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einen freien nnd geläuterten Geschmack seinen Charakter zn bilden wünscht;der Künstler selbst kann sic mir gebrauchen, sich überhaupt zu stimmen,sich, wenn er sich eine Zeit hindurch seinem Genie überlassen hat, wiederzu orientiren, den Punkt zn bestimmen, auf dein er steht, und wohin ergelangen sollte. Neber den Weg aber, der ihn zu diesem Ziele führt, kannihm nicht mehr sie, sondern allein seine eigene und fremde ErfahrungRath ertheilen.
Zwar wird ihm auch diese immer nur einzelne Bruchstücke zu liefernim Staude sein, abgerissene Regeln, denen cs nicht bloß an Vollständig-keit, sondern auch an Allgemcingültigkcit fehlt. Dessenungeachtet wäre csnicht minder wichtig, dieselben zu sammeln nnd zu ordnen, und jeder,welchem sein Talent die Bahn der Kunst mit entschiedenem Erfolge zuwandeln erlaubt, sollte sorgfältig anfzcichnen, was er auf derselben ansich selbst bewährt gefunden hat. Es würde dadurch nicht bloß der Kunst,sondern auch der Philosophie ein wesentlicher Dienst geleistet. Denn derAesthctikcr benutzt diese poetischen Geständnisse eben so, als der Psychologdie moralischen, und freut sich, die Künstlernatur, die er sonst nur mitBrühe aus ihren Werken ahnet, nun durch unmittelbare Anschauungzn erkennen. Dies ist cs, was Didcrots ästhetischen Aufsätzen einen sogroßen Werth giebt, der Rcichthnm von Bemerkungen und Erfahrun-gen, der z. B. seine Versuche über die Malerei nnd seine Abhandlungüber die dramatische Poesie so fruchtbar für den Künstler und Theoretikermacht.
Ter Abstand, welcher sich zwischen dem allgemeinen Gesetze nnd demindividuellen Kunstwerke befindet, hindert oft, daß das letztere sogleichvollkommen als der einzelne Fall erscheine, in welchem das crstere dargc-stcllt ist. Sehr leicht könnte sich daher der Leser in der Folge dieser Ver-suche zu der Beschuldigung veranlaßt finden, daß ich den Charakter desbcnrthciltcn Gedichtes nicht treu genug vor Augen gehabt, und meine Be-hauptungen nicht durch vollkommen passende Beispiele gerechtfertigt Hütte.Ehe er indes; ein solches Bcrdammungsurtheil ausspricht, muß ich ihn bit-ten, sich mit dem Geiste des Ganzen recht vertraut zu machen, und diesenauch bei einzelnen Stellen nie aus dem Gesichte zu verlieren. Denn auchmir hat immer der Totalcindruck vorgcschwebt, und ich kenne in ästheti-schen Bcurtheilungen keine andere Absondcrnngsmcthodc, als diejenige,welche die einzelne Eigenschaft, auch zu einem augenblicklichen Gebrauche