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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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der Natur vor uns dalicgt, cs ist nichts ausgelassen, nichts hinzngesctzt;wnrni» »nicht sic dennoch einen anderen Eindruck, als der wirkliche Gegen-stand? warum ist ein solches Stück in Rücksicht auf den allgemeinenBegriff der Kunst durchaus von demselben Wertste in seiner Gattung wiejede andere Vorstellung in der ihrigen? Bloß darum, weil es gerade undrein zur Phantasie des Zuschauers geht, und eben so rein aus der Phan-tasie des Künstlers entsprungen ist.

Bis so weit ist die Kunst mehr beschrieben, als definirt; ihr Wesenmehr empirisch erläutert, als philosophisch entwickelt »vordem Eine wahreDefinition muß sich, wenn sic nicht willkürlich scheinen soll, ans eine Ab-leitung ans Begriffen gründen. Eine solche kann für die Kunst nur ansder allgemeinen Natur des Gemüthcs stattfinden.

Wir unterscheiden drei allgemeine Zustände unserer Seele, in denenallen ihre sämmtlichen Kräfte gleich thätig, aber in jedem Einer besonderen,als der herrschenden, untergeordnet sind. Wir sind entweder mit deinSammeln, Ordnen und Anwcnden bloßer Erfahrnngskenntnisse, oder mitder Aufsuchung von Begriffen, die von aller Erfahrung unabhängig sind,beschäftigt; oder wir leben mitten in der beschränkten und endlichen Wirk-lichkeit, aber so als wäre sie für uns unbeschränkt und unendlich.

Der letztere Zustand kann, das begreift man leicht, nur der Einbil-dungskraft angchören, der einzigen unter unseren Fähigkeiten, welche wider-sprechende Eigenschaften zu verbinden im Stande ist. Was in demselbenvorgeht, muß eine zwiefache Eigenschaft in sich vereinigen. Es muß 1. einreines Erzcngniß der Einbildungskraft sein; und 2. immer eine gewisse,äußere oder innere, Realität besitzen. Ohne das erstere wäre die Einbil-dungskraft nicht herrschend; ohne das andere wären die übrigen Kräfteunserer Seele nicht zugleich thätig. Da aber die Realität, von der hierdie Rede ist, sich nicht auf ein Dasein in der Wirklichkeit beziehen darf,so kann dieselbe nur auf Gesetzmäßigkeit beruhen.

Ans diesem Zustande nun entspringt das Bedürfniß der Kunst.

Daher ist die Kunst die Fertigkeit, die Einbildungskraft nach Ge-setzen productiv zu machen; und dieser ihr einfachster Begriff ist zugleichauch ihr höchster.