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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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getrennt, noch immer dnrch das Ganze, mit dein sic verbunden ist, modi-ficirt betrachtet.

Bei der Bestimmung der DichtungSart, zu welcher Hermann undDorothea gehört, habe ich nöthig gefunden, eine eigene, von dem ge-wöhnlichen Begriff der Epopce abweichende Gattung derselben fcstzn-setzen. Ich furchte hierbei nicht den Vorwurf, zum Behuf eines einzelnenGedichtes ohne Noth eine neue Gattung geschaffen zu haben. Wer dieTheorie der Kunst bearbeitet, befindet sich in dem gleichen Fall mit demNaturforscher. Was diesem die Natur ist, das ist jenem das Knnstgcnie.Wofern er nur gewiß ist, daß dieses und zwar in seiner vollen und rei-nen Kraft gewirkt hat (denn hierüber muß er einen freien und eigen-mächtigen Richterspruch fällen), so bleibt ihm nichts übrig, als die.Ge-burten desselben gerade für das zu nehmen, wofür sic sich ankündigen, sieeinfach zu beschreiben, und sein System, wenn sie sich seiner Classificationwidcrsctzen, nach ihrem Bedürfniß zu erweitern.

Die Entwicklung philosophischer Thcorieen an einzelnen znm Grundegelegten Beispielen führt gewöhnlich mehr als Einen Nachthcil mit sich.Entweder leidet dadurch die Allgemeinheit der Theorie, oder cS wird auchin dem einzelnen Fall, von dem inan ansgeht, mehr hineingelcgt, als sichsonst natürlich darin gefunden hätte. So wie ich in dieser Einleitungden Zweck auscinandcrgcsctzt habe, auf den ich hinarbeitcte, glaube ichkeinen dieser beiden Vorwürfe mehr befürchten zu dürfen. Bei der Me-thode, die ich wählte, mußte sich zwar das gesamnite Feld der Kunstphilo-sophic meinem Blicke zeigen, aber ich durfte mich nie von dem Stand-punkte entfernen, auf den ich mich gestellt hatte. Wenn die erstere Be-trachtung mir die Bahn, die ich zu durchlaufen hatte, cröffnete, so mußtedie letztere sie zu begränzen dienen. Dies bitte ich den Leser besonders danicht zu vergessen, wo ich Uber andere Dichtnngsarten und Dichtcrnatnrcn,wie z. B. über die Tragödie und über Ariost rede. Denn da ich ihrerimmer nur in Beziehung auf meinen eigentlichen Gegenstand erwähne,so könnte mein Raisonncmcnt in diesen Stellen, ohne diese Erinnerungleicht schief und einseitig erscheinen. Freilich aber gestehe ich gern, daßein tieferes Eindringen in die Grnndprineipicn einer allgenreingültigenPhilosophie der Kunst überhaupt mir bald zu reizend schien, um dasselbeals einen bloß untergeordneten Zweck meiner Arbeit zu betrachten, unddaß meine Bemühung vielmehr wesentlich darauf hinging, den gesammtcnVorrath meiner Ideen über diesen Gegenstand zu einem, auch von jeder