Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen
 

Zweiter Vorzug der Kunst in ihrer letzten Vollendung: Totalität. ZwiefacherWeg, dieselbe zu erhalten.

Wir haben nunmehr gezeigt, wie der Dichter zur Idealität gelangt;aber unsere Behauptung im Porigen erstreckte sich noch weiter: wir sagten,daß er allemal auch Totalität erreiche; wir bedienten uns des Ausdruckseiner Welt, und dieser Ausdruck sollte keine Metapher sein.

Die Welt, als der geschlossene Kreis alles Wirklichen, läßt sich anseine zwiefache Weise betrachten: einmal von den Gegenständen aus, diesie umfaßt; dann von den Organen ans, womit der Mensch dieselben insich anfnimmt. Denn nur in sofern er entsprechende Organe besitzt, kanneitle Außenwelt für ihn vorhanden sein.

Der Dichter kann daher die Totalität, nach der er strebt, auch ansdiese doppelte Weise erreichen, indem er entweder den Kreis der Objeetc,oder den Kreis der Empfindungen durchläuft, die sic hervorbringcn. Daserstcrc ist gewöhnlich der Weg des beschreibenden, das letztere der des lyri-schen Dichters, obgleich beide auch diese Methode Umtauschen können, dacs nicht auf die unmittelbare, sondern nur ans die letzte Wirkung an-kommt, die sie znrücklasscn.

Ans keinem von beiden Wegen ist es ihm schwer, zu diesem Ziele zugelangen. Alle verschiedenen Zustände des menschlichen Wesens (und schondarum, weil dies der Standpunkt ist, ans dem wir die Natur betrachten),auch alle Kräfte der Natur sind so nahe mit einander verwandt, haltenund tragen sich so gegenseitig unter einander, daß es kaum möglich ist,eine derselben lebendig darznstcllcn, ohne auch zugleich den ganzen Kreismit in seinen Plan anfznnchmcn. Für den beschreibenden Dichter ins-besondere ist das Leben so reich an Verhältnissen, und cs wird ihm soleicht, dieselben wiederum ans eine für den Menschen bedeutende Weisedarznstcllcn, daß er nur einen selbst zufällig anfgcnommcncn Stoff näherzu entwickeln, nur die angelegten Figuren inehr zu individnalisircn braucht,um immerfort ans Lagen zu stoßen, die er dem Gcmüth wichtig machenkann, und um bald nach und nach die ganze Masse von Gegenständenzu erschöpfen, welche sich seinem Blicke von seinem Standpunkte ans dar-bictcn.