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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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einen Gegenstand durch die Einbildungskraft zu erzeugen, zugleich bildendund stimmcnd Verfahren, das Object darstcllcn und das Subject zubcrcitcnmuß, so kann er in dem Verhältnis;, in dem er sich zwischen dieser dop-pelten Arbeit verthcilt, unmöglich immer dieselbe Gleichheit beobachten.Schwerlich findet man daher nur zwei Dichtcrnaturcn, die hierin vollkom-men mit einander übcrcinstimmten.

Dennoch müssen sic alle eine gewisse Gränze bewahren. Schon imAllgemeinen dürfen sie weder den wirklichen Gegenstand selbst zeigen, nochdie Empfindung unmittelbar (und anders als durch die Einbildungskraft)berühren; und noch engere Schranken bestimmen ihnen einzelne Gattungender Kunst. Diese allgemeine Aehnlichkcit macht jenen besonderen Unter-schied fein und schwer zu entdecken.

Diese Betrachtungen war cs nothwcndig voranszuschickcn, um imFolgenden Mißdeutungen vorznbengcn. Denn die Entwickelung der reinenObjectivität unseres Gedichtes ist cs, die uns jetzt zunächst beschäftigenmuß.

Schon die Totalwirkung desselben beweist, wie emsig unser Dichterbemüht ist, bloß und allein die Form Eines Gegenstandes zu zeichnen.Im Einzelnen läßt sich dies nicht vollständiger zeigen, als dadurch, daßman diese Objectivitüt von Stufe zu Stufe beschreibt und genauer be-schränkt.

Bisher haben wir nur der ersten erwähnt, nur derjenigen, auf wel-cher sich dies Gedicht als ein großes und echtes Kunstwerk bewährt, derBestimmtheit, mit der cs einen rein durch die Einbildungskraft erzeugtenGegenstand hinstcllt.

Aber wie viel mehr ist das, was wir bei genauerer Betrachtung ge-wahr werden! Wenn wir länger bei demselben verweilen, wenn wir ihmin allen seinen einzelnen Theilcn folgen, wenn wir dann sehen, wie vollen-det alle Umrisse sind, wie fest sich jede Gestalt unserer Phantasie cinprägt,wie klar jede sich an die andere stellt, um zusammen eine schön geschlosseneund leicht übersehbare Gruppe zu bilden: dann können wir uns nicht ver-leugnen, daß die Stimmung, mit der wir es verlassen, der Stimmungähnlich ist, mit welcher sonst ihrer Gattung nach ganz verschiedene Künste,mit welcher die Werke der Malerei und der Plastik ans uns cinwirken.Denselben Charakter trägt auch die Bewegung an sich, die es uns darstellt.Nirgends reißt und dieselbe gleichsam in lyrischem Taumel mit sich fort;doch überall ist sic so lebendig und mannichfaltig, daß wir einer bewegten

W. v. Humt'otdt, iioer (iioclhes Hermann und Dorothea-