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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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was er nur zufällig an sich trägt, davon absondern. Alle Ideale erschei-nen daher vollkommen als das, und nur als das, was sie wirklich sind.Dadurch fällt bei mehreren umnittelbar der Punkt ihrer gemeinsamen Be-rührung und der Punkt ihres individuellen Contrastes ins Auge. Aberes kann auch nicht leicht eine Lücke unausgcfüllt bleiben. Wo zwischenzweien ein Mittelglied fehlt, da muß man es unmittelbar auch gewahrwerden.

Durch diese Aehnlichkeit, die nie zur Eincrlcihcit, und diese Verschie-denheit, die nie zur Unverträglichkeit ansartct, sondert sich nun die ganzeWelt vor dem idealisirenden Blicke in eine unendliche Zahl einzelner Blassenab. Die Individuen treten in Gruppen, kleinere unter diesen in größere,alle in ein Ganzes zusammen. Nicht anders ergeht cs dem Dichter. Aucher zeigt nichts als Blassen. Sein ganzer Stoff verbindet eine solche Be-weglichkeit mit solchem Streben nach Form, daß er, wo man nur ein-schncidct, überall in organische Blassen aus einander flieht; wo man ver-bindet, sich wieder zu solchen zusammcnrollt.

An demselben Faden nun, an dem das Genie des Dichters diesemaunichfaltigen Gruppen aus einander entwickelt, an demselben geht diePhantasie seines LcscrS von der einen zur anderen über; und sobald ein-mal eine einzige idcalisch gezeichnete Figur dasteht, nöthigt sie von selbst,andere, und wieder andere, und so viele hcrvorznrufen, bis sie einenKreis vollendet hat, der für den jedesmaligen Grad der künstlerischenStimmung hinlänglich groß und umfassend ist.

Alle Gestalten nun, die der Dichter anfführcn kann, haben einengemeinsamen Bcrbindungspnnkt, ihre Beziehung auf die menschliche Natur.Bon diesem Mittelpunkte ans kann er schlechterdings alle bewegen und.be-herrschen. Viele aber sind noch bei weitem näher mit einander verwandt,und bilden eine noch viel enger geschlossene Sphäre.

Wenn nun beides, die Einbildungskraft so gestimmt und der Gegen-stand so bearbeitet ist, daß die crstcrc bei keinem einzelnen Punkte stehenbleiben, und der letztere sie ans keinen einzelnen heften will, so kann nichtanders, als erst mit der Vollendung des ganzen Kreises, mit vollkomme-ner Totalität, Stillstand und Ruhe eintretcn.

Wie ist es z. B. möglich, daS Alter des Jünglings lebendig zuschildern, ohne daß der Phantasie zugleich das Kind, ans dem er hervor-geht, der Mann, dem seine Kraft entgegenrcift, und der Greis, in demdie letzten Funken seines auflodcrnden Feuers verglimmen, gegenwärtig