhaftigkeit und Stärkeverkennt, welche Farbe, Licht und Schatten seinem Werke zu geben imStande sind. Endlich kann der Künstler, um die Aufzählung der Abwege,welche er, von diesem Standpunkt aus betrachtet, zu vermeiden hat, voll-ständig zu machen, auch drittens weder die Kunst überhaupt, noch seineeigene besondere, sondern eine dritte, ihm fremde, einseitig begünstigen undnachahmcn. So giebt es Dichter, die fast durchaus bloß musikalisch wir-ken, und so kennen wir Maler, deren Figuren mehr den Bildsäulen alsder Natur gleichen.

So wie der Künstler objectiv irren kann, indem er das wahre Ver-hältnis; zwischen der Kunst überhaupt, seiner eigenen insbesondere undihren Schwestern verfehlt, so kann er cs auch snbjcctiv in Rücksicht ansdas Verhältnis; seiner Individualität, der Natur des Künstlers überhauptund der Eigenthümlichkcit anderer Künstler. Er kann der erstercn zuviel oder zu wenig cinräumen, oder sie endlich ganz anfgcbcn und gegeneine fremde vertauschen.

Ueberall, wo er sich zu einseitig blos auf seinen einzelnen Stand-punkt beschränkt, da verfällt er ins Manierirte, sei es nun ins Ma-

3 *